„das letzte“ – Dietland Falk

Dieses Buch hat mich doch eine Weile begleitet, es war nicht immer einfach zu nehmen und besser in Häppchen zu verdauen. Es haut einen echt um, durchaus im positiven Sinne. Es hat Gewicht und erwischt einen mit einer Wucht, der man nicht allzuoft begegnet in Büchern, vielleicht auch weil eine gewissen Scheu vor schwereren Themen beim Leser und der Leserin da ist.

Grad beim schreiben muß ich an „Tschik“ denken, das hier aber ist noch eine ganze Spur heftiger. Könnte mir durchaus auch eine Verfilmung sehr gut vorstellen. Für mich ist das große Kunst wie Dietlind Falk hier Verzweiflung und psychische Ausnahmezustände zu Papier gebracht hat. Auch wenn es einem am Anfang echt fast erschlägt, es lohnt sich sehr dran zu bleiben, es gibt auch ein Happy End, und das hat diese Geschichte auch verdammt verdient.

Das Umfeld und die Protagonisten werden vielen fremd sein und anderen sehr vertraut. Egal zu welcher Gruppe man gehört, man steigt mitten rein. Wenn man anfängt zu lesen verschwindet die Grenze zwischen Leser*Inn und Hauptfigur. Wir landen dort wo wir von Innen auf die Geschehnisse schauen. So heftig das an vielen Stellen auch ist, und man krasse Momente förmlich erlebt, die Heldin es nicht einfach hat, das Leben hier verdammt hart zuschlägt, nie wird es larmoyant oder zäh. Hurmorvoll finde ich das Buch aber trotzdem nicht – wie es auf dem Buchrücken steht – muß es für mich aber auch nicht sein. Muß dazu sagen das es mir oft so geht, das andere über Sachen lachen die mich eher betroffen machen, will sagen ich bin da wahrscheinlich kein Maßstab.

Die Protagonistin hatte kein einfaches Leben, sie hat, wie es so schön heißt, einen Knacks weg. Schon länger in Therapie und mit Medikamenten versorgt, hangelt sie sich von einem Tag zum nächsten. Zuviel Schlimmes ist in der Vergangenheit passiert. Ihr ist nur noch die Mutter geblieben, die soviel verloren hat das Sie alles mögliche einsammelt und reparieren möchte. Beide haben mit ihren „Päckchen aus der Vergangenheit“zu kämpfen – hier blitzt auch die Kriegsenkelthematik ganz klar durch (Stichwort Mutter/Großmutter/Erziehung).
Dann gibt es da noch einen Therapeuten in einer winzigen Nebenrolle, genauso wie Nachbarn und andere Outsider; und! die Wg. Die große Krise wird zur Chance für alle. Und Liebe gibt es auch.

Das Buch ist wirklich phänomenal und ich bin froh das ich den Albinoverlag entdeckt habe – er wurde 2015 neu gegründet. Schaut unbedingt mal rein.

Liebe Dietland Falk ich möchte mehr von Dir lesen! Hier gehts zu einem Interview mit der Autorin -> Jg. 85/Übersetzerin

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„hart, stark, mitreißend“

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Dietland Falk

das letzte

Albino Verlag

16,99 €

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Das Geräusch des Lichts und die Welt der Mosspflanzen

dscn8040Ein Rahmen, in welchem sich die Geschichten wie Schichten von feinsten Fäden verweben. Manchmal ganz lose oder nur durch ein Detail verbunden und manchmal so als wäre es nur ein einziges festes Stück.
Kanada, Moos, Eis, Winter und der Planet der Tschu werfe ich mal als umschreibende Stichworte ein.
Es beginnt in einem Wartezimmer, von wo aus sich die Geschehnisse ausbreiten, und das so atmosphärisch dicht, sensibel und detailreich das ich ganz schnell versinke.  In der ersten Geschichte, in welcher das Moos die geheime Hauptrolle spielt z.b., oder  in der Geschichte mit dem Jungen der die Ausgänge zu einer anderen Welt finden will, weil er wissen möchte wohin seine Mutter und seine Schwester verschwunden sind.

Überhaupt zieht sich das Verschwinden wie ein roter Faden durch das Buch. Verschwundene Menschen, – verloren gegangen und die, die sie suchen und in ihren Spuren wandeln.

Alle landen irgendwie in Kanada, und wie es scheint an ein und dem selben Ort; und irgendwie in den jeweils eigenen Wirklichkeiten. Die Themen sind nicht immer einfach und es ist kein Buch welches man schnell liest. Zuviele Sätze und Geschichtenstückchen muß man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Hochsensible werden es mögen, selten achtet jemand auf soviele Kleinigkeiten und Ihre Beschaffenheit, wie hier die Erzählerin.
Es ist mein erstes Buch von Katharina Hagena , die durch ihr Buch „Der Geschmack von Apfelkernen“ bekannt wurde.

Was mich immer wieder etwas verwirrt hat war die Unterteilung des Buches, was aber auch daran liegen kann das ich wirklich so tief in die Geschichten eingestiegen bin, das es mich immer etwas verstörte wenn plötzlich eine andere Wirklichkeitsebene, gar ein anderer Ort, auftauchte, plötzlich dran war. Wobei mir ein Inhaltsverzeichnis mit Seitenzahlen lieb gewesen wäre.

Ein wunderbares Buch. Ich liebe die Moosgeschichte, wahrscheinlich weil ich Moos so liebe und selten so über eine Pflanze gelesen habe. Irgendwie genauso weich wie das Moos selbst, wenn auch rätselhaft, so wie eigentlich das ganze Buch und vor allem das Ende. Welches für mich ein wenig so nach klingt wie Eis auf Eis. Weis, Kalt, sehr kalt, Kanada.

„Dritter sein“ – läßt den Kopf dann richtig brizzeln. Solche Geschichten sollte es viel öfter geben. Ich schreibe in Gedanken nebenbei das Drehbuch dazu, so grandios erzählt fand ich die Geschichte von R.D. … R D.. merkst du was -> ER DE – das Buch hat immer wieder solche Spielereien zu bieten. Famos famos. R. D. ein toller Junge der mit wachen Augen und einem Forschergeist die Welt erkundet – mit einem Vater der ihn nicht versteht und einen Großvater der voll auf seiner Seite ist… überhaupt merke ich bein lesen wie ich mich hier und da verbünde mit den Suchenden.

Ein wundervolles Buch. Es hat ein schönes Cover, gutes Papier, rundum gelungen.

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Katharina Hagena

Das Geräusch des Lichts

Kiwi Roman, 20,- €

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Ganz neugierig bin ich auch auf ein weiteres Werk: „Vom Schlafen und Verschwinden“ von 2012.

Und ich werde mal nach der Verfilmung von „Der Geschmack von Apfelkernen“ schauen. Aber ich glaube ich hab ihn sogar schon gesehen.

Katharina Hagena – eine deutsche Schrifstellerin, – Jg. 67, Mutter und Autorin, Literaturwissenschaftlerin, Stipendiengewinnerin, mehrfach ausgezeichnet, mit eigenem Wikipediaartikel, Schirmherrin der Hamburger Mediclowns, und hier gehts zu ihrer Homepage http://www.katharinahagena.de

 

 

https://www.welt.de/regionales/hamburg/article1830037/Katharina-Hagena-Mutter-und-Erfolgsautorin.html

Die Ehefrau

dscn6402Eine Frau, die sich für das Schreiben interessiert, und wohl auch Talent dazu hat, erzählt von Ihrem Ehemann, dem Schriftsteller. In Rückblenden erfahren wir, dass er ihr Dozent auf dem College war und sie sich dort im Literaturunterricht kennengelernt haben. Das war in den 1950iger Jahren.
Er hält sie damals für sehr talentiert. Sie ihn eher nicht, und doch schaut sie zu ihm auf und ist beeindruckt von seinem Auftreten.

Die beiden brennen schlußendlich durch, sie gerade im ersten Semester, heiraten später und bekommen 3 Kinder. Er – Jo Castleman – wird berühmt. Joan dagegen nimmt den Platz der Ehefrau an seiner Seite ein. Keine Rede davon, daß Sie weitergeschrieben hätte, nach ihren vielversprechenden Anfängen auf dem College. Viel aber, davon die Rede wie Männer aus der Welt des Schreibens zusammenfinden und diskutieren. Die Frauen bewundern diese Männern und flirten mit Ihnen, oder sie stehen als Ehefrauen in eigenen Gruppen beisammen. Ein eigenes erfolgreiches bzw. überhaupt gutes, tiefsinniges Schreiben traut man ihnen, also den Frauen gar nicht erst zu. Die Posten scheinen klar verteilt.

Das Buch beginnt mit der Reise zu einer Preisverleihung. Beide sind inzwischen Jahrzehnte verheiratet, Jo hat viele Bücher veröffentlicht, das erste handelte von den eigenen Beziehungsanfängen, machte ihn bekannt.

Ich möchte in meinen Rezensionen nicht zu sehr spoilern – jeder soll die Bücher selbst für sich entdecken. In dieser Hinsicht rate ich ab von anderen Rezensionen zum Buch, da die meisten meiner Meinung nach, viel zu viel verraten.

Ich selbst bin irritiert von einigen anderen Rezensionen die ich zum Buch fand. Achtung eine dieser spoilernden Geschichten:  z.B. im Deutschlandradio Kultur http://www.deutschlandradiokultur.de/meg-wolitzer-die-ehefrau-bissige-abrechnung-mit-maennlicher.1270.de.html?dram:article_id=367047

Immer wieder wird vom Humor des Buches gesprochen oder auch einem satirischem Blick auf den Schriftstellerbetrieb. Vom „amüsanten Blick“, und die „Times“  meint etwas von „irrsinnig witzig“ – so steht es auf dem Buchrücken. Entweder ist das ein spezieller amerikanischer Humor – die Schriftstellerin Meg Wolitzer ist Amerikanerin – oder ich bin anscheinend ziemlich Humorlos. Oder die dritte Variante, es ist ziemlich ernst, und so empfinde ich es. Was jetzt nicht heißt, das es nicht auch hin und wieder mal etwas zum Lächeln ist.
Finde ich das Buch und das Thema eher ernst weil mir bewußt ist das Frauen auch hier nicht gleichberechtigt sind? Haben die, die es humorvoll finden das Thema nicht verstanden? Jetzt würde ich gern Meg Wolitzer persönlich fragen.

„Was macht die Kunst?“
Joe: „Ach, ich gebe alles, antwortete Joe mit einem tiefen Seufzer. „Und das ist nicht besonders viel“.

Ein signifikanter Satz wie sich später zeigt.

Joan dazu:

„Joe konnte immer gut an sich zweifeln. Die gesamten Fünfziger, Sechziger, Siebziger, Achtziger und die erste Hälfte der Neunziger hindurch gab er sich als verletzlicher, leidender Künstler, ganz gleich, ob er gerade betrunken oder nüchtern, gut oder schlecht rezensiert, geschmäht oder geliebt war.“

Ich finde das Buch fängt sehr gut an, obwohl die Autorin selbst erst Ende der 1950ger geboren wurde, beschreibt sie das Collegeleben  authentisch, zumindest gelingt es mir, mich hier sehr gut einzufühlen. Es erinnerte mich an andere Bücher, die ich gern las, ich muß zugeben von männlichen Autoren. Ich mag diesen Ort des amerikanischen Colleges. Kann aber auch sein, dass ich eine zu romatische Vorstellung davon pflege, weil ich zuviel „Gilmore Girls“ im Kopf habe, eine amerikanische Serie, in der es sehr viel um kluge Mädchen geht.

Meg Wolitzer weiß, wovon sie schreibt. Bisher  veröffentlichte sie elf Bücher und ihr Mann ist, wie im Buch, auch Schriftsteller. Ich habe bisher noch nichts von ihr gelesen, kann da aus keinem Kontext sprechen, sondern nur für dieses eine Buch. Das ich wiederrum noch nichts von Ihr gelesen habe, also noch nicht auf Ihre Bücher aufmerksam wurde, kann wirklich sehr gut mit dem Thema an sich zu tun haben, eben das männliche Autoren meistens in der ersten Reihe stehen und weibliche in der zweiten.

Auf der Seite des DuMont Verlages erfahren wir wenig über Meg Wolitzer, aber im Netz finden sich andere Informationsquellen. Und das dem Buch zugrundeliegende Thema findet sich im Leben der Autorin wieder, und vermutlich in dem vieler Frauen. Es ist das Thema männlichen Könnens und weiblichen Könnens, und wie dieses in unserer Welt „platziert“ wird und welche Beachtung die Geschlechter jeweils finden bzw. nicht finden.

Ein durchaus feministisches Buch, welches von einer Wahrheit erzählt, die im lezten Jahrhundert noch krasser war, als heute. Und was heute erschreckend aktuell ist. Das Buch ist schon über 10 Jahre alt, wurde jetzt erst übersetzt, was man dem Werk aber nicht anmerkt.
Die Autorin schreibt über das männliche und weibliche schreiben und wir kennen Sie doch alle die Long- und Shortlists der Bücherpreise – die weiblichen Autoren können wir an einer Hand abzählen. Und das liegt sicher nicht an der Qualität ihrer Arbeiten. Die den Frauen aber durch nicht-Nominierung und Nichtbeachtung abgesprochen wird.

Joan die Protagonistin und Erzählerin in „Die Ehefrau“ berichtet über das Leben Ihres „schreibenden“ Mannes und so nebenbei auch ein wenig von sich, ihrer Ehe und am Rande aus Ihrem Familienleben. In der Geschichte dreht sich aber Schlußendlich alles um Joe bis zum Knall am Ende des Buches. So wie es sich anschließend ergeben hat, daran haben beide Ihren Anteil, basierend auf den Entscheidungen die beide getroffen haben oder unterlassen haben zu treffen. Vielleicht spielt hier auch die Gewohntheit eine Rolle oder die fehlende Vorstellungskraft das es hätte auch anders gehen können.

Der mittlere Teil ist für meinen Geschmack zu lang und ich fand den Teil einwenig langweilig. Ddie Spannung hielt sich doch ziemlich in Grenzen. Und ich denke ohne etwas über die Autorin zu wissen, fragt man sich doch etwas, worauf Sie denn nun hinaus will. Das Ende überzeugt, aber hat mich gleichzeitig auch enttäuscht, immerhin läßt es einen Ausblick offen.

„Das Mädchen schämte sich, dachte ich, eine Geschichte öffnete sich vor mir, und ich verspürte Erleichterung darüber, eine literarische Distanz mir selbst und diesem Mann gegenüber einnehmen zu können“

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Meg Wolitzer

Die Ehefrau

Übersetzung: Stephan Kleiner

DuMont Buchverlag, 23,00 €

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passende Bücher:

„Die Liebeshandlung“ von Jeffrey Eugenides – wg. der Protagonistin

„Sommer ohne Männer“ von Siri Husvedt – weibliches schreiben

 

Ich freue mich das ich geboren bin – Birgit Vanderbeke

dscn5674Kurz bevor ich die Sprache anfing wirklich nervig zu finden war ich dem Sog des Buches auch schon vollkommen erlegen.

Ja die Sprache ist merkwürdig, aber Sie passt zum Konzept. Ein Kind erzählt, so hört es sich für mich an – bzw. ein Kind erzählt wie sich das Erwachsene eben vorstellen das ein Kind erzählt; das aber in einer flüssigen Schriftsprache.

„…ich wäre gern ein liebes Mädchen gewesen, aber ich schaffte es nicht…“

Ich fing das Buch Abends in der Wanne an zu lesen und konnte nicht mehr aufhören – sprich das Wasser war irgendwann kalt und die Haut ganz schrumpelig, habe es dann die nächsten 2 Abende fertig gelesen – konnte es kaum aus der Hand legen. Es hat mich in seinen Bann gezogen. Ich hoffte auf ein gutes Ende, darauf auch, das sich etwas zum besseren verändert… eine echte Flucht gelingt, nicht nur in Gedanken.

„Wenn man lesen kann, kann man zaubern und sich in alle Länder in der ganzen Welt versetzen oder in Tiere verwandeln….“

Ich hatte viele Bilder im Kopf, grobe Illustrationen zu den schlimmen Dingen die hier nebenbei vorkommen, plötzlich auftauchen, so erzählt werden als wäre es Normalität… was es im Leben dieses Mädchens auch ist. Ein wirklich sehr eigenes Buch, heftige Beschreibungen dazwischen über Schläge und Misshandlungen und darüber allein zu sein, ausgeliefert. Und wie die Dunkelheit dann manchmal als Schutz zu einem kommt um den Schmerz nicht mehr fühlen zu müssen.

„Lieber gar nicht lieb haben als trotzdem, dachte ich, weil man bei trotzdem im Grunde nichts machen kann.“

Davon das die Geschichte in den 60igern spielt merkt man nicht wirklich etwas. Die Rahmenhandlung spielt auch keine allzu wichtige Rolle. Auch wenn manche Begegnungen ausschlaggebend sind, z.B. für die Liebe zu den Geschichten und Märchen über Orte weit weg, die das kleine Mädchen faszinieren. Geschichten in die Sie sich flüchtet.

Am Ende franst es ganz und gar aus – das Buch, – die Geschichte, – was das Mädchen erzählt. Ich habe die Orientierung dann vollends verloren und ich verstehe nicht warum die Autorin so ein Ende setzt, oder was Sie damit sagen will. Es geht viel um „hätte“ und ich frage mich ob das Mädchen einfach durchgedreht ist…

Sicher kein Einzelschicksal was hier geschildert wird, schockierend in der Normalität des Brutalen, wie es selbst heute noch Kinder erleben müssen. Man wünscht sich man könnte das Mädchen retten,… an manchen Stellen ist es schwer zu ertragen.

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Faszinierend in der Sprache, Sog erzeugend in der Erzählung und teilweise schwer auszuhalten. Die Hoffnung die andere hier finde lese ich nicht. Auch wenn das Mädchen eine starke Persönlichkeit vorzuweisen hat und fast schon altklug und weise daher kommt, es hilft Ihr nicht beim davonkommen. Sie findet eine Strategie die Dinge zu ertragen, mir wäre es soviel lieber gewesen wenn Sie abgehauen wäre…

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Ich kenne  die Schriftstellerin nicht – Sie hat aber schon einige Preise für ihre Werke bekommen. Ich kann leider keine Vergleiche ziehen zu Ihren anderen Büchern. Ich weiß nicht ob es Ihre Kindheit war was Sie hier beschreibt…so manches spricht dafür, z.b. die Sprache und für mich auch Ihr Blick auf dem Foto, aber ich weiß nicht ob das nicht reine Interpretation meinerseits ist.

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Erst heute las ich wieder davon wie ein Kind von seinem Onkel zu Tode gequält wurde, mitten in Deutschland. Lasst uns die Augen offenhalten und die Ohren.

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Birgit Vanderbeke

Ich freue mich, dass ich geboren bin

Piper, 18, 00 €

 

 

Nach allem…

DSCN4810Wie wenn man ein Papier entfaltet, so entfalten sich hier die Geschichten der 3 Protagonisten, um die sich das Buch dreht. Eine, erst mal nicht so spannend wirkende – 3 Personen auf einem Bahnhof, aber durchaus vielversprechende, Ausgangslage und der etwas merkwürdige Titel des Buches habe mich sehr angesprochen.

Ein Mann der für die Kameraüberwachung an einem Bahnhof eingeteilt ist und 2 Menschen, ein Mann und eine Frau, die dort auf einer Bank am Bahnsteig sitzen und auch sitzen bleiben.

„Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte“ erinnert mich ein wenig an „Die geschlossene Gesellschaft“ von Sartre. Nur das es in diesem Kreis eine Unbekannte gibt und nur 2 die sich kennen. Trotzdem ist die ganze Geschichte wie ein kleines Universum für sich in welchem 3 Welten aufeinandertreffen.

Ein Buch darüber, das, wie die Dinge wirken und aussehen, nicht unbedingt damit was zu tun hat wie Sie wirklich sind. Das Wege, die wir in unserem Leben gehen, sich sehr abrupt ändern können. Das es hilft beieinander zu sein, und den Dingen und den Nächsten, auch dem Unbekannten, seine Aufmerksamkeit zu schenken.

Lucy, Marotti, Simon „begegnen“ sich und uns in einem Moment der Veränderung. Hier im Basler Bahnhof, einem Ort für Ankunft und Abschied, treffen Sie aufeinander, in einem Moment des Luftholens und Still seins, in diesem kurzem Zeitraum des gerade-woher-kommens-und-noch-nicht-wissen-wohin-gehens. Einem sehr offenem und zugleich auch erstmal sehr verschlossenem Punkt Ihres Lebens. Wir als LeserInnen lernen nach und nach alle 3 besser kennen. Marotti der Polizist interpretiert sich in das Paar auf der Bank beim stundenlangen beobachten hinein. Lucy und Simon kommen sich näher in den langen Stunden, jeder auf seine Art, jeder nach seiner Prägung.

Während Marotti beim beobachten nach und nach den Eindruck gewinnt durch pure Gedankenkraft das Tun der beiden Personen auf der Bank beeinflussen zu können und sich das Beste wünscht. Bleibt Lucy lange in Ihren eigenen Gedanken und Gewohnheiten. Simon dagegen sucht Orientierung und irgendeinen Weg aus seiner recht aussichtslosen Lage.

Wirklich ein schönes Setting, welches nach und nach an Tiefe gewinnt und uns Stück für Stück Einblick gewährt, vor allem in Lucys und Simons Leben. Ein Kammerstück zum mehrfach lesen. Ich möchte einerseits nicht mehr erzählen um nichts zu verraten und andererseits fällt es mir auch schwer aus den bewegten Lebensgeschichten ein, zwei Sachen herauszupicken, denn ich möchte da keine Wertigkeiten setzen. Welche Dinge im jeweiligen Leben welche Rolle spielen und wie wichtig oder egal sie sind muß jeder selbst aus seinem eigenem Kontext entscheiden. Soviel sei noch gesagt es gibt ein offenes aber gutes Ende.

Ich denke ich werde es noch dieses Jahr ein zweites mal lesen.

Ich habe das Buch vom Nautilusverlag bekommen mit einem Handgeschriebenem Kärtchen, das fand ich ziemlich toll und so wunderschön persönlich, herzlichen Dank dafür. Der Verlag hat eine recht bewegte Geschichte, ein kurzes Porträt findet sich hier ->

Schaut mal rein, ein interessantes und kritisches Verlagsprogramm erwartet Euch

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Marie Malcovati

Nach allem was ich beinahe für Dich getan hätte

Roman, Edition Nautilus, 16 €

 

Die Glücklichen

DSCN4580Die Glücklichen, ein Titel der Anderes vermuten läßt als es ist. Aber irgendwie passt er – denn es geht den Protagonisten darum ein gutes, ein glückliches Leben zu führen. Ja wer möchte das nicht. Glück, darunter versteht wohl jeder etwas ganz Eigenes.

Die Geschichte dreht sich um ein Paar mit Kind. Sie leben in einem gutem Viertel, in einem schönem Altbau und haben schöne Berufe. Er Journalist und Sie Cellistin. Sie bekommen ein gesundes Kind, den Matti. Ihnen geht es so gut, das Sie Essen gehen können und im Bioladen Kunden sind.

Am Anfang folgen Wir Ihr, Isabell. Ihren Gedanken und Wahrnehmungen. Vollblutmusikerin, mit dem Traum damit genug Geld zu verdienen, am Ende damit auch bekannter zu werden. Ehrgeizig. Irgendwie auch ein bisschen verwöhnt. Eine sehr liebevolle Mutter, die die Zeit zu Hause mit Ihrem Kind genießt. Aber irgendwann muß es wieder losgehen mit der Arbeit. Es braucht den Verdienst und auch möchte Isabell den Anschluß nicht verlieren. Aber es fällt Ihr schwer zurück zu kehren ins allabendliche Orchester, als Musikerin bei einem Musical. Wo Sie alle nur im Orchestergraben sitzen. Sie bekommt Probleme und Ihre Hand zittert, Ihr Arm macht Probleme. Zwischen An- und Entspannung, loslassen, festhalten, fließend spielen.

Georg hat andere Träume, er liebt seine Familie sehr und sieht sich als Versorger seines kleinen Rudels. Als dann plötzlich seine Zeitung „schließt“ bringt ihn das in eine riesen Bredouille. Er fühlt sich unter Druck und flüchtet in den Traum vom eigenen Häuschen auf dem Land. Eine kleine Obsession.

Beim lesen bin ich schnell im Kosmos „der Glücklichen“ versunken, und jetzt wo ich wieder daraus aufgetaucht bin finde ich es schwierig es so zu fassen das ich wahrheitsgemäß davon erzählen kann. Ich finde, nebenbei bemerkt, das auch hier der Klappentext mal wieder andere Bilder erzeugt, Bilder die dem was vor sich geht, nicht entsprechen.

Isabell denkt und fabuliert sich regelrecht einen Abstieg herbei, wie zurechtgelegt, damit man gerüstet ist wenn es soweit kommt. Noch schnell ausnutzen und genießen daß es noch nicht soweit ist. Letzte verzweifelte Einkäufe im Delikatessenladen und im Designgeschäft. Georg dagegen will jeden Euro Zusammenhalten, will sparen und sucht Auswege, auch auf dem Land. Noch das beste aus allem machen wollend. wirklich reden können Sie nicht, auch geben Sie sich durch die Umstände eher die Klinke in die Hand. Muß ja alles weitergehen.

„Eigentlich sollte ich in der Welt unterwegs sein…. „

Ja in Krisenzeiten, da lernt man die Menschen erst wirklich kennen, da zeigen sich Charakter und Wesen mehr als wenn alles palletti ist und gut läuft. Ich finde es wirklich gelungen wie Kristine Bilkau das alles schildert.  Ein kleiner Auschnitt, der aber so wichtig und so ausschlaggebend ist, für alles was kommt, für Isabell, Georg und Matti. Schlüsselmomente, Veränderung. Sie be_schreibt wunderbar diese kleinen, wichtigen Gedankengänge und Momente, die Entwicklung der Beiden und die Veränderungen im Umfeld. Alles irgendwie Hand in Hand. Ein Besuch in einer Familie, wir dürfen hinter die Fassaden schauen, wir dürfen sehen was sonst keiner sieht. Ein gutes Buch, eine gelungene Erzählung mit einem feinem Gespür und Einfühlungsvermögen geschrieben.

Das Buch bekam den Hamburger Förderpreis für Literatur. Inzwischen geht es mir so wenn ich lese Verlag Luchterhand, das ich Qualität erwarte, und die habe ich wieder bekommen. Sehr schönes Debüt. Und wie immer ist man gespannt was weiter kommen mag von der Autorin.

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Kristine Bilkau

Die Glücklichen

Roman Luchterhand

€ 19,99

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Bei „Das Debut“ gibt es noch ein schönes Interview zur Rezension

 

Frau Kassel will Wunder – noch ein Blogparaden Special

Frau Kassel ist krank, aber das ist, will ich jetzt mal behaupten, nur begrenzt schlimm. Denn das Kranksein bringt Bewegung in Ihr Leben. Sie macht sich auf eine Reise auf der Suche nach Heilung und Leben. Frau Kassel will Wunder und zwar richtig. Ziemlich skeptisch geworden und auch frustriert und müde saß Sie vorm Krankenhaus als Paul Sie findet. Paul der fragt ob er helfen kann und Ihr seinen Parka leiht. Diese Geste bewegt Charlotte Kassel sehr.

Sie fährt dann erstmal zu Ihrer Schwester in die Eifel – Die Eifel! Eine Gegend in der es wohl viele Heiler gibt, das hat dort Tradition. Aber ich will mal nicht weiter spoilern – Ihr müßt das Buch selber lesen.

Frau Kassel will Wunder ist auch ein Buch was geschrieben werden mußte, auch um eigenes zu erzählen. Die Autorin Ulrike Schwieren-Höger hat hier Ihre eigene Krankheit verarbeitet und reflektiert.

Hier kommen Wunsch und Wirklichkeit zusammen in einer spannenden Geschichte die ganz schön viele Themen mitbringt. Es ist einfach alles drin was eine gute Geschichte ausmacht und es ist schön Charlottes Weg zu verfolgen.

Gerade Themen wie alternative Heilmöglichkeiten werden ja gern abgetan oder belächelt und finden sich eher in spezielleren Büchern wieder. Aber so verpackt in einen Roman finde ich es wundervoll. Ich habe selber schon sehr vieles ausprobiert. Einfach mal anschauen und kuckn ob man was damit anfangen kann, offen und neugierig bleiben und natürlich Wunder finden und Freude. Eine tolle Nebenwirkung dabei ist das die Welt größer wird und man merkt wieviel es zu entdecken gibt.

Für mich persönlich gabs da natürlich auch so ein paar nette Erinnerungsmomente… wenn ich Stichworte wie Ta Ke Ti Na las oder Abschnitte über grundsätzliche Herangehensweise an das Leben. Sogar das Dämonenfüttern kommt vor. Also außer einer wundervoller Geschichte finden sich sehr viele Methoden die es lohnt auszuprobieren.

Das Buch hat sogar eine extra Seite wo sich noch Zusatzinfo findet: https://fraukasselwillwunder.com

UND es wurde selbst verlegt. Ich wünsche mir das es ganz viele Leser findet auch wenn hier kein großer Verlag die Öffentlichkeitsarbeit übernehmen kann. Das Buch macht Mut und hilft beim Frieden finden und dabei weckt es auch noch die Abenteuerlust. Und das Abenteuer lauert gleich um die Ecke, ich sage Euch, so ist das!

Ein Spruch der einen durch das ganze Buch trägt und noch lang darüber hinaus:

„Es gibt zwei Arten sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eins“

Albert Einstein

Also auf, macht Euch gute Gedanken, träumt und erwartet Wunder UND lest unbedingt dieses  Buch

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eine weitere, sehr ausführliche Rezension gibt es bei Ulrike Sokul

 

Der letzte grosse Trost

DSCN4042Ein etwas sperriges kleines Buch, das erst spät Fahrt aufnimmt. Ein Buch, bei dem das Cover so richtig gut passt und auch der Klappentext die Wahrheit spricht. Und ein Buch, über das sich schwer berichten lässt ohne zu spoilern.

Der Autor schreibt sonst eigentlich eher Kinderbücher, das fand ich doch überraschend im Hinblick auf den ernsten Ton des Buches. Aber vielleicht hat die Leichtigkeit der Kinderliteratur ihm geholfen, sich diesem Familienroman zu widmen.

Am Rand geht es um ein Haus, das verkauft werden soll, vom Zweig der Familie, die ausgewandert ist und von der niemand mehr übrig ist, um vorbei zu kommen. Die letzte Dame ist zu alt. Also nimmt unser Protagonist das selbst in die Hand und findet nicht nur Leere, sondern viele Erinnerungen und vor allem ein kleines Heft mit wenigen, aber sehr aufregenden Notizen des Vaters. Eine Geschichte, die sich durch die Generationen zieht.

Es geht um die Frage, wie es ist mit dem Weiterleben, wenn im Krieg so viele zurück geblieben sind – auf beiden Seiten. Wie das ist, wenn wieder so was wie Normalität eingekehrt. Zumindest auf der einen Seite. Der andere Teil der Familie hat weniger Glück. Aber ist es überhaupt Glück oder auch eine Leere, die nach schrecklichen Ereignissen unmissverständlich spürbar ist?

Daniel, den wir durch das Buch begleiten, hat trotz Glück mit der Normalität zu kämpfen, dem frühen Tod des Vaters. Der Tag, als er das alte Haus besucht, ändert alles zutiefst. Ein bisschen ist es so, als hätten die Dinge nur darauf gewartet. Wie leben wir unser eigenes Leben? Woran erkennen wir, dass es unser Leben ist? Und worum geht es eigentlich?

Am Ende lebt er für eine einzige Sache und ist in dieser für sich ganz allein. Jahrelang bereitet er sich vor, ohne mit jemandem darüber zu sprechen. Lebt er in diesen Jahren eine Lüge den anderen Menschen in seinem Leben gegenüber?

Es geht um Beziehungen und die verschiedenen Formen von Beziehungen, ganz besonders um die Beziehung zur eigenen Spiegelperson, die einen kennt. Der ohne Worte klar ist, was los ist. Die dich anschaut und deinen Aufruhr im Inneren mit einem Satz zu hinterfragen weiß.

Und es gibt Rettung – eine Rettung, die aber nicht in dir liegt, sondern dort, wo der Anker deines Lebens sich verhakt hat. Das hat mich am Ende des Buches sehr froh gemacht. Denn auch hier: Erst das Ende der Geschichte sagt dir, was für eine Geschichte es war.

Ein Resümee: Liebe ist.

Hier gibt es ein ausführliches Interview mit dem Autor auf der rowohltschen Verlagsseite

 

 

Jacobs wundersame Wiederkehr

u1_978-3-10-049021-6.38101038Jacob, ein Jude im 18. Jahrhundert – jung, gläubig, angepasst, ängstlich – zumindest stellt er sich so dar in seinen rückblickenden Erzählungen. Jakob also, kommt ein wenig ab von seinem Weg, durch dies und das, wie das eben so ist im Leben, verändert sich alles, durchaus auch schlagartig.

Jacob wird zu Johannes und findet sich mehrfach in anderen Lebenswelten wieder. Und hat gelinde gesagt ein ziemlich aufregendes Leben … gehabt. Er starb nämlich dann doch recht früh. Wir treffen Ihn zuerst ganz am Anfang des Buches im Strudel seiner Inkarnation und wissen auch als Leser nicht was hier gerade passiert.

429 Seiten! Das hat mal wieder gut getan so einen richtigen Schmöker zu lesen.

Das schöne ist durch Jakob bekommen wir Einblick in viele verschiedene Lebensläufe und ganz besonders in 2 Personen, Leslie den immer hilfsbereiten Mann – aus Gründen die sich aus seiner Geschichte erschließen, und Mascha eine besondere Schönheit, ebensfalls streng gläubig erzogen wie Jakob damals.

Ich konnte so richtig abtauchen in die vielen verschiedenen Welten die sich immer abwechselnd nebenher entwickeln. Und am Ende wäre ich gern noch ein wenig da geblieben um zu erfahren was danach noch passiert.

Mir gefällt es wenn in Romanen so förmlich ganz nebenbei wichtige Themen auftauchen. Wie hier das Thema des Glaubens, der Riten, der Veränderung, der Selbstverwirklichung, Lebensgestaltung, Suizid, Vererbung, Selbstverantwortung, Manipulation… Es gibt viel wissenswertes über jüdisches Leben und Tradition, über das Schauspiel früher und Heute, das Leben von Adligen im 18. Jh. usw. eine Fülle die sehr unterhaltsam ist und wie nebenbei noch bildet. Die Autorin hat hierfür auch ausführlich recherchiert.

Wenn Jacob auch in seiner Inkarnationsform nicht so sonderlich sympatisch ist, werdet Ihr Ihn mögen, allein schon für seine Erzählungen.

Rebecca Miller ist eine phantastische Geschichtenerzählerin. Fabelhaft das Buch. Ich habe immer aufgepasst nicht zu viel zu lesen so das ich doch einige Morgende und Abende meine Freude hatte.

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Beim S.Fischer verlag gibt es eine Leseprobe und noch einige Stimmen aus der Presse

Rebecca Miller

Jacobs wundersame Wiederkehr

Aus dem Amerikanischen von Reinhild Böhnke

22,99 € , 429 Seiten

Der Vorleser – Bernhard Schlink

Vor kurzem habe ich mir zufällig den Film „Der Vorleser“ angeschaut. Ich hatte das Buch vor vielen vielen Jahren gelesen, mein erster Schlink damals.Der Film war phantastisch. Einer der Besten wie ich finde, die ich gesehen habe und ich habe viele Filme gesehen. Er schafft es trotz der schwierigen Themen einen zu packen. Ich bin darin versunken und war ganz gefesselt. Eine unglaubliche Tiefe die einen da trifft. Sehr gut gespielt von Kate Winslet als Hanna Schmitz und  Ralph Fiennes/David Kross als Michael Berg. Es geht um den jungen Michael Berg und seine erste Liebe, zu einer sehr viel älteren Frau. Später in seinem Rechtsstudium trifft er Sie bei einem Gerichtsprozess um Kz Aufseherinnen wieder. Und pflegt danach noch als sehr viel älterer Mann einen besonderen Kontakt zu seiner ersten Liebe.

Ich habe mich gefragt warum das ein amerikanischer Film ist (er wird allerdings als deutsch-amerikanische Produktion bezeichnet siehe Wikipedia, da vor allem das Geld für die Produktion aus Deutschland kam ).

Ich denke der Abstand hat dem Thema gut getan, das es eben keine deutschen Schauspieler (meistens die immergleichen) sind. Ralph Fiennes war ja mit dem Thema sicher schon seit „Schindlers Liste“ vertraut. Und Kate Winslet ist perfekt für die Rolle der Hanna Schmitz – ich kann mir niemand anderen darin so gut vorstellen. Sie spielt phantastisch. Erst wollte Sie die Rolle wg Terminschwierigkeiten nicht annehmen, aber da sich das gesamte Filmprojekt ziemlich hinzog stand Sie dann doch zur Verfügung. Kate Winslet bekam später den Oscar für die Rolle von Hanna Schmitz, verdientermaßen wie ich finde.

Bruno Ganz hat eine kleine Nebenrolle als Rechtsprofessor, die so im Buch nicht zu finden ist. Aber diese kleine Rolle verdeutlicht für mich sehr stark die Verbindung von Recht und Philosophie –  wirklich wunderbar gezeigt in diesen kurzen Passagen und dem Habitus von Bruno Ganz eben – die bei Schlinks Geschichten für mich oft durchschimmern und die rechtliche Seite für mich wieder interessant gemacht hat. Denn Recht haben heißt ja nicht Recht bekommen. Und Recht ist auch nicht immer einfach Schwarz oder Weiß, auch wenn am Ende so entschieden wird. Grade auch bei diesem Fall der für Michael Berg ja noch eine ganz andere Dimension hat als für die anderen Prozessteilnehmer.

Von jüdischer Seite wurde der Film nicht für so gut befunden und auch kritisiert. Aber ich denke wirklich das dies ein Missverständnis ist, eine Interpretation die Schlink so, meiner Meinung nach nicht gemeint hat. Das könnt Ihr bei Wikipedia nachlesen wenn es Euch interessiert.

Die erste große Liebe später wieder zutreffen um zu erfahren das Sie eine Kz Aufseherin war und für den Tod hunderter Frauen mitverantwortlich. Die erste große Liebe wieder zu treffen, von weitem zu sehen, Sie gealtert, man selbst erwachsener. Die Beziehung endete damals damit das Hanna verschwand, ohne Abschied. Ich weiß wie sehr so etwas das eigene Leben beeinflussen kann, und hoffe Michael hat es besser überstanden weil er noch so jung war und das Leben in seiner Gänze nun in Friedenszeiten ja vor Ihm lag, er Freunde hatte…aber es ist wohl nicht so, wie mir scheint hat er es nicht wirklich verdauen können. Wie sehr prägen einen auch die Menschen die einem nahe stehen. Wie sehr verändert man sich im Umgang miteinander und vorallem auch mit den Körperlichkeiten die man miteinander teilt, und die so eben immer nur mit diesem einen Menschen so sein werden. Und vorallem der erste Mensch dem man so nahe kommt, mit dem man so intim ist, wie dieser Mensch Spuren in einem hinterläßt.

Die Liebe zu Hanna wird auch in Frage gestellt weil Sie so viel älter war, und Sie war keine einfühlsame Person, eher herrisch und bestimmend – mir scheint Sie verstört, weder für sich Selbst noch andere wirklich zugänglich. Praktisch veranlagt, sehr sauber, wie oft hat Sie Michael gebadet, zu jedem Liebesakt gehörte das waschen dazu. Ich glaube Sie hilt sich an eine ordnung und ein funktioneren, und ich weiß nicht ob dies nicht vor dem krieg auch schon so wahr. Sie scheint mir traumatisiert. Vor allem auch eine sehr „einfache“ Person, abgesehen von Gefühlsdingen. Vielleicht fand auch Sie in dieser kurzen Liebe mit dem sehr jungen Michael (15 war er grade) etwas leichtes, weiches, poetisches, unschuldiges, was sonst nicht in Ihrem Leben stattfand? Ich kann mir durchaus vorstellen das Sie vor dem Jungen etwas leben konnte was Sie mit einem gleichaltrigen Mann nicht finden kann, weil Sie dort wahrscheinlich nicht so die Kontrolle hätte halten können, nicht so bestimmend hätte agieren können wie es gegenüber dem unerfahrenen Michael möglich war. Ganz abgesehen davon wieviel Männer gab es noch nach dem Krieg und wieviel davon waren offen für eine Liebelei?

Am Ende des Films klingt ein Missbrauch an. War es das? War es eine Abhängigkeit? Oder war es doch auch so etwas wie eine unschuldige Liebe? So wie das ist mit der Liebe, die für kurze Zeit eben wie einen Raum in einer Seifenblase bietet, wo alles andere nicht interessiert und nicht wichtig ist und man voll und ganz mit und bei dem Anderen zusammen die Zeit still stehen läßt? Ich möchte das ganze nicht verurteilen denn ich denke beide haben darin etwas gefunden was wichtig für Sie war.

Die Grausamkeit Hannas schimmert aber durch, .. dieser Blick oft. Die Art und Weise wie Sie Micheal manchmal angeht und bestimmt. Aber ich glaube nicht das Sie von Herzen eine grausame Person war, eher jemand dem grausames wiederfahren ist und der keinen Weg fand damit umzugehen. Sie wirkt auch Naiv und eben sehr einfach gestrickt. Die fehlende Bildung?  Nichts von alledem rechtfertigt natürlich Ihre Taten als KZ Aufseherin. Vielleicht sieht man grade an Ihr den willfährigen Soldaten, der der Obrigkeit blind folgt und macht was gesagt wird was zu machen sei, ohne es zu hinterfragen oder gar anzuweifeln. Ein Kind der schwarzen Pädagogik? Ein Kind der Zeit?

Mich tröstet es ungemein das Michael Berg später eine Tochter hat, und dieser seine Geschichte erzählen kann. Und das ist auch etwas was diese Geschichte zeigt, das es gut ist über die Dinge zu sprechen, zu berichten, Zeugnis abzulegen.

DSCN2006Ich hab mir nach dem Film das Buch besorgt, das mußte sein. Es ist anders als der Film und ich weiß nicht ob ich im Film Stimmungen falsch deutete und auch interpretierte was das Buch so nicht zuläßt, oder ob die Differenz einfach daraus entsteht wie man eben Filme von der Dramaturgie aufbaut. Ich habe noch keine Antwort, ich muß es nochmal lesen. Alles in allem ist es aber nah beieinander.

Die Literatur spielt übrigens eine große Rolle, wie so oft, meistens die Odyssee, bei Schlink. Werd mal eine Bücherliste machen. Damals gab es wohl noch diese Bildung in den Schulen (schlink its Jg. 44, ein Kriegskind) – das gab es zu meiner Zeit nicht mehr und ich habe fast keines der genannten Bücher gelesen. Die Literatur gibt einen sehr poetischen Rahmen der auch im Film gut umgesetzt ist unterstrichen durch viele stille Momente und eine gute arrangierte Filmmusik.  Allein das Vorlesen ist ja schon eine sehr besondere Sache … und Sie wäre so vollkommen poetisch wenn das Vorlesen nicht auch unter den grausigen Umständen des Lagers stattgefunden hätte, wo Hanna sich von Mädchen vorlesen lies die Sie nachher in den Tod schickte. Zumindest geht es mir so das die Dinge geschmälert werden durch die Vorgeschichte die sich dann über die Zeit von Hanna und Michael legt.

Ich kann nur unvollständig über die Geschichte schreiben, vielleicht später genaueres, was hier dann ergänzen werde. Aufjedenfall möchte ich Film und Buch sehr empfehlen.

Das Buch wird wohl auch in den Schulen gelesen, was ich wirklich gut finde, und ich habe ganz zufällig eine Schülerseite zum Buch entdeckt, sehr ausführlich http://der-vorleser.com/ das nenne ich mal ein gelungenes Schulprojekt.

Ergänzt am 14.02. 18.00 Uhr

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