Leinensee – Anne Reinecke

„Leinsee“ ist der erste Roman von Anne Reinecke. Er wurde schon hochgelobt und ist nominiert für den Debütpreis der LitCologne 2018, außerdem gab es ein Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin für das Manuskript Leinsee im Jahr 2012. Hier sieht man, dass es doch eine Weile dauert bis man so ein feines Werk zustande bekommt.
Ich hatte das Ganze als Hörbuch, und das war eine sehr gute Entscheidung, wie ich dann feststellen durfte. Der Lesende, der Schauspieler Franz Dinda, war ganz wunderbar. Seine Stimme, ja seine ganze Person scheint komplett mit Karl verbunden. Ich war gar nicht mehr so am zuhören, sondern regelrecht mittendrin.
Am Anfang habe ich mich gefragt warum ein Mann die Geschichte liest, obwohl es eine Frau geschrieben hat. Und klar frage ich mich auch wieder warum eine Frau einen männlichen Protagonisten wählt – davon gibt es ja nun mal schon sehr viele.
Wie wäre die Geschichte gewesen wenn es eine junge Künstlerin gewesen wäre? Nun ich denke der Rahmen des ganzen hätte erhebliche Probleme gemacht. Denn der junge Karl ist schon recht bekannt in der Szene, und es ist nun mal so, dass auch hier die Männer erheblich mehr Chancen haben, wenn wir die Realität betrachten. Aber die Literatur ist ja durchaus auch da um anderes auszuloten.

*Achtung in diesem Artikel wird gespoilert*

Auch ein anderer Handlungsstrang wäre sehr viel „schwieriger“ gewesen, wenn es eine Künstlerin gewesen wäre. Dazu gleich mehr. Ich denke es ist schon ausschlaggebend, das die ganze Geschichte eingebettet ist in einen großen Reichtum. Das dieser Reichtum durch das „Kunst machen“ entstand, gibt dem ganzen natürlich eine gewisse Coolheit. Die Kunst wird sehr ausgiebig thematisiert, was mir, als ehemalige Kunststudentin, sehr gut gefallen hat. Es ist nicht irgendeine Kunst, sondern schon was spezielles, es geht um Objektkunst. Um das sammeln und bewahren und um Erinnerungen. Auf einer anderen Ebene um weiches und lebendiges was sich später in er ausgehärteten Masse wiederfindet. Eine schöne Symbolik.
Auch dem jungen Karl geht es erstmal viel um Erinnerungen. Ich würde sagen das erste Drittel der Geschichte ist damit gefüllt.
Der junge und erfolgreiche Künstler Karl bekommt die Nachricht über den Tod des Vaters, den er seit Jahren nicht gesehen hat. Der Vater hat sich suizidiert, weil er ohne die Frau an seiner Seite nicht mehr leben wollte. Die Mutter des Künstlers ist nämlich schwer erkrankt.
Der Vater hat sich auch hier am Schluß davon gestohlen.
Auch die Eltern waren Künstler, und zwar sehr bekannte. Der Sohn hat unter einem anderen Namen gearbeitet – er wollte seinen eigenen Weg gehen. Und das hat sehr erfolgreich funktioniert.
Nun wird er mit seiner Vergangenheit und dem Leben seiner Eltern konfrontiert. Übernimmt sozusagen ihr Haus, Atelier und Grundstück. Besucht die Mutter, die ihn nicht erkennt.
Karl bleibt und eignet sich die Vergangenheit inklusive Haus, Grundstück und Kunstwerken an. Das verändert viel für ihn und sein bisheriges Leben. Einfach ist es nicht aber durchaus aufregend und neu.
Und dann treffen wir Tanja, neben Karl und der Kunst im Roman, die dritte Hauptfigur. Ein Kind aus der Nachbarschaft, mit dem Karl sich anfreundet. Ein Kind, was auch ihn seine kindliche Seite ausleben läßt. Welches aber ganz ohne weitere Verbindung zu sein scheint. Die Figur schwebt förmlich in Karls Kosmos, und scheinbar nur dort. Es beginnt eine Art großes Spiel, welches ihn wiederum sehr mit der Arbeit seiner Eltern verbindet. Auch mit der Mutter kann nochmal eine neue Art von Beziehung beginnen, auf den letzten Metern.

Mir hat die Geschichte sehr gefallen, nur gegen Ende hin empfand ich eine Schwäche in der Beschreibung der Beziehung von Karl und Tanja, die vielleicht so etwas wie seelenverwandt sind. Es war CD 5 von 6. Da rutscht Anne Reinecke zu schnell über die Veränderung hinweg, meiner Meinung nach, das hat mir richtig einen Stich versetzt beim hören. Eine andere Leserin schrieb sowas in der Art, wie dass sie es toll fände das es zwischen Karl und Tanja, die beiden Hauptfiguren, so gar nicht komisch war in der Geschichte. Mir dagegen hat dieses „komisch“ gefehlt. Es bleibt für mich ein wenig flach – wo wir doch vorher auch viel an Karls Gedanken beteiligt werden, hier fehlen sie an der Stelle wo der große Altersunterschied zwischen Karl und Tanja immer wieder doch irgendwie Thema ist, und über den sehr schnellen Lauf der Jahre, als Tanja vom Mädchen zur jungen Frau heranwächst. Es wird schon versucht das in einigen Bildern darzustellen, aber mir geht das alles zu rund und zu einfach. Ich würde sagen „gerade in unseren Zeiten“, da würde doch sofort Verdacht aufkommen, wenn ein erwachsener Mann und ein kleines Mädchen befreundet sind. Vielleicht ist das alles auch viel zu heimlich, aber über eine so lange Zeit? Da ist niemand groß, der diesen kleinen Kosmos wirklich stört, bis auf einmal, dem auch eine lange Pause folgt und ein ganz selbstverständliches Wiedertreffen.

Ich freue mich auf mehr von dieser Autorin und bin gespannt auf die Themen.

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Hörbuch
6 CD , 7 Std. 39 Min.
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 27.00

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Heeme – ein Heimkehrerinnenbuch

„Heeme“, eine Mischung zwischen Erfahrungsbericht und Kurzroman. Ich habs direkt von der Autorin bekommen, mit Widmung. Sowas freut natürlich immer ganz besonders. Stephanie Auras-Lehmann kommt aus dem Spreewald und war selbst lange fern der Heimat. Sie ist eine aus der Generation, die in der Kindheit/Jugend die Wiedervereinigung Deutschlands erlebt hat. 1982 wurde sie geboren. In der Geschichte von „Heeme“ verarbeitet sie eigene Erlebnisse und Erinnerungen aus der Zeit nach der „Wende“ bis zu ihrer eigenen Heimkehr 2009 nach Finsterwalde. Dort hat Sie inzwischen eine Rückkehrerinitiative für den Landstrich Elbe-Elster aufgebaut.

Die Protagonisten haben alle sehr lustige Namen, und es ist durchaus ein leichtes Buch was sich sehr gut lesen läßt – mit einer Überarbeitung wäre es bestimmt auch was für einen Verlag der Bücher in einfacher Sprache rausbringt. Da fehlt nämlich noch jede Menge Literatur.

Die Heldin der Geschichte hat einen typisch Ostdeutschen Namen: Peggy 😉 und bleibt irgendwie übrig nach dem Schulabschluss im Osten. Alle anderen haben die Heimatstadt schnell verlassen, denn dort gibt es so gut wie keine Zukunft, sprich Ausbildungsstellen. Irgendwann packt es dann auch Peggy, und sie macht sich auf in die neue weite Welt. Die Möglichkeiten beim Schopfe packen. Da heißt es erstmal „sich zurecht zu finden“, die westlichen Gepflogenheiten kennenlernen und sich ganz neu eingewöhnen. So richtig Freunde findet Peggy aber nicht, und man merkt sie hängt an der Heimat. Doch das leben meint es auf eine andere Weise sehr gut mit ihr und Sie macht Karriere – allerdings mit so einigen Hürden und nicht immer erfreulichen Ereignissen. Aber sie schlägt sich tapfer durch und bleibt am Ball und kommt weit. Und zwar bis hinüber über den großen Teich: New York.
Doch daheim im ruhigen Städtchen wartet der Freund und irgendwann muß Peggy sich entscheiden.

Wofür sie sich entscheidet ist klar, wenn man den Untertitel liest. Manch einer wird sie für verrückt erklärt haben und nunja, im Osten stehen die Chancen bis heute ja nicht gerade zum besten wenn es um das Thema Arbeit geht. Und will man denn nicht gerade als junger Mensch die Welt erkunden?

Stephanie hat mir vorne ins Büchlein geschrieben „Rückkehren verbindet“, dem kann ich nur von Herzen beipflichten. Ich hab beim Lesen auch gleich die Verbindung gespürt, auch wenn ich älter bin und früher weg bin und schon nach dem Studium zurückkam.
Das hat auf jedenfall etwas mit dem Thema Heimat zu tun – auch wenn auf mich jetzt weder Liebe noch Eltern gewartet haben – dafür die Großeltern. Im Laufe der Jahre hat es mich schon immer wieder auch verwundert wo es überall sächsische Enklaven gibt und wieviele jüngere Menschen Woche für Woche zwischen Ost- und Westdeutschland pendelten. Jemand der bis New York gekommen ist, kenne ich allerdings nicht.

Wir leben heute in einer Welt, in der Familien oft verstreut sind und auch Freunde selten am gleichen Ort wohnen. Die Welt ist verdammt groß geworden. Es gibt durchaus viele Möglichkeiten, wenn man sie denn findet, oder das Geld dazu hat. Denn es hat immer auch mit Glück zu tun wie weit man kommt und was man damit anfangen kann. Viele können auch nur in die Ferne schauen, und sehnen sich vielleicht gerade deshalb besonders danach. Doch wenn man die Welt auch weiter weg kennengelernt hat sieht man die Heimat oft nochmal mit anderen Augen. Spätestens wenn es ans Famlie gründen geht überlegt man sich doch wohin, grade wenn man Familie hat mit der man sich auch versteht. Großeltern sind doch sehr hilfreich für die Kinder und auch alte Freunde sind schon was besonderes.
So kehrt manche*r wieder Heim und ist Glücklich damit und bestenfalls bringt die Person auch noch was mit, wie Stephanie Auras-Lehmann ihre Geschichte und ihr Projekt für Heimkehrer*innen.

Stephanie Auras-Lehmann

Heeme
14,99 €

https://www.heeme-buch.de/

 

Pirasol

Pirasol – das ist im Roman eine alte Villa. Das Zuhause der alten Gwendolin. Sie lebt schon eine ganze Weile hier. Früher mit dem viel älterem Ehemann und dem Sohn, der eine inzwischen tot, der andere lange fort. Die alte Dame ist aber nicht allein. Sie hat sich, wie schnell klar wird leider, auf eine Mitbewohnerin eingelassen. die Mitbewohnerin ist um einiges Jünger und schaltet und waltet sehr bestimmend. Gwendolin fühlt sich überhaupt nicht wohl damit.
Dieser Geschichtenstrang zieht sich vom Anfang bis zum Ende durch das Buch und ist ein ziemlich angespannter Strang, mir wird am Schluß schon ganz hibbelig, so gespannt bin ich auf die Auflösung.
In den Zeiten dazwischen erinnert sich Gwendolin an ihre Zeit die Sie in Pirasol verbracht hat, aber auch an ihre Kindheit und Jugend im Krieg und vor allen den Nachkriegsjahren.

„…und sich gewundert hatte, warum er nur Papier ohne Zeilen benutzte und sich weigerte, seine Schrift auf gezogenen Linien abzulegen.“

Die ganze Geschichte hat etwas schleifendes, so wie das Leben Gwendolin geschliffen hat, wird auch der Leser geschliffen. Es fiel mir schwer das mitzumachen und durchzuhalten. Denn zwischendurch stopp es kurz und dann wird neu angesetzt. alles wird mehrfach aufgegriffen, jedesmal geht es ein Stück tiefer und Häppchenweise erfahren wir was in der Vergangenheit passiert ist.
Erfahren wie Gwendolin ihre Eltern verlor und in welcher bangen Hoffnung sie nach dem Krieg grade so überlebt.
Es scheint Sie ist erstarrt durch das was Sie schon früh erlebt hat. In ihrer Ehe wird das Ihr und dem gemeinsamen Sohn zum Verhängnis.
Was macht man nun mit diesen Erfahrungen, die einen still werden ließen. Was macht man jetzt im hohen Alter mit diesem Leben?

„… und Gwendolin spürte, wie sie sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete: die Einsamkeit, wenn man andere Menschen zueinander geführt hatte.“

Susan Kreller hat eine feine angenehme Sprachmelodie in den Roman gewirkt, immer wieder webt sie kleine Poesien sein, die viel Atmosphäre erzeugen. Eine echte Stärke des Romans. Er hat mich sehr berührt und so manches mal sind mir die Tränen gekommen, was mir eher selten beim lesen passiert.
Beim schleifenden der Geschichte bin ich mir nicht scher ob es ein ausgefuchstes Stilmittel ist, welches uns immer mehr hineinziehen soll oder ob es nicht eine Schwäche in der Erzählung ist? Zwischendurch empfand ich es schon durchaus auch als lästig und hätte mir gewünscht das die Dinge mit einem mal „erledigt“ werden und nicht zwei-, dreimal wieder angefasst werden um dann doch noch wieder neues zu offenbaren. Ja ich denke man hätte die Geschichte auf weniger Seiten erzählen können und es hätte ihr vielleicht auch gut getan. Aber ich glaube dann wäre nicht diese besondere Stimmung zu Tage getreten. Welches Leben läuft schon gerade? Was gelingt schon im ersten Anlauf? Und ja, wie vieles gelingt nie?

„..und der das, was war, in aller Lautstärke vergaß.“

Worüber ich froh war, das war das versöhnliche Ende, welches ich Gwendolin auch aus tiefstem Herzen gegönnt habe.
Pirasol ist ein besonderes Buch und birgt eine Geschichte in die man eben durch die Erzählweise tief einsteigt, eine Geschichte die in Erinnerung bleiben wird. Ein kleiner Wermutstropfen, auch wenn es die Geschichte von Gwendolin ist, dreht sich doch sehr viel mal wieder um die Männer, erst den Vater, dann den Ehemann und später den Sohn. Die Frauen bleiben zu oft Randfiguren, sehr schade.

„Er lachte, weil es seine Art zu weinen war … und wie sie selbst weinte, indem sie nicht mehr weinte“

Näheres zum Inhalt:

Das Mädchen was von einer Nachbarin gerettet wird, unter Umständen die ihr das fühlen abgewöhnen. Umstände die viel Kraft kosten um sie zu überleben. Der Vater der aus dem Krieg heimkehrt, mit dem das Mädchen in seiner Abwesenheit all die Bücher geteilt hat, die eigentlich längst verbrannt sein sollten. Bücher die das Mädchen nie vergessen wird, und die auch ihr Sohn ganz heimlich entdeckt, viel viel später. Bücher spielen eine große Rolle und haben sehr viel zur Rettung beigetragen – ich kenne das. Bücher die einen sich selbst wiederfinden lassen. Bücher die trösten oder neue Welten zeigen. Bücher die ein Heimatgefühl oder Geborgenheit schenken. Bücher auch in Form von Buchläden als Zufluchtsorten und Buchhändlern als Vertraute.
In der Erstarrung und Einsamkeit findet Gwendolin ein aufgewecktes paar graue Augen und lässt sich davon einnehmen. Lernt das Haus Pirasol kennen und verliebt sich sofort. Die Ehe wird ein Alptraum, die grauen Augen werden hart und bitter und lassen besonders am gemeinsamen Sohn alle Bösartigkeiten und Demütigungen aus. Strafen Gwendolin mit einer Kälte die Sie weiter in einer stummen Erstarrung verharren lässt. Der Widerstand so zart und leise das er nur für sehr kleine Glücksmomente reicht. Für ihren Sohn reicht es nicht.

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Pirasol
Susan Kreller

Piper/Berlin Verlag
Hardcover 20,- €  / Taschenbuch 11,- €

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Ein Auszug aus dem Roman erhielt den GWK- Förderpreis 2014
Susan Kreller: Geboren 1977 in Plauen, studierte Germanistik und Anglistik und promovierte über englischsprachige Kinderlyrik. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie 2012 mit dem Jugendbuch »Elefanten sieht man nicht« bekannt. Sie erhielt unter anderem das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium, den Hansjörg-Martin-Preis (2013) und 2015 den Deutschen Jugendliteraturpreis für »Schneeriese«. Sie arbeitet als Schriftstellerin, Journalistin und Literaturwissenschaftlerin

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zum reinhören
https://www1.wdr.de/kultur/buecher/susan-kreller-pirasol-104.html

Wovon wir nicht sprechen

Ich könnte sagen, ein schönes Buch, wenn, ja wenn da nicht die Härte des Themas wäre. Joanne Fedler widmet sich in „Wovon wir nicht sprechen“ dem Thema „Gewalt an Frauen“. Die Protagonistin arbeitet als Rechtsberaterin in einem Frauenhilfsverein „SISTAA“ genannt. Und die Hälfte des Romans hat damit zu tun.
Die zweite Hälfte dreht sich um das Leben dieser Rechtsberaterin, die selbst auch schon einiges hinter sich hat, bei dem ihre Ursprungsfamilie eine Rolle spielt.

*Achtung mein Text könnte triggernde Elemente enthalten*

Das Thema im Roman kommt nicht von ungefähr. Einmal hat die Autorin selbst bei einer Anlaufstelle für misshandelte Frauen gearbeitet UND wenn wir uns umschauen: es passiert jeden Tag! von daher bin ich auch froh das es Bücher gibt die solche Dinge aufgreifen.

Ein wenig Statistik:

Weltweit ist sexualisierte und häusliche Gewalt für Frauen bis 44 Jahren die häufigste Ursache für Tod und Behinderung / Quelle: Heise.de

In Deutschland wird alle 3 Minuten eine Frau vergewaltigt / Quelle: die Netzfrauen

… allein im Jahr 2015 über 104.000 Frauen durch ihren aktuellen oder ehemaligen Partner misshandelt – durch Drohungen, einfache oder gefährliche Körperverletzung, Stalking oder sogar Mord. / Quelle: Tagesschau

Trotz schwerem Themas hat mir die Geschichte und das Buch insgesamt sehr gut gefallen. Es hat für mich gegen Ende ein paar kleine Schwächen, wo mir nicht so ganz klar wird, wie und was jetzt mit einigen Figuren der Geschichte geschieht. Aber es ist insgesamt schön erzählt, wenn man das überhaupt bei einem solchem Thema sagen kann. Joanne Fedler scheut sich nicht auch krasse Dinge anzusprechen, Gewalt und Schmerz zu thematisieren. Das erschrickt durchaus erstmal, aber vielleicht würde es nicht passen dies in einer solchen Geschichte auszublenden oder nur anzudeuten? Ich bin mir da nicht ganz sicher. Da dieses benennen nun aber nicht ständig der Fall ist und es einen zweiten Erzählstrang gibt, ist es für mich ertragbar gewesen.
Mich hat die Story gefesselt und ich freue mich, das ich das Buch zufällig in der Bibliothek gefunden habe. Schon allein deshalb, weil mich das Thema beschäftigt und ich durch den ganzen Themenkomplex Feminismus/Erziehung/Frauenrechte  etc. auch immer wieder auf das Thema Gewalt gegen Frauen stoße. Erschreckend wie sehr diese Realität so so viele Frauen weltweit betrifft und schockierend wie wenig darüber gesprochen wird. Und noch schlimmer, es ändert sich nichts. Dieser Fakt scheint, wie so vieles, als Normalität hingenommen zu werden, vorallem von Männern, die die Gesetze machen, als Polizisten arbeiten und die Gewalt größtenteils ausüben. Ich denk da gleich an den Gesetzentwurf zum Thema Vergewaltigung in der Ehe, worüber so unfassbar lang (20 Jahre) gesprochen wurde und die männlichen Politiker feixend im Bundestag saßen und sich amüsierten. https://twitter.com/tagesschau/status/864177990229528576?lang=de

Lange Zeit war das Thema vollständig tabuisiert. Viele der betroffenen Frauen fühlen sich immer noch hilflos. Scham und Angst vor Gerede oder weiteren Übergriffen hemmen sie, ihre Rechte einzufordern und Hilfe zu suchen. Viele sprechen mit niemandem über die erlebte Gewalt. / Quelle: Frauen gegen Gewalt

Etwas was mich sehr betroffen gemacht hat war die Nutzung der Namen von Gewaltopfern für die Figuren des Romans, die am Ende des Buches aufgelistet sind, mit jeweils einer kurzen Erklärung was Ihnen widerfahren ist.

Die Protagonistin der Geschichte heißt Faith. Sie hat ihr eigenes Päckchen zu tragen, denn in ihrer Familie ist ein Kind verstorben und das Verhältnis zu ihren Eltern und ihrer Schwester ist nicht gerade einfach. Faith scheint auch etwas aus der Art geschlagen. Aber sie hat eine Großmutter, Nonna, die sie sehr liebt. Mit der sie sprechen kann, mit der sie eine ganz besondere Verbindung hat.
Doch das reicht leider nicht aus, damit sie selbst mit sich zurecht kommt. Ihr Arbeit macht sie voller Hingabe und mit unglaublich viel Engagement, oft hat sie ein besonderes Gespür für die Vorgänge und eines für die Menschen, gleichzeitig scheint sie damit aber auch vor sich selbst zu flüchten und vor der eigenen Geschichte. Doch die Dinge kommen in Bewegung, nach und nach gibt es kleine Veränderungen und wichtige Begegnungen. Kurz vor Schluß wird es fast ein bisschen kitschig, aber das ist vollkommen ok. So ein bisschen Glück….

Von mir unbedingt eine Leseempfehlung. Das war mal wieder ein Buch welches mich angezogen hat und was ich in einigen wenigen Tagen gelesen habe. So ein Schmöker, den man nicht weglegen möchte, auch wenn es schon wieder zu spät ist. Ich mochte die „Figurenzeichnungen“ und habe gern den Gedanken und Überlegungen von Faith gelauscht, die manchmal ein wenig herb und kühl rüberkommt,  aber im Grunde genommen eine Seele von Mensch ist. Es es schön gewesen ihren „Prozess“ durch den Sie geht zu beobachten.
Es ist eines dieser Bücher, wo man sich am Ende ein wenig wundert das es so dick ist, weil man auch den Eindruck hat, daß ja nun gar nicht so sehr viel passiert wäre, aber das ist es eben doch. Es hat sich nur so gut zusammengefügt und ist so gut erzählt, das es unterhält und die Zeit schnell vergeht und man mittendrin ist in der Geschichte.

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Joanne Fedler
Wovon wir nicht sprechen
Droemer, 443 Seiten
19,99 €

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Joanne Fedler studierte Jura und engagierte sich in ihrer Heimat Südafrika für Frauenrechte.
auf der Verlagsseite gibt es nun ein interessantes Video mit der Autorin: Gründe für das Schreiben dieses Buches

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Artikel und Lesestoff zum Thema

https://www.tagesschau.de/inland/gewalt-frauen-deutschland-101.html

https://www.frauen-gegen-gewalt.de/gewalt-gegen-frauen-zahlen-und-fakten.html

https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/260339/gewalt-gegen-frauen

https://www.rundschau-online.de/aus-aller-welt/femizid-wenn-aus-liebe-toedliche-gewalt-wird-28073808

https://diestoerenfriedas.de/femizid-und-das-ohrenbetaeubende-schweigen-der-gesellschaft-ein-wake-up-call/

 

Das Glück ist ein Vogerl

Zur Abwechslung mal etwas leichtere Lektüre, dachte das hilft mir beim einschlafen.
Der Buchrücken sagt: „Eine literarische Komödie über die Liebe und die Tücken der Unsterblichkeit“.
Nun ja die Liebe, spätestens seit Liv Strömquist wissen wir, das es damit nicht ganz so einfach ist.
Hier haben wir den Franz, dessen Name sehr sehr oft erwähnt wir diesem Buch, sowie auch die Namen der anderen Protagonisten und Protagonistinnen, der Musiklehrer ist, aber eigentlich lieber ein Rockstar wäre. Früher hatte er auch mal eine Band. Inzwischen versucht er mehr schlecht als recht, Kindern die Musik nahe zu bringen.
Er wohnt zusammen mit seiner Frau – die im Buch nicht gut weg kommt – und seiner Tochter in einem vererbten Häuschen. Finanziell sieht es nicht so rosig aus, auch ein Grund warum sich der Franz nicht um seine Rockstarkarriere kümmern kann.
In der Ehe krieselt es, aber der Franz hängt an seiner Frau, warum wird mir leider nicht klar, denn die Frau, sie heißt Linn und ist Übersetzerin, ist einfach nur nervig und einem Glücksguru hörig, für den sie im laufe der Geschichte auch anfängt zu arbeiten. Die beiden, also Franz und Linn wollten eigentlich zusammen einen Workshop besuchen, aber da fingen die Probleme dann erst richtig an.
Eine Tochter gibt es auch, die pupertiert und hat es auch nicht einfach mit den viel beschäfigten Eltern und als Lehrerkind.
Nach einem Unfall sieht der Franz plötzlich einen Geist und fragt sich ob er jetzt ein Burnout hat.

Die beiden Herren machen sich dann gemeinsam auf eine Reise, also Franz und der Geist, und es ist einiges los in der Geschichte. Mich erinnert der Schreibstil sehr an meine Jugend, in der ich gern Christine Nöstlingers „Gretchen Sackmaier“ las. Das kommt vielleicht daher das die Autorin Ingrid Kaltenegger in Salzburg aufwuchs. Sie trifft den Ton aufjedenfall gut, man muß es halt mögen. Insgesamt ganz gute und leichte Unterhaltung mit einem positiven Ende. Also etwas zum entspannen. Allerdings ist mir die Rollenverteilung dann doch etwas zu konservativ und alles etwas zu vorhersehbar.

Die Autorin ist übrigens die nächsten Monate auf Lesereise.

Der Titel der Geschichte geht auf ein Lied zurück, welches auch eine wichtige Rolle im Buch spielt, hört doch mal rein:

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Ingrid Kaltenegger
Das Glück ist ein Vogerl
Hoffmann und Campe
20,- €

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Ingrid Kaltenegger, geboren und aufgewachsen in Salzburg, ist Schauspielerin und Drehbuchautorin. 2015 wurde ihr Text Punks Not Dead mit dem Deutschen Kurzkrimipreis ausgezeichnet. Ingrid Kaltenegger lebt mit ihrer Familie in Köln. Das Glück ist ein Vogerl ist ihr erster Roman.

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Wer gern Vögel mag, der schaue doch mal auf meinen Handarbeitsblog, dort ist ein nettes Osterküken gelandet, inklusive Link zur Anleitung.

Der Ursprung der Liebe – Liv Strömquist zum zweiten

Nach dem wunderbaren, einzigartigen und extrem empfehlenswerten Comic „Der Ursprung der Welt“ zur Kulturgeschichte der Vagina legt Liv Strömquist nach! „Der Ursprung der Liebe“ heißt der neue Titel. Hammerharte Lektüre. Mir blieb doch manches Mal die Luft weg beim Lesen, und ich brauchte echt Pausen um den Inhalt stückchenweise zu verarbeiten. Einfach phänomenal, wenn man Dinge liest, die man sich auch schon oft gedacht hat, oder jemand sehr ähnliche Fragen stellt, wo man sich sonst recht allein fühlt mit seinen Ansichten. Aber auch ganz schön heftig wie es zu rattern anfängt bei so mancher Theorie, über die Liebe, das Verhalten in Partnerschaften, also Beziehungen zwischen zwei Menschen, hier vornehmlich Mann und Frau.
Bekannte Paare müssen herhalten, was sehr schlau ist, denn sie geben wunderbare Beispiele ab für alle möglichen „Fehl“tritte, und Liv zeigt uns eine ganze Menge, was so schief laufen kann.
Wie ist das mit der Liebe? Alles Biologie? Oder soziale Konstruktion?
Wir treffen Diana und Charles, Britney Spears und ihren Ehemann, Mr Big und Carrie aus „Sex in the City“ und noch viele viele andere Paare. Bekannt und unbekannt.
Hier merke ich, wie sich meine Auffassung stark unterscheidet – je nachdem ob Bauch oder Kopf grad involviert sind.
Mehr als einmal bleibt einem der Mund offenstehen, denn Liv haut echt so einige krasse Punkte raus, über die sich, glaube ich, so zumindest noch keiner getraut hat zu reden. Wie z.B. die Thematik, daß selbst die furchtbarsten Männer, auch wenn sie Pflegefälle sind, viel jüngere und sehr liebevolle oder zumindest fürsorgliche Frauen bei sich haben. Was im Umkehrschluss kaum vorkommt. Wusstet ihr, daß Nancy Reagan ihren dementen Mann noch bis zum Ende pflegte? Oder auch Hemingway (sehr tragische Familie die Hemingways), der von seiner 4. Ehefrau lange Jahre betreut wurde. Was bringt nur all die Frauen dazu? Der krasseste hier aufgezählte Fall ist Oona Chaplin, viele Jahre (36) jünger als Charles, pflegte ihn über 30 Jahre lang… wow!

Das Buch ist 130 Seiten stark. Viel Inhalt, unterteilt in einige Kapitel, die aber recht fließend ineinander übergehen. Im ersten Kapitel geht es zuerst um Fernsehserien, die allen den gleichen Klischees folgen und so ein Rollenverständnis fabrizieren/wiederholen, was sich eben durch diese Serien und ihre Zuschauer extremst potenziert. Auch dadurch, daß darüber gelacht wird. Wenn man, gerade als Frau da mal genau hinschaut, sag ich nur: Wut ahoi!

Warum landen wir in solchen Arrangements? Sprich Paarbeziehungen und Ehen. Diese sind oft sehr sehr einseitig und immer wieder ähnlich aufgeteilt. In Frauen die Fürsorge geben und Beziehungsarbeit leisten und Männer, die da sind, aber weder das gleiche tun, noch groß etwas eigenes wirklich in die Beziehung einbringen, und nennen das dann Liebe? Ich denke wir werden es alle kennen. Auch wenn es natürlich positive Ausnahmen gibt.

Ich habe mich in den letzten Jahren oft gefragt was eigentlich Liebe wirklich ist. Heute sage ich: Echte Liebe gibt es für mich nur an ganz wenigen Stellen – die Liebe eines Kindes was seine Eltern bedingungslos liebt kann ich z.B. nur noch biologisch betrachten – es ist und bleibt ein hochabhängiges Verhältnis, denn das Kind ist  angewiesen auf die Zuwendung, um zu überleben -, …. denn das was wir gemeinhin Liebe nennen, hat meist viel mehr mit Erwartungen und Bedürfnissen zu tun. Oder, wie Liv eben auch aufzeigt, mit Biologie und Prägung, und nicht mit Freiheit.
Echte Liebe basiert aber auf Freiheit. Wir in unserem Zeitalter, die wir an die Liebesheirat glauben, und viele Menschen viel Energie und Geld investieren in dieses ominöse Liebesding – so von wegen „du bist mein ein und alles“ (Hilfe!), hören sowas natürlich nicht gern. Erst macht dich die Biologie schwach und dann springt deine soziale Konditionierung an. Wie oft geht es z.B. um Macht?
Wo mir das schon immer arg aufgestoßen hat, das ist die Popkultur – diese ganzen Songs und Bücher, in denen sich alles um die eine wahre Liebe dreht, sind für mich nur verstörende Versionen symbiotischer Abhängigkeiten. Und mir ging das schon in meinen 30ern mega auf den Senkel. Drama Drama und alle finden es toll. Auch darauf geht die Autorin ein. Und ja, na klar ist richtiger Liebeskummer total beschissen und schlimm, aber sehr wahrscheinlich gar nicht mal so wegen dieser anderen Person.

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Liv Strömquist erklärt uns das alles, auch warum Mädchen auf Typen stehen, die sich nicht für sie interessieren und Jungs eher kein Interesse haben feste Beziehungen einzugehen. Nur kurz dazu: Drama bauscht schön auf – ich denke auch das kennt fast jede*r. Was das alles mit Sexualität zu tun hat? Auch das wird erklärt. Es geht um das Konstrukt der Ehe durch die verschiedenen Zeitalter, um Selbstbestimmung bzw. eben keine Selbstbestimmung, Eifersucht, Gewohnheitsrechte. Alte Freiheiten und neue Erfindungen. Liv erklärt uns kurz das Patriarchat und was Liebe mit Marktwirtschaft, Macht und Religion zu tun hat, sehr genial! Augenöffnend! Die Dekonstruktion dessen, was gemeinhin als Liebe verstanden wird …und findet dann doch zum Schluß etwas Versöhnliches. Und wünscht uns viel Glück.
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Ja es gibt eine Menge zu bedenken, vieles zu hinterfragen und es heißt den vielleicht schon gespürten Zweifeln wirklich Raum zu geben und sich dann etwas Zeit zu nehmen das alles auch zu verdauen. Dieses Paarkonstrukt ist wirklich eine recht unglückliche Erfindung, vor allem für Frauen. Chuck Spezzano sagte schon so schön: „Wenns wehtut ist es keine Liebe!“ Also Achtung.

Wer weiß, vielleicht gehts ja dann im nächsten Buch um das Scheitern der Idee der Kleinfamilie, auch ein echt wichtiges Thema, das im Untergrund schon länger gärt. Wir werden sehen 😉 Jetzt erstmal ran an den „Ursprung der Liebe“.

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Liv Strömquist
Der Ursprung der Liebe
Avant-Verlag
20,- sehr gut angelegte €

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Liv Strömquist, geboren 1978 in Lund, Schweden, ist eine der einflussreichsten feministischen Comiczeichnerinnen. Die studierte Politikwissenschaftlerin zeichnet regelmäßig für unterschiedliche schwedische Magazine und Zeitungen. Ihre Buchveröffentlichungen befassen sich mit sozialen Fragen.

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Interview:
http://www.deutschlandfunkkultur.de/liv-stroemquist-ueber-geschlechterklischees-ehefrauen-die.2156.de.html?dram:article_id=411687

Artikel:
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/der-ursprung-der-liebe-von-liv-stroemquist-unfassbar-witzig-a-1195140.html

Das Rauschen in unseren Köpfen

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Wie ich finde ein wirklich wunderschöner Buchtrailer. Sanft, leise plätschernd, klar und ungekünstelt.

Leider konnte ich diesen Sound im Buch nicht finden, was mir fast schon ein wenig Leid tut, da ich der Autorin auch auf Instagram folge und sie ziemlich sympathisch finde. Ein wenig anders, eine Type eben. Doch das Buch hat mich nicht mitgenommen, ganz im Gegenteil hat es mich Kraft gekostet weiterzulesen. Und am Ende habe ich die Seiten nur noch überflogen. Vielleicht auch ein Rhythmus der Gegenwehr. Denn nach dem sich die Protagonistin und der Protagonist gefunden haben geht alles wieder auseinander, wie ein zu flüssiger Kuchenteig, der endlos verläuft, in der undichten Kuchenform.
Lene und Hendrik. Es beginnt sehr schön, und nach und nach erfährt man etwas über die Vergangenheit der Figuren, vor allem über Hendrik. Seine Geschichte blättert sich auf, und scheint ihn bis heute zu verfolgen. Schweres Gepäck. Für Lene nicht gut auszuhalten. Und für die Beziehung vielleicht zuviel. Und am Ende zeigt sich das Versprechen nicht gehalten werden können. „Wir kriegen das hin“…
Oder eben auch nicht.

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Erstaunlich dick das kleine Buch. Eine praktische etwas kleinere Größe, als sonst die Bücher haben, es liegt ungemein gut in der Hand. Ich bin immer noch erstaunt, das Buch hat über 200 Seiten.
Benedict Wells wird auf dem Buchrücken zitiert. Die Sprache von Svenja Gräfens sei kunstvoll und von eigentümlicher Schönheit. Ich finde es klingt an den guten Stellen nach Poetry Slam oder auch Spoken Words (eine ähnliche Sache wie Poetry Slams nur realer, echter, weniger lustig). Ja vielleicht hätte es gereicht 2,3 Poetry Slam Texte zu dieser Geschichte zu schreiben anstatt ein ganzes Buch?
Oder vielleicht ist das einfach eine andere Generation der ich nicht mehr so ganz folgen kann. Ich denk daran wirds liegen.

Meins war es nicht.

„Das ist kein Glück, wenn nie etwas passiert, das kann doch gar kein Glück sein. Wenn immer alles gut geht… „

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Svenja Gräfen
Das Rauschen in unseren Köpfen
Ullstein Verlag

16,- €
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Die Schlange von Essex

Mit der „Schlange von Essex“ gewann Sarah Perry 2017 den britischen Buchpreis für den besten Roman und das Beste Buch insgesamt. Leider habe ich keinen Vergleichswert was britische Bücher angeht. Das Wissen um den Preis hat mich aber angehalten dabei zu bleiben, denn ich wahr mehrfach versucht das Buch wegzulegen. Es ging mir zu langsam vorwärts und schien mir in mancher Hinsicht zu leicht vorhersehbar.
Eine Stärke des Buches sind sicher die Schilderungen der Atmosphäre und der Landschaft von Essex.
Die Geschichte plätschert so ein wenig vor sich hin.
Cora, eine junge Mutter, verliert ihren Mann durch Krankheit. Für Sie ist es ein Befreiungsschlag. Wir Schreiben das Jahr 1893. Sie und Ihr Sohn, der vermutlich Autist ist, ziehen für eine Weile aufs Land. Cora hat eine ganz große Schwäche für Fossilien und liebt es in der Erde zu wühlen. Dabei haben Sie eine Begleiterin, die sich um beide kümmert – wach, sozial engagiert und ein wichtige Stütze für beide. Überhaupt mag ich die Frauen, die hier viel Platz einnehmen, sehr. Durchaus kann man bei einigen von emanzipierten Personen sprechen.
Es gibt dann noch 2 Nebenfiguren, deren Rollen mir nicht so ganz klar wurden, ich fand Sie bisweilen etwas nervig. aber wir erfahren durch diese beiden etwas über die Chirurgie der damaligen Zeit.
Die Beziehung aber, um die sich der Hauptteil der Geschichte dreht – also außer der Beziehung zur Landschaft von Essex – ist die Beziehung zwischen Cora und dem Pfarrer des kleinen Örtchens auf dem Land. Aldwinter.
In der Beschreibung lesen wir das es besonders um die zwei Einstellungen der beiden gehen soll. Der Religion und der Wissenschaft. das tut es durchaus, aber der Pfarrer ist doch ein ziemlich offener Geist und jung genug um sich mit neuen Denkansätzen zu befassen. So wurde ich dann diesbezüglich ein wenig enttäuscht.
Am Ende ist einiges verloren gegangen, hat sich anders entwickelt als gedacht, und vieles scheint in der Geschichte Anfang und End e gefunden zu haben.

„Anmutig und intelligent“ erzählt… so heißt es auf dem Buchrücken. Mir hätte ein bisschen weniger Anmut ganz gut gefallen, ein bisschen mehr Spannung. Wobei die Küste schon sehr gut beschrieben ist und die Schlange von Essex wohl die größte Überraschung bietet, neben dem leichten Grusel und der Aufregung, welche die Bürger überfällt. Und das sehr gut zu spüren ist durch die Zeilen.
Ach und um Liebe geht es auch, an vielen Stellen zwischen allen möglichen Personen, auf alle möglichen Arten.
Das Buch ist sicher eine ganz gute Abend- oder Urlaubslektüre. Nicht zu fordernd, nicht zu heftig, und durchaus unterhaltsam. Ich denke er braucht etwas um seine wirkung zu entfalten. Was der Autorin sehr gut gelungen ist, wie ich finde, Sie versetzt einen ganz wunderbar in eine andere Zeit.

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Sarah Perry
Die Schlange von Essex
Übersetzt von Eva Bonné
Eichborn Verlag, 24,- €

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Sarah Perry wurde 1979 in Essex geboren und lebt heute in Norwich. Ihr Roman Die Schlange von Essex war einer der größten Überraschungserfolge der letzten Jahre in England. Ausgezeichnet als Buch des Jahres 2016 der Buchhandelskette Waterstones, Gewinner des britischen Buchpreises 2017 für den besten Roman sowie für das beste Buch insgesamt. Der Roman war nominiert für den Costa Novel Award, den Dylan Thomas Prize, den Walter Scott, den Baileys und den Wellcome Book Prize.

Die Grüne Grenze

Ich machs kurz, meins war es nicht. Ich habs ziemlich lang probiert aber ich fand das Buch, soweit ich es gelesen habe, furchtbar träge. Im Buch geht es um ein Künstlerpaar, welches im Grenzgebiet der DDR wohnt und eine kleine Tochter hat. Die Mutter bzw. Schwiegermutter auch in der Nähe.
Unglaublich zäh wand sich die Geschichte, die sich im ersten Teil vorallem um den Mann und jungen Vater dreht.
Im nächsten Stück ging es um die kleine Tochter. Hier stieß mir sehr auf wie furchtbar altklug und wenig kindlich dieses Mädchen dargestellt wurde. Das ist mir auch bei anderen Büchern und Schilderungen von Kindern schon aufgefallen, das so etwas selten gelingen.
Wenn ihr positive Beispiele habt schreibt mir doch etwas in die Kommentare.

Eigentlich hatte ich mich bezüglich der Thematik (DDR, Grenzgebiet, Geschichte) sehr auf das Buch gefreut, auch wenn ich irritiert war das es von einer US Amerikanerin geschrieben wurde. Was ja durchaus auch neugierig macht.
Ich hab jetzt leider nicht so ganz die Titel parat, aber kann es sein das das Thema grade sehr beliebt ist bei amerikanischen Autoren und Autorinnen? Ja manchmal hilft vielleicht der Abstand, wenn man also nicht involviert war, aber ich glaube hier nicht unbedingt. Vielleicht bin ich auch zu voreingenommen. Faszinierend ist die Geschichte der deutschen Teilung natürlich schon. Zu be_greifen allerdings recht schwierig wie ich finde.

Bei anderen scheint das Buch sehr gut anzukommen. Im unten verlinken Radiobeitrag wird es „poetisch“ geannnt – nun Poesie fand ich für mich nicht. Aber wie es eben so ist, die Empfindungen für Bücher bleiben subjektiv, auch wenn es sicher ein paar Eckpunkte gibt an denen man gute Bücher bzw. gute Geschichten festmachen kann. Ich denke es hätte durchaus bessere Kandidaten gegeben für die Nominierung zum Leipziger Buchmessepreis: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/preis-der-leipziger-buchmesse-isabel-fargo-cole-und-esther-kinsky-nominiert-a-1192423.html gegeben.

Mich wundert es immer noch das ich grade Bücher die für Preise nominiert sind oft gar nicht so mag. Und ja, leider kann ich hier keine Empfehlung aussprechen

http://www.deutschlandfunk.de/isabel-fargo-cole-die-gruene-grenze-poetische-landnahme-im.700.de.html?dram%3Aarticle_id=408757
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Isabel Fargo Cole
geboren 1973 in Galena, Illinois, wuchs in New York City auf. Sie lebt seit 1995 lebt sie als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Berlin. Ihr nominierter Roman „Die grüne Grenze“ spielt in Sorge, einem Dorf in der Sperrzone der DDR, in das ein junges Künstlerpaar 1973 zieht.

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Die Grüne Grenze
Edition Nautilus
26,- €

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https://www.volksstimme.de/kultur/literatur-amerikanerin-veroeffentlicht-harz-roman

Was verborgen bleibt

Mein erstes Buch von der „Frankfurter Verlagsanstalt“ – das sind die mit dem hübschen stilisiertem Elefantenlogo. Und der erste Roman der Autorin Britta Boerdner. Es hat mich gleich angesprochen, sicher auch wegen des schönen Covers, aber vor allem wegen der Geschichte.

Eine junge Frau reist ihrem Freund hinterher, der gerade dabei ist beruflich Fuß zu fassen. Und das in der Ferne, in Amerika. Weit über dem großen Teich.  Bei ihm hat es einfach zuerst geklappt. Sie hatten ausgemacht, vor längerem schon, daß der, der es zuerst schafft, den anderen sozusagen nachholt. Der Freund, Gregor heißt er, hatte Glück gehabt.

Nun ist sie also angekommen. Sieben Monate zwischen dem wir. 6000 km zwischen hier und dort. Wir begleiten die Ich Erzählerin durch die Tage in der großen Stadt, die nicht benannt wird, aber ständig beschrieben. Details, Orte, Besonderheiten. Sie kennt sich aus, das merkt man sofort, sie war schon mal da. Es gab gemeinsame Tage und es gibt gemeinsame Erinnerungen, eigentlich. Die Erzählerin will die Stadt nun zu ihrem neuen Zuhause machen, bald will Sie Ihre Leben in Deutschland in den Container packen und mit Ihrem Freund in Amerika neu anfangen. Bemüht sich alles anzueignen streift sie Tag um Tag durch die Straßen. Ich spüre die Liebe und die Vorfreude auf das kommende in den Zeilen, die wachen Augen lassen mich teilhaben. Ich darf den Gedanken lauschen.
Eendlich kann er umgesetzt werden der Plan, nach dieser langen Zeit der Entfernung. Alles ist bereit. Aber etwas kommt trotzdem nicht in Fluß. Und das ist die Beziehung zwischen der Erzählerin und ihrem „Freund“. Drei Wochen haben Sie Zeit sich wieder anzunähern. Aber sie erreicht ihn nicht, er ist schon so angekommen in der Stadt, hat ein eigenes Leben. In der zukünftigen gemeinsamen Wohnung scheint kein richtiger Platz für Sie zu sein.

Es ist schon eine Weile her das ich das Buch gelesen habe, aber sobald ich es wieder aufschlage und anfange zu lesen, fließt die besondere Atmosphäre mir entgegen. Es ist selten, daß mich Bücher („Die Entdeckung der Langsamkeit“ und „Die Zwillinge von Highgate“)  so in ihrem eigenem zeitlichen Fluß, in diesen ganz besonderen Rythmus mitnehmen. Wirklich kunstvoll geschrieben… wobei das Wort fast zu hart ist um die Schreibweise von Britta Boerdner zu beschreiben.
Die Erzählerin tastet sich vor, auf eine Art geschmeidig, aber auch scharf beobachtend, achtsam und dann immer mehr mit diesem inneren leisen Alarm. Ich spüre wie die Kraft nachlässt und die positive Energie mit der Sie gelandet ist. Sie findet keine Resonanz…

„Was verborgen bleibt“ war eine wirklich wunderbare Entdeckung am Ende des Jahres und kommt mit auf meine Best-of-2017 Liste. Und auf die Liste der „wieder zu lesenden Bücher“.
Ein Zusammentreffen von Neuanfang und Abschied. So lang geplantes und gewünschtes was nach und nach vollkommen in der Vergangenheit verschwindet im Winter in der großen Stadt. Auch wenn es kalt und düster ist auf eine Weise, habe ich immer wieder das Bild der gleißenden Sonne an einem weißem Wintertag vor Augen. Eine tolle Frauenfigur, eine wunderbare Erzählung und eine Autorin, auf deren weiteres Werk ich sehr gespannt bin.

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Britta Boerdner
Was verborgen bleibt
Frankfurter Verlagsanstalt
Erschienen 2012, 160 Seiten, 18,90 €
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Information von der Verlagsseite: Britta Boerdner, geboren in Fulda, studierte nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin Amerikanistik (das spürt man im Buch), Germanistik und Historische Ethnologie. Ihr Debütroman »Was verborgen bleibt« erschien 2012 bei der FVA. Für »Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam« (FVA 2017) erhielt sie das Inselschreiber-Stipendium der Sylt Foundation und das Stipendium des Hessischen Literaturrates in der Emilia Romagna. Britta Boerdner lebt in Frankfurt am Main.

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