Japanbücher – Teil 3 von 5

Erinnerungen aus der Sackgasse von Banana Yoshimoto – von Naiv bis Abgeklärt

Bei diesem Buch von Frau Yoshimoto stehe ich vor einem Rätsel. Zwei Bücher von ihr habe ich bisher gelesen – Sly und Kitchen. Beide habe ich für gut befunden und es gibt auch noch einige die mich interessieren würden.
In „Erinnerungen aus der Sackgasse“ scheint mir alles etwas rund gelutscht, und dadurch irgendwie sperrig und befremdlich, ich weiß nicht ob ihr das verstehen könnt.
In jeder Geschichte steckt Traurigkeit, es geht immer um nahe Beziehungen, Liebe und Freundschaft, etwas geht verloren. Aber irgendwie scheint es nie so richtig schlimm, weil da immer eine Art weiche Wattewolke auftaucht um die Figur aufzufangen. Da läßt sich Schmerz natürlich besser verarbeiten, wenn da immer noch etwas ist, sei es das Hinterzimmer in der Kneipe des Onkels inklusive nettem Barkeeper, oder sei es die Familie und ihr Restaurant. Vieles kommt mir doch sehr gestrigelt und gekämmt vor. Zu glatt und irgendwie auch kindlich erzählt. Zwischendurch dann aber immer wieder eine abgeklärte auch manchmal deftige Sprache, die so gar nicht dazuzupassen scheint. Große Gefühle kamen bei mir nicht auf.

Ein wirklich merkwürdiges Buch. Und als ich das Nachwort lass war meine Verwirrung vollständig. Banana Yoshimoto erzählt wie anrührend für sie selbst die Geschichten waren. Sie erzählt davon qualvolle Erinnerungen abzulegen, und das ihr vor allem die letzte Geschichte, die wie das Buch heißt, sehr sehr wichtig war zu erzählen. Allerdings kenne ich es auch das es gerade dann am schwierigsten wird, weil man nicht genug Abstand hat zur Geschichte, die es zu erzählen gilt. Das erreicht dann die Leser*innen nicht besonders gut.
Auch wenn Frau Yoshimoto meine kleine Rezension sicher nicht lesen wird, möchte man ja keinem Menschen zu nahe treten der es schafft so ein ganzes Werk zu vollbringen und hier vielleicht seine wichtigsten Geschichten versammelt hat. Also lies ich mir Zeit und suchte nochmal nach einem neuem Gefühl für das Buch, aber das will nicht kommen. Manchmal ist es ja durchaus so, das Geschichten ihren wahren Gehalt erst im Nachgang ausbreiten.

In der ersten Geschichte – Das Geisterhaus – trifft sich ein Paar, und dann geht es wieder auseinander um Erfahrungen zu sammeln und sich fortzubilden – das ist so ein bisschen traurig, aber auch nicht richtig. Dann finden sie wieder zusammen, und das ganz selbstverständlich. Es geht auch um Geister, aber eher viel um kulinarisches und die jeweiligen Familienbetriebe. Und ich habe keine Ahnung was mir diese Geschichte sagen soll, ich empfinde sie als sehr seicht und auch zu lang. Eine kleine Moral gibt es am Ende, aber für mich jetzt nichts erhellendes.
Die zweite Geschichte, die hat mir noch ganz gut gefallen, heißt „Maamaaa!“ Eine Frau bekommt ausversehen vergiftetes Essen in der Kantine. Sie überlebt und nichts ist mehr wie vorher. Sie beginnt dem Gift in ihrem bisherigen Leben nachzuspüren.
Hier können wir einerseits einer interessanten Auseinandersetzung der Protagonistin folgen, gleichzeitig kommt einem aber eben auch immer dieses weiche „Aufgefangensein“ in Form von Großeltern, Freund, Heirat usw. entgegen.
Ich hatte mir das Buch ausgesucht, weil es auf dem Buchrücken heißt, daß auch in den tiefsten Sackgassen Glück zu finden ist – hier erscheint mir das aber immer etwas arg herbeigeholt oder danebengestellt. Das ist mir zu kitschig und zu weit weg vom Leben wie ich es kenne. ein wenig so wie in diesen Hollywoodschinken.
In der dritten Geschichte geht es um eine besondere Freundschaft, und einen tragischen Todesfall. Diese Geschichte ist wirklich sehr traurig, und ich würde sagen die Beste im Buch. „Überhaupt nicht warm“ ist der Titel.
Tomos Glück heißt die vierte Geschichte. Eine junge Frau die Einiges durch hat und sich verliebt, aber darum geht es gar nicht so, ich finde die Story läuft so vor sich hin, nur um am Ende eine Feststellung zu treffen, schade.
Und die letzte Geschichte ist eben die, des Buchtitels: „Erinnerungen aus der Sackgasse“. Eine echt miese Trennung treibt eine junge Frau zur Veränderung. Sie kriecht über der Kneipe des Onkels unter und trifft dort einen Barkeeper mit dem sie sich anfreundet und der ihr hilft die Trennung zu verarbeiten. Viel Lebensphilosophie, Gespräche und naja so diese üblichen Wege in solchen Geschichten. Hätte ich auch nichts dagegen diese Protagonistin zu sein. Vielleicht kennt ihr das Lied: „Ein Freund ein guter Freund, ist das beste was es gibt auf der Welt….“

Insgesamt finde ich zog das Buch sich doch sehr, und teilweise war ich echt irritiert von der Audrucksweise. Das manchmal etwas kindliche im Erzählstil fand ich auch anstrengend, aber das konnte ganz schnell umschlagen ins Analysierende hinein. Nicht mein Buch, werde mir aber die anderen auf meiner Liste schon noch anschauen. Es ist ja auch selten so, daß einem von eine*r Autor*in alles gefällt.

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Erinnerungen aus der Sackgasse
Fünf Erzählungen

Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns

Diogenes Verlag, 18,- €

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Banana Yoshimoto, geboren 1964, hieß ursprünglich Mahoko Yoshimoto. Ihr erstes Buch ›Kitchen‹ schrieb sie, während sie als Kellnerin in einem Café jobbte und sich dort in die Blüten der ›red banana flower‹ verliebte, daher ihr Pseudonym. Es verkaufte sich auf Anhieb millionenfach. Ihre Bücher erreichen auch außerhalb Japans ungewöhnlich hohe Auflagen.

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Dazwischen etwas aus Südkorea: Die Vegetarierin – das Hörspiel

Die Vegetarierin, Hörspiel nach dem Roman von Han Kang – Fleischlos, auf das nötige reduziert?

Bis 13.8. kann das Hörspiel über den SWR2 noch angehört werden.  Und hier beim NDR noch bis September. Und falls euch asiatische Literatur interessiert, würde ich mir das nicht entgehen lassen. Obwohl das Buch schon länger auf meiner Wunschliste stand habe ich es bisher nicht gelesen. Ich spreche hier jetzt vom Hörspiel. Und das war ein wirklich intensives Erlebnis. Sehr beeindruckend. Eine starke Geschichte, die mich gleich in ihren Bann gezogen hat.
Yeong Hye ist bisher eine einfache und brave Ehefrau gewesen, hat das getan was ihr Mann erwartet hat. Beide führen eine leidenschaftslose Ehe. Zuerst berichtet ihr Mann.

Yeong Hye hatte einen Traum und sortiert von da an alles Fleisch aus dem Kühlschrank aus.  Ab sofort gibt es nur noch fleischloses Essen und ab sofort lehnt sie jedwede Nahrung mit tierischen Produkten ab. Der Ehemann ist sehr verärgert. Die Ehefrau schweigt.

Gradlinig wird die Geschichte erzählt, mit nur wenigen Worten macht uns die Autorin klar was Sache ist. Was für ein unangenehmer Mensch z.b. der Ehemann ist. Oder wie wenig mitfühlend die Eltern sind, die sich extrem einmischen in die Ernährung ihrer Tochter. Vor allem der Vater erwartet, daß selbst die erwachsene Tochter ihm gehorcht. Yeong Hye bleibt aber ganz gradlinig, ohne ersichtlichen Aufruhr, bei ihren Ansichten. Keiner fragt nach ihrem Traum, aber alle wollen das sie wieder „normal“ wird. Einzig ihre Schwester scheint das ganze mit etwas Sorge zu betrachten.

Fleischlos wirkt auf mich auch die Erzählweise dieser Geschichte, auf das nötigste reduziert. Gerade mal 72 min. lang. Das Original Hörbuch geht über 5 Stunden. Vieles wird nur angedeutet und ist trotzdem sehr klar. Unterstrichen wird das ganze hier beim Hörspiel durch die reduziert eingesetzte Musik, bzw. von einem Tönen. Ja es sind mehr Töne als Musik. Teilweise sehr düster.

Wichtig für die Geschichte ist zu wissen das es eine koreanische Geschichte ist. Dort ist der Vegetarismus ganz etwas anderes als in unseren Breitengraden und eine echte Rebellion.

Die junge Frau wird immer dünner und hört irgendwann ganz zu essen auf. Und es scheint nur einen Menschen zu geben der sie wirklich sieht. Der die Schönheit begreift mit der sich Yeong Hye „befasst“. Doch die Schwester erzählt uns noch eine andere Geschichte.

Absolut poetisch, emotional, berauschend und sinnlich.
Patriarchale Strukturen und Vegetarismus als zerstörerischer Akt der Gegenwehr.

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Die Vegetarierin, Hörspiel nach dem Roman von Han Kang

Übersetzung aus dem Koreanischen: Ki-Hyang Lee
Bearbeitung und Regie: Irene Schuck
Mit Paul Herwig, Meike Droste, Judith Engel,Wolfgang Pregler, Michael Wittenborn, Jonas Minthe, Hedi Kriegeskotte, Franz Ferdinand Möller-Titel, Achim Buch, Anne Moll, Stefan Haschke, Sebastian Rudolph u.a.
Produktion: NDR 2017

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Die Autorin:
Han Kang wurde in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Dichterin, seitdem erschienen zahlreiche Romane, die unter anderem mit dem mit dem Yi- Sang-Literaturpreis, den Today’s Young Artist Award und dem Manhae Literaturpreis ausgezeichnet. Für „Die Vegetarierin“ erhielt sie 2016 gemeinsam mit ihrer Übersetzerin den Man Booker International Prize. Zuletzt erschien von ihr bei Aufbau der Roman „Menschenwerk“, der ebenfalls für den Man Booker International Prize nominiert war und mit dem renommierten italienischen Malaparte-Preis ausgezeichnet wurde. Derzeit lehrt sie kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul.

Das Buch:
http://www.aufbau-verlag.de/index.php/die-vegetarierin.html

https://www.welt.de/reise/Fern/article123431798/Wenn-das-Essen-vom-Teller-zu-kriechen-versucht.html
https://abenteuerinasien.wordpress.com/2016/06/09/ein-vegetarier-in-korea/

Japanbücher – Teil 2 von 5

Die Ladenhüterin von Sayaka Murata – Japan live, Alltag im Konbini

Der Titel ist ein herrliches Wortspiel – ich weiß allerdings nicht ob es im japanisch Originaltitel auch so hin haut, ich mag so was ja gern. Die Ladenhüterin hütet das Konbini, ein japanischer 24h Supermarkt, in welchem Angestellte aus der Umgebung auch ihr Mittagsessen herbekommen. Ziemlich gut beschrieben, ich zumindest bekam gleich ein Gefühl dafür.
Außerdem ist die junge Frau eine Ladenhüterin in dem Sinn, daß sie schon über das übliche gesellschaftliche Alter zum heiraten hinaus ist, und da auch nichts in Aussicht steht. Die Familie und die wenigen Bekannten bedenken Keiko, so ihr Name, deshalb schon immer reichhaltig mit Ratschlägen. Die sie sich fast staunend anhört.

Keiko Furukura berichtet persönlich von ihrem Alltag im Verkaufsshop und ihren sensiblen Beobachtungen. Sie hat einen echten Blick für Details und hört auch ganz genau hin. Sie geht vollkommen auf in ihrem Konbini, obwohl sie nur als Aushilfe angestellt ist. Eigentlich ist das ganze nämlich ein Studentenjob, sie hat ihn aber schon viele Jahre und ist damit eine echte Ausnahme.
Wir erfahren einiges aus ihrer Kindheit, über ihre Familie, oder z.b. das sie weniger emotional war als andere Kinder und einen gewissen Hang zur „Gewalttätigkeit“ – oder ist es Pragmatismus, fehlendes Mitgefühl? hatte.
Sie merkt schon als Kind, daß die Menschen auf sie irritiert reagieren und beginnt von da an sich besser anzupassen, beobachtet ganz genau. Übernimmt sogar Stimme und Betonung, aber auch Verhaltensweisen.
Durch ihre Beobachtungen führt sie uns die moderne Gesellschaft in Japan vor, die nicht viel anders ist als auch in Deutschland. Es gibt viele Normen, und nur wenn man diesen folgt ist man Normal. Die Protagonistin z.b. ist der Norm nach eigentlich viel zu alt um in diesem Supermarkt zu arbeiten und noch nicht verheiratet zu sein. Das Ding ist, sie strebt nichts anderes an. Ihre Arbeitsstelle ist einfach ihr Ding. Dort gibt es klare Regeln und Abläufe die Sie aus dem FF beherrscht und denen Sie folgt als wären es Tanzschritte. Im Grunde lebt sie für den Konbini.
Sie hat aber durchaus noch Kontakte zu alten Bekannten aus der Schulzeit und zu ihrer Familie. Die Urteile die ihr entgegen schwappen verunsichern Sie in soweit das Sie überlegt was Sie tun kann um nicht weiter aufzufallen und weitere Urteile oder komische Blicke auf sich zu ziehen. Auch wünscht Sie sich das ihre Familie glücklich ist und sich keine Sorgen macht.

So klar wie hier im Buch diese ganzen Normen und Verhaltensweisen angesprochen werden, auch von den einzelnen Darstellern, das hat schon etwas extremes. Die Vorstellung nur wenn der andere dem entspricht was ich von ihm/ihr erwarte, nur dann ist es gut, ist eine Aussage die rüberkommt. Die gesellschaftliche Norm steht über dem individuellen Lebensvorstellungen.

Keiko versucht auch dem zu entsprechen, ziemlich ernsthaft sogar, aber das tut sie nicht für sich.

Ein weiteres interessantes Thema, welches durch die Beobachtungen Keikos hervorspringt ist die Ähnlichkeit von Gruppen untereinander. die sich so ergeben oder nach und nach durch den täglichen Umgang entstehen. Ja, alles hat eben so seine Wirkung auf uns, die Räume, die Menschen, alles was uns so umgibt. Umso schöner finde ich wie Keiko doch trotz allem Sie selbst bleibt. Eine schöne und auch etwas schräge Geschichte mit einer besonderen Heldin.

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Die Ladenhüterin von Sayaka Murata
Übersetzer/in
Ursula Gräfe

18,00 € , Aufbau Verlag

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Sayaka Murata wurde 1979 in der Präfektur Chiba, Japan, geboren und arbeitet selbst in einem Konbini. Für ihre literarische Arbeit erhielt sie bereits mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Noma-Literaturpreis für Nachwuchsschriftsteller und den Mishima-Yukio-Preis. Ihr Roman „Die Ladenhüterin“ gewann 2016 mit dem Akutagawa-Preis den renommiertesten Literaturpreis Japans.

https://www.zdf.de/kultur/aspekte/videos/sayaka-murata-roman-die-ladenhueterin-100.html

 

Am Strand – Der Film

Endlich mal wieder ins Kino, darauf hab ich mich gefreut. Ich habe Kinokarten gewonnen, für die Buchverfilmung eines meiner Lieblingsautoren. Ja, manchmal mache ich auch Ausnahmen und lese zwischendurch wieder etwas von Männern. Wobei es viele Jahre her ist, als ich „Am Strand“ das erste mal las – noch vor meiner Konzentration auf Bücher von Frauen.

„Am Strand“, „On Cesil Beach“ der Originaltitel, eine Literaturverfilmung nach dem Buch von Ian McEwan. Auch wenn die Begebenheiten vor allem in den 60igern spielen, ist diese Geschichte immer noch eine Geschichte für unsere Zeiten. Ein Lehrstück dafür,  was passieren kann, wenn Erwartungen meilenweit auseinanderdriften, nicht genug geredet wird und die Konventionen wichtige Momente den Bach runter gehen lassen und Ozeane von Entfernungen entstehen.
Zwei junge Menschen, Florence Ponting (Saoirse Ronan) und Edward Mayhew (Billy Howle), begegnen sich, kommen sich näher und verlieben sich. Es wird geheiratet. Wir treffen die beiden in ihrer Hochzeitsnacht in einem Hotel am „Cesil Beach“ (ist erfunden, ebenso das Hotel).

 

Die Verfilmung hält sich eng an das Buch, aber es gibt einige entscheidende Unterschiede. Eine, vielleicht eher subjektive, Florence erscheint mir im Film viel selbstbewußter als im Buch. Vieles was im Buch aus dem Off kommt, wird hier von den beiden Protagonisten nun doch ausgesprochen. Holt viel nach vorn, was eigentlich im Original jeder für sich behält. Ich denke, man hätte es durchaus noch etwas subtiler gestalten können. Aber das ist wohl sicher immer wieder die Frage bei einer Buchverfilmung: Wie stellt man Gedanken dar oder einen Erzähler/eine Erzählerin?

Zwei junge Menschen

Edward wächst in einer etwas wilden Familienkonstellation auf, die aber unheimlich viel Sympathie ausstrahlt. Die Mutter verunglückte als Edward ein Kind war und ist seitdem sehr durcheinander. „Gehirngeschädigt“ ist der Begriff, den sein Vater gebraucht und der Edward so einiges klar macht. So wachsen er und seine Zwillingsschwestern in einem sehr chaotischem, aber ganz bezaubernden kleinem Haus auf. Es ist ihre Normalität. Der Vater, ein Grundschuldirektor, liebt seine Familie, aber schafft es kaum für Ordnung zu sorgen. Einige der schönsten Szenen spielen sich in genau diesem Haus ab; als Florence zu Besuch kommt. Sie nimmt Kontakt zu Edwards Mutter auf – hier sehen wir z.B. so gar keine Berührungsängste – hilft beim aufräumen und kocht sogar. Die ganze Familie verliebt sich sofort in sie. Edward ist zutiefst gerührt. Ein Film in welchem auch Männer Tränen fließen lassen, zumindest Edward.

Florence´s eigene Familie ist eher kühl, eine andere Klasse, Geld ist da. Sie studiert Geige und möchte auf die Bühne. Der Vater ist sozusagen Industrieller, und als wir ihm begegnen fällt auf, wie er Florence begrüßt. Die Mutter nennt das gekonnte Geigenspiel der Tochter Gefidel. Das beeindruckt Florence zum Glück wenig. Sie gründet ein Quartett und hat große Pläne.
Übrigens wunderschöne klassische Musik im Film. Ich habe einige Stücke ganz unten für euch notiert.

Als die Hochzeit näher rückt, beginnt Florence sich mit dem Thema Sex näher zu befassen und verspürt ein großes Gruseln bis hin zum Ekel. Ihrer jüngeren Schwester kann sie sich anvertrauen, aber sonst hat sie niemanden mit dem sie drüber sprechen kann. So normal auch die Nähe und der Körperkontakt zwischen den beiden zu sein scheint, alles was über Händchenhalten, Umarmen und Küssen hinaus geht, findet Florence wenig verlockend. Edward dagegen ist ganz verliebt in ihre Schönheit, aber auch rücksichtsvoll und bemerkt nichts davon.

Die Hochzeitsnacht

Der Film beginnt am Abend der Hochzeit im Hotelzimmer des frisch getrauten Paares – hier sind wir dem Buch ganz nah. Ein Essen auf dem Zimmer, unter der Beobachtung der Kellner. Zwischen Erwartungsdruck, Aufregung, Konventionen und der daraus folgenden „Steifheit“ der Situation, wird uns aber auch viel Liebe gezeigt und das Bemühen der beiden, das anzugehen, was sie denkt, was nun erwartet wird und das, was er sich schon so lange wünscht. Das wonach er sich sehnt und das, was sie so gerne auslassen würde.
Die Situation im Film wird immer wieder unterbrochen mit Bildern aus der Zeit vorher. Wunderschön fand ich die Kameraführung, die immer respektvoll dort Abstand hält, wo es nötig ist, nichts ans Licht zerrt, nichts ins Blickfeld rückt, was nicht nötig ist und mit großer Sorgfalt agiert. Ich war gespannt, wie gewisse Szenen im Film gezeigt werden. Da, wo es viel um Stimmungen, Gefühle und Ängste geht, die zwischen „Nähe“, „Küssen“ und „Luftholen“ stattfinden. Da wo man im Buch verfolgen kann, wie Edward das Ängstliche und Nervöse seiner Frau als Lust deutet. Und Florence nach vorne flüchtet, um irgendwie doch zu entkommen.
Schon das Ausziehen wird fast zu einer Belustigung. Wenn man da nicht diese große Unsicherheit und Besorgnis hindurch spüren würde. Beide furchtbar nervös. Florence versucht ihr bestes, wir sehen aber auch ihre angespannten Hände. Und dann passiert ein Missgeschick. Die Situation kippt vollends. Kurz sehen wir Florence – und Andeutungen. Ein Flashback? Also eine traumatische kurze Erinnerung.
Die Darstellung ist durchaus gelungen. Die kleinen Momente werden wunderbar ausgelotet und genau richtig beleuchtet.

Florence scheint so sehr auf sich bezogen, dass es ihr wohl nicht möglich ist, die andere Seite wirklich zu sehen. Aber vielleicht weiß sie auch einfach nicht wie. Ich hatte die Geschichte ganz anders in Erinnerung und bin nun selbst ganz überrascht davon, was ich behalten habe und was nicht. Es ist eben nicht nur ein stürmischer junger Mann, der keine Rücksicht nimmt, aber wohl einer der hilflos ist und nicht weiß, was er tun soll. Dessen Stolz so sehr verletzt wird, und der wohl den Eindruck gewinnt, unter Prämissen geheiratet zu haben, die vorher nicht klar waren. Florence dagegen hat sich schon etwas zurecht gelegt und überlegt, wie Sie ihrem Mann entgegen kommen kann, und anscheinend ist das ihre einzige Lösung. Vielleicht braucht sie körperliche Lust nicht, weil sie alles in der Musik findet. Oder das, was im Film kurz angedeutet wird, steht ihr im Weg.

Kino

Die große Leinwand im Kino und das Soundsystem in solchen Sälen machen sehr viel aus, und ziehen einen zusätzlich richtig in den Film hinein. Aber auch die Kamera, die einerseits weite Landschaften zeigt, Füße und Beine beim Gehen verfolgt oder Details ins Visier nimmt, die sehr ausschlaggebend sind, ist ganz fabelhaft.

Ich hatte heute den Kinosaal ganz  für mich. Da haben einige Menschen etwas verpasst. Aber diese Geschichte ist eben nicht einfach, nicht laut, nicht actiongeladen und schrill, aber tiefgehend, ziemlich herzzerreißend und voller wunderschöner Bilder.

Florence und Edward beim Picknick, auf dem Crocketfeld, beim Spazieren, Edwards Elternhaus, die Landschaft, das Meer, der Strand. Die Farben. Sehr schöne Kostüme. Die oft die Differenz zwischen den beiden jungen Leuten auf vorsichtige Weise unterstreicht – sie, die gepflegte konservative Frau der klassischen Musik. Er, der etwas wilde Naturbursche, mit einem Hang zum Rock´n Roll.

Das Schauspiel und die Geschichte

Saoirse Ronan, die die Florence Ponting spielt, hatte ich erst kürzlich nochmal in „Abbitte“ gesehen, da war sie noch ein Kind. In beiden Filmen spielt sie die weibliche Hauptrolle, und das exzellent. In beiden Filmen hat die Figur jeweils etwas in dem sie ganz aufgeht. In Abbitte sind es die selbst erfundenen Geschichten und die überbordende Phantasie und hier in „Am Strand“ ist es die klassische Musik und das Geigenspiel. „Am Strand“ ist eine ganz typische Ian McEwan Geschichte, die kleinen Begebenheiten, Unausgesprochenes, zuviel Gedachtes, was sich zu großen Dramen auswächst und allerschmerzlichst endet, die Leben der Beteiligten zutiefst prägen. Es gibt keine guten Enden. Ich mag das, auch wenn es sehr traurig ist. Aber es ist einfach so nah dran am echten Leben, wo es eben selten dieses „Friede Freude Eierkuchen Happyend“ gibt, wie in so vielen anderen Filmen. Ich glaube das ist auch das, was so betört; vor allem, wenn man selbst diese tragischen und schmerzhaften Seiten des Lebens kennt, lässt sich hier viel Resonanz spüren.

Was mich am Kino ein wenig stört ist, dass ich dort nicht so ungehemmt weinen kann, wie Zuhause. Ihr braucht auf jedenfall Taschentücher.

Einige der klassischen Stücke

J.S. Bach: Partita for Violin Solo No. 3 in E Major, BWV 1006-1. Preludio
Beethoven: String Quartet in B Flat Major, Op. 130-6. Finale (Allegro)
Haydn: String Quartet in G Major, Hob. III:81 (Op.77 No.1) – 1. Allegro moderato
Schubert: String Quartet No. 14 in D Minor, D. 810″ Death and the Maiden – 1. Allegro
J.S. Bach: Suite for Cello Solo No. 1 in G Major, BWV 1007-1. Prélude
Schubert: String Quartet No. 14 in D Minor, D. 810″ Death and the Maiden – 2. Andante con moto
Mozart: String Quintet in D Major, K.593-1. Larghetto – Allegro
Rachmaninov: Symphonic Dances, Op. 45-1. Non allegro

Achtung Spoiler zum Ende des Films:
Noch im gegenseitigen Verlassen gestehen sich die beiden doch ihre Liebe. Edward aber zu wütend und zu geschockt, vermutlich über den Vorschlag seiner Frau, bleibt am Strand zurück, während Florence alleine ins Hotel geht und ihre Sachen packt. Sie sehen sich nicht wieder. Die Ehe wird schriftlich anuliert – der Briefverkehr findet nur zwischen den Eltern statt. Man bleibt als Zuschauer irgendwie fassungslos zurück und fragt sich, wie das so laufen konnte. Für mich war es immer der Punkt, wo Edward ihr nicht nachläuft; jetzt ist es für mich aber auch der Punkt, wo Florence einfach geht.
Vor allem wenn man zum Ende hin erfährt, das Florence dann ihren ewig um sie werbenden Musikerkollegen geheiratet hat und mit ihm drei Kinder bekam. Edward bleibt alleine und überwindet diese Nacht nie.

Als ich Florence in ihrem türkisen Kleid so steif auf dem Bett liegen sah, bereit die Dinge über sich ergehen zu lassen, habe ich mich auch gefragt, wieviele Frauen das heute immer noch tun. Als junge sexuell unerfahrene Frauen, aber auch später…

In Erinnerung hatte ich, dass Edward derjenige war, der das ganze „verdorben“ hat und zu stolz war hinter seiner Frau her zulaufen. Sicher ist daran auch etwas wahr. Aber Florence hat eben auch ihren Anteil. Es wird nicht ganz klar. Aber wann ist es das schon. Wir wissen nur, etwas Schönes fand ein überaus schmerzliches Ende.

Ich habe noch eine Kinokarte zu verschenken, schreib mir wenn du sie haben möchtest.

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Buch:
Ian Mc Ewan
„Am Strand“
Taschenbuch
208 Seiten / 2008
Diogenes Verlag
10,00 €

Film:
Am Strand bzw. On Cesil Beach
von Dominic Cooke , 2018

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Leinensee – Anne Reinecke

„Leinsee“ ist der erste Roman von Anne Reinecke. Er wurde schon hochgelobt und ist nominiert für den Debütpreis der LitCologne 2018, außerdem gab es ein Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin für das Manuskript Leinsee im Jahr 2012. Hier sieht man, dass es doch eine Weile dauert bis man so ein feines Werk zustande bekommt.
Ich hatte das Ganze als Hörbuch, und das war eine sehr gute Entscheidung, wie ich dann feststellen durfte. Der Lesende, der Schauspieler Franz Dinda, war ganz wunderbar. Seine Stimme, ja seine ganze Person scheint komplett mit Karl verbunden. Ich war gar nicht mehr so am zuhören, sondern regelrecht mittendrin.
Am Anfang habe ich mich gefragt warum ein Mann die Geschichte liest, obwohl es eine Frau geschrieben hat. Und klar frage ich mich auch wieder warum eine Frau einen männlichen Protagonisten wählt – davon gibt es ja nun mal schon sehr viele.
Wie wäre die Geschichte gewesen wenn es eine junge Künstlerin gewesen wäre? Nun ich denke der Rahmen des ganzen hätte erhebliche Probleme gemacht. Denn der junge Karl ist schon recht bekannt in der Szene, und es ist nun mal so, dass auch hier die Männer erheblich mehr Chancen haben, wenn wir die Realität betrachten. Aber die Literatur ist ja durchaus auch da um anderes auszuloten.

*Achtung in diesem Artikel wird gespoilert*

Auch ein anderer Handlungsstrang wäre sehr viel „schwieriger“ gewesen, wenn es eine Künstlerin gewesen wäre. Dazu gleich mehr. Ich denke es ist schon ausschlaggebend, das die ganze Geschichte eingebettet ist in einen großen Reichtum. Das dieser Reichtum durch das „Kunst machen“ entstand, gibt dem ganzen natürlich eine gewisse Coolheit. Die Kunst wird sehr ausgiebig thematisiert, was mir, als ehemalige Kunststudentin, sehr gut gefallen hat. Es ist nicht irgendeine Kunst, sondern schon was spezielles, es geht um Objektkunst. Um das sammeln und bewahren und um Erinnerungen. Auf einer anderen Ebene um weiches und lebendiges was sich später in er ausgehärteten Masse wiederfindet. Eine schöne Symbolik.
Auch dem jungen Karl geht es erstmal viel um Erinnerungen. Ich würde sagen das erste Drittel der Geschichte ist damit gefüllt.
Der junge und erfolgreiche Künstler Karl bekommt die Nachricht über den Tod des Vaters, den er seit Jahren nicht gesehen hat. Der Vater hat sich suizidiert, weil er ohne die Frau an seiner Seite nicht mehr leben wollte. Die Mutter des Künstlers ist nämlich schwer erkrankt.
Der Vater hat sich auch hier am Schluß davon gestohlen.
Auch die Eltern waren Künstler, und zwar sehr bekannte. Der Sohn hat unter einem anderen Namen gearbeitet – er wollte seinen eigenen Weg gehen. Und das hat sehr erfolgreich funktioniert.
Nun wird er mit seiner Vergangenheit und dem Leben seiner Eltern konfrontiert. Übernimmt sozusagen ihr Haus, Atelier und Grundstück. Besucht die Mutter, die ihn nicht erkennt.
Karl bleibt und eignet sich die Vergangenheit inklusive Haus, Grundstück und Kunstwerken an. Das verändert viel für ihn und sein bisheriges Leben. Einfach ist es nicht aber durchaus aufregend und neu.
Und dann treffen wir Tanja, neben Karl und der Kunst im Roman, die dritte Hauptfigur. Ein Kind aus der Nachbarschaft, mit dem Karl sich anfreundet. Ein Kind, was auch ihn seine kindliche Seite ausleben läßt. Welches aber ganz ohne weitere Verbindung zu sein scheint. Die Figur schwebt förmlich in Karls Kosmos, und scheinbar nur dort. Es beginnt eine Art großes Spiel, welches ihn wiederum sehr mit der Arbeit seiner Eltern verbindet. Auch mit der Mutter kann nochmal eine neue Art von Beziehung beginnen, auf den letzten Metern.

Mir hat die Geschichte sehr gefallen, nur gegen Ende hin empfand ich eine Schwäche in der Beschreibung der Beziehung von Karl und Tanja, die vielleicht so etwas wie seelenverwandt sind. Es war CD 5 von 6. Da rutscht Anne Reinecke zu schnell über die Veränderung hinweg, meiner Meinung nach, das hat mir richtig einen Stich versetzt beim hören. Eine andere Leserin schrieb sowas in der Art, wie dass sie es toll fände das es zwischen Karl und Tanja, die beiden Hauptfiguren, so gar nicht komisch war in der Geschichte. Mir dagegen hat dieses „komisch“ gefehlt. Es bleibt für mich ein wenig flach – wo wir doch vorher auch viel an Karls Gedanken beteiligt werden, hier fehlen sie an der Stelle wo der große Altersunterschied zwischen Karl und Tanja immer wieder doch irgendwie Thema ist, und über den sehr schnellen Lauf der Jahre, als Tanja vom Mädchen zur jungen Frau heranwächst. Es wird schon versucht das in einigen Bildern darzustellen, aber mir geht das alles zu rund und zu einfach. Ich würde sagen „gerade in unseren Zeiten“, da würde doch sofort Verdacht aufkommen, wenn ein erwachsener Mann und ein kleines Mädchen befreundet sind. Vielleicht ist das alles auch viel zu heimlich, aber über eine so lange Zeit? Da ist niemand groß, der diesen kleinen Kosmos wirklich stört, bis auf einmal, dem auch eine lange Pause folgt und ein ganz selbstverständliches Wiedertreffen.

Ich freue mich auf mehr von dieser Autorin und bin gespannt auf die Themen.

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Hörbuch
6 CD , 7 Std. 39 Min.
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 27.00

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Heeme – ein Heimkehrerinnenbuch

„Heeme“, eine Mischung zwischen Erfahrungsbericht und Kurzroman. Ich habs direkt von der Autorin bekommen, mit Widmung. Sowas freut natürlich immer ganz besonders. Stephanie Auras-Lehmann kommt aus dem Spreewald und war selbst lange fern der Heimat. Sie ist eine aus der Generation, die in der Kindheit/Jugend die Wiedervereinigung Deutschlands erlebt hat. 1982 wurde sie geboren. In der Geschichte von „Heeme“ verarbeitet sie eigene Erlebnisse und Erinnerungen aus der Zeit nach der „Wende“ bis zu ihrer eigenen Heimkehr 2009 nach Finsterwalde. Dort hat Sie inzwischen eine Rückkehrerinitiative für den Landstrich Elbe-Elster aufgebaut.

Die Protagonisten haben alle sehr lustige Namen, und es ist durchaus ein leichtes Buch was sich sehr gut lesen läßt – mit einer Überarbeitung wäre es bestimmt auch was für einen Verlag der Bücher in einfacher Sprache rausbringt. Da fehlt nämlich noch jede Menge Literatur.

Die Heldin der Geschichte hat einen typisch Ostdeutschen Namen: Peggy 😉 und bleibt irgendwie übrig nach dem Schulabschluss im Osten. Alle anderen haben die Heimatstadt schnell verlassen, denn dort gibt es so gut wie keine Zukunft, sprich Ausbildungsstellen. Irgendwann packt es dann auch Peggy, und sie macht sich auf in die neue weite Welt. Die Möglichkeiten beim Schopfe packen. Da heißt es erstmal „sich zurecht zu finden“, die westlichen Gepflogenheiten kennenlernen und sich ganz neu eingewöhnen. So richtig Freunde findet Peggy aber nicht, und man merkt sie hängt an der Heimat. Doch das leben meint es auf eine andere Weise sehr gut mit ihr und Sie macht Karriere – allerdings mit so einigen Hürden und nicht immer erfreulichen Ereignissen. Aber sie schlägt sich tapfer durch und bleibt am Ball und kommt weit. Und zwar bis hinüber über den großen Teich: New York.
Doch daheim im ruhigen Städtchen wartet der Freund und irgendwann muß Peggy sich entscheiden.

Wofür sie sich entscheidet ist klar, wenn man den Untertitel liest. Manch einer wird sie für verrückt erklärt haben und nunja, im Osten stehen die Chancen bis heute ja nicht gerade zum besten wenn es um das Thema Arbeit geht. Und will man denn nicht gerade als junger Mensch die Welt erkunden?

Stephanie hat mir vorne ins Büchlein geschrieben „Rückkehren verbindet“, dem kann ich nur von Herzen beipflichten. Ich hab beim Lesen auch gleich die Verbindung gespürt, auch wenn ich älter bin und früher weg bin und schon nach dem Studium zurückkam.
Das hat auf jedenfall etwas mit dem Thema Heimat zu tun – auch wenn auf mich jetzt weder Liebe noch Eltern gewartet haben – dafür die Großeltern. Im Laufe der Jahre hat es mich schon immer wieder auch verwundert wo es überall sächsische Enklaven gibt und wieviele jüngere Menschen Woche für Woche zwischen Ost- und Westdeutschland pendelten. Jemand der bis New York gekommen ist, kenne ich allerdings nicht.

Wir leben heute in einer Welt, in der Familien oft verstreut sind und auch Freunde selten am gleichen Ort wohnen. Die Welt ist verdammt groß geworden. Es gibt durchaus viele Möglichkeiten, wenn man sie denn findet, oder das Geld dazu hat. Denn es hat immer auch mit Glück zu tun wie weit man kommt und was man damit anfangen kann. Viele können auch nur in die Ferne schauen, und sehnen sich vielleicht gerade deshalb besonders danach. Doch wenn man die Welt auch weiter weg kennengelernt hat sieht man die Heimat oft nochmal mit anderen Augen. Spätestens wenn es ans Famlie gründen geht überlegt man sich doch wohin, grade wenn man Familie hat mit der man sich auch versteht. Großeltern sind doch sehr hilfreich für die Kinder und auch alte Freunde sind schon was besonderes.
So kehrt manche*r wieder Heim und ist Glücklich damit und bestenfalls bringt die Person auch noch was mit, wie Stephanie Auras-Lehmann ihre Geschichte und ihr Projekt für Heimkehrer*innen.

Stephanie Auras-Lehmann

Heeme
14,99 €

https://www.heeme-buch.de/

 

Pirasol

Pirasol – das ist im Roman eine alte Villa. Das Zuhause der alten Gwendolin. Sie lebt schon eine ganze Weile hier. Früher mit dem viel älterem Ehemann und dem Sohn, der eine inzwischen tot, der andere lange fort. Die alte Dame ist aber nicht allein. Sie hat sich, wie schnell klar wird leider, auf eine Mitbewohnerin eingelassen. die Mitbewohnerin ist um einiges Jünger und schaltet und waltet sehr bestimmend. Gwendolin fühlt sich überhaupt nicht wohl damit.
Dieser Geschichtenstrang zieht sich vom Anfang bis zum Ende durch das Buch und ist ein ziemlich angespannter Strang, mir wird am Schluß schon ganz hibbelig, so gespannt bin ich auf die Auflösung.
In den Zeiten dazwischen erinnert sich Gwendolin an ihre Zeit die Sie in Pirasol verbracht hat, aber auch an ihre Kindheit und Jugend im Krieg und vor allen den Nachkriegsjahren.

„…und sich gewundert hatte, warum er nur Papier ohne Zeilen benutzte und sich weigerte, seine Schrift auf gezogenen Linien abzulegen.“

Die ganze Geschichte hat etwas schleifendes, so wie das Leben Gwendolin geschliffen hat, wird auch der Leser geschliffen. Es fiel mir schwer das mitzumachen und durchzuhalten. Denn zwischendurch stopp es kurz und dann wird neu angesetzt. alles wird mehrfach aufgegriffen, jedesmal geht es ein Stück tiefer und Häppchenweise erfahren wir was in der Vergangenheit passiert ist.
Erfahren wie Gwendolin ihre Eltern verlor und in welcher bangen Hoffnung sie nach dem Krieg grade so überlebt.
Es scheint Sie ist erstarrt durch das was Sie schon früh erlebt hat. In ihrer Ehe wird das Ihr und dem gemeinsamen Sohn zum Verhängnis.
Was macht man nun mit diesen Erfahrungen, die einen still werden ließen. Was macht man jetzt im hohen Alter mit diesem Leben?

„… und Gwendolin spürte, wie sie sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete: die Einsamkeit, wenn man andere Menschen zueinander geführt hatte.“

Susan Kreller hat eine feine angenehme Sprachmelodie in den Roman gewirkt, immer wieder webt sie kleine Poesien sein, die viel Atmosphäre erzeugen. Eine echte Stärke des Romans. Er hat mich sehr berührt und so manches mal sind mir die Tränen gekommen, was mir eher selten beim lesen passiert.
Beim schleifenden der Geschichte bin ich mir nicht scher ob es ein ausgefuchstes Stilmittel ist, welches uns immer mehr hineinziehen soll oder ob es nicht eine Schwäche in der Erzählung ist? Zwischendurch empfand ich es schon durchaus auch als lästig und hätte mir gewünscht das die Dinge mit einem mal „erledigt“ werden und nicht zwei-, dreimal wieder angefasst werden um dann doch noch wieder neues zu offenbaren. Ja ich denke man hätte die Geschichte auf weniger Seiten erzählen können und es hätte ihr vielleicht auch gut getan. Aber ich glaube dann wäre nicht diese besondere Stimmung zu Tage getreten. Welches Leben läuft schon gerade? Was gelingt schon im ersten Anlauf? Und ja, wie vieles gelingt nie?

„..und der das, was war, in aller Lautstärke vergaß.“

Worüber ich froh war, das war das versöhnliche Ende, welches ich Gwendolin auch aus tiefstem Herzen gegönnt habe.
Pirasol ist ein besonderes Buch und birgt eine Geschichte in die man eben durch die Erzählweise tief einsteigt, eine Geschichte die in Erinnerung bleiben wird. Ein kleiner Wermutstropfen, auch wenn es die Geschichte von Gwendolin ist, dreht sich doch sehr viel mal wieder um die Männer, erst den Vater, dann den Ehemann und später den Sohn. Die Frauen bleiben zu oft Randfiguren, sehr schade.

„Er lachte, weil es seine Art zu weinen war … und wie sie selbst weinte, indem sie nicht mehr weinte“

Näheres zum Inhalt:

Das Mädchen was von einer Nachbarin gerettet wird, unter Umständen die ihr das fühlen abgewöhnen. Umstände die viel Kraft kosten um sie zu überleben. Der Vater der aus dem Krieg heimkehrt, mit dem das Mädchen in seiner Abwesenheit all die Bücher geteilt hat, die eigentlich längst verbrannt sein sollten. Bücher die das Mädchen nie vergessen wird, und die auch ihr Sohn ganz heimlich entdeckt, viel viel später. Bücher spielen eine große Rolle und haben sehr viel zur Rettung beigetragen – ich kenne das. Bücher die einen sich selbst wiederfinden lassen. Bücher die trösten oder neue Welten zeigen. Bücher die ein Heimatgefühl oder Geborgenheit schenken. Bücher auch in Form von Buchläden als Zufluchtsorten und Buchhändlern als Vertraute.
In der Erstarrung und Einsamkeit findet Gwendolin ein aufgewecktes paar graue Augen und lässt sich davon einnehmen. Lernt das Haus Pirasol kennen und verliebt sich sofort. Die Ehe wird ein Alptraum, die grauen Augen werden hart und bitter und lassen besonders am gemeinsamen Sohn alle Bösartigkeiten und Demütigungen aus. Strafen Gwendolin mit einer Kälte die Sie weiter in einer stummen Erstarrung verharren lässt. Der Widerstand so zart und leise das er nur für sehr kleine Glücksmomente reicht. Für ihren Sohn reicht es nicht.

***

Pirasol
Susan Kreller

Piper/Berlin Verlag
Hardcover 20,- €  / Taschenbuch 11,- €

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Ein Auszug aus dem Roman erhielt den GWK- Förderpreis 2014
Susan Kreller: Geboren 1977 in Plauen, studierte Germanistik und Anglistik und promovierte über englischsprachige Kinderlyrik. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie 2012 mit dem Jugendbuch »Elefanten sieht man nicht« bekannt. Sie erhielt unter anderem das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium, den Hansjörg-Martin-Preis (2013) und 2015 den Deutschen Jugendliteraturpreis für »Schneeriese«. Sie arbeitet als Schriftstellerin, Journalistin und Literaturwissenschaftlerin

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zum reinhören
https://www1.wdr.de/kultur/buecher/susan-kreller-pirasol-104.html

Das Glück ist ein Vogerl

Zur Abwechslung mal etwas leichtere Lektüre, dachte das hilft mir beim einschlafen.
Der Buchrücken sagt: „Eine literarische Komödie über die Liebe und die Tücken der Unsterblichkeit“.
Nun ja die Liebe, spätestens seit Liv Strömquist wissen wir, das es damit nicht ganz so einfach ist.
Hier haben wir den Franz, dessen Name sehr sehr oft erwähnt wir diesem Buch, sowie auch die Namen der anderen Protagonisten und Protagonistinnen, der Musiklehrer ist, aber eigentlich lieber ein Rockstar wäre. Früher hatte er auch mal eine Band. Inzwischen versucht er mehr schlecht als recht, Kindern die Musik nahe zu bringen.
Er wohnt zusammen mit seiner Frau – die im Buch nicht gut weg kommt – und seiner Tochter in einem vererbten Häuschen. Finanziell sieht es nicht so rosig aus, auch ein Grund warum sich der Franz nicht um seine Rockstarkarriere kümmern kann.
In der Ehe krieselt es, aber der Franz hängt an seiner Frau, warum wird mir leider nicht klar, denn die Frau, sie heißt Linn und ist Übersetzerin, ist einfach nur nervig und einem Glücksguru hörig, für den sie im laufe der Geschichte auch anfängt zu arbeiten. Die beiden, also Franz und Linn wollten eigentlich zusammen einen Workshop besuchen, aber da fingen die Probleme dann erst richtig an.
Eine Tochter gibt es auch, die pupertiert und hat es auch nicht einfach mit den viel beschäfigten Eltern und als Lehrerkind.
Nach einem Unfall sieht der Franz plötzlich einen Geist und fragt sich ob er jetzt ein Burnout hat.

Die beiden Herren machen sich dann gemeinsam auf eine Reise, also Franz und der Geist, und es ist einiges los in der Geschichte. Mich erinnert der Schreibstil sehr an meine Jugend, in der ich gern Christine Nöstlingers „Gretchen Sackmaier“ las. Das kommt vielleicht daher das die Autorin Ingrid Kaltenegger in Salzburg aufwuchs. Sie trifft den Ton aufjedenfall gut, man muß es halt mögen. Insgesamt ganz gute und leichte Unterhaltung mit einem positiven Ende. Also etwas zum entspannen. Allerdings ist mir die Rollenverteilung dann doch etwas zu konservativ und alles etwas zu vorhersehbar.

Die Autorin ist übrigens die nächsten Monate auf Lesereise.

Der Titel der Geschichte geht auf ein Lied zurück, welches auch eine wichtige Rolle im Buch spielt, hört doch mal rein:

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Ingrid Kaltenegger
Das Glück ist ein Vogerl
Hoffmann und Campe
20,- €

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Ingrid Kaltenegger, geboren und aufgewachsen in Salzburg, ist Schauspielerin und Drehbuchautorin. 2015 wurde ihr Text Punks Not Dead mit dem Deutschen Kurzkrimipreis ausgezeichnet. Ingrid Kaltenegger lebt mit ihrer Familie in Köln. Das Glück ist ein Vogerl ist ihr erster Roman.

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Wer gern Vögel mag, der schaue doch mal auf meinen Handarbeitsblog, dort ist ein nettes Osterküken gelandet, inklusive Link zur Anleitung.

Und es schmilzt

Selten hatte ich ein Buch mit so einem schönem Einband, geschweige denn einem echtem Farbkonzept und solch einem farbigen Schnitt. Wirklich wunderschön gemacht und sehr verführerisch. Schlußendlich hat mich die Gestaltung auch verführt das Buch zu lesen.
Das ist eines der Bücher aus dem Überraschungspaket vom S. Fischer Verlag gewesen, ich hatte dazu etwas im Artikel über das Bloggen geschrieben. Ich bin eine Weile drumrum geschlichen, weil der Klappentext so klang als wäre es kein Buch für sensible Menschen wie mich.  Aber dann war ich doch zu neugierig.
Die Autorin wird in ihrem Heimatland Belgien sehr gefeiert. Belgien also, puh, da hätte ich jetzt doch ein paar Fragen.
Denn, Achtung! dieses Buch ist brutal und es ist mir ein Rätsel, wie man dieses Werk feiern kann. Ich weiß nicht warum so ein Buch geschrieben wird und wozu?

Mir gingen lange nach dem lesen die Figuren, besonders die 2 Mädchen, die Hauptfigur Eva und die kleinere Tesje, nicht aus dem Kopf und ich hätte gern darauf verzichtet. Der Aufbau der Spannung ist logisch, dadurch das mal hier mal dort was gestreut wird. Darin sehe ich jetzt kein besonderes Talent, sondern eine Schreibtechnik die immer funktioniert, oder sagen wir meistens. Erstaunlich ist für mich die Dicke des Buches. Ich frag mich jetzt, ist denn da wirklich so viel passiert, das es echt diese vielen Seiten füllt?

Wir begegnen Eva, und ihrer Familie. Ihrer dysfunktionalen und kaputten Familie, in der die Kinder vollkommen allein auf sich gestellt scheinen. Und im Grunde nicht mal wirklich mit dem nötigsten versorgt sind.
Schnell läßt uns Lize Spit in der Atmosphäre ankommen. Das gelingt ihr ganz hervorragend. Die Beschreibung des Dorfes und seiner Bewohner. Wir werden teilhaben an kleinen Ritualen und dem Alltäglichen, befinden uns ganz nah dran. Ein Ort, begrenzt, und jeder kennt jeden. Schnell kommt Lize Spit zur Sache, hier und dort werden die Samen gestreut, die später aufgehen. In anderen Rezensionen las ich das der Anfang seine Längen hätte, das kann ich so nicht sagen. Es gibt nicht soviel Handlung aber eine Verdichtung von Atmosphäre, der Nährboden auf dem sich die Grausamkeiten entfalten.

Und da geb ich einem Kommentar auf dem Buchrücken recht: „…gnadenlos, knallhart und kompromisslos grausam…“ Die Auswahl ist immer klein für Eva. Ob es um einen eigenen Platz geht, um das Essen, gute Momente, Freunde. Es gibt keine Vertrauten, dafür aber einen kleinen Kreis von „Freunden“. Jungs. Und dann noch ein Mädchen. Diese Verbindungen, die tage auf dem Dorf, das alles ist wirklich gut geschrieben.

Aber warum Gewalt – die so schon so verbreitet ist – auch noch so detailiert in der Literatur schildern, wie es hier passieren wird? Wenn eben nichts daraus gezogen werden kann. Oder was bitte sollte man aus expliziter Schilderung von Gewalt ziehen? Die Wucht der Brutalität und des Leidens, welchen einen innerlich fast erschlägt? Und die Momente der Gewalt werden hier und da gestreut, sie wachsen, nach und nach. Kleine Begebenheiten bis zu einer furchtbaren Tat an Eva. Als gäbe es nicht schon genug schreckliches im Leben des Mädchens, der Schwestern… Und das Ende? Ich bin so überhaupt nicht einverstanden damit. Gut es bleibt eine kleine Lücke die unserer Interpretation überlassen ist….

Ich hoffe nicht das so viele Menschen das Buch lesen und ich hoffe es wird kein Erfolg. Es wird drüber gesprochen und ich bin entsetzt wenn ich Lob darüber höre. In der japanischen Literatur gab es ja dieses exzessive sich selbst zerfleischen und zeigen, in der Postmoderne, aber hier kann ich es nicht einsortieren.
Wie kann man selbst in solche eine brutale Welt einsteigen als Schriftstellerin,  es kommt mir ein wenig krank vor, im Sinne von einer Art Selbstgeiselung oder auch Bösartigkeit . Oder ist es die Verarbeitung eines Traumas? Sollte dieser Text nicht unbedingt eine Triggerwarnung dabei haben? Ich habe es weiter gelesen, weil ich immer noch auf einen kleinen Fitzel von gutem hoffte. Das ein kleines Stück gutes Ende dabei sei. Aber das Ende ist ja nicht mal ein richtiges Ende.
Die Autorin hat es geschafft das man die Kälte am eigenem Leib spürt und diese graue Wolke um alles. Das man mitten drin ist. Aber wer will schon mitten in so einem Horror sein, der für einige Menschen sehr wahrscheinlich nah an der Realität ist?

Ich bin froh das ich zwischen dem Lesen und der Rezension einige Monate habe vergehen lassen, so das ich jetzt im Nachgang durchaus auch der Qualität die das Buch hat Raum geben konnte. Denn direkt nach dem lesen war ich einfach nur geschockt und wütend. Ich wünschte mir trotzdem noch ich hätte es nicht gelesen.

Hat jemand von Euch das Buch gelesen? Wie geht ihr mit so etwas um?

***

Lize Spit
Und es schmilzt
S.Fischer Verlag

22,- €

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Die Schlange von Essex

Mit der „Schlange von Essex“ gewann Sarah Perry 2017 den britischen Buchpreis für den besten Roman und das Beste Buch insgesamt. Leider habe ich keinen Vergleichswert was britische Bücher angeht. Das Wissen um den Preis hat mich aber angehalten dabei zu bleiben, denn ich wahr mehrfach versucht das Buch wegzulegen. Es ging mir zu langsam vorwärts und schien mir in mancher Hinsicht zu leicht vorhersehbar.
Eine Stärke des Buches sind sicher die Schilderungen der Atmosphäre und der Landschaft von Essex.
Die Geschichte plätschert so ein wenig vor sich hin.
Cora, eine junge Mutter, verliert ihren Mann durch Krankheit. Für Sie ist es ein Befreiungsschlag. Wir Schreiben das Jahr 1893. Sie und Ihr Sohn, der vermutlich Autist ist, ziehen für eine Weile aufs Land. Cora hat eine ganz große Schwäche für Fossilien und liebt es in der Erde zu wühlen. Dabei haben Sie eine Begleiterin, die sich um beide kümmert – wach, sozial engagiert und ein wichtige Stütze für beide. Überhaupt mag ich die Frauen, die hier viel Platz einnehmen, sehr. Durchaus kann man bei einigen von emanzipierten Personen sprechen.
Es gibt dann noch 2 Nebenfiguren, deren Rollen mir nicht so ganz klar wurden, ich fand Sie bisweilen etwas nervig. aber wir erfahren durch diese beiden etwas über die Chirurgie der damaligen Zeit.
Die Beziehung aber, um die sich der Hauptteil der Geschichte dreht – also außer der Beziehung zur Landschaft von Essex – ist die Beziehung zwischen Cora und dem Pfarrer des kleinen Örtchens auf dem Land. Aldwinter.
In der Beschreibung lesen wir das es besonders um die zwei Einstellungen der beiden gehen soll. Der Religion und der Wissenschaft. das tut es durchaus, aber der Pfarrer ist doch ein ziemlich offener Geist und jung genug um sich mit neuen Denkansätzen zu befassen. So wurde ich dann diesbezüglich ein wenig enttäuscht.
Am Ende ist einiges verloren gegangen, hat sich anders entwickelt als gedacht, und vieles scheint in der Geschichte Anfang und End e gefunden zu haben.

„Anmutig und intelligent“ erzählt… so heißt es auf dem Buchrücken. Mir hätte ein bisschen weniger Anmut ganz gut gefallen, ein bisschen mehr Spannung. Wobei die Küste schon sehr gut beschrieben ist und die Schlange von Essex wohl die größte Überraschung bietet, neben dem leichten Grusel und der Aufregung, welche die Bürger überfällt. Und das sehr gut zu spüren ist durch die Zeilen.
Ach und um Liebe geht es auch, an vielen Stellen zwischen allen möglichen Personen, auf alle möglichen Arten.
Das Buch ist sicher eine ganz gute Abend- oder Urlaubslektüre. Nicht zu fordernd, nicht zu heftig, und durchaus unterhaltsam. Ich denke er braucht etwas um seine wirkung zu entfalten. Was der Autorin sehr gut gelungen ist, wie ich finde, Sie versetzt einen ganz wunderbar in eine andere Zeit.

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Sarah Perry
Die Schlange von Essex
Übersetzt von Eva Bonné
Eichborn Verlag, 24,- €

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Sarah Perry wurde 1979 in Essex geboren und lebt heute in Norwich. Ihr Roman Die Schlange von Essex war einer der größten Überraschungserfolge der letzten Jahre in England. Ausgezeichnet als Buch des Jahres 2016 der Buchhandelskette Waterstones, Gewinner des britischen Buchpreises 2017 für den besten Roman sowie für das beste Buch insgesamt. Der Roman war nominiert für den Costa Novel Award, den Dylan Thomas Prize, den Walter Scott, den Baileys und den Wellcome Book Prize.

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