Bauchweh – Teil 1

Das macht mir Bauchweh, das heißt man fühlt sich nicht wohl mit etwas. Wenn man nun dauernd Bauchweh hat, heißt das dann das man sich dauernd nicht wohlfühlt? Der Bauch als Sitz der Kraft sagt man bei den Chinesen. Der Bauch, unsere Mitte, eine Mitte die schmerzt. Die Mitte also.
Als ich in der Grundschule war, einige Zeit nach unserer Ausreise aus der DDR, hatte ich immer wieder Bauchschmerzen und kam für eine längere Untersuchungszeit ins Krankenhaus. Die Untersuchungen waren teilweise scheußlich, aber sonst fand ich das Krankenhaus ganz schön und fühlte mich so wohl, dass ich es gar nicht so eilig hatte wieder nach Hause zu kommen. Meinem Bauchweh half das aber nicht. Es wurde nichts gefunden und dabei hat man es belassen.

Vielleicht war das der Moment als der Bauch zu meinem Radar wurde, einem Radar den ich nicht verstand. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich auch vorher schon öfter mal Bauchweh hatte. An einen Moment erinnere ich mich besonders.

Kurz bevor ich in die Schule kam, wurde ich in der DDR zur Kur geschickt. Das war eine schlimme Zeit. Ich war 6 Jahre alt, sehr klein und sehr dünn, sagten die Erwachsenen, ich hatte damit kein Problem. Ich sollte wachsen und zunehmen und mit mehr Hunger zurückkommen. In der Kur mussten wir jeden Tag Milch trinken, einen großen Plastikbecher voll. Ich fand Milch immer eklig und auch Plastikgeschirr. Heute weiß ich das ich Laktoseintoleranz hatte.

Wenn wir nicht aufgegessen haben, mussten wir uns neben die Erzieherin an den Tisch stellen, solange bis wir alles aufgegessen hatten. Eine Qual. Wenn der Bauch weh tat, wurde einfach die Hose aufgeknöpft. Ein Kind, was sich über seinem Teller übergab, musste das wieder auslöffeln. Ein anderes Kind, das geflüstert hatte, bekam dagegen ein Pflaster über den Mund geklebt.
Ich weiß nicht wie es ging, aber die Kur hat es geschafft, als ich wieder zurück war nach 6 Wochen – ich erinnere mich noch an die Brote mit Blutwurst auf der Rückfahrt im Bus, und an die Kälte – da aß ich mehr. Verlangte im Kindergarten Nachschlag bei der Suppe und wurde dafür gelobt.
Aber ich wurde weder dicker noch viel größer. Ich blieb lange die Kleinste, und da dies auch immer wieder thematisiert wurde, hat mich das bis in mein Erwachsenenalter hinein beschwert – von innen her. Denn dünn blieb ich genauso ewig noch.

In der Schule hatte ich oft Bauchweh, besonders bei Fächern wie Sport oder später dann im Sprachlaborheute weiß ich, ich hatte ziemlich oft Angst. Angst vor Sport, vorm Sprachlabor und vor Lehrern und solchen Sachen. Angst was falsch zu machen und mich zu blamieren. Da nützte es auch nichts klein und dünn zu sein, man kam immer irgendwie dran. Nur bei einem Spiel konnte ich punkten, da wurde man von außen mit dem Ball abgeschossen (Krieg), sehr merkwürdig. Mich trafen sie meistens nicht, ich war flink und konnte mich gut ducken.

Wenn ich heute zurückschaue ist es mir klar, dass dieses Bauchweh ein Angstradar wahr. Spezielle Ängste, denn bei Gewitter ist er nicht angesprungen, obwohl ich da viel Angst hatte. Ich hatte auch Angst vor Einbrechern, und Angst vor Krieg, bestimmten Flugzeugen, und vor Atomenergie.

Viele Jahre später war ich an einem Arbeitsplatz gelandet, wo es mir überhaupt nicht gut ging, aber ich hatte auch sehr viel Angst vor dem Arbeitsamt, sodass ich mich jeden Tag wieder zur Arbeit quälte. Angst hier, Angst dort. Täglich wieder zum cholerischen und echt ekligem Chef.

1,5 Jahre quälte ich mich durch. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon lange jeden Monat mindestens 2 Tage furchtbare Schmerzen, Menstruationsschmerzendiese begleiteten mich seit meinem 13. Lebensjahr. Seit inzwischen über 28 Jahren, Monat für Monat, pünktlich. Ich konnte meine Uhr danach stellen. Ich weiß gar nicht mehr so richtig wie ich damit umgegangen bin. Ob es früher irgendwie auszuhalten war, wenn ich mich wenig bewegte. Ich erinnere mich noch das ich große Probleme hatte Tabletten zu schlucken, also kamen die damals wohl nicht infrage. Heute kenne ich Schmerzen, von denen ich denke, dass ich das ohne Tablette nicht aushalte. Ich versuche trotzdem so selten wie möglich welche zu nehmen, weil ich das nicht mag und die Dinger ja auch Nebenwirkungen haben.
In der Zeit mit dem blöden Job kamen dann noch schlimme Kopfschmerzen hinzu, nun ja und die allgemeine Quälerei. Und dann bekam ich die Diagnose Endometriose. Das sind u.a. eine Art Zysten, Gewebe was sich verteilt, Verwachsungen, die nicht von alleine wieder verschwinden, sondern weiter wachsen, sagte die Ärztin. Sie riet mir sehr schnell zu einer OP und dass ich danach unbedingt mit Rauchen aufhören solle und die Pille nehmen müsste, um weiteres Wachstum zu verhindern. „Na super“ dachte ich. Und wieder war sie da, die Angst.
Diesmal ging ich so überhaupt nicht gern ins Krankenhaus und fühlte mich total verlassen und ahnungslos. Und das war ich im Grunde genommen auch. Die blöden Details lasse ich jetzt mal weg, von Empathie kann man beim Krankenhauspersonal nicht reden. Von Aufklärung seitens der Ärzte auch nicht.
Ich kann aber sagen, wenn du mörderische Bauchschmerzen hast jeden Monat, könnte es sein du hast Endometriose (und vielleicht auch Angst).

Fortsetzung (mit Tips) folgt
zum Teil 2 -> hier entlang

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

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