Textprojekt Körper: In den Körper wachsen

Wenn ich zu meiner Körpergeschichte befragt werde, fallen mir verschiedene Schwerpunkte ein, die mich in meinem Leben besonders beschäftigt haben:

Meine Größe

Meine Hüftdysplasie

Meine frühere Schönheit

Ich könnte sie als einzelne Geschichten erzählen, aber irgendwo gehören sie auch zusammen, denn was sie als Klammer zusammenfasst ist, dass sie immer eine gewisse Distanz zu anderen erzeugt haben und dass es lange dauerte bis ich in meinen Körper hineingewachsen war.

Ich fange mit meiner früheren Schönheit an, denn das ist ja ein Punkt, den eine Frau eigentlich nicht sagen darf: Ich war ein schönes Mädchen. Allerdings hat mir das selbst überhaupt nicht gefallen, denn ich hatte das Gefühl, dass ich meiner mir von außen erklärten Schönheit nicht entsprechen konnte. Innerlich fühlte ich mich ungenügend, dunkel, zweiflerisch, depressiv. Es war, als hätte ich diesen Körper nicht verdient und könnte ihm nicht gerecht werden. Was nach außen wirkte, entsprach überhaupt nicht meiner Innenwelt. Ich selbst hatte kein Empfinden für meine Schönheit. Ich wunderte mich, wenn ich merkte, wie Menschen mich sahen. Ich kam mir vor wie eine Betrügerin. Tatsächlich wäre ich gern unscheinbarer und hässlicher gewesen – so, wie ich mich innerlich empfand.

Meine Größe war in dieses Empfinden verschränkt. Ich war und bin auch heute noch außergewöhnlich groß für ein Mädchen und eine Frau. Groß zu sein bedeutet als Mädchen: Du kannst Dich nicht verstecken. Du fällst sofort auf. Du musst Dich ständig erklären: „Du bist aber groß!“ „Wie groß bist Du genau?“ „Du spielst doch bestimmt Basketball!“ „Wie ist die Luft da oben?“ Jungen sind eigentlich immer kleiner als Du. Andere große Mädchen sagen: „Endlich ist eine größer als ich“. Ich war meist die Größte.

Jungen gehen mit großen Mädchen anders um, als mit kleinen: Es gibt keine Hilfe, es wird weniger geflirtet und es wird auch nicht so ausgelassen herum gespaßt. Mich hat nie ein Junge ins Schwimmbecken geworfen. Heute fände ich das sowieso blöd, aber damals hätte ich mir das gewünscht. Allerdings wurde ich weniger belästigt.

Da ich ein schüchternes Mädchen war, war es mir sehr unangenehm durch meine Größe aufzufallen. Wie oft hätte ich mich gern in der Masse der Menschen verstecken wollen… Aber das war nicht möglich. Ich war sofort sichtbar und wurde gesehen. Ich konnte nichts unbemerkt tun. Zu allem Überfluss war ich auch noch tollpatschig, was einfach an den Ausmaßen meines Körpers lag. Mein Kopf kam da nicht nach.

Als ich älter wurde, lernte ich, meine Größe ganz langsam auszufüllen. Ich kann mich gut erinnern, wie meine Professorin im Studium zu mir sagte: „Du hast eine unglaubliche Wirkung, wenn Du in einen Raum kommst. Du bist sofort präsent. Du kannst das nutzen.“ Allein: Auch in dieser Zeit war ich noch sehr schüchtern und es war mir unangenehm aufzufallen.

Neben den seelischen Aspekten, war die Größe aus lebenspraktischer Sicht eine Herausforderung. Es gab kaum passende Kleidung, erst recht keine Schuhe in den 80er und 90er Jahren. Ich trug Männerschuhe und meine Hosen und Ärmel waren in der Regel zu kurz. Ich hatte nur ein oder zwei Paar Schuhe, im Gegensatz zu meinen Freundinnen, meiner Schwester und meiner Mutter. Als es Ende der 90er endlich Frauenschuhe in meiner Größe gab, war ich glücklich. Sie waren allerdings viel teurer als die Schuhe meiner Freundinnen und es gab nur wenig Auswahl. Wie oft habe ich mir außerdem überall den Kopf angeschlagen? Ich hatte fortwährend eine Beule.

Es kam erst mit ca. 30, dass ich wirklich in meinem Körper ankam und dass ich sowohl meine Attraktivität, als auch meine Größe als etwas Positives erkannte. Plötzlich fand ich es super, dass ich in Konzerten oder menschengefüllten Räumen immer den Überblick hatte. Ich lernte, mit meiner Größe zu spielen. Es wurde mir egal, dass ich auffiel. Ich lernte: Es ist nicht mein Problem, was andere in mir sehen. Ich entwickelte außerdem sehr viel Spaß darin, noch größer zu werden. Es gab plötzlich Schuhe mit Absätzen in meiner Größe und Stiefel. Also probierte ich Absätze aus, was sehr ungewohnt für mich war. Ich spielte mit meinen Eindruck auf andere und lernte, dass gerade große Männer nicht gut mit einer größeren Frau zurecht kommen. Unter meinen Freundinnen war ich die Größte. Ich habe sehr lustige Erinnerungen daran, dass meine Freundinnen alle klein waren. Auf Partys unterhielten sie sich ein Stockwerk tiefer und ich bekam nichts mit. Auch wenn kleinere Männer mit meiner Größe erstaunlicherweise selten Probleme hatten und mich gern als Freundin haben wollten, fand ich das merkwürdig. Meine Partner waren meist fast gleich groß wie ich.

Großen Frauen wird mehr abverlangt, aber auch mehr zugetraut. Teilweise dachte ich: Sie sehen zu viel in mir. Ich kann das gar nicht ausfüllen. Auch hier also wieder das Gefühl, nur einen Teil des Körpers auszufüllen. Es hat aber auch den gegenteiligen Effekt: Weil von mir erwartet wurde, nicht nur äußerlich sondern auch innerlich groß zu sein, lernte ich dem zu entsprechen.

Heute empfinde ich meine Größe als Privileg. Es macht mir Spaß aufzufallen. Es macht mir Spaß, dass ich meine Größe gegen übergriffige Männer einsetzen kann. Ich fülle meinen Körper jetzt voll aus, was auch bedeutet, dass ich mir der Wirkung meiner Größe bewusst bin. Ich übe, nicht auszuweichen. Interessanterweise haben mich früher Menschen gern fast umgerannt, die viel kleiner als ich waren. Ich war scheinbar – trotz meiner Größe – für sie nicht sichtbar. Ich denke nicht, dass mir das heute noch passieren würde. Für mich ist das auch als feministisches Beispiel wichtig: Dass ich meinen Platz einnehme und behaupte. Dass ich nicht bereit bin, aus Nettigkeit oder Bequemlichkeit meinen Platz zu räumen. Dass mit mir zu rechnen ist. Dass ich Aufmerksamkeit einfordere. Ich mache jetzt bewusst Dinge, die ich mich früher kaum getraut hätte: Ich setze mich der Öffentlichkeit aus. Ich halte Reden. Ich riskiere, mich lächerlich zu machen. Die Unabhängigkeit, Freiheit und den Mut, den ich heute habe, hätte ich mir früher gewünscht.

Da ich nun so viel zu meiner Größe geschrieben habe, bleibt nur noch wenig Raum für meine Hüftdysplasie, die mich seit meiner Geburt begleitet. Sie führte dazu, dass ich mehrfach – seit einem Alter von 2 Jahren – schwere und komplexe Operationen und chronische Schmerzen durchstehen musste und als Kind lange wegen einer Schiene nicht richtig laufen konnte. Ja, genau – von wegen Basketball! Ich könnte noch viel dazu sagen, was aber wieder ein eigenes Thema ist. Zwei Aspekte davon habe ich auf meinem Blog beschrieben. Hier https://phoenix-frauen.de/der-begleiter/ und hier https://phoenix-frauen.de/das-hast-du-dein-leben-gezogen/

Es macht mich traurig, dass es so lange dauert, bis wir als Frauen die Definition von außen und vor allem die Definition durch den männlichen Blick auf uns hinter uns lassen können. Manche können das nie. Dass es mir egal geworden ist, wie Männer mich sehen, kam erst mit etwa 50 Jahren und ich kann gar nicht genug betonen, wie befreiend und verändernd das ist. Ich denke heute, dass Frauen meines Alters bewusst in die Unsichtbarkeit gedrängt werden. Wenn mehr jüngere Frauen sich mit älteren Frauen austauschen würden und ältere Frauen jüngere Frauen unterstützen würden, hätten wir ein starkes Bündnis gegen die Gängelungen des Patriarchats. Frauen ab 50 sind oft sehr stark, interessant und auch attraktiv durch ihre Erfahrenheit. Männer sind dagegen regelrecht langweilig. Das darf sich selbstverständlich keinesfalls herumsprechen, denn es würde die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft in Frage stellen.

Ich würde mir wünschen, dass mehr Frauen wüssten, dass dieses Alter die beste Zeit unseres Lebens sein kann. Ich würde mir auch wünschen, dass Mädchen von älteren Frauen lernen, dass das Unwohlsein und das Fremdheitsgefühl im eigenen Körper vorbei geht.

© Rona Duwe


Rona Duwe könnt ihr regelmäßig lesen, sie schreibt einen Substack zu feministischen Themen. Man kann diesen abonnieren und bekommt dann Post per Mail, wenn wieder ein neuer Text online geht. Ich kann es nur empfehlen.
https://ronaduwe.substack.com/
Außerdem hat sie über ein sehr wichtiges und noch wenig beleuchtetes Thema ein Buch geschrieben:
https://mutterwut-muttermut.de/
Fundamente und Anstoß für die Revolte der Mütter
Wenn wir verstehen, warum wir geschwächt werden, verändern wir die Welt!


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