Leinensee – Anne Reinecke

„Leinsee“ ist der erste Roman von Anne Reinecke. Er wurde schon hochgelobt und ist nominiert für den Debütpreis der LitCologne 2018, außerdem gab es ein Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin für das Manuskript Leinsee im Jahr 2012. Hier sieht man, dass es doch eine Weile dauert bis man so ein feines Werk zustande bekommt.
Ich hatte das Ganze als Hörbuch, und das war eine sehr gute Entscheidung, wie ich dann feststellen durfte. Der Lesende, der Schauspieler Franz Dinda, war ganz wunderbar. Seine Stimme, ja seine ganze Person scheint komplett mit Karl verbunden. Ich war gar nicht mehr so am zuhören, sondern regelrecht mittendrin.
Am Anfang habe ich mich gefragt warum ein Mann die Geschichte liest, obwohl es eine Frau geschrieben hat. Und klar frage ich mich auch wieder warum eine Frau einen männlichen Protagonisten wählt – davon gibt es ja nun mal schon sehr viele.
Wie wäre die Geschichte gewesen wenn es eine junge Künstlerin gewesen wäre? Nun ich denke der Rahmen des ganzen hätte erhebliche Probleme gemacht. Denn der junge Karl ist schon recht bekannt in der Szene, und es ist nun mal so, dass auch hier die Männer erheblich mehr Chancen haben, wenn wir die Realität betrachten. Aber die Literatur ist ja durchaus auch da um anderes auszuloten.

*Achtung in diesem Artikel wird gespoilert*

Auch ein anderer Handlungsstrang wäre sehr viel „schwieriger“ gewesen, wenn es eine Künstlerin gewesen wäre. Dazu gleich mehr. Ich denke es ist schon ausschlaggebend, das die ganze Geschichte eingebettet ist in einen großen Reichtum. Das dieser Reichtum durch das „Kunst machen“ entstand, gibt dem ganzen natürlich eine gewisse Coolheit. Die Kunst wird sehr ausgiebig thematisiert, was mir, als ehemalige Kunststudentin, sehr gut gefallen hat. Es ist nicht irgendeine Kunst, sondern schon was spezielles, es geht um Objektkunst. Um das sammeln und bewahren und um Erinnerungen. Auf einer anderen Ebene um weiches und lebendiges was sich später in er ausgehärteten Masse wiederfindet. Eine schöne Symbolik.
Auch dem jungen Karl geht es erstmal viel um Erinnerungen. Ich würde sagen das erste Drittel der Geschichte ist damit gefüllt.
Der junge und erfolgreiche Künstler Karl bekommt die Nachricht über den Tod des Vaters, den er seit Jahren nicht gesehen hat. Der Vater hat sich suizidiert, weil er ohne die Frau an seiner Seite nicht mehr leben wollte. Die Mutter des Künstlers ist nämlich schwer erkrankt.
Der Vater hat sich auch hier am Schluß davon gestohlen.
Auch die Eltern waren Künstler, und zwar sehr bekannte. Der Sohn hat unter einem anderen Namen gearbeitet – er wollte seinen eigenen Weg gehen. Und das hat sehr erfolgreich funktioniert.
Nun wird er mit seiner Vergangenheit und dem Leben seiner Eltern konfrontiert. Übernimmt sozusagen ihr Haus, Atelier und Grundstück. Besucht die Mutter, die ihn nicht erkennt.
Karl bleibt und eignet sich die Vergangenheit inklusive Haus, Grundstück und Kunstwerken an. Das verändert viel für ihn und sein bisheriges Leben. Einfach ist es nicht aber durchaus aufregend und neu.
Und dann treffen wir Tanja, neben Karl und der Kunst im Roman, die dritte Hauptfigur. Ein Kind aus der Nachbarschaft, mit dem Karl sich anfreundet. Ein Kind, was auch ihn seine kindliche Seite ausleben läßt. Welches aber ganz ohne weitere Verbindung zu sein scheint. Die Figur schwebt förmlich in Karls Kosmos, und scheinbar nur dort. Es beginnt eine Art großes Spiel, welches ihn wiederum sehr mit der Arbeit seiner Eltern verbindet. Auch mit der Mutter kann nochmal eine neue Art von Beziehung beginnen, auf den letzten Metern.

Mir hat die Geschichte sehr gefallen, nur gegen Ende hin empfand ich eine Schwäche in der Beschreibung der Beziehung von Karl und Tanja, die vielleicht so etwas wie seelenverwandt sind. Es war CD 5 von 6. Da rutscht Anne Reinecke zu schnell über die Veränderung hinweg, meiner Meinung nach, das hat mir richtig einen Stich versetzt beim hören. Eine andere Leserin schrieb sowas in der Art, wie dass sie es toll fände das es zwischen Karl und Tanja, die beiden Hauptfiguren, so gar nicht komisch war in der Geschichte. Mir dagegen hat dieses „komisch“ gefehlt. Es bleibt für mich ein wenig flach – wo wir doch vorher auch viel an Karls Gedanken beteiligt werden, hier fehlen sie an der Stelle wo der große Altersunterschied zwischen Karl und Tanja immer wieder doch irgendwie Thema ist, und über den sehr schnellen Lauf der Jahre, als Tanja vom Mädchen zur jungen Frau heranwächst. Es wird schon versucht das in einigen Bildern darzustellen, aber mir geht das alles zu rund und zu einfach. Ich würde sagen „gerade in unseren Zeiten“, da würde doch sofort Verdacht aufkommen, wenn ein erwachsener Mann und ein kleines Mädchen befreundet sind. Vielleicht ist das alles auch viel zu heimlich, aber über eine so lange Zeit? Da ist niemand groß, der diesen kleinen Kosmos wirklich stört, bis auf einmal, dem auch eine lange Pause folgt und ein ganz selbstverständliches Wiedertreffen.

Ich freue mich auf mehr von dieser Autorin und bin gespannt auf die Themen.

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Hörbuch
6 CD , 7 Std. 39 Min.
€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 27.00

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Der Ursprung der Liebe – Liv Strömquist zum zweiten

Nach dem wunderbaren, einzigartigen und extrem empfehlenswerten Comic „Der Ursprung der Welt“ zur Kulturgeschichte der Vagina legt Liv Strömquist nach! „Der Ursprung der Liebe“ heißt der neue Titel. Hammerharte Lektüre. Mir blieb doch manches Mal die Luft weg beim Lesen, und ich brauchte echt Pausen um den Inhalt stückchenweise zu verarbeiten. Einfach phänomenal, wenn man Dinge liest, die man sich auch schon oft gedacht hat, oder jemand sehr ähnliche Fragen stellt, wo man sich sonst recht allein fühlt mit seinen Ansichten. Aber auch ganz schön heftig wie es zu rattern anfängt bei so mancher Theorie, über die Liebe, das Verhalten in Partnerschaften, also Beziehungen zwischen zwei Menschen, hier vornehmlich Mann und Frau.
Bekannte Paare müssen herhalten, was sehr schlau ist, denn sie geben wunderbare Beispiele ab für alle möglichen „Fehl“tritte, und Liv zeigt uns eine ganze Menge, was so schief laufen kann.
Wie ist das mit der Liebe? Alles Biologie? Oder soziale Konstruktion?
Wir treffen Diana und Charles, Britney Spears und ihren Ehemann, Mr Big und Carrie aus „Sex in the City“ und noch viele viele andere Paare. Bekannt und unbekannt.
Hier merke ich, wie sich meine Auffassung stark unterscheidet – je nachdem ob Bauch oder Kopf grad involviert sind.
Mehr als einmal bleibt einem der Mund offenstehen, denn Liv haut echt so einige krasse Punkte raus, über die sich, glaube ich, so zumindest noch keiner getraut hat zu reden. Wie z.B. die Thematik, daß selbst die furchtbarsten Männer, auch wenn sie Pflegefälle sind, viel jüngere und sehr liebevolle oder zumindest fürsorgliche Frauen bei sich haben. Was im Umkehrschluss kaum vorkommt. Wusstet ihr, daß Nancy Reagan ihren dementen Mann noch bis zum Ende pflegte? Oder auch Hemingway (sehr tragische Familie die Hemingways), der von seiner 4. Ehefrau lange Jahre betreut wurde. Was bringt nur all die Frauen dazu? Der krasseste hier aufgezählte Fall ist Oona Chaplin, viele Jahre (36) jünger als Charles, pflegte ihn über 30 Jahre lang… wow!

Das Buch ist 130 Seiten stark. Viel Inhalt, unterteilt in einige Kapitel, die aber recht fließend ineinander übergehen. Im ersten Kapitel geht es zuerst um Fernsehserien, die allen den gleichen Klischees folgen und so ein Rollenverständnis fabrizieren/wiederholen, was sich eben durch diese Serien und ihre Zuschauer extremst potenziert. Auch dadurch, daß darüber gelacht wird. Wenn man, gerade als Frau da mal genau hinschaut, sag ich nur: Wut ahoi!

Warum landen wir in solchen Arrangements? Sprich Paarbeziehungen und Ehen. Diese sind oft sehr sehr einseitig und immer wieder ähnlich aufgeteilt. In Frauen die Fürsorge geben und Beziehungsarbeit leisten und Männer, die da sind, aber weder das gleiche tun, noch groß etwas eigenes wirklich in die Beziehung einbringen, und nennen das dann Liebe? Ich denke wir werden es alle kennen. Auch wenn es natürlich positive Ausnahmen gibt.

Ich habe mich in den letzten Jahren oft gefragt was eigentlich Liebe wirklich ist. Heute sage ich: Echte Liebe gibt es für mich nur an ganz wenigen Stellen – die Liebe eines Kindes was seine Eltern bedingungslos liebt kann ich z.B. nur noch biologisch betrachten – es ist und bleibt ein hochabhängiges Verhältnis, denn das Kind ist  angewiesen auf die Zuwendung, um zu überleben -, …. denn das was wir gemeinhin Liebe nennen, hat meist viel mehr mit Erwartungen und Bedürfnissen zu tun. Oder, wie Liv eben auch aufzeigt, mit Biologie und Prägung, und nicht mit Freiheit.
Echte Liebe basiert aber auf Freiheit. Wir in unserem Zeitalter, die wir an die Liebesheirat glauben, und viele Menschen viel Energie und Geld investieren in dieses ominöse Liebesding – so von wegen „du bist mein ein und alles“ (Hilfe!), hören sowas natürlich nicht gern. Erst macht dich die Biologie schwach und dann springt deine soziale Konditionierung an. Wie oft geht es z.B. um Macht?
Wo mir das schon immer arg aufgestoßen hat, das ist die Popkultur – diese ganzen Songs und Bücher, in denen sich alles um die eine wahre Liebe dreht, sind für mich nur verstörende Versionen symbiotischer Abhängigkeiten. Und mir ging das schon in meinen 30ern mega auf den Senkel. Drama Drama und alle finden es toll. Auch darauf geht die Autorin ein. Und ja, na klar ist richtiger Liebeskummer total beschissen und schlimm, aber sehr wahrscheinlich gar nicht mal so wegen dieser anderen Person.

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Liv Strömquist erklärt uns das alles, auch warum Mädchen auf Typen stehen, die sich nicht für sie interessieren und Jungs eher kein Interesse haben feste Beziehungen einzugehen. Nur kurz dazu: Drama bauscht schön auf – ich denke auch das kennt fast jede*r. Was das alles mit Sexualität zu tun hat? Auch das wird erklärt. Es geht um das Konstrukt der Ehe durch die verschiedenen Zeitalter, um Selbstbestimmung bzw. eben keine Selbstbestimmung, Eifersucht, Gewohnheitsrechte. Alte Freiheiten und neue Erfindungen. Liv erklärt uns kurz das Patriarchat und was Liebe mit Marktwirtschaft, Macht und Religion zu tun hat, sehr genial! Augenöffnend! Die Dekonstruktion dessen, was gemeinhin als Liebe verstanden wird …und findet dann doch zum Schluß etwas Versöhnliches. Und wünscht uns viel Glück.
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Ja es gibt eine Menge zu bedenken, vieles zu hinterfragen und es heißt den vielleicht schon gespürten Zweifeln wirklich Raum zu geben und sich dann etwas Zeit zu nehmen das alles auch zu verdauen. Dieses Paarkonstrukt ist wirklich eine recht unglückliche Erfindung, vor allem für Frauen. Chuck Spezzano sagte schon so schön: „Wenns wehtut ist es keine Liebe!“ Also Achtung.

Wer weiß, vielleicht gehts ja dann im nächsten Buch um das Scheitern der Idee der Kleinfamilie, auch ein echt wichtiges Thema, das im Untergrund schon länger gärt. Wir werden sehen 😉 Jetzt erstmal ran an den „Ursprung der Liebe“.

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Liv Strömquist
Der Ursprung der Liebe
Avant-Verlag
20,- sehr gut angelegte €

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Liv Strömquist, geboren 1978 in Lund, Schweden, ist eine der einflussreichsten feministischen Comiczeichnerinnen. Die studierte Politikwissenschaftlerin zeichnet regelmäßig für unterschiedliche schwedische Magazine und Zeitungen. Ihre Buchveröffentlichungen befassen sich mit sozialen Fragen.

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Interview:
http://www.deutschlandfunkkultur.de/liv-stroemquist-ueber-geschlechterklischees-ehefrauen-die.2156.de.html?dram:article_id=411687

Artikel:
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/der-ursprung-der-liebe-von-liv-stroemquist-unfassbar-witzig-a-1195140.html

Die Zeit der Ruhelosen – Literatur aus Frankreich

Was rettet uns? Es sind die Bücher, die Literatur, die Worte…

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Fiktion um die Wirklichkeit zu erzählen. Zeitgeschichte aktuell. Katrine Tuil ist ganz nah dran, am Jetzt, flechtet immer wieder „echte“ Begebenheiten in Ihre Erzählung ein. Gleich am Anfang landen wir bei 9/11 und in einem Auszug einer Rede von George W. Bush. Meiner Meinung nach hätte es das nicht gebraucht, aber das grundsätzliche Thema deutet sich damit im weitestem Sinne an. Man steigt sofort und brachial in die Thematik ein. Es folgt eine Art innerer Bericht eines Soldaten der in Afghanistan stationiert war. Ich gebe zu, ich konnte das nur überfliegen, zu schrecklich sind viele Details des Kriegseinsatzes.

Der Soldat ist Franzose. Wie kurz zuvor in der Rede von Bush zu lesen war, nehmen viele Länder am Kriegseinsatz im „Namen“ der Terrorismusbekämpfung teil.
Karine Tuil gelingt es eindringlich vom Krieg zu schreiben und vor allem auch davon, wie ein Soldat seine Einsätze erlebt und wie das Leben für ihn nach solchen Einsätzen weitergeht. Die Entfremdung vom „normalen“ Leben, das „nicht-vergessen-können“, die Bilder der Gewalt und Brutalität des Krieges ins Gehirn eingebrannt. Die Schuldgefühle, die Ängste, das Misstrauen und die Schreckhaftigkeit. Das sich „nicht mehr einstellen können“ auf ein Leben im Frieden.

Doch da ist auch ein Funken Hoffnung auf Trost, Rettung und eine Art Heilung, inform von körperlicher Nähe und Liebe. Der Rausch, den man nur mit jemand anderem zusammen finden kann. Leidenschaft, die eine ganz besondere Intimität entwickelt, einen Halt, ein sich verlieren im positiven Sinne, ganz nah an einem anderen Menschen, der auf seine eigene Art genauso empfindet. Romain Roller ist der Name des Soldaten. Und er trifft auf dem Weg aus dem Krieg auf die Schriftstellerin Marion Decker.

„Die Zeit der Ruhelosen“ ist ein 500 Seiten Werk, welches mich immer wieder staunen ließ. Es blieb durchgängig spannend und endet in einer fulminanten Implosion der angesprochenen Themen, und das sind nicht wenige. Absolut gekonnt und stilvoll wechselt die Erzählung zwischen den vier Protagonist*innen*en hin- und her, was zusätzlich noch eine ganz eigene Dynamik und Spannung aufbaut. Ich erinnere mich nicht, jemals solche phantastischen Übergänge gelesen zu haben. Als Leser*in gleitet man von der einen Person und ihrer Geschichte zur Anderen, ein regelrechtes aus- und einblenden, mit kleinen Überlappungen, die für mich immer wieder betonen wie doch jeder Mensch, verbindende und ähnliche Themen hat, bzw. sich in einer Geschichte etwas von der einen Seite wiederfindet und in der nächsten Geschichte von der anderen Seite, aber eben ein Thema. Sehr prickelnd für mich als Leserin.

„Während sie von traumatischen Verlusten, Kampfhandlungen und Konflikten mit internationalen Verästelungen erzählten, tobte in seinem Inneren ein völlig anderer Krieg.

Angst. Schon wieder nahm sie Romain die sicht, umgab ihn wie einen diffuser Nebel, blockierte seine Atemwege, behinderte seinen Gedankenfluß, sein Gehirn trübte sich ein, die Konzentration sank rapide… „

S: 100 – der erste Satz gehört zu Osmans Geschichte, der zweite zu Romains, ich denke man kann es hier gut nachvollziehen was ich meine.

Die Verbindungen verflechten sich im Laufe des Buches immer mehr, die Personen kommen sich immer näher, bis Sie am Ende alle auch live aufeinandertreffen. Mitten in einer gefährlichen Zone im Irak. Und wir bekommen immer mehr Einblick, nach und nach, erfahren Geschichten aus dem Hintergrund. Begreifen hier noch direkter als im Fernsehen oder Internet wie der Schrecken des Krieges, der Kleinen und der Großen, in unserer Welt zur Normalität gehören, die wir in den Friedenzonen natürlich besser ausblenden können.
Besonders interessant ist das bei der Figur Osman Diboula, der Politiker, der es, aus einfachen Verhältnissen stammend, vom Streetworker zum Vertreter seines Landes schafft. Karine Tuil erzählt hier nicht eine Story des „alles ist möglich“, sondern zeigt die Komplexität von Zufällen, Glück, harter Arbeit und der Funktionsweise von Politik und Macht auf, wirklich fabelhaft wie sich diese Storyline entwickelt.

Ähnlich wie die des Geschäftsmannes François Vély, dessen Leben ab dem Zeitpunkt der Erzählung immer weiter in den Untiefen von Machtspielen, Verleumdung, und Rassismus versinkt. Und grade hier begegnen wir immer wieder dem Brachialen und der Gewalt, welche die Autorin schon am Anfang des Buches als tragende Säule ins Spiel bringt. Entsetzlich auch wie der Lebenslauf von François sich punktuell deckt mit seinen jüdischen Vorfahren und ihm großes Leiden nicht erspart bleibt, das hat mich sehr betroffen gemacht beim Lesen und ist grandios geschildert.

Ungeschönt und ernsthaft tauchen wir in diese Geschichte, diesen Teil auch unserer Wirklichkeit, ein; bis alles kulminiert. Heftig und extrem schmerzhaft. Die Brutalität des Krieges und das lange leiden daran, zeigt sich an vielen Stellen. Und genau darauf wirft Katrine Tuil das Scheinwerferlicht. Unbarmherzig, ohne Weichzeichner und ohne etwas auszusparen. Ein Buch dem die 500 Seiten sehr gut stehen, keine scheint zuviel zu sein.

Eine Nebenfigur, der Vater von François, Paul Vély weiß am Ende Rat, vor dem Hintergrund eines langen Lebens. Einer davon sagt:

„Man muß das Leben wählen“

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Die Zeit der Ruhelosen

Karine Tuil

Übersetzung aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff

Ullstein Verlag

24,- €

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Interview:

http://www.resonanzboden.com/satzbaustelle/interview-karine-tuil-fiktion-realitaet/

Karine Tuil,
wurde als Tochter tunesischer Juden, 1972 in Paris geboren und lebt dort heute mit ihrem Mann und ihren drei Kindern. Sie studierte Kommunikations- und Informationswissenschaften sowie Recht an der Universität Panthéon-Assas. Sie hat zehn Romane veröffentlicht, deren Figuren sich mit sozialen, politischen, juristischen und ethischen Fragen auseinandersetzen.

 

 

Übersetzerin: Maja Ueberle-Pfaff,

geboren am 25. März 1954 in Karlsruhe, seit 1992 freiberufliche Literaturübersetzerin, Autorin und Herausgeberin

http://www.maja-ueberle-pfaff.de

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Ich empfehle zur Ergänzung das Fluter Heft Frankreich

www.fluter.de/heft62

 

Peter Stamm zum Zweiten

u1_978-3-10-002227-1Nach der gestrigen Recherche und einer ersten Einschätzung musste ich das Buch dann doch schnell fertig lesen und habe es heute beendet. Was auf Seite 73 anklang, beginnt sich auf Seite 163  auszubreiten. Hier nimmt das Buch in allem eine Wendung. Wir erfahren nun etwas über das Paar Astrid und Thomas, ihre Vorgeschichte und wie die beiden so sind, wie sie sich gefunden haben und wie jeder von Ihnen die Beziehung anging.

Wer bis dahin durchgehalten hat, sollte unbedingt weiterlesen, denn ab dieser Stelle macht das Buch mehr Sinn. Trotzdem ist es für mich keine Art des Schreibens, die ich genießen kann. Wie ich schon schrieb, stürzte ich doch sehr durch die Seiten – mein Geist suchte einen Anker für die Konzentration. Peter Stamm will dem Leser nichts vorwegnehmen und ihm nichts erzählen, sondern ihn selber die Zwischenräume, die Emotionen füllen lassen. Ich finde dies schwierig, wenn die Vorgaben so eng sind, der Rahmen der Geschichte sehr gesetzt ist.

Je weiter wir uns dem Ende des Buches nähern, desto mehr geht es um Möglichkeiten. Möglichkeiten, die aber nur so lange da sind, bis kurz vor dem Moment, wo etwas entschieden wird, oder in Gedanken, manchmal noch lange nachdem etwas stattgefunden hat. So ist auch nicht klar, was nun tatsächlich der Verlauf der Geschichte ist. Der Leser selbst kann entscheiden, welchem Erzählstrang er Glauben schenken mag. Endet die Geschichte auf Seite 163? Oder erst auf Seite 223? Welches ist der richtige Verlauf, welcher nur Phantasie… ach, stimmt, es ist ja alles nur ausgedacht! Und warum sich nicht mehr ausdenken und Möglichkeiten aufzeigen, gleichwertig stehenlassen und dem Leser die Wahl überlassen? Zugegeben, es ist eine Möglichkeit des Schreibens.

Marina von Literaturleuchtet – eine passionierte „Stamm“Leserin im doppelten Sinne, schrieb in einem Kommentar zu meiner Halbzeitrezension: „Ich finde gerade solche offenen Geschichten sehr reizvoll und Romane dürfen für mich auch gerne mal sperrig oder unbequem sein, Verwirrung ist auch ganz gut oder Rätselhaftigkeit“

Ich finde Verwirrung schafft er wirklich irgendwie, vor allem wenn man den Autor nicht kennt, ist man nicht auf diese Art des Schreibens gefasst. Aber für mich bliebt auch eine Leere zurück, die ich als Leserin gar nicht füllen möchte. Ich mag es eher, wenn ein Roman mir Fragen schenkt im Sinne eines „so hab ich noch gar nicht darüber nachgedacht“ oder auch eine klare Haltung, an die ich mich schmiegen oder an der ich mich reiben kann. Oder Erkenntnissgewinn, ich lese oft um Antworten zu finden, in den Geschichten der Anderen, oder auch ein (Wieder)Erkennen, Trost… Ich denke das Buch kann Anstoß sein, neben Funktionieren, und eigenen festen Abläufen. Für den, der Anreize sucht für neue Fragen, und eben einen neuen Raum für das Denken von Möglichkeiten. Bei mir läuft das den ganzen Tag sowieso im Hintergrundprogramm als HSP und Scanner. Kein Kuschelbuch, nichts Fertiges, keine Weisheiten, kein Resümee, eher so wie Marina schon schrieb: eine Art Rätsel, offen, sperrig, mit Freiraum.

zum ersten Teil der Rezension ->

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Peter Stamm
Weit über das Land
Roman, S. Fischer Verlag

Preis 19,99 

 

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