Dazwischen etwas aus Südkorea: Die Vegetarierin – das Hörspiel

Die Vegetarierin, Hörspiel nach dem Roman von Han Kang – Fleischlos, auf das nötige reduziert?

Bis 13.8. kann das Hörspiel über den SWR2 noch angehört werden.  Und hier beim NDR noch bis September. Und falls euch asiatische Literatur interessiert, würde ich mir das nicht entgehen lassen. Obwohl das Buch schon länger auf meiner Wunschliste stand habe ich es bisher nicht gelesen. Ich spreche hier jetzt vom Hörspiel. Und das war ein wirklich intensives Erlebnis. Sehr beeindruckend. Eine starke Geschichte, die mich gleich in ihren Bann gezogen hat.
Yeong Hye ist bisher eine einfache und brave Ehefrau gewesen, hat das getan was ihr Mann erwartet hat. Beide führen eine leidenschaftslose Ehe. Zuerst berichtet ihr Mann.

Yeong Hye hatte einen Traum und sortiert von da an alles Fleisch aus dem Kühlschrank aus.  Ab sofort gibt es nur noch fleischloses Essen und ab sofort lehnt sie jedwede Nahrung mit tierischen Produkten ab. Der Ehemann ist sehr verärgert. Die Ehefrau schweigt.

Gradlinig wird die Geschichte erzählt, mit nur wenigen Worten macht uns die Autorin klar was Sache ist. Was für ein unangenehmer Mensch z.b. der Ehemann ist. Oder wie wenig mitfühlend die Eltern sind, die sich extrem einmischen in die Ernährung ihrer Tochter. Vor allem der Vater erwartet, daß selbst die erwachsene Tochter ihm gehorcht. Yeong Hye bleibt aber ganz gradlinig, ohne ersichtlichen Aufruhr, bei ihren Ansichten. Keiner fragt nach ihrem Traum, aber alle wollen das sie wieder „normal“ wird. Einzig ihre Schwester scheint das ganze mit etwas Sorge zu betrachten.

Fleischlos wirkt auf mich auch die Erzählweise dieser Geschichte, auf das nötigste reduziert. Gerade mal 72 min. lang. Das Original Hörbuch geht über 5 Stunden. Vieles wird nur angedeutet und ist trotzdem sehr klar. Unterstrichen wird das ganze hier beim Hörspiel durch die reduziert eingesetzte Musik, bzw. von einem Tönen. Ja es sind mehr Töne als Musik. Teilweise sehr düster.

Wichtig für die Geschichte ist zu wissen das es eine koreanische Geschichte ist. Dort ist der Vegetarismus ganz etwas anderes als in unseren Breitengraden und eine echte Rebellion.

Die junge Frau wird immer dünner und hört irgendwann ganz zu essen auf. Und es scheint nur einen Menschen zu geben der sie wirklich sieht. Der die Schönheit begreift mit der sich Yeong Hye „befasst“. Doch die Schwester erzählt uns noch eine andere Geschichte.

Absolut poetisch, emotional, berauschend und sinnlich.
Patriarchale Strukturen und Vegetarismus als zerstörerischer Akt der Gegenwehr.

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Die Vegetarierin, Hörspiel nach dem Roman von Han Kang

Übersetzung aus dem Koreanischen: Ki-Hyang Lee
Bearbeitung und Regie: Irene Schuck
Mit Paul Herwig, Meike Droste, Judith Engel,Wolfgang Pregler, Michael Wittenborn, Jonas Minthe, Hedi Kriegeskotte, Franz Ferdinand Möller-Titel, Achim Buch, Anne Moll, Stefan Haschke, Sebastian Rudolph u.a.
Produktion: NDR 2017

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Die Autorin:
Han Kang wurde in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Dichterin, seitdem erschienen zahlreiche Romane, die unter anderem mit dem mit dem Yi- Sang-Literaturpreis, den Today’s Young Artist Award und dem Manhae Literaturpreis ausgezeichnet. Für „Die Vegetarierin“ erhielt sie 2016 gemeinsam mit ihrer Übersetzerin den Man Booker International Prize. Zuletzt erschien von ihr bei Aufbau der Roman „Menschenwerk“, der ebenfalls für den Man Booker International Prize nominiert war und mit dem renommierten italienischen Malaparte-Preis ausgezeichnet wurde. Derzeit lehrt sie kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul.

Das Buch:
http://www.aufbau-verlag.de/index.php/die-vegetarierin.html

https://www.welt.de/reise/Fern/article123431798/Wenn-das-Essen-vom-Teller-zu-kriechen-versucht.html
https://abenteuerinasien.wordpress.com/2016/06/09/ein-vegetarier-in-korea/

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Rattatatam, Mein Herz

Es ist wohl eher so, dass du die Voraussetzung für Mut bist“ sagt die Autorin im Buch zu ihrer Angst. Sagt die Autorin zu ihrer Angst? Genau, denn diese begleitet sie nämlich in allen möglichen Lebenslagen als unsichtbares Anhängsel. Wir werden immer mal wieder Zeuge diverser Gespräche zwischen Angst und Franziska Seyboldt.
Als Methode sich bestimmten Dingen zu nähern finde ich das prima, beim Lesen hat es mich dann doch etwas gestört, so auf Dauer. Aber dem Thema Angst wird sich hier in einer gut lesbaren Art und Weise genähert. Ohne komplizierte Sprache oder Fachausdrücke, durchaus Unterhaltsam.
Trotzdem, so ganz hat es mich ehrlich gesagt erzähltechnisch nicht  bei der Stange gehalten. Es werden viele Themen und Facetten ausgepackt. Bei manchen Stellen hätte ich mir da etwas mehr Tiefgang gewünscht, so z.b. beim Thema Outing, anstatt schon wieder den nächsten Hüpfer.

Insgesamt hat das ganze Buch auch mit dieser schwierigeren Thematik etwas leichtfüssiges. Am interessantesten fand ich die Stellen, wo es darum ging wie das Umfeld reagiert, wie sich der Umgang auch mit der Offenheit der Autorin änderte. Nett auch die Therapietermine, durchaus auch zum schmunzeln.

Das ganze ist natürlich eine persönliche Geschichte und ich finde sie verläuft recht geradlinig, schnell wird Hilfe gefunden – das ist so sicher den wenigsten vergönnt. Und gleichzeitig gibt es so einige Eckpunkte, die für viele Menschen gelten werden und die finde ich in diesem Buch am wichtigsten. Was heißt es Ängste zu haben und was ist Angst eigentlich? Wann fühle ich mich unwohl? Und woher kommt das ganze? wie gehe ich damit auf eine gute Art um? Das Thema funktionieren und zusammenreißen, was ich leider auch nur allzu gut kenne und sicher viele viele andere Menschen auch, spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Am Anfang des Buches ahnte ich es gleich, es geht auch um Hochsensibilität, das kommt zwar erst ziemlich am Ende zur Sprache, aber es kommt. Da ich selber Hochsensibel bin, die Autorin bringt es auch schön auf den Punkt: hoch vegetatives Nervensystem und eine Schnellschuss Amygdala, erkenne ich sowas recht schnell.
Ebenso wird das Thema Trauma am Ende kurz aufgegriffen und die Geschichte psychischer Krankheiten und der Umgang damit, was ich einen sehr guten Abschluß finde.

45 Kapitel – 251 Seiten – viele persönliche Erlebnisse – gute Rückschlüsse und wie ich finde ein gutes Buch um zu einer Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten bzw. einer Andersartigkeit beizutragen.

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Franziska Seyboldt
Rattatatam, Mein Herz
Vom Leben mit der Angst
Kiwi Verlag, 16,99 €
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Franziska Seyboldt, geboren 1984 in Baden-Württemberg, studierte Modejournalismus und Medienkommunikation in Hamburg. Seit 2008 lebt und arbeitet sie in Berlin. Sie ist Redakteurin, Autorin und Kolumnistin bei der taz, schreibt Werbetexte und Bücher für Erwachsene und Kinder. »Rattatatam, mein Herz« ist ihr drittes Buch.

 

Heeme – ein Heimkehrerinnenbuch

„Heeme“, eine Mischung zwischen Erfahrungsbericht und Kurzroman. Ich habs direkt von der Autorin bekommen, mit Widmung. Sowas freut natürlich immer ganz besonders. Stephanie Auras-Lehmann kommt aus dem Spreewald und war selbst lange fern der Heimat. Sie ist eine aus der Generation, die in der Kindheit/Jugend die Wiedervereinigung Deutschlands erlebt hat. 1982 wurde sie geboren. In der Geschichte von „Heeme“ verarbeitet sie eigene Erlebnisse und Erinnerungen aus der Zeit nach der „Wende“ bis zu ihrer eigenen Heimkehr 2009 nach Finsterwalde. Dort hat Sie inzwischen eine Rückkehrerinitiative für den Landstrich Elbe-Elster aufgebaut.

Die Protagonisten haben alle sehr lustige Namen, und es ist durchaus ein leichtes Buch was sich sehr gut lesen läßt – mit einer Überarbeitung wäre es bestimmt auch was für einen Verlag der Bücher in einfacher Sprache rausbringt. Da fehlt nämlich noch jede Menge Literatur.

Die Heldin der Geschichte hat einen typisch Ostdeutschen Namen: Peggy 😉 und bleibt irgendwie übrig nach dem Schulabschluss im Osten. Alle anderen haben die Heimatstadt schnell verlassen, denn dort gibt es so gut wie keine Zukunft, sprich Ausbildungsstellen. Irgendwann packt es dann auch Peggy, und sie macht sich auf in die neue weite Welt. Die Möglichkeiten beim Schopfe packen. Da heißt es erstmal „sich zurecht zu finden“, die westlichen Gepflogenheiten kennenlernen und sich ganz neu eingewöhnen. So richtig Freunde findet Peggy aber nicht, und man merkt sie hängt an der Heimat. Doch das leben meint es auf eine andere Weise sehr gut mit ihr und Sie macht Karriere – allerdings mit so einigen Hürden und nicht immer erfreulichen Ereignissen. Aber sie schlägt sich tapfer durch und bleibt am Ball und kommt weit. Und zwar bis hinüber über den großen Teich: New York.
Doch daheim im ruhigen Städtchen wartet der Freund und irgendwann muß Peggy sich entscheiden.

Wofür sie sich entscheidet ist klar, wenn man den Untertitel liest. Manch einer wird sie für verrückt erklärt haben und nunja, im Osten stehen die Chancen bis heute ja nicht gerade zum besten wenn es um das Thema Arbeit geht. Und will man denn nicht gerade als junger Mensch die Welt erkunden?

Stephanie hat mir vorne ins Büchlein geschrieben „Rückkehren verbindet“, dem kann ich nur von Herzen beipflichten. Ich hab beim Lesen auch gleich die Verbindung gespürt, auch wenn ich älter bin und früher weg bin und schon nach dem Studium zurückkam.
Das hat auf jedenfall etwas mit dem Thema Heimat zu tun – auch wenn auf mich jetzt weder Liebe noch Eltern gewartet haben – dafür die Großeltern. Im Laufe der Jahre hat es mich schon immer wieder auch verwundert wo es überall sächsische Enklaven gibt und wieviele jüngere Menschen Woche für Woche zwischen Ost- und Westdeutschland pendelten. Jemand der bis New York gekommen ist, kenne ich allerdings nicht.

Wir leben heute in einer Welt, in der Familien oft verstreut sind und auch Freunde selten am gleichen Ort wohnen. Die Welt ist verdammt groß geworden. Es gibt durchaus viele Möglichkeiten, wenn man sie denn findet, oder das Geld dazu hat. Denn es hat immer auch mit Glück zu tun wie weit man kommt und was man damit anfangen kann. Viele können auch nur in die Ferne schauen, und sehnen sich vielleicht gerade deshalb besonders danach. Doch wenn man die Welt auch weiter weg kennengelernt hat sieht man die Heimat oft nochmal mit anderen Augen. Spätestens wenn es ans Famlie gründen geht überlegt man sich doch wohin, grade wenn man Familie hat mit der man sich auch versteht. Großeltern sind doch sehr hilfreich für die Kinder und auch alte Freunde sind schon was besonderes.
So kehrt manche*r wieder Heim und ist Glücklich damit und bestenfalls bringt die Person auch noch was mit, wie Stephanie Auras-Lehmann ihre Geschichte und ihr Projekt für Heimkehrer*innen.

Stephanie Auras-Lehmann

Heeme
14,99 €

https://www.heeme-buch.de/

 

Pirasol

Pirasol – das ist im Roman eine alte Villa. Das Zuhause der alten Gwendolin. Sie lebt schon eine ganze Weile hier. Früher mit dem viel älterem Ehemann und dem Sohn, der eine inzwischen tot, der andere lange fort. Die alte Dame ist aber nicht allein. Sie hat sich, wie schnell klar wird leider, auf eine Mitbewohnerin eingelassen. die Mitbewohnerin ist um einiges Jünger und schaltet und waltet sehr bestimmend. Gwendolin fühlt sich überhaupt nicht wohl damit.
Dieser Geschichtenstrang zieht sich vom Anfang bis zum Ende durch das Buch und ist ein ziemlich angespannter Strang, mir wird am Schluß schon ganz hibbelig, so gespannt bin ich auf die Auflösung.
In den Zeiten dazwischen erinnert sich Gwendolin an ihre Zeit die Sie in Pirasol verbracht hat, aber auch an ihre Kindheit und Jugend im Krieg und vor allen den Nachkriegsjahren.

„…und sich gewundert hatte, warum er nur Papier ohne Zeilen benutzte und sich weigerte, seine Schrift auf gezogenen Linien abzulegen.“

Die ganze Geschichte hat etwas schleifendes, so wie das Leben Gwendolin geschliffen hat, wird auch der Leser geschliffen. Es fiel mir schwer das mitzumachen und durchzuhalten. Denn zwischendurch stopp es kurz und dann wird neu angesetzt. alles wird mehrfach aufgegriffen, jedesmal geht es ein Stück tiefer und Häppchenweise erfahren wir was in der Vergangenheit passiert ist.
Erfahren wie Gwendolin ihre Eltern verlor und in welcher bangen Hoffnung sie nach dem Krieg grade so überlebt.
Es scheint Sie ist erstarrt durch das was Sie schon früh erlebt hat. In ihrer Ehe wird das Ihr und dem gemeinsamen Sohn zum Verhängnis.
Was macht man nun mit diesen Erfahrungen, die einen still werden ließen. Was macht man jetzt im hohen Alter mit diesem Leben?

„… und Gwendolin spürte, wie sie sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete: die Einsamkeit, wenn man andere Menschen zueinander geführt hatte.“

Susan Kreller hat eine feine angenehme Sprachmelodie in den Roman gewirkt, immer wieder webt sie kleine Poesien sein, die viel Atmosphäre erzeugen. Eine echte Stärke des Romans. Er hat mich sehr berührt und so manches mal sind mir die Tränen gekommen, was mir eher selten beim lesen passiert.
Beim schleifenden der Geschichte bin ich mir nicht scher ob es ein ausgefuchstes Stilmittel ist, welches uns immer mehr hineinziehen soll oder ob es nicht eine Schwäche in der Erzählung ist? Zwischendurch empfand ich es schon durchaus auch als lästig und hätte mir gewünscht das die Dinge mit einem mal „erledigt“ werden und nicht zwei-, dreimal wieder angefasst werden um dann doch noch wieder neues zu offenbaren. Ja ich denke man hätte die Geschichte auf weniger Seiten erzählen können und es hätte ihr vielleicht auch gut getan. Aber ich glaube dann wäre nicht diese besondere Stimmung zu Tage getreten. Welches Leben läuft schon gerade? Was gelingt schon im ersten Anlauf? Und ja, wie vieles gelingt nie?

„..und der das, was war, in aller Lautstärke vergaß.“

Worüber ich froh war, das war das versöhnliche Ende, welches ich Gwendolin auch aus tiefstem Herzen gegönnt habe.
Pirasol ist ein besonderes Buch und birgt eine Geschichte in die man eben durch die Erzählweise tief einsteigt, eine Geschichte die in Erinnerung bleiben wird. Ein kleiner Wermutstropfen, auch wenn es die Geschichte von Gwendolin ist, dreht sich doch sehr viel mal wieder um die Männer, erst den Vater, dann den Ehemann und später den Sohn. Die Frauen bleiben zu oft Randfiguren, sehr schade.

„Er lachte, weil es seine Art zu weinen war … und wie sie selbst weinte, indem sie nicht mehr weinte“

Näheres zum Inhalt:

Das Mädchen was von einer Nachbarin gerettet wird, unter Umständen die ihr das fühlen abgewöhnen. Umstände die viel Kraft kosten um sie zu überleben. Der Vater der aus dem Krieg heimkehrt, mit dem das Mädchen in seiner Abwesenheit all die Bücher geteilt hat, die eigentlich längst verbrannt sein sollten. Bücher die das Mädchen nie vergessen wird, und die auch ihr Sohn ganz heimlich entdeckt, viel viel später. Bücher spielen eine große Rolle und haben sehr viel zur Rettung beigetragen – ich kenne das. Bücher die einen sich selbst wiederfinden lassen. Bücher die trösten oder neue Welten zeigen. Bücher die ein Heimatgefühl oder Geborgenheit schenken. Bücher auch in Form von Buchläden als Zufluchtsorten und Buchhändlern als Vertraute.
In der Erstarrung und Einsamkeit findet Gwendolin ein aufgewecktes paar graue Augen und lässt sich davon einnehmen. Lernt das Haus Pirasol kennen und verliebt sich sofort. Die Ehe wird ein Alptraum, die grauen Augen werden hart und bitter und lassen besonders am gemeinsamen Sohn alle Bösartigkeiten und Demütigungen aus. Strafen Gwendolin mit einer Kälte die Sie weiter in einer stummen Erstarrung verharren lässt. Der Widerstand so zart und leise das er nur für sehr kleine Glücksmomente reicht. Für ihren Sohn reicht es nicht.

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Pirasol
Susan Kreller

Piper/Berlin Verlag
Hardcover 20,- €  / Taschenbuch 11,- €

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Ein Auszug aus dem Roman erhielt den GWK- Förderpreis 2014
Susan Kreller: Geboren 1977 in Plauen, studierte Germanistik und Anglistik und promovierte über englischsprachige Kinderlyrik. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie 2012 mit dem Jugendbuch »Elefanten sieht man nicht« bekannt. Sie erhielt unter anderem das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium, den Hansjörg-Martin-Preis (2013) und 2015 den Deutschen Jugendliteraturpreis für »Schneeriese«. Sie arbeitet als Schriftstellerin, Journalistin und Literaturwissenschaftlerin

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zum reinhören
https://www1.wdr.de/kultur/buecher/susan-kreller-pirasol-104.html

Hochsensibel auf der eigenen Lesung

Eine Einladung

Vor einiger Zeit hatte ich die Anfrage ob ich auf einem alternativen feministischen Festival lesen möchte. Es wurden Beiträge zum Thema Generation gesucht – ich befasse mich ja viel mit Biografiearbeit und gebe auch Kurse, sowie mit der Kriegsenkelthematik (hier habe ich ein kleines Projekt mit dem Schwerpunkt Ost: https://dienachfahren.wordpress.com/).

Alles was mit Frauenrechten zu tun hat ist ein weiteres meiner Themengebiete. Früher war ich auch selber etwas in der Frauenarbeit unterwegs, hätte auch nichts dagegen das immer noch zu sein, nicht nur ehrenamtlich. Für mich hat sich dieser Themenkomplex schon sehr verstärkt, wie man ja auch hier am Blog merkt, wo ich vor allem Literatur von Frauen vorstelle.

Das passte alles also schon mal sehr gut, und ich freute mich sehr über die Einladung. Lang ging ich mit meinem Text schwanger, geboren wurde dann etwas anderes als erst angedacht. Und ich habe doch einige Zeit intensiv dran gearbeitet. Für mich braucht es dazu aber auch immer den Raum, in welchem ich Zeit und die Stimmung habe, um mich mit einem bestimmten Thema zu befassen.

Das Schreiben

Für mich als hochsensible bedeutet das noch mehr Rückzug als sonst. Ich muß mich konzentrieren, das kennt sicher jeder der schreibt. Da ist Ablenkung in bestimmten Phasen ein böser Zeitdieb und unangenehme Ablenkung. Es geht auch immer darum, die feinen Impulse gut genug zu hören und ebenso etwas zum notieren in Reichweite zu haben und alles schnell zu aufzuschreiben. Gedanken können furchtbar flüchtig sein. Ich befinde mich dann in meiner inneren Welt und in der Welt des Themas, welches ich durchstapfe wie einen Urwald, oder ein wildes Gewirr. Um daraus dann das für mich wichtige zu ziehen und daraus wiederrum die Essenz. Meitens ufert das auch aus und kürzen ist angesagt. Auch braucht es Pausen zwischendurch, wo sich die Dinge setzen können.

Was ist Hochsensibel?

Ich weiß nicht inwieweit ihr mit dem „Hochsensiblen“ vertraut sein? Wir Hsp´s brauchen oft viel Zeit um den Alltag zu verdauen, und Dinge zu reflektieren. Auch wenn ich gern mal mit Menschen zusammen bin, muß ich da aufpassen mich selbst nicht zu vergessen oder zu verlieren. Wir Sensiblen sind oft besonders intensiv bei unserem Gegenüber, saugen Stimmungen und Atmosphäre auf. Viele Reize sind für uns unangenehm oder anstrengend. Wir nehmen mehr Informationen und Details auf als nicht-Hochsensible.
Auch bei Menschen die ich sehr mag bin ich nach einer Verabredung geschafft und brauche Ruhe. An so einem Tag passiert dann meist nicht mehr viel – das muß ich mit einplanen. Auch reichen mir kurze Treffen, außer es passt so gut das man auch zusammen schweigen kann und die Wellenlänge ähnlich ist. Aber das ist mega selten.

Auf dem Festival

Bei so einem Festival ist es für mich sehr heftig stundenlang von vielen Menschen umgeben zu sein – abgesehen davon das ich auch schon durch die Vorbereitung etwas mitgenommen bin. Die Vorbereitung an diesem Tag und auch die Tage davor für den letzten feinschliff, lesen üben, auch mal noch rumändern am Text. Und dann noch die entsprechende Geräuschkulisse. Meist wird ja gern laut und viel Musik gemacht. Wenn ich die Räume und Menschen nicht kenne strengt es mich auch mehr an.
Hier hatte ich Glück: wir waren die erste Veranstaltung des Festivals. Alle waren am fröhlichen einrichten, alternative Umgebung UND ich habe inzwischen gelernt auch einfach mal blöd rumzustehen und mich trotzdem ganz wohl zu fühlen. Früher hätte ich in solchen Momenten viel geraucht. Hier kannte ich die Veranstalter, das half und der Haufen war bunt gemischt, sehr angenehm.

Die Aufregung

Trotzdem war ich mega aufgeregt. Niemand hatte den Text vorher gegen gelesen oder sich angehört – das ist auch in bestimmten Phasen eher nicht so passend, das muß man gut abschätzen. Das letzte mal das ich vor Publikum gelesen hatte war Jahre her. Und was mich sehr nervös machte: es gab keine Probe… also ich mußte schauen wie das mit dem Mikro ging und ob stehen oder sitzen usw. So eine Probe hätte mir doch einiges an Aufregung gespart.
Zum Glück war ich gleich als zweite dran und die Vortragende vor mir brachte mich zum lachen, was mich auch ein Stück entspannte. Zwerchfell und so. Trotzdem saß ich recht verkrampft auf meinem Stuhl in der ersten Reihe. Gern hätte ich ein Glas Wasser gehabt, es gab aber mal wieder nur Getränke mit Sprudel. „Oh je hoffentlich wird mein Mund nicht zu trocken wenn ich dran bin“ dachte ich noch, wäre doof wenn ich husten müßte oder mir der Ton wegblieb. Mir war doch etwas schwummerig. Und dann war ich auch schon dran.

Die Vorstellung vs. Die Realität

Ich hatte mir ausgemalt wie ich locker und cool das Mikro zurechtdrehe (hab ich noch nie in der Hand gehabt) 2 Sätze zu mir sage, meinen Namen nenne, und mich für die Einladung bedanke, und vielleicht auch noch so ein paar Worte zum Thema.
In der Realität ging ich zügig zum bereitgestellten Sesseln, man brachte mir ein Mikro. Der Sessel war ein Tick zu hoch und das Mikro so nah… wie es hat sein müssen. Ich war nur so blöd und hab es ein Stück weg geschoben – was sehr ungünstig war, wie sich dann herausstellte –  ich bin eine Handfuchtlerin, bei Texten wie dem vorbereiteten und dachte ich brauche den Platz. Dabei rutschte ich nun im Lesen immer noch ein Stück weiter nach vorne oder beugte mich zum Mikro, oder vergaß das auch mal… also etwas holprig in der Präsentation, das Ganze.
Kaum das ich saß und meine Blätter aufschlug, hörte ich mich auch schon den Titel nennen. Schnell noch einen Blick ins Publikum. Ich war so auf meinen Text konzentriert, das ich ganz vergessen hatte etwas davor zu sagen… das hat mich nachher echt gewurmt.

Dann lief es aber erstaunlich gut, ich konnte den Ausdruck hineinlegen der mir wichtig wahr – der Text spielte mit verschiedenen Ebenen und Lautstärken und Rhythmen. Und ich schaffte es sogar zwischendurch ganz locker ins Publikum zu schauen (echt krass so viele Menschen – wohl 80 an der Zahl). Ein Publikum was gespannt und konzentriert zu mir schaute. Wow. Ich hoffe mal ich verwechsle das nicht mit Verwirrung und Langeweile. Also Lesetechnisch war ich echt begeistert, wie gut ich das hingebracht habe… nicht zu leise oder zu schnell – zumindest gefühlt, Text gut parat. Leider war ich etwas zittrig (hoffentlich hat das niemand gesehen), und der leicht zu hohe Sessel lies immer wieder meine Beine wackeln, weil ich eher auf Zehenspitzen stand. Und ganz schlimm durch die Aufregung war mir ganz kaltheiß und meine Nase fing an zu laufen. Ich hoffte im stillen nur, dass da kein Tropfen hing… puh, vielleicht auch deshalb ein zügiges Ende, denn ich ging am Ende viel zu schnell von der Bühne, eigentlich hätte ich gern noch etwas den Applaus genossen.

Gleich danach…

Taschentuch war keins Griffbereit UND noch 3 Lesende nach mir dran. Puh. Is nicht so das nach dem Lesen alles von einem abfällt und ich mich entspannen konnte. Ganz im Gegenteil saß ich weiter, typisch HSP, verkrampft auf meinem Stuhl in der ersten Reihe. Das ist wie so eine Art Erstarrung – denn ich wollte auch nicht unhöflich sein und den Saal verlassen wenn die anderen dran sind. Aber nach einer halben Stunde hielt ich es nicht mehr aus, wahrscheinlich einfach auch das Adrenalin. Is ja schon auch ne Art Hochleistungsport. Und bin dann wirklich erstmal kurz an die frische Luft. Bissle bewegen, was trinken…

Es war insgesamt eine schöne Runde. Nach der Pause schaute ich mir trotz Kopfschmerzen noch ein Theaterstück an, an dem ich ein winziges Stückchen mitgewirkt hatte letzten Sommer, und es hat sich auch sehr gelohnt.

Später Abend

Danach ging es dann nach Hause. Leider zu Fuß – muß nun wirklich endlich mal mein Fahrrad reparieren lassen.
Für mich folgen nach solchen Ereignissen dann meistens ziemlich miese Nächte. Das ist als wäre das alles zuviel im Kopf und das Zuviel fährt Karussell. Is nicht so das ich dann einen Gedanken wirklich greifen könnte, dafür bin ich auch viel zu müde. Hab mich zwar noch bisschen abgelenkt vorm Schlafengehen um den Kopf noch mit anderem zu füttern und überhaupt auch mal was essen und so. Aber das hat nicht gereicht.

Ganz schön mitgenommen…

Leider bekam ich dann Migräne, typisch wenn ich nicht richtig schlafen kann oder Sachen in meinem Kopf rumgeistern, …und war am nächsten Tag total kaputt.  Das ist so die Stelle die ich schwer akzeptieren kann. Denn dadurch konnte ich am Samstag eigentlich nichts machen, auch nicht zu einem weiterem Festivaltag gehen. Das macht mich schon traurig dann, so wenig belastbar zu sein.
So ganz verarbeitet hab ich es auch jetzt noch nicht, aber das ist für mich Normalität das dies länger dauert, mir noch vieles durch den Kopf geht, auch viele Details und Kleinigkeiten.

Resümee

Heute war ich nochmal kurz dort, wollte zu einem Programmpunkt, und merkte dann, daß dieser schon am Samstag war, doppelte Traurigkeit. Und dann meinte auch noch jemand das ich verpeilt sei… weil ich das verwechselt habe – dabei war das im Programmheft einfach echt ungünstig dargestellt, das hat meine Stimmung richtig gedrückt. Kloß im Hals.

Insgesamt habe ich aber 3 schöne Rückmeldungen zu meinem Text bekommen und war sehr froh um diese Menschen, die mir da Feedback gaben. Ich war mir nämlich nicht sicher ob ich zu sehr im Thema drin bin und ob überhaupt jemand anderes meinen Text verstehen kann. – Ich hatte keine Geschichte geschrieben, sondern ein recht wildes Gedicht.
Ganz toll war das eine Mitleserin mir noch Ihr Gedichtband geschenkt hat, bin schon gespannt. Das hat mich berührt.
Ja so war das also.

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😉 nächstesmal dann wieder eine Rezension
z.b. zu „Heeme“ einem Rückkeherbuch, Pirasol einem Roman über eine alte Dame die Widerstandskräfte entwickelt und noch ein ganz spezielles Buch zum Thema „Frauen“

 

 

 

 

Wovon wir nicht sprechen

Ich könnte sagen, ein schönes Buch, wenn, ja wenn da nicht die Härte des Themas wäre. Joanne Fedler widmet sich in „Wovon wir nicht sprechen“ dem Thema „Gewalt an Frauen“. Die Protagonistin arbeitet als Rechtsberaterin in einem Frauenhilfsverein „SISTAA“ genannt. Und die Hälfte des Romans hat damit zu tun.
Die zweite Hälfte dreht sich um das Leben dieser Rechtsberaterin, die selbst auch schon einiges hinter sich hat, bei dem ihre Ursprungsfamilie eine Rolle spielt.

*Achtung mein Text könnte triggernde Elemente enthalten*

Das Thema im Roman kommt nicht von ungefähr. Einmal hat die Autorin selbst bei einer Anlaufstelle für misshandelte Frauen gearbeitet UND wenn wir uns umschauen: es passiert jeden Tag! von daher bin ich auch froh das es Bücher gibt die solche Dinge aufgreifen.

Ein wenig Statistik:

Weltweit ist sexualisierte und häusliche Gewalt für Frauen bis 44 Jahren die häufigste Ursache für Tod und Behinderung / Quelle: Heise.de

In Deutschland wird alle 3 Minuten eine Frau vergewaltigt / Quelle: die Netzfrauen

… allein im Jahr 2015 über 104.000 Frauen durch ihren aktuellen oder ehemaligen Partner misshandelt – durch Drohungen, einfache oder gefährliche Körperverletzung, Stalking oder sogar Mord. / Quelle: Tagesschau

Trotz schwerem Themas hat mir die Geschichte und das Buch insgesamt sehr gut gefallen. Es hat für mich gegen Ende ein paar kleine Schwächen, wo mir nicht so ganz klar wird, wie und was jetzt mit einigen Figuren der Geschichte geschieht. Aber es ist insgesamt schön erzählt, wenn man das überhaupt bei einem solchem Thema sagen kann. Joanne Fedler scheut sich nicht auch krasse Dinge anzusprechen, Gewalt und Schmerz zu thematisieren. Das erschrickt durchaus erstmal, aber vielleicht würde es nicht passen dies in einer solchen Geschichte auszublenden oder nur anzudeuten? Ich bin mir da nicht ganz sicher. Da dieses benennen nun aber nicht ständig der Fall ist und es einen zweiten Erzählstrang gibt, ist es für mich ertragbar gewesen.
Mich hat die Story gefesselt und ich freue mich, das ich das Buch zufällig in der Bibliothek gefunden habe. Schon allein deshalb, weil mich das Thema beschäftigt und ich durch den ganzen Themenkomplex Feminismus/Erziehung/Frauenrechte  etc. auch immer wieder auf das Thema Gewalt gegen Frauen stoße. Erschreckend wie sehr diese Realität so so viele Frauen weltweit betrifft und schockierend wie wenig darüber gesprochen wird. Und noch schlimmer, es ändert sich nichts. Dieser Fakt scheint, wie so vieles, als Normalität hingenommen zu werden, vorallem von Männern, die die Gesetze machen, als Polizisten arbeiten und die Gewalt größtenteils ausüben. Ich denk da gleich an den Gesetzentwurf zum Thema Vergewaltigung in der Ehe, worüber so unfassbar lang (20 Jahre) gesprochen wurde und die männlichen Politiker feixend im Bundestag saßen und sich amüsierten. https://twitter.com/tagesschau/status/864177990229528576?lang=de

Lange Zeit war das Thema vollständig tabuisiert. Viele der betroffenen Frauen fühlen sich immer noch hilflos. Scham und Angst vor Gerede oder weiteren Übergriffen hemmen sie, ihre Rechte einzufordern und Hilfe zu suchen. Viele sprechen mit niemandem über die erlebte Gewalt. / Quelle: Frauen gegen Gewalt

Etwas was mich sehr betroffen gemacht hat war die Nutzung der Namen von Gewaltopfern für die Figuren des Romans, die am Ende des Buches aufgelistet sind, mit jeweils einer kurzen Erklärung was Ihnen widerfahren ist.

Die Protagonistin der Geschichte heißt Faith. Sie hat ihr eigenes Päckchen zu tragen, denn in ihrer Familie ist ein Kind verstorben und das Verhältnis zu ihren Eltern und ihrer Schwester ist nicht gerade einfach. Faith scheint auch etwas aus der Art geschlagen. Aber sie hat eine Großmutter, Nonna, die sie sehr liebt. Mit der sie sprechen kann, mit der sie eine ganz besondere Verbindung hat.
Doch das reicht leider nicht aus, damit sie selbst mit sich zurecht kommt. Ihr Arbeit macht sie voller Hingabe und mit unglaublich viel Engagement, oft hat sie ein besonderes Gespür für die Vorgänge und eines für die Menschen, gleichzeitig scheint sie damit aber auch vor sich selbst zu flüchten und vor der eigenen Geschichte. Doch die Dinge kommen in Bewegung, nach und nach gibt es kleine Veränderungen und wichtige Begegnungen. Kurz vor Schluß wird es fast ein bisschen kitschig, aber das ist vollkommen ok. So ein bisschen Glück….

Von mir unbedingt eine Leseempfehlung. Das war mal wieder ein Buch welches mich angezogen hat und was ich in einigen wenigen Tagen gelesen habe. So ein Schmöker, den man nicht weglegen möchte, auch wenn es schon wieder zu spät ist. Ich mochte die „Figurenzeichnungen“ und habe gern den Gedanken und Überlegungen von Faith gelauscht, die manchmal ein wenig herb und kühl rüberkommt,  aber im Grunde genommen eine Seele von Mensch ist. Es es schön gewesen ihren „Prozess“ durch den Sie geht zu beobachten.
Es ist eines dieser Bücher, wo man sich am Ende ein wenig wundert das es so dick ist, weil man auch den Eindruck hat, daß ja nun gar nicht so sehr viel passiert wäre, aber das ist es eben doch. Es hat sich nur so gut zusammengefügt und ist so gut erzählt, das es unterhält und die Zeit schnell vergeht und man mittendrin ist in der Geschichte.

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Joanne Fedler
Wovon wir nicht sprechen
Droemer, 443 Seiten
19,99 €

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Joanne Fedler studierte Jura und engagierte sich in ihrer Heimat Südafrika für Frauenrechte.
auf der Verlagsseite gibt es nun ein interessantes Video mit der Autorin: Gründe für das Schreiben dieses Buches

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Artikel und Lesestoff zum Thema

https://www.tagesschau.de/inland/gewalt-frauen-deutschland-101.html

https://www.frauen-gegen-gewalt.de/gewalt-gegen-frauen-zahlen-und-fakten.html

https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/260339/gewalt-gegen-frauen

https://www.rundschau-online.de/aus-aller-welt/femizid-wenn-aus-liebe-toedliche-gewalt-wird-28073808

https://diestoerenfriedas.de/femizid-und-das-ohrenbetaeubende-schweigen-der-gesellschaft-ein-wake-up-call/

 

Das Glück ist ein Vogerl

Zur Abwechslung mal etwas leichtere Lektüre, dachte das hilft mir beim einschlafen.
Der Buchrücken sagt: „Eine literarische Komödie über die Liebe und die Tücken der Unsterblichkeit“.
Nun ja die Liebe, spätestens seit Liv Strömquist wissen wir, das es damit nicht ganz so einfach ist.
Hier haben wir den Franz, dessen Name sehr sehr oft erwähnt wir diesem Buch, sowie auch die Namen der anderen Protagonisten und Protagonistinnen, der Musiklehrer ist, aber eigentlich lieber ein Rockstar wäre. Früher hatte er auch mal eine Band. Inzwischen versucht er mehr schlecht als recht, Kindern die Musik nahe zu bringen.
Er wohnt zusammen mit seiner Frau – die im Buch nicht gut weg kommt – und seiner Tochter in einem vererbten Häuschen. Finanziell sieht es nicht so rosig aus, auch ein Grund warum sich der Franz nicht um seine Rockstarkarriere kümmern kann.
In der Ehe krieselt es, aber der Franz hängt an seiner Frau, warum wird mir leider nicht klar, denn die Frau, sie heißt Linn und ist Übersetzerin, ist einfach nur nervig und einem Glücksguru hörig, für den sie im laufe der Geschichte auch anfängt zu arbeiten. Die beiden, also Franz und Linn wollten eigentlich zusammen einen Workshop besuchen, aber da fingen die Probleme dann erst richtig an.
Eine Tochter gibt es auch, die pupertiert und hat es auch nicht einfach mit den viel beschäfigten Eltern und als Lehrerkind.
Nach einem Unfall sieht der Franz plötzlich einen Geist und fragt sich ob er jetzt ein Burnout hat.

Die beiden Herren machen sich dann gemeinsam auf eine Reise, also Franz und der Geist, und es ist einiges los in der Geschichte. Mich erinnert der Schreibstil sehr an meine Jugend, in der ich gern Christine Nöstlingers „Gretchen Sackmaier“ las. Das kommt vielleicht daher das die Autorin Ingrid Kaltenegger in Salzburg aufwuchs. Sie trifft den Ton aufjedenfall gut, man muß es halt mögen. Insgesamt ganz gute und leichte Unterhaltung mit einem positiven Ende. Also etwas zum entspannen. Allerdings ist mir die Rollenverteilung dann doch etwas zu konservativ und alles etwas zu vorhersehbar.

Die Autorin ist übrigens die nächsten Monate auf Lesereise.

Der Titel der Geschichte geht auf ein Lied zurück, welches auch eine wichtige Rolle im Buch spielt, hört doch mal rein:

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Ingrid Kaltenegger
Das Glück ist ein Vogerl
Hoffmann und Campe
20,- €

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Ingrid Kaltenegger, geboren und aufgewachsen in Salzburg, ist Schauspielerin und Drehbuchautorin. 2015 wurde ihr Text Punks Not Dead mit dem Deutschen Kurzkrimipreis ausgezeichnet. Ingrid Kaltenegger lebt mit ihrer Familie in Köln. Das Glück ist ein Vogerl ist ihr erster Roman.

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Wer gern Vögel mag, der schaue doch mal auf meinen Handarbeitsblog, dort ist ein nettes Osterküken gelandet, inklusive Link zur Anleitung.

Die Schlange von Essex

Mit der „Schlange von Essex“ gewann Sarah Perry 2017 den britischen Buchpreis für den besten Roman und das Beste Buch insgesamt. Leider habe ich keinen Vergleichswert was britische Bücher angeht. Das Wissen um den Preis hat mich aber angehalten dabei zu bleiben, denn ich wahr mehrfach versucht das Buch wegzulegen. Es ging mir zu langsam vorwärts und schien mir in mancher Hinsicht zu leicht vorhersehbar.
Eine Stärke des Buches sind sicher die Schilderungen der Atmosphäre und der Landschaft von Essex.
Die Geschichte plätschert so ein wenig vor sich hin.
Cora, eine junge Mutter, verliert ihren Mann durch Krankheit. Für Sie ist es ein Befreiungsschlag. Wir Schreiben das Jahr 1893. Sie und Ihr Sohn, der vermutlich Autist ist, ziehen für eine Weile aufs Land. Cora hat eine ganz große Schwäche für Fossilien und liebt es in der Erde zu wühlen. Dabei haben Sie eine Begleiterin, die sich um beide kümmert – wach, sozial engagiert und ein wichtige Stütze für beide. Überhaupt mag ich die Frauen, die hier viel Platz einnehmen, sehr. Durchaus kann man bei einigen von emanzipierten Personen sprechen.
Es gibt dann noch 2 Nebenfiguren, deren Rollen mir nicht so ganz klar wurden, ich fand Sie bisweilen etwas nervig. aber wir erfahren durch diese beiden etwas über die Chirurgie der damaligen Zeit.
Die Beziehung aber, um die sich der Hauptteil der Geschichte dreht – also außer der Beziehung zur Landschaft von Essex – ist die Beziehung zwischen Cora und dem Pfarrer des kleinen Örtchens auf dem Land. Aldwinter.
In der Beschreibung lesen wir das es besonders um die zwei Einstellungen der beiden gehen soll. Der Religion und der Wissenschaft. das tut es durchaus, aber der Pfarrer ist doch ein ziemlich offener Geist und jung genug um sich mit neuen Denkansätzen zu befassen. So wurde ich dann diesbezüglich ein wenig enttäuscht.
Am Ende ist einiges verloren gegangen, hat sich anders entwickelt als gedacht, und vieles scheint in der Geschichte Anfang und End e gefunden zu haben.

„Anmutig und intelligent“ erzählt… so heißt es auf dem Buchrücken. Mir hätte ein bisschen weniger Anmut ganz gut gefallen, ein bisschen mehr Spannung. Wobei die Küste schon sehr gut beschrieben ist und die Schlange von Essex wohl die größte Überraschung bietet, neben dem leichten Grusel und der Aufregung, welche die Bürger überfällt. Und das sehr gut zu spüren ist durch die Zeilen.
Ach und um Liebe geht es auch, an vielen Stellen zwischen allen möglichen Personen, auf alle möglichen Arten.
Das Buch ist sicher eine ganz gute Abend- oder Urlaubslektüre. Nicht zu fordernd, nicht zu heftig, und durchaus unterhaltsam. Ich denke er braucht etwas um seine wirkung zu entfalten. Was der Autorin sehr gut gelungen ist, wie ich finde, Sie versetzt einen ganz wunderbar in eine andere Zeit.

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Sarah Perry
Die Schlange von Essex
Übersetzt von Eva Bonné
Eichborn Verlag, 24,- €

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Sarah Perry wurde 1979 in Essex geboren und lebt heute in Norwich. Ihr Roman Die Schlange von Essex war einer der größten Überraschungserfolge der letzten Jahre in England. Ausgezeichnet als Buch des Jahres 2016 der Buchhandelskette Waterstones, Gewinner des britischen Buchpreises 2017 für den besten Roman sowie für das beste Buch insgesamt. Der Roman war nominiert für den Costa Novel Award, den Dylan Thomas Prize, den Walter Scott, den Baileys und den Wellcome Book Prize.

Der Sommer ihres Lebens

Eine Amsel. Sie singt ihr Lied. Und dann begegnen wir Frau Wendt. Vor dem Speisesaal. Sie macht sich Gedanken über Zeit und Ewigkeit und überlegt wohin Sie muß.
Frau Wendt läuft an ihrem Rollator durchs Haus und nach draußen. Immer wieder verschwimmt das Jetzt und Erinnerungen tauchen auf. Wir dürfen dann das „Mädle“ kennenlernen, welches in Mathe so viel besser wie die Buben war.
Das ist eines meiner Lieblingsbilder aus dem Buch. Es erzählt soviel über diese Geschichte und die Erzählweise. Gerda wie sie springt und Gerda wie sie nur noch langsam mit dem Rollator vorwärts kommt. Mir schnürt es ein wenig die Kehle zu.

Es wird schnell klar das Gerda eher eine Außenseiterin war, was mich persönlich gleich mit ihr verbindet, weil es mir auch so ging. Und Gerda hat eigene Interessen und weiß sich zu beschäftigen.
In kleinen dunklen Kästchen erzählt die Stimme aus dem Off…  Gerda Wendt die sich erinnert, …sich erinnern will.

Mein nächstes Lieblingsbild: Gerda mag Zahlen und Sterne, von denen sie sagt sie sind ihr ähnlich… sie sind da, auch wenn man sie nicht sieht. *Schluck*
Ist das nicht wundervoll getroffen, dies Spiegelung in der gedachten Fensterscheibe?
Gerda beginnt einen vielversprechenden Weg und doch, wie bei sovielen Frauen, gibt es die Institution Ehe und ein Kind. Aber das ist nicht das Ende der Geschichte.
Ich möchte nicht viel mehr verraten. Ihr sollt das Buch ja selbst entdecken.
Eine Anmerkung ist mir noch wichtig, mir gefällt das das Altenheim neutral bis positiv dargestellt ist.
Mein letztes Lieblingsbild zeige ich nicht, es ist das mit den vielen „i“´s.
Dieses Grafik Novel berührt sehr. Liegt es am sentimentalen der Erinnerungen – wie es eben Erinnerungen so an sich haben? An der „schwere“ und den „Umständen“ des Alterns? Oder weil ich persönlich Verbindungen ziehe? An der eigenen Einstellung zum Tod, der ja unweigerlich folgt? Irgendwann ist es zu Ende. Für jeden von uns. Wir treffen Entscheidungen. Dinge nehmen ihren Lauf und wie Gerda sagt: „am Ende bleibt nur eine Möglichkeit übrig, eine Wirklichkeit.“
Die Farben und Zeichnungen ziehen mich ganz schön hinein in die Geschichte. Aber auch die Geschichte selbst berührt mich sehr. Es bleibt ein Kloß im Hals. Ein Menschenleben.

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Der Sommer ihres Lebens

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80 Seiten, farbig, 19 x 29 cm, Hardcover

20,- €,  Reprodukt

Ein Blick auf die andere Seite

Die Edition Büchergilde ist bekannt für die besondere Aufmachung der herausgegebenen Bücher. Da ich mich selbst viel mit Illustration befasse und der Illustratorin Theresa Schwietzer bei Facebook folge, lief mir eines dieser besonderen Bücher über den Weg. Es geht um Jenseitsvorstellen und Totenkulte: Wer diesen Blog gut kennt weiß das ich mich viel mit diesen Themen befasse.
Das Buch passt thematisch natürlich auch hervorragend in den November, der Monat des Totengedenkens und der Ahnen.

Theresa Schwietzer schreibt am Anfang des Buches das Sie durch eigene Erlebnisse bei einer Beerdigung auf das Thema kam. Sie möchte anders begraben werden und das Bedürfnis nach einer schöneren Beerdigung führt Sie zu diesem Projekt. Sie stellt uns in ihrem Buch, ja Sie hat es auch selbst geschrieben, die Riten verschiedener Länder vor. Haiti, Ecuador, Zentral- und Südafrika, sowie Indien. Länder die noch eine echte Trauerkultur haben, ganz im Gegensatz zu uns hier.

Sie erzählt uns Geschichten über den Glauben, die Götter und begleitenden Ritualen all dieser fremden Kulturen bis in die Details hinein. Und mir fiel manchmal auf das sich einiges mit meinen eigenen Gedanken und Gefühlen deckt. Ich weiß allerdings nicht woher ich das habe.

Ich bin selbst erstmal ohne jegliche Religion aufgewachsen. Als meine Oma väterlicherseits starb – ich war 4 – wurden wir Kinder ferngehalten. Später mit 8,9 Jahren lernte ich die evangelische Kirche kennen, aber lernte noch lang nichts über Trauer oder über eine Trauerkultur. Auf Beerdigungen hab ich immer noch keinen Plan wie das jetzt abläuft und schwimme so mit, was sich nicht gut anfühlt; in vielerlei Hinsicht.
Was mich mein Leben lang begleitete waren Märchen. Ich vermute das hier doch so manches zu mir gelangte, was in anderen Kulturen zur Tradition gehört. Später bekam ich noch durch die Archäologie einiges mit.

Wenn z.b. im Buch von Grabbeigaben gesprochen wird, erinnere ich mich an unsere Geschichte und die Zeichnungen und Fotos gefundener Gräber von Vorzeiten, alle mit oft reichhaltigen Grabbeigaben. Oder Thema Wiedergeburt, ein bisschen glaube ich auch daran.
Sehr gruslig empfinde ich den Vodoo (Haitit), der im Buch auch ausführlich beschrieben wird. Vodoo ist ein Importgut aus Westafrika und kam mit den Sklaven nach Haiti und (Süd)amerika.

„Ein Blick auf die andere Seite“ ist ein Sachbuch, würde ich sagen. Doch es entführt uns trotzdem in das Reich des Magischen und Mystischen, dunkel, geheimnisvoll, fremd und rätselhaft und sehr interessant.
Neben dem Thema sind vor allem die Illustrationen sehr besonders. Eine Mischung aus Drucken und Buntstiftzeichnungen, in sehr zurückhaltender Farbpallette. Hin- und wieder viel flächiges Schwarz und dann zartere Linien die auch mal einen flächigen Druck überlagern, so wie auch beim Titelbild.
Wirklich ein Kleinod, auch wenn ich mir die Texte abschnittsweise etwas weniger sachlich und mehr erzählender, märchenhafter, gewünscht hätte, das erfüllen dann die Bilder im Buch.
An die 115 Seiten ist das Werk dick, fest gebunden, mit Lesebändchen. Im Anhang eine weiterführende Literaturliste, was ich sehr schön finde.
Die Illustratorin hat auch eine schöne Seite mit vielen weiteren Arbeiten, schaut doch mal hier:

Theresa Schwietzer Portfolio.

 

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Theresa Schwietzer

Ein Blick auf die andere Seite

Edition Büchergilde

20,00 €
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Von der Verlagsseite zur Autorin:

Theresa Schwietzer lebt als freiberufliche Illustratorin und Grafikerin in Hamburg. Sie studierte Illustrations- und Kommunikationsdesign an der Münster School of Design. Neben der Fotografie begeistert sie sich v. a. für Siebdruck. Theresa Schwietzer hat u. a. für Gruner + Jahr, das Rotary Magazin, das Magazin Walden und den Wildtierpark Alexanderschanze in Freudenstadt gearbeitet.

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Neue Friedhofskultur?: http://www.deutschlandfunkkultur.de/veraenderte-friedhofskultur-picknick-am-grab.976.de.html?dram%3Aarticle_id=401295

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