Eine Körpergeschichte – Blogparade „Mein Körper (und ich)“

Martina von Camp Hammok erzählt etwas zum Thema Alter
Hier könnt ihr ihren Text lesen ->

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Mutterkörper – Muttergehäuse

„Muttergehäuse“, mein erstes Buch aus dem Kremayr und Scheriau Verlag aus Österreich, die eine sehr interessante Auswahl bei den Romanen haben.
Mich hat das Thema besonders interessiert; und die wunderbare Aufmachung des Buches hat mich sehr angezogen. Ist ja doch nicht so üblich, das Bücher so ein schönes Rundumpaket bilden. Übersichtliche Kapitel gliedern die Geschichte der Autorin.
Gertraud Klemm schreibt von ihrem großen Kinderwunsch. Sie hat einen Partner und ist im richtigen Alter und gut eingebettet in das soziale Leben. Überall um sie herum bekommen die Freunde Kinder. Wachsen zu Familien, werden aus Pärchen, Trios. Wunschkind. So sehr gewünscht. Aber es klappt nicht.
Mich hat das Thema gleich gepackt und auch die wunderbare „Schreibe“. Hab mich sofort festgelesen. Einiges kommt mir sehr bekannt vor, auch wenn meine eigene Situation doch anders ist. Manchmal fast lakonisch, aber ausführlich und die Ecken und Zwischenräume auslotend, wird erzählt wie das ist wenn es nicht klappt. Wieviel Fragen da entstehen. Wieviel Trauer, Schmerz und Abgrenzung da passiert. Wie tief das geht und was es alles so umfasst, wenn es einem nicht gelingt schwanger zu werden. Und wie dafür eine Erklärung gesucht wird. Immer mit einem Auge auch bei den Anderen, denen mit Schwangerenbauch, Krankenhauserfahrung und Kindern.
Das Muttergehäuse will wohl keine Mutter sein. Müßte es nicht Kindergehäuse heißen? Ja, bloß ohne Kind? Ist es ein Körper der nicht mitmacht, bei dem was eigentlich so verdammt natürlich erscheint. Also doch Muttergehäuse. Das Mütterliche ist schon da, und der Wunsch eben Mutter zu sein. Was fehlt ist das Kind.

Gertraud Klemm fand keinen Trost in Büchern, deswegen hat Sie das „Muttergehäuse“ geschrieben. Für die denen es auch so gut. Sich Verstanden fühlen hilft, da hat Sie absolut recht.
Hier ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Die Autorin und Ihr Mann beschließen zu adoptieren. Und das auch noch in Afrika. Der nächste Stolperstein fürs Umfeld.
Insgesamt bleibt die Geschichte aber ganz stark beim eigenen Körper und den eigenen Gefühlen und Gedanken. Das erscheint manchmal befremdlich, vor allem dort wo später das Adoptivkind vorkommt. Ist aber auch konsequent in der Form und ergibt eine runde Sache.
Zwischendurch immer wieder Seiten mit Traumnuancen. Hier bleibt man nicht an der Oberfläche, sondern dringt ins Innerste vor. Wir kommen der Autorin und der Thematik des Kinderwunsches sehr nah.
Ein gelungenes Buch, was sich trotz der Thematik gut lesen lässt.

***
Gertraud Klemm
Muttergehäuse
Kremayr und Scheriau
19,90 €
***

Gertraud Klemm (Autorin)

1971 in Wien geboren. Biologiestudium, Gutachterin bei der Stadt Wien, seit 2006 freie Autorin. Ihr zuletzt erschienener Roman „Aberland“ wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 nominiert. Etliche Preise und Stipendien, u.a.: Wiener Literatur Stipendium, Publikumspreis beim Bachmannpreis 2014

 

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Biografisches Schreiben – mein Onlinekurs

ab 18.8. biete ich einen 8 Wochen Online Kurs zum „Biografischen Schreiben“ an.
Jeden Freitag gibt es einen Schreibimpuls – zum Austausch eine kleine private Facebookgruppe.
Schreiben als Abenteuerreise zum Selbst ❤

Kosten: 160 €

Bei Fragen schreib mir einfach eine Nachricht.
Buchung unter info@karolinkaden.de

„Mein Körper (und ich)“ – 2. Beitrag

Heute geht es weiter, mit einem Gesundheitsthema. Monika Richrath ist
Eft Coach und hat eine Stoffwechselstörung über die Sie heute, auch im Zusammenhang mit Hochsensibilität erzählt.

zum Artikel: HPU und Hochsensibilität

 

Der gestrige Beitrag:

Der erste Beitrag ist von Nadine vom Blog Mutterfreu(n)de – ein Blog von 7 Freundinnen mit Kinderwunsch

„Mein Körper und ich“ und keine Waage

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Du kannst gern noch mitschreiben, meld Dich mit einem  Thema bei mir

madameflamusse@googlemail.com

 

Mehr Feminismus – ein Manifest

Chimamanda Ngozi Adichie, ein Name der inzwischen nicht mehr unbekannt ist, aussprechen kann ihn aber wahrscheinlich kaum einer von uns wirklich korrekt. Ich habe vorher von der Autorin das Buch „Americanah“ gelesen, ein wirklich toller Schmöker durch den ich neue Blicke auf Nigeria und Amerika werfen konnte und mir einiges bewußt wurde zum Thema Hautfarbe und unterschiedliche Kulturen.

Chimamanda Ngozi Adichie, eine Frauenstimme aus Nigeria. Schon allein deshalb sehr spannend, und weil sie einfach wunderbar schreibt. Sie schafft es mich in wenigen Sätzen abzuholen und in ihre Welt zu beamen. Sie bringt mir die nigerianische Kultur nahe, für mich heißt das ein neues Land zu entdecken. Ich mag ihre weibliche Selbstverständlichkeit und ihren Stolz. Genauso wie ihre klaren Worten und ihre Erzählungen die immer mitten aus dem Leben kommen und alltägliche und gerade deshalb wichtige Dinge ansprechen.
Auch wenn sie aus einer anderen Kultur kommt, gibt es einige Parallelen zu entdecken, auch wenn es in Nigeria ganz anders zugeht ist mir hier in Deutschland einiges bekannt von den zwischenmenschlichen Dingen, die in Ihren Texten eine Hauptrolle spielen. Ein tolle Autorin, die ich sehr empfehlen kann.

In „Mehr Feminismus“ geht es viel um ganz grundlegende Themen zwischen Mann und Frau, weiblicher Welt und männlicher Welt, um die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Sensibilitäten bzw. Scheuklappen was gewisse gesellschaftliche Muster angeht und ihre „Normalität“ angeht. Ich mag Ihren Feminismus, auch wenn ich grundsätzlich auch einiges am Feminismus kritisiere. Sie beschreibt vieles was Sie erlebt und beobachtet, von sich, Freunden, Familien, auf der Straße etc. und ich bin mega gespannt was Sie schreiben wird wenn Sie selbst vielleicht einmal Kinder hat. Ganz deutlich zeigt Sie Strukturen und Muster auf die immer noch zu wenig hinterfragt werden, aber Sie läßt uns auch den Raum uns unsere eigenen Gedanken darüber zu machen. Kein Zeigefinger, keine Belehrung, das ist auch ein Grund warum ich das Buch so gut finde. Ein großes Talent zum Geschichten erzählen. Und erstaunlich wie viele Geschichten in das kleine Heft reingepasst haben. Ein Kauf lohnt sich.

Im Buch enthalten ist die bekannte TedTalkRede, die ich hier untendrunter verlinkt habe und wo Ihr die Autorin zumindest am bildschirm erleben könnt. Was mag ich diese Frauen, mit dem gradne und starken Rückrat, einfach beeindruckend, die Frau Adichie.
Ganz klar für mich, hier möchte ich unbedingt weiterlesen.

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Chimamanda Ngozi Adichie

aus dem Englischen von Anette Grube

Mehr Feminismus

Ein Manifest und vier Stories

S. Fischer Verlag, 8 €

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Chimamanda Ngozi Adichie

Mehr Feminismus!

„Ein Manifest und vier Stories“

Aus dem Englischen von Anette Grube

Preis  8,00

 

Schlechte Gesellschaft

Ein Generationenroman sozusagen. Verschiedene Zeitschienen und eine Familie der Frauen. Die Autorin für mich eine Neuentdeckung und auch ihr erstes eigenes Buch. Ich frage mich was biografisches in der Geschichte steckt. Denn in „Schlechte Gesellschaft“ geht es um Papiere eines Schriftstellers, um seinen Nachlass. Und Katharina Born, die Autorin, hat selbst vor diesem Roman das Werk ihres Vater herausgegeben.
Im Roman gibt es eine Judith die auch sehr gern überraschend gefundene Papiere des Vaters verlegen möchte. Dieser Vater und sein schreiben, sowie sein Jugendfreund spielen eine wichtige Rolle im Leben der Frauen Judith, ihrer Mutter Hella und auch ihrer Tochter Alexia.
Am Anfang war ich nicht sehr begeistert schon wieder so eine Geschichte die ständig zwischen den verschiedenen Zeiten hin- und her springt, und ich hab auch zwischendurch immer mal vorblättern müssen, weil ich zu neugierig war wie die entsprechende Zeitschiene weiterging. aber ich muß sagen es war sehr spannend, das ganze Buch lang.

Ich kann gar nicht so genau sagen was mich an dem Buch so gefesselt hat. Es ist aufjedenfall sehr gut erzählt. Die Figuren machen neugierig. Man folgt auf einer Seite den Frauen durch die Jahrzehnte, und andererseits Andreas Wieland, einem Doktoranden, der eben die Papiere des Schriftstellers sozusagen entdeckt und großes vermutet.

Auch ein Ort, ein Dorf um genau zu sein, namens Sehlscheid spielt eine große Rolle – wie die Bühne im Theater präsentiert sich Schlußendlich alles hier. Das schwere Leben der bäuerlichen Vorfahren, die Verheiratung, das Gebären und sterben der Frauen. Das ankommen und heimkehren der Männer. die Nach- und Vorkriegszeit, die Verwandlung in ein Dorf erst voller Nationalsozialisten und dann voller Besatzer. Spät einkehrender Wohlstand. All die großen und kleinen Vergehen, Verbrechen, Kuppeleien werden hier aufgeführt. Zwischendurch gibt es immer wieder etwas heftige Szenen die mich als Leserin doch etwas mitgenommen haben.

Es ist schon erstaunlich was alles in diesem Roman erzählt wird und wieviele Personen die Autorin lebendig entstehen läßt. Wie Sie vieles kurz aber prägnant in den Raum setzt, der sich sofort füllt mit inneren Bildern. Richtig gut. Das Ende fand ich erst nicht so glücklich, aber als ich es verdaut hatte mußte ich schon sehr grinsen, wie das Leben eben manchmal so ist, nicht glatt, nicht gradlinig und wenig vorhersehbar.

Ein richtig gelungener Roman und freue mich auf weiteres von der Autorin.

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Katharina Born

Schlechte Gesellschaft

Eine Familiengeschichte

Hanser Verlag, 19,90 €

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Katharina Born, geboren 1973 in Berlin, deutsche Schriftstellerin, Journalistin und Herausgeberin. 2007: Literaturpreis Ruhr, 2008: 2. Preis des Dietrich-Oppenberg-Medienpreises der Stiftung Lesen für eine Rezension in der Jüdischen Allgemeinen, 2008: Georg-K.-Glaser-Preis des Landes Rheinland-Pfalz für die Erzählung Melsbacher Hohl, 2009: Ernst-Willner-Preis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt für die Erzählung Fifty-fifty, 2010 Jahrestipendium des Landes Niedersachsen

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Bild:

Katharina Born 2010 Copyright: Peter-Andreas Hassiepen

noch etwas persönliches über die Autorin:

http://www.deutschlandradiokultur.de/das-erbe-des-vaters.1153.de.html?dram:article_id=182436

 

Nicht diese Art von Mädchen – Lena Dunham

dscn7659Wild, schräg, ungeordnet, bisschen erschreckend auch… alles dabei bei Lena Dunham. Ich liebe ihre Serie „Girls“ und die wunderbaren Figuren. Auch wenn es nicht mehr meine Generation ist, aber sie erzählt viel, und das unglaublich befreiend und offen, was mir auch bekannt ist, und was ich so vorher nirgendwo gesehen habe. Nun war ich natürlich auf Ihr Buch extrem gespannt – manchmal fiel es mir schwer die Serie und ihr Erzählungen im Buch voneinander zu trennen. Sie spielt bei „Girls“ selbst die Hauptrolle und erzählt davon auch in „Not that Kind of Girl“.

Es macht auf mich den Eindruck als würde sie sehr ehrlich schreiben, und deswegen verzeih ich auch das ungeordnete, das abschweifen und das andere-Geschichten-dazwischen-werfen.

Sie ist neurotisch, hat jede Menge Gesundheitsprobleme, ist seelisch unbalanciert (kommt mir immer wieder mal bekannt vor), das aber in einem Maße, was mich doch etwas verstört zurückgelassen hat und zwischendurch schwierig war auszuhalten – also Achtung wenn Ihr selber da ein Thema habt, es könnte triggern, sprich etwas unangenehm anstoßen in eurem Inneren. auf der anderen Seite ist diese Ehrlichkeit wirklich erfrischen und fühlt sich einfach sehr authentisch an.

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Lena Dunham ist aber auch so schon alles andere als eine durchschnittliche oder gewöhnliche junge Frau. Ihr Eltern sind beide künstlerisch tätig und so wie es klingt ist sie recht unkonventionell, frei und geborgen aufgewachsen. Sie erzählt von ihrer Familie und ihrer Schwester, Ihren Freunden, Männern, Sex (tut mir voll leid das Sie da soviele miese Erfahrungen gemacht hat), dem schreiben, über das Kranksein, Medikamente und Drogen, Ihre Zustände, Ihre Versuche und ihrem Lebenslauf bis hin zum Feriencamp – ich mag es sehr und hoffe es gibt viele junge Frauen die Ihr folgen und es einfach wagen sie selbst zu sein und das auch auszudrücken.

Will gar nicht mehr schreiben, da ich nicht zuviel verraten möchte, lest es einfach selbst.

Ps.: Es gibt im Buch total schöne kleine Zeichnungen, die mich an meine Kindheit erinnert haben als ich großer Nöstlingerfan war:

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Lena Dunham

Not that kind of Girl

Was ich im Leben so gelernt habe

S.Fischer, 19,99 €

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Interview mit Lena Dunham

http://www.fischerverlage.de/interview/11_Fragen_an_Lena_Dunham/1718713

http://www.hollywoodreporter.com/features/goodbye-girls-as-lena-dunham-cast-execs-overshare-show-oral-history-970777

 

 

 

 

Schnell dein Leben

Schenk_25331_MR.inddSchwere. Gewicht.  Gewicht haben. Gewichtung.

Ein Leben das Gewicht hat, oder ein Leben welches schwer ist durch die Last…?

Wo bleibt die Hoffnung? Was macht das Leben eigentlich aus? Wo ist die Lebendigkeit und wo der Sinn?

Schnell, dein Leben“ – ja hier vergehen sie wie im Flug die Jahre eines ganzen Lebens.

Ein Buch wie eine Scherbe, bruchstückhaft, mit scharfen Kanten. Geschichten über Nachkriegskinder.

Eine Erzählung über einen Lebenslauf zwischen Frankreich und Deutschland, über die Sprache und das Schweigen. Über ein wenig Nähe und viel Distanz.

„Du wälzt dich noch lange in deinem Bett. Das Gefühl, nicht wirklich zu existieren, gründet vielleicht darin, dass du keine Geschichte hast, du hängst in der Luft wie eine erdlose Pflanze, du weißt nichts von der Herkunft deiner Mutter, und dein Vater scheint nicht wirklich zu seiner Familie zu gehören…“

Und genauso schreibt Sie auch die Erzählerin, bzw. so erzählt sie… ich weiß nicht ob die Erzählerin auch die Autorin ist – selbst 44 in Frankreich geboren, später nach Deutschland gekommen, wo sie knapp 30Jahre später anfängt auf Deutsch zu schreiben.

Seltsam modern die ganzen Fragen in dieser Nachkriegsgeschichte, Fragen die auch die Kriegsenkel heute haben. Und dann dieses „Du“ – was erst Abstand schafft zwischen Erzählerin und Geschichte oder vielleicht eben auch dieses „in der Luft hängen“ zeigt und am Ende doch beiträgt zu einer Art Identifikation für den/die Lesende(n).. das Du das kann auch Ich sein.

Du bist, Du tust, Du denkst… später noch ein er und ein Man

„Man soll leise, anständig und fromm bleiben, immer das Richtige tun, das Richtige wird von den Eltern vorgegeben..“

Schlußendlich scheint es mir keine Freiheit zu geben in dieser Geschichte.

Das Du, ein Mädchen, aufgewachsen in den 50igern im ländlichen Frankreich, schafft es als junge Frau entfernt von der Familie zu studieren. Sprache, Literatur sind ihre Themen. Aber auch das Miteinander, Freundschaft, Liebe, das Leben als Frau. Sie lernt neue Menschen kennen, neue Musik, andere Arten zu leben.  Ein junger Franzose mit schweren Gewichten und ein deutscher Austauschstudent haben es Ihr angetan. Es geht viel um die Beziehungen untereinander, um Freundschaft, das freie Leben, die Vergangenheit. Um die verschiedenen Gewichte, die sichtbaren und die unsichtbaren. Und um den Weg ins Leben und die Zukunft.

Später heiratet Sie, noch sehr jung, nach Deutschland. Und lernt dort nach und nach die deutsche Familie ihres Mannes kennen. Das Leben geht seiner Wege. Geschichten werden sichtbarer, Menschen verändern sich, es gibt Nachwuchs, Veränderungen und doch bleiben die Dinge irgendwie in ihren Rahmen gefügt.

„Äußerungen werden überhört, Traurigkeit ist ungehörig, Klagen sind eine Todsünde..“ das kenne sicher sehr viele von uns. Ich denke ein großer Schritt ist es das so erstmal wirklich zu erkennen.

Ein schweres Buch – eines mit Gewicht. – zur Unterstützung in kleine Kapitel aufgeteilt

dscn7402Skizze „..auf das Gesicht der Mutter, das sich schüttelt und abwendet…ihr, die Mädchen seid die Zeltheringe, ihr haltet euer Haus fest…“

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Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben

Hanser Verlag, 16,- €

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Was ich leider wieder bemängeln muß ist der Buchrücken und der Klappentext, die den Dingen in der Geschichte eine falsche Gewichtung geben.

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http://www.sylvie-schenk.com

Dresden revisited

dscn5742„Von einer Heimat die einen nicht fortlässt“ – lautet der leicht zu übersehende Untertitel.

Bei diesem Titel mußte ich zuschlagen, ich hab regelrecht drauf gewartet. Peter Richter schreibt über seine Heimatstadt Dresden. Selbst ist er wohl seit über 25 Jahren nicht mehr hier ansässig und lebt als Korrespondent in Amerika, genauer gesagt in New York (was mich ziemlich beeindruckt). Und wie es so ist mit den Wirklichkeiten, just kam das Buch raus, war das Stück „89/90“, was auf einem seiner früheren Bücher mit dem selben Titel basiert, hier bei uns auf der Bühne.  http://www.staatsschauspiel-dresden.de/home/89_90/

Keine Frage, das dieses Buch von mir als in Dresden geborene, Zurückgekommene und hier Lebende gelesen werden mußte. Im Zuge der Überlegungen bin ich mir sehr unsicher ob ich mich als Dresdnerin sehe, wobei es mir immer wichtig ist zu betonen das ich hier geboren bin, und mich schon sehr viel mit diesem Ort verbindet, da sich für mich an dieser Stadt sehr viele meiner Themen festmachen. Oder vielleicht habe ich diese Themen auch gerade weil ich hier geboren bin?

Richters Buch ist Buch in 29 kurzen Kapiteln. Eine Art öffentlichen nachdenken auf 150 Seiten.

„Dresden revisited“.. also zusagen „wieder zu Besuch“, oder auch „zurückbesucht“… wurde meine Badewannenlektüre, sprich: Ein entspanntes Lesevergnügen. Ich mag den Ton, die Art, wie der Autor schreibt. Ein Mann in meinem Alter und einem so komplett anderem Leben. Natürlich ist auch sein Blick auf die Stadt ein anderer als meiner – das ergibt sich schon daraus das er seine Kindheit im schicken grünen Stadtteil verbracht hat, mit viel Freiheiten wie es scheint, und ich meine sozusagen unten im grauen smoggeschwängertem Tal, und damals eher in staatlichen Einrichtungen als im Wald.

Auch wenn es eine angenehme und leichte Lektüre war, gibt sie viele Anstöße und eröffnet mir eben nochmal andere Zugänge und Blickwinkel. Ein anderes Dresden. Trotzdem ergeben sich am Ende gleiche Ergebnisse im Denken. Ich hab soviele Eselsohren gemacht, ich könnte glatt ein Antwortbuch schreiben. Was leider unklar bleibt für mich ist, welcher Teil des Buches aus der gehaltenen Rede besteht, aus der das Buch hervorging. „Dresdner Reden“ heißt die Reihe, die ich persönlich nicht weiter verfolge. Hätte mich aber schon interessiert in diesem Fall. Ab ca. Seite 100 schwächelt es etwas und wird mir auch etwas schwammig aber am Ende – beim Bogen Dresden-Deutschland- Amerika holt er das wieder raus.

Das Buch ist ein sehr persönliches, die Sicht auch privilegiert, aber sich ernsthaft auseinandersetzend. Hinzu kommen die Vergleiche mit Peter Richters aktueller Lebenswelt – dem heutigen Amerika, besonders am Ende – durchaus interessant. Die Seiten über die Bewegung der Pegidisten scheinen mir schon etwas veraltet, hat man sich doch schon lang damit befaßt, die Bewegung wurde nun auch schon 2 Jahre alt, aber ja, sie gehören wohl jetzt dazu wenn man von Dresden spricht, grade die letzten Monate ist mir diesbezüglich doch eine regelrechte Sachsenbeschimpfung aufgefallen – die einfach sehr verallgemeinert, und in dieser Hinsicht kann es auf keinen Fall schaden über das Thema zu sprechen bzw. schreiben – und das macht er auch differenziert und detailliert.

Besonders spannend waren für mich einzelne Figuren die Richter aufführt, Abwanderungen zur Historie und zu Gesellschaftsthemen. Eine Lieblingsgeschichte ist die vom Bild „Der Raub der Töchter des Leukippos“ von Rubens die er aufführt um zu erklären wie kippelig doch so ein Image einer Stadt sein kann. Wobei es doch wirklich je nach Person immer ein anderes Dresden sein wird. Geschichtlich hat Peter Richter so einiges zu erzählen, und ich hoffe das diesbezüglich noch ein Buch folgen wird. Ich würde sehr gern mehr von Ihm zur sächsischen Geschichte lesen.

Das Dresden was ich sehe ist oft sehr gemütlich, zu oft zu gemütlich – langsam, und veraltet, zuviele Beamte und zu viele entsprechend verkrustete Strukturen, zu CDUlastig, immer noch typisch Osten (Sozialisation), mit zu vielen Westlern an den höheren Stellen. Zu einseitig oft was die Förderung von Kultur und Kunst angeht. Zu sehr auf das Alte besonnen – wir haben nur einen festen geförderten Platz für moderne Kunst – ein kleines Haus in der Rähnitzgasse, übrigens ein sehr schöne Ecke unweit vom goldenem Reiter – der frisch poliert das Ende der Hauptstraße und die Grenze der Neustädter Seite anzeigt, bevor es Richtung Barock und Altstadt über die Elbe geht. Ein weiteres stark gewachsenes Projekt, die Ostrale sieht wohl gerade ihrem Umzug entgegen da die Stadt Dresden es nicht fertig bringt ein geeignetes Stück Fläche zur Verfügung zu stellen. Der Sozialabbau (z.B. Bildungs- und Frauenprojekte etc.) ähnlich wie in anderen Städten, Politik für die mit Kohle, ist jetzt nicht so Dresden typisch, aber auffällig in unserer hübsch sanierten Stadt(mitte). Spaltung zwischen Arm und Reich wird auch hier immer deutlicher. Und immer noch weht einwenig der Wind des Tales der Ahnungslosen über uns, wie mir scheint, grad so im Vergleich mit Leipzig oder dem hippen Berlin, welches auch seine Rolle spielt im Buch.

In meiner Kindheit war die Altstadt schwarz, verbrannt, Reste aus dem Krieg zwischen den viereckigen Ostbauten. Heute strahlt alles längst frisch saniert und lockt die Touristen an. Es ist schön geworden keine Frage, und inzwischen bin ich auch mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche versöhnt. Besucher aus anderen Städten loben die Weitläufigkeit, ich hab beim Wiedereinzug Grünes vermisst. Wir haben ein sehr gute ausgebautes Nahverkehrsnetz (mit wenigen Schwachstellen) und nun soll auch endlich mal was für die Radfahrer gebaut werden.

Eine gewisse Liebe ist nicht zu verleugnen, und es ist wunderschön, grade am frühen Abend auf der Brühlschen Terrasse zu flanieren, wenn man Glück hat spielt jemand Jazz um die Ecke, die Aussicht und das Panorama sind immer wieder, ein Hochgenuß. Der Große Garten, das „neue“ Hygienemuseum, die Elbe und die Heide. Und für mich sehr wichtig die lebendige wuselige Neustädter Ecke mit viel Subkultur – also die junge Seite, die Peter Richter auch erwähnt und die auch zu Dresden gehört, allerdings muß sich da wohl noch etwas mehr Raum erobert werden.

Ich weiß nicht wie das Buch für Menschen wäre die Dresden nicht kennen, ich mag es sehr. Ein kluges, feines, spannendes und auch humorvolles Buch.

Hier noch einen ergänzenden Link zu einem Radiointerview.

http://www.deutschlandfunk.de/peter-richter-dresden-revisited-das-ist-kein-nest-von-alten.700.de.html?dram%3Aarticle_id=364665

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Peter Richter

Dresden revisited

Von einer Heimat die einen nicht fortlässt

Luchterhand Verlag, 18,00 €

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eine andere Rezension:

http://www.kulturernten.com/peter-richter-dresden-revisited/

 

 

… und über uns kein Himmel

dscn6401Geschichte und Psychiatrie im Comic. Krasses Thema, krasses Buch. Ein Baby, das beim erweiterten Suizidversuch der Mutter  im Jahr 1935 überlebt und fortan in Heimen, Pflegeanstalten und Kliniken untergebracht wird. Ein Junge, sein Name Fritz Blume.

Der Zeichenstil hat mir erst gar nicht gefallen, aber die Geschichte ist so heftig, dass die kantigen Zeichnungen irgendwie doch sehr gut dazu passen. Es hat mich sehr ergriffen. Ich habe schon einiges gelesen und gesehen über Heime in der Zeit des Nationalsozialismus. Das Thema ist ja heute nicht mehr ganz unbekannt, das Menschen sehr schnell als sogenanntes „unwertes“ Leben klassifiziert wurden, oder sagen wir lieber, diesen Stempel aufgedrückt bekamen, um dann in Erziehungsheime und Anstalten geschickt zu werden. Viele wurden getötet, gequält oder zwangssterilisiert.
Zucht und Ordnung im allerschlimmsten Sinne, macht Fritz von Anfang an durch. Mit schlimmster Brutalität, und das oft auch noch von Christen/Nonnen, die regimetreu in den Erziehungsanstalten ihre uneingeschränkte Macht und Gewalt auslebten, selbst den Kindern und auch den Kleinsten gegenüber.
Weil die Mutter sich und Ihre Kinder töten wollte, wird sie als kranke Person eingestuft und somit auch ihre Kinder als krank definiert – der Hintergrund spielte damals keine Rolle. Es gibt kein Entkommen für Fritz.

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Was mir nicht bewusst war ist, dass auch in sogenannten Waisenhäusern so schlimm mit den Kindern umgegangen wurde – aber es vermischt sich später, weil Fritz als „gestört“ angesehen wird.  Getötet wird er nicht, wie viele seiner Kameraden, und er überlebt alle Misshandlungen und Quälereien. „Ausmerzen durch Hunger und Arbeit hieß das Programm der Nazis“ – wenn das mal alles gewesen wäre. Aber es war viel schlimmer. Seine Arbeitskraft wird schamlos ausgenutzt und hier finden sich Methoden der weißen Folter – Folter die man den Menschen nicht ansieht. Als er etwas größer ist, kommt er zu einem Bauern, und dort vom Regen in die Traufe. Aber er begegnet hier einer Kuh, der es genauso geht wie Fritz und hier erlebt er das erstemal Zuneigung. Sehr berührend….

Als der Krieg vorbei ist – er spielt im Buch keine Rolle –  geht es genauso weiter wie zuvor.

Was diese Grafik Novel sehr besonders macht, ist dass hier tatsächliche Personen vorkommen und es ein echter Lebenslauf ist. Wirklich beklemmend. Und für mich immer noch und immer wieder schockierend, wie die alten Nazis nach dem Krieg einfach weitermachen konnten. Meistens an den vorherigen Arbeitsstellen, oft gar mit Beförderung nach dem Entnazifizierungsprogramm – unfassbar. Echte Beispiele werden hier aufgeführt. Die Geschichte basiert auf autobiografischen Schriften von Fritz, der nicht schwieg.

Ärzte und Pfarrer, bis in die 1950iger, 1960iger Jahre hinein, bis zur Rente, durften Sie unbehelligt weitermachen, auch wenn sie an Menschenversuchen beteiligt waren – auch das nicht neu. Irgendwas ist da so verdammt schief gelaufen. Und wenn man sich dann vorstellt, welche Nachfolger von ihnen ausgebildet wurden, dann weiß man, wie weit der Nationalsozialismus mit seinen kruden Ansichten in das Leben heute hineinreicht. So war es nicht nur in der Medizin und Pflege/Erziehung der Fall sondern durchaus auch gern in Behörden oder den Schulen. Das hat starke Auswirkungen, vor allem wenn wir auf das Menschenbild schauen, welches die Nationalsozialisten verbreitet haben und welches heute in unseren Systemen immer noch stark zu erkennen ist. Es geht immer um gesellschaftliche Normen, damals und heute. Auch nach dem Krieg verschwanden immer wieder nicht passende junge Menschen in Heimen – die DDR hat da auch noch eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Die Opfer kämpfen heute noch um Wiedergutmachung..

Die Geschichte von Fritz geht weiter, leider endet sie abrupt und man erfährt nicht so richtig, was aus ihm geworden ist, aber es gelang ihm wohl, sich ein Leben aufzubauen.

Die Konzentrationslager wurden befreit. Viele Kliniken und Heime, blieben noch Jahre nach Kriegsende, so wie sie waren. Keiner kam und befreite die gequälten Seelen. Unfassbar traurig.

Der Geschichte geht eine kurze Einleitung zum Thema voraus und folgt ein langes und interessantes Nachwort, welches den Bogen bis heute schlägt; allerdings hätte ich mir hier weniger Fachtermini und eine einfachere Sprache gewünscht, um für jeden Leser verständlich zu sein.

Wenn wir denken das ist heute vorbei, so liegen wir falsch. Vieles erlebt ein Comeback. Es kommen wieder mehr bestimmte starke Medikamente zum Einsatz und für unpassende Kinder gibt es heute die Diagnosen wie ADHS. Viele Kinder werden mit dem gefährlichen Ritalin behandelt, welches oft heftige Nebenwirkungen hat.
Das ganze geht aber noch viel weiter mit der modernen Forschung – welches Menschenbild haben wir, und was liegt dem Zugrunde, sehr schön zusammengefasst und sehr lehrreich im Nachwort zur Sprache gebracht.

Ein wichtiges Buch!

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Robert Krieg/Daniel Daemgen
…und über uns kein Himmel
Graphic Novel

95 Seiten, 14,90 Euro

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von Gerda wurde ich auf einen weiteren Fall aufmerksam gemacht: http://www.zeit.de/1964/08/der-merkwuerdige-fall-heyde

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