Ich bin dein Mensch – Film und Geschichte

Wir hören Schritte und Musik. Absatzschuhe. Ein Orchester? Na ja, ein kleines Orchester, oder sagen wir Band. Aber die Atmosphäre ist schon besonders. Wir befinden uns in einem Tanzetablissement, eins von denen, die heute schwer zu finden sind. Alles etwas flauschig, kleine Tanzfläche mit Tischchen drumherum, eine Bar, so ein wenig 40er Jahre Style. Auch die Protagonistin, schlicht aber elegant gekleidet in einer weißen seidigen Bluse, sie wird als Dr. Felser angesprochen, schaut sich interessiert um und trifft nach dem Empfang auf einen Mann, der sie mit „Hallo Alma, ich bin Tom“ begrüßt.
Sie setzen sich und Tom ohne Nachnamen sagt: „Du bist eine wunderschöne Frau Alma“, legt dabei seine Hand auf die Ihre. Beim nächsten Satz zieht Alma ihre Hand weg. Später erfahren wir warum.
Zu diesem Zeitpunkt ist der Film keine 2 Minuten alt und wir mittendrin, so wie Alma später mit Tom. Kein langes Vorgeplänkel.
Dieses erste Treffen erinnert an toxisches Lovebombing, bei dem das Gegenüber mit Komplimenten überhäuft wird und die toxische Person viel Interesse heuchelt, und das bevor man sich überhaupt wirklich kennengelernt hat.
Hier ist das ganze aber anders. Tom ist ein Roboter und passend für Alma programmiert, nach ihren Wünschen und Vorstellungen.
Alma Felser hat eingewilligt für 3 Wochen einen Roboter als Partnerersatz zu testen. Im Film ist sie eine Forscherin, die grade an ihrer wirklich großen Promotion arbeitet, mit eigenen Räumlichkeiten und studentischen Hilfskräften. Überhaupt wirkt alles sehr privilegiert in diesem Film. Alma, ihre Wohnung, ihre Kleidung, ihre Arbeit, das Umfeld und nun auch Tom.

Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Eva Braslavsky, welche im Buch „2029 Geschichten von Morgen“ im Suhrkampverlag erschienen ist. Es gibt eine ganz interessante Einleitung zur Entstehung dieser Kurzgeschichtensammlung, leider mit einem schlimmen Spoiler zu Almas Geschichte, die im Buch eine ganz andere ist als im Film.
Alma wird im Buch als reife erfahrene Frau geschildert, ab wann ist man das? Sie ist Paartherapeutin in der Kurzgeschichte und es ist sehr heikel, dass sie als Verteidigerin der menschlichen Paarbeziehung nun einen Robotermann an ihrer Seite hat. Deswegen findet ihre „Beziehung“ auch erstmal nur zu Hause statt. Was den Roboter mit der Zeit stark irritiert. Er ist programmiert zu lernen, programmiert auf Beziehungsgeflechte des Menschen, er entwickelt sich beständig weiter, passt sich an oder auch nicht. Er „will“ Erfahrungen sammeln.

Es wirkt im Film und auch im Buch so, als könnten Roboter Gefühle entwickeln oder zumindest sehr gut imitieren, was für die Menschen Nähe erzeugt. Gefährlich ist aber wohl die Entwicklung eines Willens oder wurde der schon mitgeliefert? Es sind Geschichten, es sind Thesen. Wir wissen nicht wie das wäre, die Fragen aber durchaus spannend.

Ich mag Geschichten über die Zukunft und Science Fiction. Und wir wissen ja aus der Vergangenheit, dass sich so manches erfüllt. Sollen diese Roboter Menschenrechte bekommen? Darum geht es bei dem Experiment im Film. Im Buch haben sie bereits Rechte und das bringt die Menschen am Ende in Bedrängnis, wie man zwischen den Zeilen herauslesen kann, und wie uns es das Ende leider auch verdeutlicht.

Lange Einstellungsprotokolle musste Alma vor dem Kauf ausfüllen, endlose Fragen beantworten, wie Tom sein soll. Und sie muss zustimmen, dass sie ihn gut behandelt, eine Art Gelöbnis wird ihr abgenommen.
So einfach ist das alles nicht, wenn alles nach Wunsch geliefert wird, das wird schnell klar in der Geschichte, aber auch im Film.
Alma ist noch nicht so ganz über eine Trennung hinweg und sie scheint mir manchmal etwas grummelig, und ich kann das gut nachvollziehen und finde sie sehr sympatisch. Tom ist eine kleine Klette und will irgendwie beschäftigt werden, er will Aufmerksamkeit, und zwar von seinem Menschen Alma. Macht er nicht alles was sie sagt? Könnte man meinen, aber nein tut er nicht. Alma ist skeptisch und wachsam. Testet den Roboter auch aus. Und Tom macht das auf was er programmiert wurde. Wer hier wem zu Diensten ist, das ist manchmal fraglich.


Ja wie wäre das wohl, wenn uns ein Menschroboter, auch Humanoid genannt, an die Seite gestellt werden würde, der ganz nach unseren Wünschen programmiert ist? Also klar ein Roboter, aber so extrem menschlich das man kaum einen Unterschied feststellen kann, was vielleicht auch eins der Grundprobleme überhaupt ist. Oder auch das, was sich so mancher genauso wünscht.
Jemand der ihm sehr ähnlich ist und genau so reagiert wie man möchte. Unterstützt das nicht nur das Ego? Werden Menschen dadurch nicht einfach abhängig von Maschinen, weil diese ihnen eben das erzählen, was sie wollen, und ihnen entgegenkommen, kaum kontrovers agieren? Ich denke, Menschen werden so ersetzbar, dass echte Beziehungen nicht mehr stattfinden, weil sie dann zu reibungsintensiv wären. Da ist so ein Roboter schon bequemer, man weiß auch ungefähr was zu erwarten ist. Vielleicht ist auch das, was die flauschige Atmosphäre des Films transportieren soll. Es ist ein Phantasieleben in welchem wir noch mehr um uns selbst kreisen würden.
Und ich frag mich auch wie das dann eigentlich mit dem Nachwuchs werden soll. Dazu gibts auch Ideen im Buch, in den anderen Geschichte, die weitere Welten der Zukunft erfinden.

In vielen Geschichten mit Humanoiden geht das ganze nicht sehr positiv aus. Dagegen ist der Film „Ich bin dein Mensch“ sehr lieblich, sehr weich und glatt irgendwie, es gibt viele bezaubernde Szenen. Alma ist eine perfekte Frau in meinen Augen, schlau, schlagfertig, selbstständig, mit Power. Sie ist liebevoll und fürsorglich, hat Humor, Geschmack und sie ist kritisch und irgendwie immer gut gekleidet.
Im Film gibt es eine Nebengeschichte. Wir treffen Almas verwirrten Vater, ihre Schwester und ihren Neffen und erfahren, wie sie als Familie miteinander umgehen, was wirklich schön anzusehen ist, fast schon zu idyllisch. Sie zeigt uns Alma wie sie privat ist.

Im Buch erfahren wir nichts über ihre Familie, dafür spielt auch hier der Exfreund eine wichtige Rolle, aber auch ganz anders als im Film. In der Kurzgeschichte spielt ihr Beruf als Paartherapeutin eine Rolle, diese konfrontiert Alma zusätzlich mit den ganzen Beziehungsthemen. Und diese Beziehungsfragen stellt die Geschichte ja auch im Ganzen. Was macht Beziehung eigentlich aus? Was braucht es? Wie ist das so mit den Bedürfnissen und was braucht es für die Liebe? Reicht die Liebe von einer Seite bzw. kann man das, was Tom als Roboter als Liebe zeigt, wirklich als Liebe bezeichnen? Es ist doch eigentlich ein Spiel, da eine Maschine keine Gefühle hat. Was wir beim Menschen verwerflich finden würden, nämlich das Vorspielen von Liebe, ist beim Humanoiden gewollt. Fördert das nicht nur den eh schon starken Narzissmus in der Gesellschaft?

So unterschiedlich die Geschichten im Film und im Buch verlaufen, so unterschiedlich enden sie auch. Total gegensätzlich. Die Originalgeschichte hat nicht diese ruhige Lieblichkeit, wo trotz allen Herausforderungen ein Gefühl von Zärtlichkeit, Freisein und einer guten Welt rüberkommt. In der Geschichte wird viel mehr Stress spürbar, die Fehlbarkeiten von Menschen, Maschinen und ihre Auswirkungen, die am Ende zerstörerisch sind.

Ein süßer Traum von einem selbst geschaffenen auf mich abgestimmten Wesen bleibt vielleicht besser ein Traum.


Der Film „Ich bin dein Mensch“ lief im Kino und findet sich noch bis Ende März in der ARD Mediathek

Über das Buch werde ich nochmal gesondert berichten. Leider gibt es vielmehr Geschichten von Männern als von Frauen. Und auch die Entstehungsgeschichte ist eine Männergeschichte, deswegen kann ich nur für diesen Artikel den #literaturvonfrauen vergeben, aber nicht für das ganze Buch.
Das Projekt „2029“ entstand vor dem Hintergrund das kaum noch Zukunftserzählungen zu sehen seien und zu lesen schon gar nicht. Ich stimme ein Stück weit zu. Allerdings kenne ich einige Serien die sich mit der Zukunft beschäftigen. Literarisch muss ich mehr suchen. Mir ist es eine Freude wieder mal einzutauchen in Geschichten und Utopien und Ideen davon wie es wohl sein könnte. Was ich wieder nicht verstehe, das ist die starke Abweichung von der Originalgeschichte. Eigentlich erzählt der Film etwas anderes als die Kurzgeschichte.
Aber wie auch immer, ich denke wir brauchen den Blick in die Zukunft um das Jetzt weiter zu entwickeln.

Bei uns können wir vielleicht nun auch Emma Braslavsky (1971 geboren in Erfurt) zu den Zukunftserzählerinnen zählen. Sie hat ein ganzes Buch geschrieben zum Humanoidenthema. „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“.

Viele Informationen findet ihr auf ihrer Seite: https://emmabraslavsky.de/
Sie hat inzwischen einige Preise für ihre Arbeiten bekommen. 2021 gewann sie z.B. das Literaturstipendium in Thüringen https://www.boersenblatt.net/news/preise-und-auszeichnungen/12000-euro-fuer-emma-braslavsky-164855
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2019 / Radiobeitrag
https://www.swr.de/swr2/literatur/av-o1144236-100.html
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Emma Braslavsky bei Perlentaucher
https://www.perlentaucher.de/autor/emma-braslavsky.html
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Andere neuere Filme und Serien mit Humanoiden
Real Humans – Echte Menschen (2012 – 2014)
Humans (ab 2015)
Black Mirror (ab 2011)
Westworld (2016)
Almost Human (2013)
Raised by Wolves (2020)
I, Robot (2004)
A.I. – Künstliche Intelligenz (2001)
etc.
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weiteres zum Thema:
https://www.deutschlandfunk.de/roboter-sind-auch-nur-menschen-100.html
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https://www.planet-wissen.de/technik/computer_und_roboter/kuenstliche_intelligenz/pwiekuenstlicheintelligenzundbewusstsein100.html
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2010 / https://www.sueddeutsche.de/digital/kuenstliche-intelligenz-man-kann-mit-robotern-eine-ehe-fuehren-1.342591-0
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2019 / Ethische und soziologische Aspekte der Mensch-Roboter-Interaktion (PDF)
https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/F2369.pdf?__blob=publicationFile&v=5
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2005 / Mensch-Roboter Interaktion – eine sprachwissenschaftliche Analyse
https://www.uni-kassel.de/upress/online/frei/978-3-89958-130-0.volltext.frei.pdf
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2018 / Entgrenzungen zwischen Mensch und Maschine, oder: Können Roboter zu guter Pflege beitragen? https://www.bpb.de/apuz/263682/entgrenzungen-zwischen-mensch-und-maschine-oder-koennen-roboter-zu-guter-pflege-beitragen

Das Rauschen in unseren Köpfen

Sanft, leise plätschernd, klar und ungekünstelt, so empfand ich damals einen bei Youtube gefundenen Buchtrailer.

Leider konnte ich diesen Sound im Buch nicht finden, was mir fast schon ein wenig Leid tut, da ich der Autorin auch auf Instagram folge und sie ziemlich sympathisch finde. Ein wenig anders, eine Type eben. Doch das Buch hat mich nicht mitgenommen, ganz im Gegenteil hat es mich Kraft gekostet weiterzulesen. Und am Ende habe ich die Seiten nur noch überflogen. Vielleicht auch ein Rhythmus der Gegenwehr. Denn nach dem sich die Protagonistin und der Protagonist gefunden haben geht alles wieder auseinander, wie ein zu flüssiger Kuchenteig, der endlos verläuft, in der undichten Kuchenform.
Lene und Hendrik. Es beginnt sehr schön, und nach und nach erfährt man etwas über die Vergangenheit der Figuren, vor allem über Hendrik. Seine Geschichte blättert sich auf, und scheint ihn bis heute zu verfolgen. Schweres Gepäck. Für Lene nicht gut auszuhalten. Und für die Beziehung vielleicht zuviel. Und am Ende zeigt sich, dass Versprechen nicht gehalten werden können. „Wir kriegen das hin“…
Oder eben auch nicht.

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Erstaunlich dick das kleine Buch. Eine praktische etwas kleinere Größe, als sonst die Bücher haben, es liegt ungemein gut in der Hand. Ich bin immer noch erstaunt, das Buch hat über 200 Seiten.
Benedict Wells wird auf dem Buchrücken zitiert. Die Sprache von Svenja Gräfens sei kunstvoll und von eigentümlicher Schönheit. Ich finde es klingt an den guten Stellen nach Poetry Slam oder auch Spoken Words (eine ähnliche Sache wie Poetry Slams nur realer, echter, weniger lustig). Ja vielleicht hätte es gereicht 2,3 Poetry Slam Texte zu dieser Geschichte zu schreiben anstatt ein ganzes Buch?
Oder vielleicht ist das einfach eine andere Generation der ich nicht mehr so ganz folgen kann. Ich denk daran wirds liegen.

Meins war es nicht.

„Das ist kein Glück, wenn nie etwas passiert, das kann doch gar kein Glück sein. Wenn immer alles gut geht… „

***
Svenja Gräfen
Das Rauschen in unseren Köpfen
Ullstein Verlag

16,- €
***

Was verborgen bleibt

Mein erstes Buch von der „Frankfurter Verlagsanstalt“ – das sind die mit dem hübschen stilisiertem Elefantenlogo. Und der erste Roman der Autorin Britta Boerdner. Es hat mich gleich angesprochen, sicher auch wegen des schönen Covers, aber vor allem wegen der Geschichte.

Eine junge Frau reist ihrem Freund hinterher, der gerade dabei ist beruflich Fuß zu fassen. Und das in der Ferne, in Amerika. Weit über dem großen Teich.  Bei ihm hat es einfach zuerst geklappt. Sie hatten ausgemacht, vor längerem schon, daß der, der es zuerst schafft, den anderen sozusagen nachholt. Der Freund, Gregor heißt er, hatte Glück gehabt.

Nun ist sie also angekommen. Sieben Monate zwischen dem wir. 6000 km zwischen hier und dort. Wir begleiten die Ich Erzählerin durch die Tage in der großen Stadt, die nicht benannt wird, aber ständig beschrieben. Details, Orte, Besonderheiten. Sie kennt sich aus, das merkt man sofort, sie war schon mal da. Es gab gemeinsame Tage und es gibt gemeinsame Erinnerungen, eigentlich. Die Erzählerin will die Stadt nun zu ihrem neuen Zuhause machen, bald will Sie Ihre Leben in Deutschland in den Container packen und mit Ihrem Freund in Amerika neu anfangen. Bemüht sich alles anzueignen streift sie Tag um Tag durch die Straßen. Ich spüre die Liebe und die Vorfreude auf das kommende in den Zeilen, die wachen Augen lassen mich teilhaben. Ich darf den Gedanken lauschen.
Eendlich kann er umgesetzt werden der Plan, nach dieser langen Zeit der Entfernung. Alles ist bereit. Aber etwas kommt trotzdem nicht in Fluß. Und das ist die Beziehung zwischen der Erzählerin und ihrem „Freund“. Drei Wochen haben Sie Zeit sich wieder anzunähern. Aber sie erreicht ihn nicht, er ist schon so angekommen in der Stadt, hat ein eigenes Leben. In der zukünftigen gemeinsamen Wohnung scheint kein richtiger Platz für Sie zu sein.

Es ist schon eine Weile her das ich das Buch gelesen habe, aber sobald ich es wieder aufschlage und anfange zu lesen, fließt die besondere Atmosphäre mir entgegen. Es ist selten, daß mich Bücher („Die Entdeckung der Langsamkeit“ und „Die Zwillinge von Highgate“)  so in ihrem eigenem zeitlichen Fluß, in diesen ganz besonderen Rythmus mitnehmen. Wirklich kunstvoll geschrieben… wobei das Wort fast zu hart ist um die Schreibweise von Britta Boerdner zu beschreiben.
Die Erzählerin tastet sich vor, auf eine Art geschmeidig, aber auch scharf beobachtend, achtsam und dann immer mehr mit diesem inneren leisen Alarm. Ich spüre wie die Kraft nachlässt und die positive Energie mit der Sie gelandet ist. Sie findet keine Resonanz…

„Was verborgen bleibt“ war eine wirklich wunderbare Entdeckung am Ende des Jahres und kommt mit auf meine Best-of-2017 Liste. Und auf die Liste der „wieder zu lesenden Bücher“.
Ein Zusammentreffen von Neuanfang und Abschied. So lang geplantes und gewünschtes was nach und nach vollkommen in der Vergangenheit verschwindet im Winter in der großen Stadt. Auch wenn es kalt und düster ist auf eine Weise, habe ich immer wieder das Bild der gleißenden Sonne an einem weißem Wintertag vor Augen. Eine tolle Frauenfigur, eine wunderbare Erzählung und eine Autorin, auf deren weiteres Werk ich sehr gespannt bin.

***
Britta Boerdner
Was verborgen bleibt
Frankfurter Verlagsanstalt
Erschienen 2012, 160 Seiten, 18,90 €
***
Information von der Verlagsseite: Britta Boerdner, geboren in Fulda, studierte nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin Amerikanistik (das spürt man im Buch), Germanistik und Historische Ethnologie. Ihr Debütroman »Was verborgen bleibt« erschien 2012 bei der FVA. Für »Am Tag, als Frank Z. in den Grünen Baum kam« (FVA 2017) erhielt sie das Inselschreiber-Stipendium der Sylt Foundation und das Stipendium des Hessischen Literaturrates in der Emilia Romagna. Britta Boerdner lebt in Frankfurt am Main.

Die Zeit, die Zeit – Martin Suter

DSC05140Auch in den letzten Tagen beendet. Ich arbeite mich so nach und nach durch alle Suterromane (nur nicht die BusinessStorys). Akribisch erzählt wie man es so kennt vom Herrn Suter. Trotz der Details und langwierigen Vorbereitungen der Figuren ein spannendes kleines Büchlein. Kann mir das sehr gut als Verfilmung vorstellen. Und mal ein Ende was mir richtig gut gefallen hat.

Es geht um die Zeit bzw. darum das es die Zeit eigentlich nicht gibt – diese Vorstellung kann ich gut verstehen, und das wird hier auch recht plausibel dargestellt. Die Hauptfiguren: ein jüngerer und ein älterer Mann die beide Ihre Frauen verloren haben… mehr verrate ich jetzt nicht, einfach lesen 🙂

Mein Lieblingsbuch von Ihm „Die dunkle Seite des Mondes“ schlägt es aber nicht.

Bernhard Schlink – Das Wochenende

Ich konnte nicht widerstehen und mußte in der Bibliothek unter „S“ schauen ob nicht doch noch ein Buch von Herrn Schlink zu bekommen ist.

 

Also da stand es, dieses dünne Buch, mit dem unscheinbarem Titelbild, was ich diesmal nicht ganz so passend finde -Landhaus in Hilversum – Max Liebermann. Das Buch war mir schon mal an gleicher Stelle über den Weg gelaufen, aber erst jetzt war wohl die Zeit gekommen, da ich es lesen sollte. Ja, ich denke es war wichtig das ich vorher die Sommerlügen gelesen hatte.

schlink_daswochenendeEs geht eigentlich um einen ExTerroristen – eine RAF Geschichte sozusagen. Und um das Thema Terrorismus, Vergebung – oder auch NichtVergebung, Vergessen. Um Beziehungen, Liebe und eben das Leben – in welchem Buch geht es nicht darum? Zitronentarte erwähnte das Buch, ihr hat es auch sehr gut gefallen. Ich fand sonst durchgehend negative Rezensionen über das Buch – was ich überhaupt nicht verstehen kann. Es ist ein Kleinod. Jemanden der so schreibt hätte ich gern als Mentor.

Für mich spielt die Terrorgeschichte nur eine zweit- oder gar drittrangige Rolle. Ich will diesem Teil der Geschichte nicht Ihre Bedeutung absprechen und finde Sie ganz wunderbar untergebracht und auch vom Dramabogen her, absolut schön inszeniert. Aber was mich viel mehr packt ist die Geschichte des Alterns. Die Figuren in diesem Buch sind durchaus beschenkte Menschen, kennen Sie sich doch schon von vor langer Zeit. Wer kann das in meiner Generation der gezwungenen Flexiblen schon noch wirklich sagen. Manche Protagonisten bleiben blass (das einzige Manko der Geschichte) und ich kann Sie bis zum Ende nicht richtig einordnen. Aber die, von denen wirklich erzählt wird, haben und hatten ein Leben – nicht das was Sie sich wünschten (hach, es geht also auch anderen so). Und die Stimmung dieser Erzählung trifft bei mir auf einen Nerv. Wie schön, im Sinne von aufregend, erregend, spannend und klärend muß es sein, Menschen nach 20 Jahren wieder zu treffen und sich in Ihnen neu zu spiegeln, mit dem Hintergrund eines: damals kannten wir uns so und so, und vor allem war ich so und heute bin anders – sehr viel oder ein wenig? Mich hat die Geschichte so gefesselt das ich sogar vergessen habe Markierungen zu machen. Nun ja, ich werde mir das Buch noch besorgen, denn ich muß es unbedingt nochmal lesen.

Das andere was mich wirklich sehr getroffen hat ist die Beschreibung des Landes, des Grundstücks, des Hauses, des Treffpunktes, die kleinen Details. Brandenburg. Auch ich habe einen besonderen Bezug zu einem Ort in diesem Landstrich. Ja, da kam viel Erinnerung hoch. Und meine tiefe Sehnsucht nach Natur, nach gluckerndem Bach, nach Gras unter meinen Füßen und der besonderen Stille von Wald und Feld und Weite, den Geräuschen der Insekten. Der „Geschmack“ einer Bank unweit von einem eigenem Haus entfernt, und einem Platz zum Schreiben. Der Klang von Schnürsenkelregen und der feuchten Erde, auf welche die Sommersonnenstrahlen später treffen, dieser besonders Duft danach, …und die Vögel zum singen bringen…. gereiftes und gewachsenes was jetzt bereit ist aufgeschrieben zu werden…

Ja, ein sehr sehr schönes, tiefes, tröstendes, trauriges Buch voller kleiner Genüsse. Und eins der Bücher die mir wirklich aufs innigste aufzeigen das ich ohne Bücher nicht leben mag. Es ist ein schräges Gefühl einen bestimmten Schreibstil zu entdecken, wo mir nach dem Lesen nach mehr verlangt. Ich das Gefühl habe mich in den Wörtern, Ihrer Anordnung und vor allem Ihren Bedeutungszusammenfügungen suhlen zu können, und mögen, wie zwischen kuschligen frisch gemangelten Betttüchern an einem hellen freundlichen Frühlingsmorgen.

Ps.: mir ist aufgefallen das viele Zeitungsrezensionen deshalb schlecht sind, weil sie ungenau sind, und dadurch etwas falsches dabei rauskommt.

Raum

Da mich in den letzten Monaten gewisse Ereignisse abgehalten haben konsequent meine Leseerlebnisse zu berichten möchte ich so nach und nach ein wenig aufholen. Hier ein Buch was ich Anfang des Jahres gelesen habe. Und ich kann es in seiner eindringlichen, sehr speziellen Geschichte nur empfehlen.

41QBcGAW+KL__BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-arrow-click,TopRight,35,-76_AA300_SH20_OU03_Es geht um einen kleinen Jungen der mit seiner Mutter in einem Raum lebt. Dieser Raum ist klein und Ihre ganze Welt. Sie kennen und nutzen ihn bis in die kleinste Ecke und bis unter den Teppich.

Die Mutter kennt die Welt draußen, der Junge sein ganzes Leben nur diesen Raum. Emma Donoghue muß ein unglaubliches Einfühlungsvermögen haben, so wie sie die Ereignisse und die Wahrnehmungen schildert. Der Leser/die Leserin sind sofort mittendrin und es läßt sich bis an die Haarspitzen nachfühlen was es heißt in diesem Raum zu sein.

Doch die Dinge ändern sich. Und damit entzweit sich das Leben und Wahrnehmen von Mutter und Sohn auf das Extremste.

Ein gutes, sehr gutes Buch. Mit dem Hintergrund das es Menschen auf dieser Welt gibt die so etwas wirklich erleben müssen und mußten, trifft es einen ins Mark.

 

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