Zwei Schwestern

Petra Oelker erzählt in „Zwei Schwestern“ von der Reformationszeit in Hamburg – passend zum Lutherjahr.
Vor diesem Hintergrund läßt Sie das Leben damals so wunderbar lebendig werden und erzählt von zwei sehr unterschiedlichen Frauen, deren Leben sich erstmal kaum berührt. Die eine noch jung, schon als Kind ans Klosterleben gewöhnt und als Nonne bislang gut aufgehoben in einem katholischem Orden, der nicht mehr lang Bestand hat, denn die Hamburger Bürger haben sich entschlossen der Reformation zu folgen. Die andere Frau schon alt, verwitwet und durchaus wohlhabend, lebt in einem eigenem Haus auf dem Hof des Sohnes und folgt für damalige Verhältnisse sehr der eigenen Nase. Beides sehr sympathische Figuren, die es trotz des relativen Wohlstands, als Frauen zu dieser Zeit, nicht einfach haben.

Nach diesem Buch bin ich entgültig ganz großer Fan von Frau Oelker und finde es außerdem sehr schön das Rowohlt das Büchlein festgebunden mit Leinenrücken und einigen kleinen Zeichnungen herausgegeben hat. Liebevoll gesetzt – die kleinen Details machen einfach was aus. Ein wirkliches hübsches Geschenkband. Ich hatte letztes Jahr dieses Buch hier schon vorgestellt – ein richtig dicker historischer Schmöker.

Man könnte meinen die Geschichte wäre leichte Unterhaltung, aber ich lese durchaus eine kritische Stimme durch die Zeilen hindurch, was das Buch noch gehaltvoller und runder macht. Hier wird nichts beschönigt, sondern die Zeit meiner Meinung nach sehr lebensecht aufgezeigt. Ich war schon zwischendurch immer wieder sehr begeistert was alles in der Geschichte steckt. Die Erzählung beginnt 1533 im Mai. Wir erfahren viel über das Klosterleben, etwas über die Medizin der damaligen Zeit, über Heilpflanzen, über den Kaufmannsberuf, das Familienleben und eben die Vorgänge der Reformation und dem Frauenleben damals. Die Autorin ist dem Norden Deutschlands ganz treu, ich glaube ihre meisten Büchern spielen dort. Die Geschichte basiert auf Recherchen im Hamburger Archiv und einem dort gefundenem Testament. Welches auch am Ende des Buches eine wichtige Rolle spielt.

Ich hab so den Eindruck ich kann es gar nicht richtig wiedergeben was mich so fasziniert hat, aber es ist ein wirklich tolles Buch, man findet sich mitten in einer anderen Zeit wieder und fiebert mit den 2 Protagonistinnen mit, nebenbei bekommt man auch nochmal einen anderen Blick auf die Reformation, die leider auch sehr viel Zerstörungswut geweckt hatte … schon damals hatten die Menschen Schwierigkeiten neben dem einen auch etwas anderes zu akzeptieren.

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Petra Oelker

Zwei Schwestern

Rowohlt, 12,00 €

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Petra Oelker, Jg. 47, Autorin und Journalistin, hat schon sehr viel geschrieben und ist demnächst auch in Hamburg wieder live auf Lesetour zu erleben. http://www.petra-oelker.de/

Töchter einer neuen Zeit

Ein Hörspiel von der Autorin selbst gelesen, und das sehr gut. Die Lesung stimmt einfach. Die Geschichte umfasst eine lange Zeit vom Ende des 1. WK bis nach dem 2. WK. Es geht hauptsächlich um 3 Frauen und ihre Familien und natürlich um die Ereignisse dieser Zeit.

Sie sind welche von den Guten, wie meistens in diesen Geschichten aus dieser Zeit, das geht mir ehrlich gesagt so ein bisschen auf den Senkel bei solchen Erzählungen die den Nationalsozialismus streifen. Es gibt dort meistens sehr eindeutige Figuren. Schwarz oder Weiß. Trotzdem hat mich die Geschichte recht gut unterhalten. Allerdings hatte ich immer wieder das Problem die Frauen auseinander zu halten, so ganz hab ich den Überblick auch am Ende der Cd´s nicht gewonnen, und würde deshalb doch eher zum Buch raten oder zu einem sehr konzentriertem hören. Die Geschichte und Ihre Heldinnen finden aber sicher ihre Leser- bzw. Hörerschaft.
Die Box enthält 8 Cd´s mit einer Spielzeit von ca. 10h. Und leider nur ein sehr knappes Begleitblatt. Das hat mir eindeutig gefehlt, ein Begleitheft, wo man ja auch nochmal kurz die Hauptfiguren hätte vorstellen können. Im Mai erscheint nun der 2. Teil der Saga.

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Carmen Korn

Töchter einer neuen Zeit

Roman – Teil 1

Random House Audio

19,99 €

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Schlechte Gesellschaft

Ein Generationenroman sozusagen. Verschiedene Zeitschienen und eine Familie der Frauen. Die Autorin für mich eine Neuentdeckung und auch ihr erstes eigenes Buch. Ich frage mich was biografisches in der Geschichte steckt. Denn in „Schlechte Gesellschaft“ geht es um Papiere eines Schriftstellers, um seinen Nachlass. Und Katharina Born, die Autorin, hat selbst vor diesem Roman das Werk ihres Vater herausgegeben.
Im Roman gibt es eine Judith die auch sehr gern überraschend gefundene Papiere des Vaters verlegen möchte. Dieser Vater und sein schreiben, sowie sein Jugendfreund spielen eine wichtige Rolle im Leben der Frauen Judith, ihrer Mutter Hella und auch ihrer Tochter Alexia.
Am Anfang war ich nicht sehr begeistert schon wieder so eine Geschichte die ständig zwischen den verschiedenen Zeiten hin- und her springt, und ich hab auch zwischendurch immer mal vorblättern müssen, weil ich zu neugierig war wie die entsprechende Zeitschiene weiterging. aber ich muß sagen es war sehr spannend, das ganze Buch lang.

Ich kann gar nicht so genau sagen was mich an dem Buch so gefesselt hat. Es ist aufjedenfall sehr gut erzählt. Die Figuren machen neugierig. Man folgt auf einer Seite den Frauen durch die Jahrzehnte, und andererseits Andreas Wieland, einem Doktoranden, der eben die Papiere des Schriftstellers sozusagen entdeckt und großes vermutet.

Auch ein Ort, ein Dorf um genau zu sein, namens Sehlscheid spielt eine große Rolle – wie die Bühne im Theater präsentiert sich Schlußendlich alles hier. Das schwere Leben der bäuerlichen Vorfahren, die Verheiratung, das Gebären und sterben der Frauen. Das ankommen und heimkehren der Männer. die Nach- und Vorkriegszeit, die Verwandlung in ein Dorf erst voller Nationalsozialisten und dann voller Besatzer. Spät einkehrender Wohlstand. All die großen und kleinen Vergehen, Verbrechen, Kuppeleien werden hier aufgeführt. Zwischendurch gibt es immer wieder etwas heftige Szenen die mich als Leserin doch etwas mitgenommen haben.

Es ist schon erstaunlich was alles in diesem Roman erzählt wird und wieviele Personen die Autorin lebendig entstehen läßt. Wie Sie vieles kurz aber prägnant in den Raum setzt, der sich sofort füllt mit inneren Bildern. Richtig gut. Das Ende fand ich erst nicht so glücklich, aber als ich es verdaut hatte mußte ich schon sehr grinsen, wie das Leben eben manchmal so ist, nicht glatt, nicht gradlinig und wenig vorhersehbar.

Ein richtig gelungener Roman und freue mich auf weiteres von der Autorin.

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Katharina Born

Schlechte Gesellschaft

Eine Familiengeschichte

Hanser Verlag, 19,90 €

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Katharina Born, geboren 1973 in Berlin, deutsche Schriftstellerin, Journalistin und Herausgeberin. 2007: Literaturpreis Ruhr, 2008: 2. Preis des Dietrich-Oppenberg-Medienpreises der Stiftung Lesen für eine Rezension in der Jüdischen Allgemeinen, 2008: Georg-K.-Glaser-Preis des Landes Rheinland-Pfalz für die Erzählung Melsbacher Hohl, 2009: Ernst-Willner-Preis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt für die Erzählung Fifty-fifty, 2010 Jahrestipendium des Landes Niedersachsen

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Bild:

Katharina Born 2010 Copyright: Peter-Andreas Hassiepen

noch etwas persönliches über die Autorin:

http://www.deutschlandradiokultur.de/das-erbe-des-vaters.1153.de.html?dram:article_id=182436

 

Weibliches schreiben

Schon vor 2016 hat mich das Thema beschäftigt was ich eigentlich so lese. Wie ich feststellte war es viel amerikanische Literatur und vor allem Bücher die Männer geschrieben hatten. Franzen, Eugenides, Irving, Boyle, Murakami aber auch Suter, Schlink, Arjouni usw.

Mir fiel auf das ich wenig Literatur von Frauen las obwohl ich auch hier Favoriten habe wie Dörrie, Hustvedt, Allende, Niffenegger, Lewycka.

Dieses Jahr wurde ich wieder förmlich auf das Thema gestossen – es ging mehrfach um das weibliche Schreiben in den Büchern die ich las, Büchern von Autorinnen. Es ging vor allem aber auch darum wie Sie hintenanstehn mit ihrem schreiben, als Ehefrauen und Mütter und Assistentinnen des Mannes, mit eigentlich anderen Aufgaben bedacht.
„Die Ehefrau“ hat mir noch einmal nachdrücklich zu denken gegeben – hier wird davon gesprochen wie die Frauen im Literaturbetrieb in der zweiten Reihe stehen. Und das bestätigt sich für mich wenn ich dorthin schaue wo es Wettbewerbe und Preise gibt, Literaturzirkel und andere Öffentlichkeiten. Ich schaue nun auch im Buchladen ein wenig anders hin.

Und eins, ich möchte mich diesem Vorsortierten nicht mehr automatisch aussetzen oder unterordnen. Wenn weniger Frauen zum schreiben kommen, dann noch weniger veröffentlicht werden und dann auch noch schwieriger bekannt werden sind das ne ganze Menge Filter. Ich werde also expliziter nach Literatur von Frauen kucken und mein Lesejahr unter dem Motto „Literatur von Frauen“ angehen – so das auch hier in meinem Bücherregal ein wenig Ausgleich stattfindet.

Die Überlegung ist noch mich an die Buchhandlungen zu wenden und dazu anzuregen eine Ecke spezifisch für Literatur von Frauen zu reservieren und zwar so das man sie sieht  das macht wenig Arbeit, kostet nichts und unterstützt. Irgendein anderer Blog hatte das thema auch aufgegriffen, weiß leider nicht mehr welcher – das Problem mit den vielen Tabs, ihr kennt es vielleicht.

Ein schönes Beispiel finde ich z.b. “ Die Schwestern“, oder sagen wir ein trauriges Beispiel. Das Buch ist gut, die Geschichte ist gut und mir ist unklar warum ein Eugen Ruge „In Zeiten des abnehmenden Lichtes“ gefeiert wird und niemand Judka Strittmatter erwähnt. Ein sehr bedauerlicher Fehler.

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Ein weiteres Thema ist auch das Thema deutsche Literatur – das was man liest, prägt einen, und ich muß zugeben oft habe ich mich in Neuengland, Main sehr zu Hause gefühlt, obwohl ich nie dort war, weil es immer wieder vorkam in meinen Büchern. Ich habe massenhaft Seiten gelesen über amerikanische Colleges und Hochschulen, mir dann auch noch entsprechende Serien angeschaut… das ist alles ganz nett, irgendwie heimelig aber weit entfernt von meinem Lebensumfeld.

Es ist ganz was anderes dann etwas zu lesen was mit meiner eigenen Geschichte zu tun hat, meiner eigenen Sozialisierung, mit meinem eigenem Land, zugebener maßen nicht immer so einfach die deutsche Literatur.

Schnell dein Leben

Schenk_25331_MR.inddSchwere. Gewicht.  Gewicht haben. Gewichtung.

Ein Leben das Gewicht hat, oder ein Leben welches schwer ist durch die Last…?

Wo bleibt die Hoffnung? Was macht das Leben eigentlich aus? Wo ist die Lebendigkeit und wo der Sinn?

Schnell, dein Leben“ – ja hier vergehen sie wie im Flug die Jahre eines ganzen Lebens.

Ein Buch wie eine Scherbe, bruchstückhaft, mit scharfen Kanten. Geschichten über Nachkriegskinder.

Eine Erzählung über einen Lebenslauf zwischen Frankreich und Deutschland, über die Sprache und das Schweigen. Über ein wenig Nähe und viel Distanz.

„Du wälzt dich noch lange in deinem Bett. Das Gefühl, nicht wirklich zu existieren, gründet vielleicht darin, dass du keine Geschichte hast, du hängst in der Luft wie eine erdlose Pflanze, du weißt nichts von der Herkunft deiner Mutter, und dein Vater scheint nicht wirklich zu seiner Familie zu gehören…“

Und genauso schreibt Sie auch die Erzählerin, bzw. so erzählt sie… ich weiß nicht ob die Erzählerin auch die Autorin ist – selbst 44 in Frankreich geboren, später nach Deutschland gekommen, wo sie knapp 30Jahre später anfängt auf Deutsch zu schreiben.

Seltsam modern die ganzen Fragen in dieser Nachkriegsgeschichte, Fragen die auch die Kriegsenkel heute haben. Und dann dieses „Du“ – was erst Abstand schafft zwischen Erzählerin und Geschichte oder vielleicht eben auch dieses „in der Luft hängen“ zeigt und am Ende doch beiträgt zu einer Art Identifikation für den/die Lesende(n).. das Du das kann auch Ich sein.

Du bist, Du tust, Du denkst… später noch ein er und ein Man

„Man soll leise, anständig und fromm bleiben, immer das Richtige tun, das Richtige wird von den Eltern vorgegeben..“

Schlußendlich scheint es mir keine Freiheit zu geben in dieser Geschichte.

Das Du, ein Mädchen, aufgewachsen in den 50igern im ländlichen Frankreich, schafft es als junge Frau entfernt von der Familie zu studieren. Sprache, Literatur sind ihre Themen. Aber auch das Miteinander, Freundschaft, Liebe, das Leben als Frau. Sie lernt neue Menschen kennen, neue Musik, andere Arten zu leben.  Ein junger Franzose mit schweren Gewichten und ein deutscher Austauschstudent haben es Ihr angetan. Es geht viel um die Beziehungen untereinander, um Freundschaft, das freie Leben, die Vergangenheit. Um die verschiedenen Gewichte, die sichtbaren und die unsichtbaren. Und um den Weg ins Leben und die Zukunft.

Später heiratet Sie, noch sehr jung, nach Deutschland. Und lernt dort nach und nach die deutsche Familie ihres Mannes kennen. Das Leben geht seiner Wege. Geschichten werden sichtbarer, Menschen verändern sich, es gibt Nachwuchs, Veränderungen und doch bleiben die Dinge irgendwie in ihren Rahmen gefügt.

„Äußerungen werden überhört, Traurigkeit ist ungehörig, Klagen sind eine Todsünde..“ das kenne sicher sehr viele von uns. Ich denke ein großer Schritt ist es das so erstmal wirklich zu erkennen.

Ein schweres Buch – eines mit Gewicht. – zur Unterstützung in kleine Kapitel aufgeteilt

dscn7402Skizze „..auf das Gesicht der Mutter, das sich schüttelt und abwendet…ihr, die Mädchen seid die Zeltheringe, ihr haltet euer Haus fest…“

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Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben

Hanser Verlag, 16,- €

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Was ich leider wieder bemängeln muß ist der Buchrücken und der Klappentext, die den Dingen in der Geschichte eine falsche Gewichtung geben.

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http://www.sylvie-schenk.com

Dresden revisited

dscn5742„Von einer Heimat die einen nicht fortlässt“ – lautet der leicht zu übersehende Untertitel.

Bei diesem Titel mußte ich zuschlagen, ich hab regelrecht drauf gewartet. Peter Richter schreibt über seine Heimatstadt Dresden. Selbst ist er wohl seit über 25 Jahren nicht mehr hier ansässig und lebt als Korrespondent in Amerika, genauer gesagt in New York (was mich ziemlich beeindruckt). Und wie es so ist mit den Wirklichkeiten, just kam das Buch raus, war das Stück „89/90“, was auf einem seiner früheren Bücher mit dem selben Titel basiert, hier bei uns auf der Bühne.  http://www.staatsschauspiel-dresden.de/home/89_90/

Keine Frage, das dieses Buch von mir als in Dresden geborene, Zurückgekommene und hier Lebende gelesen werden mußte. Im Zuge der Überlegungen bin ich mir sehr unsicher ob ich mich als Dresdnerin sehe, wobei es mir immer wichtig ist zu betonen das ich hier geboren bin, und mich schon sehr viel mit diesem Ort verbindet, da sich für mich an dieser Stadt sehr viele meiner Themen festmachen. Oder vielleicht habe ich diese Themen auch gerade weil ich hier geboren bin?

Richters Buch ist Buch in 29 kurzen Kapiteln. Eine Art öffentlichen nachdenken auf 150 Seiten.

„Dresden revisited“.. also zusagen „wieder zu Besuch“, oder auch „zurückbesucht“… wurde meine Badewannenlektüre, sprich: Ein entspanntes Lesevergnügen. Ich mag den Ton, die Art, wie der Autor schreibt. Ein Mann in meinem Alter und einem so komplett anderem Leben. Natürlich ist auch sein Blick auf die Stadt ein anderer als meiner – das ergibt sich schon daraus das er seine Kindheit im schicken grünen Stadtteil verbracht hat, mit viel Freiheiten wie es scheint, und ich meine sozusagen unten im grauen smoggeschwängertem Tal, und damals eher in staatlichen Einrichtungen als im Wald.

Auch wenn es eine angenehme und leichte Lektüre war, gibt sie viele Anstöße und eröffnet mir eben nochmal andere Zugänge und Blickwinkel. Ein anderes Dresden. Trotzdem ergeben sich am Ende gleiche Ergebnisse im Denken. Ich hab soviele Eselsohren gemacht, ich könnte glatt ein Antwortbuch schreiben. Was leider unklar bleibt für mich ist, welcher Teil des Buches aus der gehaltenen Rede besteht, aus der das Buch hervorging. „Dresdner Reden“ heißt die Reihe, die ich persönlich nicht weiter verfolge. Hätte mich aber schon interessiert in diesem Fall. Ab ca. Seite 100 schwächelt es etwas und wird mir auch etwas schwammig aber am Ende – beim Bogen Dresden-Deutschland- Amerika holt er das wieder raus.

Das Buch ist ein sehr persönliches, die Sicht auch privilegiert, aber sich ernsthaft auseinandersetzend. Hinzu kommen die Vergleiche mit Peter Richters aktueller Lebenswelt – dem heutigen Amerika, besonders am Ende – durchaus interessant. Die Seiten über die Bewegung der Pegidisten scheinen mir schon etwas veraltet, hat man sich doch schon lang damit befaßt, die Bewegung wurde nun auch schon 2 Jahre alt, aber ja, sie gehören wohl jetzt dazu wenn man von Dresden spricht, grade die letzten Monate ist mir diesbezüglich doch eine regelrechte Sachsenbeschimpfung aufgefallen – die einfach sehr verallgemeinert, und in dieser Hinsicht kann es auf keinen Fall schaden über das Thema zu sprechen bzw. schreiben – und das macht er auch differenziert und detailliert.

Besonders spannend waren für mich einzelne Figuren die Richter aufführt, Abwanderungen zur Historie und zu Gesellschaftsthemen. Eine Lieblingsgeschichte ist die vom Bild „Der Raub der Töchter des Leukippos“ von Rubens die er aufführt um zu erklären wie kippelig doch so ein Image einer Stadt sein kann. Wobei es doch wirklich je nach Person immer ein anderes Dresden sein wird. Geschichtlich hat Peter Richter so einiges zu erzählen, und ich hoffe das diesbezüglich noch ein Buch folgen wird. Ich würde sehr gern mehr von Ihm zur sächsischen Geschichte lesen.

Das Dresden was ich sehe ist oft sehr gemütlich, zu oft zu gemütlich – langsam, und veraltet, zuviele Beamte und zu viele entsprechend verkrustete Strukturen, zu CDUlastig, immer noch typisch Osten (Sozialisation), mit zu vielen Westlern an den höheren Stellen. Zu einseitig oft was die Förderung von Kultur und Kunst angeht. Zu sehr auf das Alte besonnen – wir haben nur einen festen geförderten Platz für moderne Kunst – ein kleines Haus in der Rähnitzgasse, übrigens ein sehr schöne Ecke unweit vom goldenem Reiter – der frisch poliert das Ende der Hauptstraße und die Grenze der Neustädter Seite anzeigt, bevor es Richtung Barock und Altstadt über die Elbe geht. Ein weiteres stark gewachsenes Projekt, die Ostrale sieht wohl gerade ihrem Umzug entgegen da die Stadt Dresden es nicht fertig bringt ein geeignetes Stück Fläche zur Verfügung zu stellen. Der Sozialabbau (z.B. Bildungs- und Frauenprojekte etc.) ähnlich wie in anderen Städten, Politik für die mit Kohle, ist jetzt nicht so Dresden typisch, aber auffällig in unserer hübsch sanierten Stadt(mitte). Spaltung zwischen Arm und Reich wird auch hier immer deutlicher. Und immer noch weht einwenig der Wind des Tales der Ahnungslosen über uns, wie mir scheint, grad so im Vergleich mit Leipzig oder dem hippen Berlin, welches auch seine Rolle spielt im Buch.

In meiner Kindheit war die Altstadt schwarz, verbrannt, Reste aus dem Krieg zwischen den viereckigen Ostbauten. Heute strahlt alles längst frisch saniert und lockt die Touristen an. Es ist schön geworden keine Frage, und inzwischen bin ich auch mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche versöhnt. Besucher aus anderen Städten loben die Weitläufigkeit, ich hab beim Wiedereinzug Grünes vermisst. Wir haben ein sehr gute ausgebautes Nahverkehrsnetz (mit wenigen Schwachstellen) und nun soll auch endlich mal was für die Radfahrer gebaut werden.

Eine gewisse Liebe ist nicht zu verleugnen, und es ist wunderschön, grade am frühen Abend auf der Brühlschen Terrasse zu flanieren, wenn man Glück hat spielt jemand Jazz um die Ecke, die Aussicht und das Panorama sind immer wieder, ein Hochgenuß. Der Große Garten, das „neue“ Hygienemuseum, die Elbe und die Heide. Und für mich sehr wichtig die lebendige wuselige Neustädter Ecke mit viel Subkultur – also die junge Seite, die Peter Richter auch erwähnt und die auch zu Dresden gehört, allerdings muß sich da wohl noch etwas mehr Raum erobert werden.

Ich weiß nicht wie das Buch für Menschen wäre die Dresden nicht kennen, ich mag es sehr. Ein kluges, feines, spannendes und auch humorvolles Buch.

Hier noch einen ergänzenden Link zu einem Radiointerview.

http://www.deutschlandfunk.de/peter-richter-dresden-revisited-das-ist-kein-nest-von-alten.700.de.html?dram%3Aarticle_id=364665

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Peter Richter

Dresden revisited

Von einer Heimat die einen nicht fortlässt

Luchterhand Verlag, 18,00 €

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eine andere Rezension:

http://www.kulturernten.com/peter-richter-dresden-revisited/

 

 

… und über uns kein Himmel

dscn6401Geschichte und Psychiatrie im Comic. Krasses Thema, krasses Buch. Ein Baby, das beim erweiterten Suizidversuch der Mutter  im Jahr 1935 überlebt und fortan in Heimen, Pflegeanstalten und Kliniken untergebracht wird. Ein Junge, sein Name Fritz Blume.

Der Zeichenstil hat mir erst gar nicht gefallen, aber die Geschichte ist so heftig, dass die kantigen Zeichnungen irgendwie doch sehr gut dazu passen. Es hat mich sehr ergriffen. Ich habe schon einiges gelesen und gesehen über Heime in der Zeit des Nationalsozialismus. Das Thema ist ja heute nicht mehr ganz unbekannt, das Menschen sehr schnell als sogenanntes „unwertes“ Leben klassifiziert wurden, oder sagen wir lieber, diesen Stempel aufgedrückt bekamen, um dann in Erziehungsheime und Anstalten geschickt zu werden. Viele wurden getötet, gequält oder zwangssterilisiert.
Zucht und Ordnung im allerschlimmsten Sinne, macht Fritz von Anfang an durch. Mit schlimmster Brutalität, und das oft auch noch von Christen/Nonnen, die regimetreu in den Erziehungsanstalten ihre uneingeschränkte Macht und Gewalt auslebten, selbst den Kindern und auch den Kleinsten gegenüber.
Weil die Mutter sich und Ihre Kinder töten wollte, wird sie als kranke Person eingestuft und somit auch ihre Kinder als krank definiert – der Hintergrund spielte damals keine Rolle. Es gibt kein Entkommen für Fritz.

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Was mir nicht bewusst war ist, dass auch in sogenannten Waisenhäusern so schlimm mit den Kindern umgegangen wurde – aber es vermischt sich später, weil Fritz als „gestört“ angesehen wird.  Getötet wird er nicht, wie viele seiner Kameraden, und er überlebt alle Misshandlungen und Quälereien. „Ausmerzen durch Hunger und Arbeit hieß das Programm der Nazis“ – wenn das mal alles gewesen wäre. Aber es war viel schlimmer. Seine Arbeitskraft wird schamlos ausgenutzt und hier finden sich Methoden der weißen Folter – Folter die man den Menschen nicht ansieht. Als er etwas größer ist, kommt er zu einem Bauern, und dort vom Regen in die Traufe. Aber er begegnet hier einer Kuh, der es genauso geht wie Fritz und hier erlebt er das erstemal Zuneigung. Sehr berührend….

Als der Krieg vorbei ist – er spielt im Buch keine Rolle –  geht es genauso weiter wie zuvor.

Was diese Grafik Novel sehr besonders macht, ist dass hier tatsächliche Personen vorkommen und es ein echter Lebenslauf ist. Wirklich beklemmend. Und für mich immer noch und immer wieder schockierend, wie die alten Nazis nach dem Krieg einfach weitermachen konnten. Meistens an den vorherigen Arbeitsstellen, oft gar mit Beförderung nach dem Entnazifizierungsprogramm – unfassbar. Echte Beispiele werden hier aufgeführt. Die Geschichte basiert auf autobiografischen Schriften von Fritz, der nicht schwieg.

Ärzte und Pfarrer, bis in die 1950iger, 1960iger Jahre hinein, bis zur Rente, durften Sie unbehelligt weitermachen, auch wenn sie an Menschenversuchen beteiligt waren – auch das nicht neu. Irgendwas ist da so verdammt schief gelaufen. Und wenn man sich dann vorstellt, welche Nachfolger von ihnen ausgebildet wurden, dann weiß man, wie weit der Nationalsozialismus mit seinen kruden Ansichten in das Leben heute hineinreicht. So war es nicht nur in der Medizin und Pflege/Erziehung der Fall sondern durchaus auch gern in Behörden oder den Schulen. Das hat starke Auswirkungen, vor allem wenn wir auf das Menschenbild schauen, welches die Nationalsozialisten verbreitet haben und welches heute in unseren Systemen immer noch stark zu erkennen ist. Es geht immer um gesellschaftliche Normen, damals und heute. Auch nach dem Krieg verschwanden immer wieder nicht passende junge Menschen in Heimen – die DDR hat da auch noch eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Die Opfer kämpfen heute noch um Wiedergutmachung..

Die Geschichte von Fritz geht weiter, leider endet sie abrupt und man erfährt nicht so richtig, was aus ihm geworden ist, aber es gelang ihm wohl, sich ein Leben aufzubauen.

Die Konzentrationslager wurden befreit. Viele Kliniken und Heime, blieben noch Jahre nach Kriegsende, so wie sie waren. Keiner kam und befreite die gequälten Seelen. Unfassbar traurig.

Der Geschichte geht eine kurze Einleitung zum Thema voraus und folgt ein langes und interessantes Nachwort, welches den Bogen bis heute schlägt; allerdings hätte ich mir hier weniger Fachtermini und eine einfachere Sprache gewünscht, um für jeden Leser verständlich zu sein.

Wenn wir denken das ist heute vorbei, so liegen wir falsch. Vieles erlebt ein Comeback. Es kommen wieder mehr bestimmte starke Medikamente zum Einsatz und für unpassende Kinder gibt es heute die Diagnosen wie ADHS. Viele Kinder werden mit dem gefährlichen Ritalin behandelt, welches oft heftige Nebenwirkungen hat.
Das ganze geht aber noch viel weiter mit der modernen Forschung – welches Menschenbild haben wir, und was liegt dem Zugrunde, sehr schön zusammengefasst und sehr lehrreich im Nachwort zur Sprache gebracht.

Ein wichtiges Buch!

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Robert Krieg/Daniel Daemgen
…und über uns kein Himmel
Graphic Novel

95 Seiten, 14,90 Euro

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von Gerda wurde ich auf einen weiteren Fall aufmerksam gemacht: http://www.zeit.de/1964/08/der-merkwuerdige-fall-heyde

Die deutsche Einheit – persönlich

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Brühlsche Terasse

Wohl die meisten wundern sich jedes Jahr aufs neue wie lang das schon wieder her ist, also die zumindest die es interessiert, das alles. Mir kommt es ein bisschen vor wie „noch nicht so lange her“. Es ist wohl eines dieser prägenden Erlebnisse, die immer einen wichtigen Meilenstein in meiner eigenen Geschichte ausmachen werden. Als Kind das Land verlassen, es aber nie vergessen. In der Bewusstheit aufgewachsen das mich die Verwandten von Drüben nie würden besuchen kommen können – zumindest bis zum Rentenalter. Und dem Wissen das alles was ich im Westen genoß für meine fast gleichaltrige Kusine nicht stattfand. Eine zeit lang habe ich ein Kinderbuch abgeschrieben, um es Ihr zu schicken – es war natürlich immer viel zu wenig Text und lang durchgehalten hab ich auch nicht. In die Briefe legte ich Papiertaschentücher mit ausgeschnittenen Kreisen, in welche ich 10 Pfennig Stücke packte, in der Hoffnung das Sie sich auch mal ein Duplo im Intershop kaufen konnte. Ich weiß gar nicht ob diese präparierten Briefe überhaupt angekommen sind.

Am Anfang war es anstrengend und komisch, im Aufnahmelager und später dann hatte ich furchtbares Heimweh. Es gab jetzt Taschengeld, und das wollte ich sparen um zurück zu meiner Oma zu fahren. Das ist mir nie geglückt, aber wir wurden in den Sommerferien nach dem Osten verschickt. Kann ich heute gar nicht recht glauben. Hatten die Eltern denn keine Angst das wir nicht mehr zurückkommen? Eine Wanderin zwischen den Welten. Ich beobachtete ziemlich genau wie es drüben und nüben so war. Man gewöhnt sich schnell an die guten neuen Sachen anderes dagegen irritiert einen schon länger, z.B. die Kinder und Ihr Verhalten. Im Osten waren es kleine Erwachsene, die Erfüllungsplicht eingeimpft von Anfang an. „Sei bereit, immer bereit“ …der tägliche Spruch. Sie waren meistens dünn und blass. So wie ich auch. Ich mußte damals im Osten bevor die Schule für mich losging zu einer Kur deswegen. Keine schöne Sache.

Im Westen waren die Kinder irgendwie weicher und besser genährt, alles war bunter. Ihre Art, ihr Spiel, der Schulunterricht und die Süßigkeiten sowieso. Ich erinnere mich noch wie ich mit einem Mädchen Blumen sammeln ging für ein Herbarium, schön war das. Oder wie locker alles in der Schule war und wie frei. Allerdings weit waren Sie nicht gekommen, und Sie schrieben sogar noch mit Bleistift und das in der zweiten Klasse. Ich erinnere mich an meine erste Milchschnitte, meine Güte war das lecker und fremd. Manchmal kaufe ich mir noch eine, auch wenn ich weiß das es eher Sondermüll ist. Aber Sie sind so speziell toll. Dann gab es total lustige Lutscher mit denen man pfeifen konnte. Und erst die ganzen tollen bunten Kinderbücher.

So wirklich selbstverständlich ist das heute alles immer noch nicht, es ist immer noch eine Form von Luxus, etwas besonderes, etwas was unheimliche Heimeligkeit ausstrahlt und ich stehe nur am Rand und schau es mir an, ich gehöre nicht dazu. Im Gegensatz dazu die oft kantigen DDR Kinderbücher, in einer schlichten Grafik und Illustration gestaltet meistens, so ne ganz bestimmte Art von Zeichnung. Es gibt ein Sammelband, das hab ich noch auf meiner Wunschliste – denn auch hier gab es schöne Geschichten, z.B. die mit dem Wolkenschaf. Die meiste Zeit lasen wir eh russische Märchen. Die mich heute manchmal arg an die Odyssee erinnern. Meine Oma las viel vor, das hab ich später sehr vermisst. So wie Ihren Garten und das Handarbeiten mit Ihr.

Als ich nach einem halben Jahr im Übergangslager im Westen dann wieder in die Schule ging wurde ich aufgefordert von der DDR zu erzählen. Aber beim besten Willen wußte ich nicht was ich sagen sollte. Es kamen auch keine konkreteren Fragen, schade eigentlich. Alles aus dieser Zeit hat sich intensiv eingeprägt, z.B. der Schreibwarenladen – dort wurde ich oft hingeschickt um mit einem Zettel in der Hand Zigaretten für den Vater zu holen. Die vielen wunderbaren Sachen dort, bedruckte Bleistifte, Schreibpapier mit Bildern, bunte Radierer und wie gut alles roch. Zu der Zeit kam grad das Umweltschutzpapier auf und trotzdem war alles so schön, eigentlich schöner, diese graubeige Papier – damals mußte man die Lehrer fragen ob man diese Schulhefte überhaupt nehmen durfte. Die 80iger. Es war irgendwie so ein bisschen Wunderland und das wirkt bis heute, Schreibwarenläden… mmmh wenn ich mal drin bin komme ich nicht so schnell raus. Ach und ich hätte total gern wieder so einen Stifteigel, das war einfach ein echtes Westprodukt, kennt Ihr die? Gibts die noch? Bunt bedruckte Bleistifte sind irgendwie leider sehr selten geworden, ich halte immer Ausschau danach, aber momentan reagiert wohl eine neue Sachlichkeit das Sortiment.

Ich war dann in der siebten oder achten Klasse und kein glückliches Schulkind, als die Mauer fiel. Man hatte schon etwas mitbekommen von den Montagsdemos, und telefonierte dazu auch, aber immer ganz vorsichtig weil man nie wußte was abgehört wird. Wenn ich mich daran erinnere sitze ich alleine in der Mitte unserer braunen Ledercoach und schaue heulend Fernsehen. Es war taghell, vermutlich war das ein paar Tage nach der tatsächlichen Begebenheit. Aber es bleibt in Erinnerung wie seinerzeit ein Raunen wie eine Welle über uns hinweg ging, die Mauer ist weg. Und dann die berührenden Bilder im Fernsehen. All die glücklichen Menschen und diese Idee von Freiheit die über dem Land wehte.

Leider hat man mit uns nicht darüber gesprochen, zumindest erinnere ich mich nicht daran und erst viele Jahre später fing ich an mir die Puzzelteile zusammen zu setzen, bis heute, und ich bin noch nicht fertig, die Interessengebiete wandeln und verlagern sich auch. Und für mich sind dann Bücher wie „17.Juni“ oder „Treibsand“ eine echte Offenbarung.

Unsere erste Fahrt mit dem Auto als komplette Familie zurück in den Osten sollte nicht die letzte bleiben. Es folgten viele Stunden auf der Autobahn und nebenbei beobachtete man den Fortschritt des Ausbaus der Strecken. Das erste Mal war noch sehr viel einspuriger Verkehr. Echt jetzt, ungelogen. Die Grenze war klar zu erkennen und lange lange Schlangen, aber das kannte man ja als Ostbürger und wir waren geduldig.

Inzwischen wohne ich seit fast 15 Jahren wieder in meiner Geburtsstadt, aber ein wenig Fremd fühle ich mich immer. Und ich bin wohl auch eher am Ende jetzt hier ein wenig hängengeblieben aus Mangel an Wahlmöglichkeiten. Und ich weiß nicht ob ich bleibe, ich wollte schon oft weg. Was nicht heißt das es nicht gut war wieder her zu kommen, es war wichtig, ja. Aber irgendwann heißt es weiterzugehen. Im Moment hab ich eher den Eindruck das ich mich damit abfinden muß wie es wohl jetzt ist, aber das sich abfinden war noch nie meine Stärke.

So wie sich damals eben viele auch nicht abgefunden haben mit den Zuständen und dem eingeschränktem Leben in der DDR. Heute gibt es andere Begrenzungen und Einschränkungen und ich finde auch nicht gut wie das alles gelaufen ist, aber ich bin sehr froh und sehr dankbar das es wieder ein Deutschland gibt. Was für eine kuriose Geschichte das ist mit diesen aufgeteilten Zonen, und den fremdbeherrschten Landstrichen. Ich will mal glauben das es heute anders ist und wir wieder mehr ein selbst bestimmtes Land sind als damals.

Das ganze Wochenende schon dröhnen die Feierlichkeiten von der Altstädter Seite hier zu uns auf der anderen Elbseite rüber. Wieder mal Feuerwerk. Und grad kommt im Radio etwas über den Besuch von Frau Merkel und ich schäme mich wieder fremd für die dümmlichen Parolen der Demonstranten. Und auch finde ich die Realitätsferne unserer Politiker unsäglich. Am Ende aber ist das meistens weit weg und man muß selber zusehen wie man mit seinem eigenem Leben klar kommt. So gern wäre ich einfach vorbeigegangen und hätte unsere Kanzlerin mal um ein Gespräch gebeten aber das ist nur eine Träumerei. Langsam wirds wieder ruhiger in der Stadt und ich werd mich zur Feier des Tages mit einem Cidre aus dem Bioladen und Richters „Dresden revisited“ in die Wanne legen. Angeheizt ist.

 

Emmas Reise – Petra Oelker

dscn5714Seit langem habe ich wieder mal einen historischen Roman gelesen und das auch noch von einer mir vollkommen unbekannten Autorin.

Es hat eine Weile gebraucht bis ich mich an die Sprache von Frau Oelker gewöhnt habe, mir waren es manchmal auch sehr viele Worte/Beschreibungen, aber die Geschichte hat mich doch schnell gepackt. Schön mal wieder so ein Abenteuerroman wo man so richtig in andere Welten versinken kann. Und nebenbei lernt man auch noch was zur Geschichte – um den 30jährigen Krieg, über das Gebiet Hamburg/Osnabrück bis Amsterdam.

Spannend auf jedenfall. Und so gemütlich wirklich abendelang eine Geschichte zu verfolgen und neugierig zu sein wie es weitergeht. Ich weiß nicht ob ich es richtig verstanden habe, aber am Ende klang es so als würde es eine Fortsetzung geben, daran wäre ich sehr interessiert, nicht nur weil die Figuren Emma und Valentin mir ans Herz gewachsen sind, sondern eben auch aus Interesse an den Lebensläufen und Gewerken der damaligen Zeit, die hier lebendig beschrieben werden.

Emma eine Tochter aus gutem Haus lebt in Hamburg, einer sicheren Handelszone im 30jährigem Krieg. Sie ist fast erwachsen und Ihr Stiefvater und Ihr Pate halten schon Ausschau nach einer passenden Verbindung für Sie, einem gutem Ehemann, der für die Familie, politisch und handelstechnisch passend ist und auch noch den richtigen Glauben hat. Viele rechte hatten die Frauen damals nicht.

Aber Emma hat das Glück eine Einladung nach den Niederlanden zu bekommen, wo die andere Hälfte ihrer Familie lebt, die Sie bis zum heutigen Tage noch nicht kennengelernt hat, aus gründen die wir nach und nach erfahren.

Damals war das Reisen noch eine große Sache, vor allem für ein so junges Fräulein. Es ist ein langer Weg. Viele Wochen wird er gehen, sehr abenteuerlich wird er sein und vielen verschiedenen Menschen und Situationen wird Sie begegnen. Sie reist nicht allein, das wäre gar nicht gegangen. Ihr Reisebegleitung, der junge Valentin war allerdings nicht so geplant. Überhaupt kommt es auf der Reise zu vielen Überraschungen, die am Ende aber gut ausgehen – was mich persönlich auch sehr froh gemacht hat.

Die beiden Figuren sind liebevoll „gezeichnet“. Und auch besonders schön sind immer wieder auftauchende Berufe, vom Maler bis zum Weber. Valentin stammt aus einem Teppichweberhaushalt (Gobelinwerkstatt), und ich hoffe dazu wird es einiges in der Fortsetzung geben, das interessiert mich schon allein als Handarbeiterin sehr.

Mit kleinen Ausbrüchen zwar, aber sehr authentisch merkt man dem Buch an wie bemüht die Autorin ist ein wirkliches Zeitgemälde darzustellen und das ist Ihr sehr gelungen. Ich werde sicher mal Ausschau halten nach anderen Werken. Petra Oelker ist Jg 47. Hat schon viele Sachbücher und Biografien erarbeitet und war als Jounalistin tätig. Eine lange Liste von Romanen findet man bei Rowohlt. Da gibts also noch einiges zu lesen. Das 17.Jahrhundert und die Gegend haben es Ihr scheinbar auch sehr angetan. Das Interesse an der genauen Recherche spürt man sehr im Roman „Emma Reise“, auch wenn ich mir die anderen Titel so anschaue; und genau so etwas mag ich sehr weil es einen wirklich in andere Zeiten versetzt beim lesen und lebendige Bilder im Kopf entstehen läßt.

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Karte des Reiseweges im Umschlag des Taschenbuches

Das Buch ist frisch erschienen am 26.8.2016 und nächsten Donnerstag zum Beispiel am 29.9. liest die Autorin in Hamburg vor und dann geht es auf große Lesetour. Hut ab. Unter dem Link findet Ihr eine Leseprobe.

Oh und noch eine für mich nette Textstelle – bezieht sich auf Gebäck damaliger Zeit, klingt sehr lecker:

„..der Duft des honigsüßen, mit Ingwer, Pfeffer, Nelken, Zimt und einem Hauch Muskat gewürztem Holunderkonfekts..“

oder

„…die zimtduftenden Mörseküchlein, mit Majoran, Ysop und Rosmarin, in Öl gebacken…“

Sehr interessante Zusammenstellung, oder? Da würden mich jetzt brennend die Rezepte interessieren!

***

Petra Oelker

Emmas Reise

Rowohlt, 14,99 €

***

Ps.: einen Wermutstropfen gibt es: das Papier – vermutlich empfindet das nur jemand der Hochsensibel ist, ich weiß es nicht. Das ist ein sehr trockenes Papier und das hat wirklich meinem Atem beim lesen manchmal echt belastet.

 

 

Albert – Graphic Novel

DSCN5427„Albert“ – ein sehr persönliches Buch. Albert, geboren 1922 im Westerwald – ist die Hauptperson dieser hervorragend aufgemachten Graphic Novel. Sein Sohn Eberhard erzählt das Leben seines Vaters und der Enkel Sebastian illustrierte das Ganze.

Albert hatte keinen guten Start ins Leben und wird dann auch noch in eine Zeit und Stellung hinein geboren die auch die Kindheit nicht einfach macht.

Und man ist seiner Geschichte hier von Anfang an nah. Sie trifft einen ins Mark. Durch das persönliche ist man mittendrin und bleibt nicht im Entsetzen stecken wie es doch manchmal bei Dokus und Berichten ist.  Ich erfahre hier hautnah, unterstützt durch die starken Zeichnungen, wie sich die Zeiten und die Üblichkeiten auf ein Menschenleben auswirken. Wie schwer Kindheit und Jugend damals war. In Finsternis gehüllt, wo es keine Wahl gab und das Leben soviel Schwere und Mühsal hatte. Und dann auch noch der Krieg. Nicht Erwachsen, schon an die Front. Überall Gewalt.

dscn5424Sebastian Jung scheut sich nicht vor einem kräftigen schwarzem Strich, der auch mal viel Raum einnehmen darf. Reduziert und oft grob sind die Striche und geben wieder was erzählt wird in einer zweiten Sprache welche die Erzählung wunderbar unterstützt. Immer wieder gibt es auch private Fotos, die uns noch näher an Albert heranrücken lassen.

Erzählt wird sachlich beschreibend. Mann spürt an einigen Stellen eine Einfachheit die sich anfühlt als würde uns jemand selbst die Geschichte erzählen, ganz privat unter uns, auf der Bank vor dem Haus.

Wir dürfen Albert durch sein Leben folgen bis zum Ende. Ich muß gestehen ich habe Rotz und Wasser geheult bei der Lektüre, in 3 Happen verschlungen. Ein wunderbares Buch, so authentisch und auf eine ganz reine Art schlicht.

Wir brauchen solche Bücher um unsere Geschichte zu verstehen. Um zu verstehen was die Zeiten, die Politik, die Erziehung mit den Menschen gemacht haben. Wie wenig Raum in diesen Leben zu sein schien, wie eng der Radius. Soviel von Anfang an vorgegeben. Soviel Schmerz und sowenig Möglichkeiten einer freien Lebensgestaltung. Die Wünsche waren nicht groß – aber selbst die….

dscn5422Was für Eltern gehen aus diesen Geschichten hervor, was für Kinder folgen? Und warum wirkt die Zeit des 2. WWK immer noch in uns nach? Gesammelte Essenzen in den alten Menschen. Geschichten die nie vorbei gehen, auch wenn viele Andere folgen. Die Kindheit und Jugend kann einem keiner zurückgeben und was danach kam … es bleibt alles bis zum Ende und darüber hinaus in den Kindern und Kindeskindern. Ein Buch was genau aufzeigt wie sich Politik in jedem einzelnem Lebenslauf zeigt. Ein Mensch der einfach nur Leben wollte, seinem Wesen entsprechend, so wie Wir auch. Ein Buch was ganz klar zeigt auf was es ankommt.

Das Buch bekam den Hamburger Graphic Novel Förderpreis!

Sebastian Jung

„Albert“

mairisch Verlag

Erscheint am 1. Oktober 2016

15,00 €

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http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/lesezeichen/sebastian-jung-albert/-/id=12944736/did=18508078/nid=12944736/v0fjd6/index.html

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