Die deutsche Einheit – persönlich

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Brühlsche Terasse

Wohl die meisten wundern sich jedes Jahr aufs neue wie lang das schon wieder her ist, also die zumindest die es interessiert, das alles. Mir kommt es ein bisschen vor wie „noch nicht so lange her“. Es ist wohl eines dieser prägenden Erlebnisse, die immer einen wichtigen Meilenstein in meiner eigenen Geschichte ausmachen werden. Als Kind das Land verlassen, es aber nie vergessen. In der Bewusstheit aufgewachsen das mich die Verwandten von Drüben nie würden besuchen kommen können – zumindest bis zum Rentenalter. Und dem Wissen das alles was ich im Westen genoß für meine fast gleichaltrige Kusine nicht stattfand. Eine zeit lang habe ich ein Kinderbuch abgeschrieben, um es Ihr zu schicken – es war natürlich immer viel zu wenig Text und lang durchgehalten hab ich auch nicht. In die Briefe legte ich Papiertaschentücher mit ausgeschnittenen Kreisen, in welche ich 10 Pfennig Stücke packte, in der Hoffnung das Sie sich auch mal ein Duplo im Intershop kaufen konnte. Ich weiß gar nicht ob diese präparierten Briefe überhaupt angekommen sind.

Am Anfang war es anstrengend und komisch, im Aufnahmelager und später dann hatte ich furchtbares Heimweh. Es gab jetzt Taschengeld, und das wollte ich sparen um zurück zu meiner Oma zu fahren. Das ist mir nie geglückt, aber wir wurden in den Sommerferien nach dem Osten verschickt. Kann ich heute gar nicht recht glauben. Hatten die Eltern denn keine Angst das wir nicht mehr zurückkommen? Eine Wanderin zwischen den Welten. Ich beobachtete ziemlich genau wie es drüben und nüben so war. Man gewöhnt sich schnell an die guten neuen Sachen anderes dagegen irritiert einen schon länger, z.B. die Kinder und Ihr Verhalten. Im Osten waren es kleine Erwachsene, die Erfüllungsplicht eingeimpft von Anfang an. „Sei bereit, immer bereit“ …der tägliche Spruch. Sie waren meistens dünn und blass. So wie ich auch. Ich mußte damals im Osten bevor die Schule für mich losging zu einer Kur deswegen. Keine schöne Sache.

Im Westen waren die Kinder irgendwie weicher und besser genährt, alles war bunter. Ihre Art, ihr Spiel, der Schulunterricht und die Süßigkeiten sowieso. Ich erinnere mich noch wie ich mit einem Mädchen Blumen sammeln ging für ein Herbarium, schön war das. Oder wie locker alles in der Schule war und wie frei. Allerdings weit waren Sie nicht gekommen, und Sie schrieben sogar noch mit Bleistift und das in der zweiten Klasse. Ich erinnere mich an meine erste Milchschnitte, meine Güte war das lecker und fremd. Manchmal kaufe ich mir noch eine, auch wenn ich weiß das es eher Sondermüll ist. Aber Sie sind so speziell toll. Dann gab es total lustige Lutscher mit denen man pfeifen konnte. Und erst die ganzen tollen bunten Kinderbücher.

So wirklich selbstverständlich ist das heute alles immer noch nicht, es ist immer noch eine Form von Luxus, etwas besonderes, etwas was unheimliche Heimeligkeit ausstrahlt und ich stehe nur am Rand und schau es mir an, ich gehöre nicht dazu. Im Gegensatz dazu die oft kantigen DDR Kinderbücher, in einer schlichten Grafik und Illustration gestaltet meistens, so ne ganz bestimmte Art von Zeichnung. Es gibt ein Sammelband, das hab ich noch auf meiner Wunschliste – denn auch hier gab es schöne Geschichten, z.B. die mit dem Wolkenschaf. Die meiste Zeit lasen wir eh russische Märchen. Die mich heute manchmal arg an die Odyssee erinnern. Meine Oma las viel vor, das hab ich später sehr vermisst. So wie Ihren Garten und das Handarbeiten mit Ihr.

Als ich nach einem halben Jahr im Übergangslager im Westen dann wieder in die Schule ging wurde ich aufgefordert von der DDR zu erzählen. Aber beim besten Willen wußte ich nicht was ich sagen sollte. Es kamen auch keine konkreteren Fragen, schade eigentlich. Alles aus dieser Zeit hat sich intensiv eingeprägt, z.B. der Schreibwarenladen – dort wurde ich oft hingeschickt um mit einem Zettel in der Hand Zigaretten für den Vater zu holen. Die vielen wunderbaren Sachen dort, bedruckte Bleistifte, Schreibpapier mit Bildern, bunte Radierer und wie gut alles roch. Zu der Zeit kam grad das Umweltschutzpapier auf und trotzdem war alles so schön, eigentlich schöner, diese graubeige Papier – damals mußte man die Lehrer fragen ob man diese Schulhefte überhaupt nehmen durfte. Die 80iger. Es war irgendwie so ein bisschen Wunderland und das wirkt bis heute, Schreibwarenläden… mmmh wenn ich mal drin bin komme ich nicht so schnell raus. Ach und ich hätte total gern wieder so einen Stifteigel, das war einfach ein echtes Westprodukt, kennt Ihr die? Gibts die noch? Bunt bedruckte Bleistifte sind irgendwie leider sehr selten geworden, ich halte immer Ausschau danach, aber momentan reagiert wohl eine neue Sachlichkeit das Sortiment.

Ich war dann in der siebten oder achten Klasse und kein glückliches Schulkind, als die Mauer fiel. Man hatte schon etwas mitbekommen von den Montagsdemos, und telefonierte dazu auch, aber immer ganz vorsichtig weil man nie wußte was abgehört wird. Wenn ich mich daran erinnere sitze ich alleine in der Mitte unserer braunen Ledercoach und schaue heulend Fernsehen. Es war taghell, vermutlich war das ein paar Tage nach der tatsächlichen Begebenheit. Aber es bleibt in Erinnerung wie seinerzeit ein Raunen wie eine Welle über uns hinweg ging, die Mauer ist weg. Und dann die berührenden Bilder im Fernsehen. All die glücklichen Menschen und diese Idee von Freiheit die über dem Land wehte.

Leider hat man mit uns nicht darüber gesprochen, zumindest erinnere ich mich nicht daran und erst viele Jahre später fing ich an mir die Puzzelteile zusammen zu setzen, bis heute, und ich bin noch nicht fertig, die Interessengebiete wandeln und verlagern sich auch. Und für mich sind dann Bücher wie „17.Juni“ oder „Treibsand“ eine echte Offenbarung.

Unsere erste Fahrt mit dem Auto als komplette Familie zurück in den Osten sollte nicht die letzte bleiben. Es folgten viele Stunden auf der Autobahn und nebenbei beobachtete man den Fortschritt des Ausbaus der Strecken. Das erste Mal war noch sehr viel einspuriger Verkehr. Echt jetzt, ungelogen. Die Grenze war klar zu erkennen und lange lange Schlangen, aber das kannte man ja als Ostbürger und wir waren geduldig.

Inzwischen wohne ich seit fast 15 Jahren wieder in meiner Geburtsstadt, aber ein wenig Fremd fühle ich mich immer. Und ich bin wohl auch eher am Ende jetzt hier ein wenig hängengeblieben aus Mangel an Wahlmöglichkeiten. Und ich weiß nicht ob ich bleibe, ich wollte schon oft weg. Was nicht heißt das es nicht gut war wieder her zu kommen, es war wichtig, ja. Aber irgendwann heißt es weiterzugehen. Im Moment hab ich eher den Eindruck das ich mich damit abfinden muß wie es wohl jetzt ist, aber das sich abfinden war noch nie meine Stärke.

So wie sich damals eben viele auch nicht abgefunden haben mit den Zuständen und dem eingeschränktem Leben in der DDR. Heute gibt es andere Begrenzungen und Einschränkungen und ich finde auch nicht gut wie das alles gelaufen ist, aber ich bin sehr froh und sehr dankbar das es wieder ein Deutschland gibt. Was für eine kuriose Geschichte das ist mit diesen aufgeteilten Zonen, und den fremdbeherrschten Landstrichen. Ich will mal glauben das es heute anders ist und wir wieder mehr ein selbst bestimmtes Land sind als damals.

Das ganze Wochenende schon dröhnen die Feierlichkeiten von der Altstädter Seite hier zu uns auf der anderen Elbseite rüber. Wieder mal Feuerwerk. Und grad kommt im Radio etwas über den Besuch von Frau Merkel und ich schäme mich wieder fremd für die dümmlichen Parolen der Demonstranten. Und auch finde ich die Realitätsferne unserer Politiker unsäglich. Am Ende aber ist das meistens weit weg und man muß selber zusehen wie man mit seinem eigenem Leben klar kommt. So gern wäre ich einfach vorbeigegangen und hätte unsere Kanzlerin mal um ein Gespräch gebeten aber das ist nur eine Träumerei. Langsam wirds wieder ruhiger in der Stadt und ich werd mich zur Feier des Tages mit einem Cidre aus dem Bioladen und Richters „Dresden revisited“ in die Wanne legen. Angeheizt ist.

 

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. gkazakou
    Okt 04, 2016 @ 10:15:59

    ein sehr berührender Bericht, danke. Ich bin zufällig im Westen geboren (mein Vater stammt aus dem Osten, wollte nach Stolpe, aber der Krieg nahm ihn und seine Pläne, so dass ich im späteren „Weste“ aufwuchs), meine Oma (Vaters Mutter), die Tante (seine Schwester) und deren Kinder (3 Cousins, Cousinen) waren hingegen „drüben“. Als Kind besuchte ich sie oft in Neustadt-Glewe, bis die Oma starb und die anderen kurz vor 1961 noch „rüber“ kamen, unglücklich und gescheitert der Neustart. Sie sind inzwischen alle tot. Die Entwurzelung war nicht gut für sie.

    Antwort

    • madameflamusse
      Okt 04, 2016 @ 11:20:45

      Ich freu mich das Du mir schreibst, das eine Reaktion auf meinen Text kommt. Das mit der Entwurzelung ist wirklich so ne Sache. Ich bin erst 75 geboren, da war die Mauer schon fest, und das System etabliert, so gesehen hatte es meine Mutter mit Geburtsjahr 53 noch besser in der Kindheit, war aber eben in der Jugend dann auch dem repressivem Staat ausgesetzt. In dieser Hinsicht bin ich froh das mir so manches erspart wurde, dadurch das meine Eltern den Mut fassten Anfang der 80iger den Ausreiseantrag zu stellen und trotz aller negativen Nebenwirkungen durchgehalten haben.
      Manchmal hängen die Themen halt auch arg mit unseren Ahnen zusammen, kann das bei deinen Verwandten nicht auch der Fall sein?
      In einer Aufstellung war ich mal ein Land – von Vertriebenen, das war eine wunderschöne Erfahrung und naja ich hänge auch sehr an Orten, davon gibt es aber keine mehr, auch wenn ich wieder in der alte Stadt bin.

      Antwort

  2. Marc
    Okt 03, 2016 @ 14:18:46

    Ein sehr interessanter, persönlicher Einblick. Die Sammelbände, mit den ganzen DDR- Kindergeschichten, haben wir bis Teil 3 zu Hause. Leider ist der Bilderanteil bei den Geschichten extrem zurück geschraubt gegenüber den Einzelbüchern, aber trotzdem eine schöne Erinnerung. Kann ich nur empfehlen. Habe einige der Geschichten durch meine Kinder dabei wiederentdeckt

    Antwort

    • madameflamusse
      Okt 03, 2016 @ 14:55:56

      Danke Dir. Und echt da gibt es auch noch mehrere? Wow. Da ich ja grade an meiner Zweitkarriere als Illustratorin arbeite wären mir ja persönlich die Bilder wichtig. Vielleicht doch die Einzelbände. Ich glaub soviele sind es auch gar nicht, war ja erst 8 als wir weg sind.

      Antwort

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