Lust & Frust

Mutterkonflikt, therapeutisches und Lebensmittel mit ein wenig Religion und viel Liebe – ich dachte genau das erwartet mich beim Roman „Muttermilch“. So zumindest, wurde es mir auf dem Buchrücken angekündigt.


Leider hab ich etwas ganz anderes bekommen und bin, ehrlich gesagt, enttäuscht. Was habe ich gefunden in diesem Buch mit dem wunderbaren Einband, darunter in Knallpink, mit immerhin 326 Seiten und einer Geschichte in 79 Kapiteln?

So war der Anfang, ich zitiere mich mal selbst:
„Muttermilch von Melissa Broder aus dem Claassenverlag und ich mag es sehr 🎉🍀 ich folge Rachel beim Kalorienzählen und genießen ihrer Diätprodukte. Begleite sie in den Yoghurtladen und zur Therapiestunde. Grade macht sie Mutterdetox und hat eine interessante Frau kennengelernt. Alles sehr humorvoll und genießerisch erzählt. Die Gestaltung des Buches passt großartig zum Inhalt.“
und
„Die knallige Covergestaltung gefällt mir und drinnen geht’s genauso munter weiter. Schon am Anfang wird klar, hier haben wir eine wahrhaft leidenschaftliche Menschin und es geht um wesentliches. Nahrung (warum, wie und wo und natürlich was) und Familie („er stellte es so dar, als ob es etwas Gutes wäre“).“

~

Doch irgendwie rutscht das Thema mit der Mutter und der Therapie vollkommen beiseite. Die Familie von Rachel spielt bald kaum noch eine Rolle. In einigen Kapiteln aber kommt die jüdische Familie ihrer Freundin ins Spiel, und diese sind eher streng jüdisch, wie Rachel bei zwei Einladungen erfahren muss. Beim ersten Mal geht noch alles gut, und auch hier genießt sie alles aus vollen Zügen, inklusive der Erinnerung an jüdische Rituale und Gesänge. Beim zweiten Mal schlägt das ganze um…

Bis zum Ende des Buches habe ich kein richtiges Bild von Rachels Aussehen, im Gegensatz zur wichtigsten zweiten Figur, der Frau aus dem Yoghurtladen. Rachel zählt Kalorien und hat einen strengen Essensplan inklusive fester Einheiten im Fitnessstudio, sie ist nebenbei Comedian. Erst kontrolliert sie sich selbst immens, um später sich vollkommen grenzenlos ihren Gelüsten hinzugeben, und das in einer Geschwindigkeit und mit soviel Selbstverständnis, dass ich es kaum glauben kann. Ich hab im Laufe des Lesens auf jeden Fall Hunger bekommen und Lust mal endlich wieder Essen zu gehen.

Alle Themen verschwinden schließlich hinter der Geschichte mit Miriam, der Frau aus dem Yoghurtladen. Sie verkörpert für Rachel die Sinnlichkeit in Perfektion. Statt Mutterdetox, Therapie, Kalorienzählen und Familie geht es nun sehr viel um lesbische Liebe und Sex. Das ging mir dann irgendwann ziemlich auf die Nerven. Ich muss sagen, wenn ich vorher gewusst hätte, dass dies ein so großes Thema des Romans ist, hätte ich ihn gar nicht gelesen, es war mir auch zu viel der expliziten Beschreibungen.

Ich habe das Buch trotzdem zu Ende gelesen, weil ich hoffte, dass die versprochenen Themen doch noch zur Sprache kommen. Aber nein, dem war nicht so. Insofern, ja der knallige Inhalt spiegelt sich im knalligen cover und der Titel, auch dafür finden sich einige Deutungen. Ich will aber nicht zu viel Spoilern, falls ihr das Buch noch lesen wollt.

Was für mich nicht zutrifft ist das Zitat: „Muttermilch feiert die Befreiung des weiblichen Körpers“, es feiert die lesbische Liebe, ok, damit kann ich mitgehen. Aber ich hoffe doch, dass die Körperlichkeit von Frauen sich noch anders befreien und feiern kann.

Was nun eigentlich diese Muttermilch ist, die der Titel nennt ist mir nicht so ganz klar. Brüste spielen aufjedenfall eine Rolle im Buch. Aber vielleicht ist es auch eine Metapher für die fehlende Mutterliebe die durch Frozen Yoghurt und später andere Leckereien ersetzt wird, oder auch die Körpersäfte der Geliebten, oder sie steht für den Anteil des inneren Erwachsenen, der sich schlußendlich, wenn alles gut lief, selber nährt.


***


Melissa Broder
„Muttermilch“
24,00 €

***

Ich danke dem Verlag Claassen für das Rezensionsexemplar

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