Das Unbekannte – Anna Sommer

„Das Unbekannte“ erzählt die Geschichte einer Frau die ein Baby findet. Manchmal streift die Geschichte sehr am Rand der Realität, aber das stört nicht. Dazu sind Geschichten ja auch da, um Möglichkeiten auszuloten und zu erzählen. Was wäre wenn..?
Ich habe mir das Buch aus besonderen Gründen gerade jetzt herausgesucht: Diese Woche ist Aktionswoche für kinderlose Menschen. Die Aktion nennt sich „World Childless Week„. Da ich selbst von dieser Kinderlosigkeit betroffen bin und die Grafik Novel von Anna Sommer mich sehr berührt hat, wollte ich hier auch darauf aufmerksam machen. Das ganze ist ein ziemliches Tabuthema, die betroffenen Menschen werden oft nicht ernst genommen oder es kommen die immer selben Sprüche. Dabei kann das ganze eine sehr sehr schmerzhafte Angelegenheit sein – bei vielen über eine sehr lange Zeit.

Im Buch beginnt die Geschichte damit, daß eine Frau, Helen heißt sie, in ihrem Geschäft ein Baby findet. Sie versteckt es in den Lagerräumen. Sie erzählt niemandem davon, auch nicht ihrem Freund. Nach und nach erfahren wir wie das Leben dieser Frau aussieht – während sie jetzt immer wieder ihr Leben unterbricht um sich um das Baby zu kümmern.
In einem weiterem Erzählstrang lernen wir zwei junge Mädchen kennen, Vicky und Wanda – sie teilen sich ein Zimmer. Eines der Mädchen hat eine Affäre mit ihrem Lehrer.
Beide Geschichten wechseln immer wieder ganz abrupt einander ab. Das hat mich ein wenig irritiert, passt aber auch irgendwie zur Geschichte.
Die Frau mit dem Baby überlegt was sie machen soll. Zur Polizei gehen z.b. oder ist eine Adoption möglich? Ihr Mann weiß immer noch nichts und bringt einen kleinen Hund mit nach Hause.
Beide Geschichten sind miteinander verwoben und treffen sich am Ende doch recht überraschend. Was hat es auf sich mit diesen Frauenleben? Weche Wege gehen Sie Helen, die sich ein Kind wünscht und damit nicht verstanden wird, Vicky mit ihrer Affäre und ihre zimmergenossin Wanda, die auch nicht grade schöne Wege geht. Leicht haben sie es alle nicht. Sie sind verstrickt in ihren Wegen, verhakt im Jetzt. Gibt es andere Möglichkeiten für sie alle?

In ganz schlichten, genauen, zielgerichteten Linien ist dieser Comic gezeichnet, darauf mußte ich mich erstmal einstellen. Ich habe den Eindruck die Zeichnerin Anna Sommer weiß ganz genau was sie zeigen möchte. Die Schlichtheit der Zeichnungen hat mich doch etwas verwundert, kannte ich doch bisher eher das Gegenteil an Zeichenstilen, schräges, krummes, suchendes, buntes, farbiges, dunkles, klecksiges… hier ein ganz simpler schwarzer Strich. Die Figuren empfinde ich in ihrer Klarheit sehr ausdrucksstark und schnell hat mich die Geschichte in ihren Bann gezogen, fühle ich vor allem mit der Frau mit, die das Baby findet.
Es wird klar das Sie sich ein Kind gewünscht hat, und liebt es heiß und innig, aber kann sie es einfach behalten? Wie erklärt sie es ihrem Mann? Leider endet die Geschichte sehr traurig – wie ich finde. Aber wohl auch ziemlich realitätsnah.

Anna Sommer hat schon einige Bücher herausgebracht und die Frauenfiguren scheinen mir immer ganz besonders zu sein. Frauenleben das Thema. Ich bin sehr auf den Geschmack gekommen. Sie hat eine Seite mit schönen Beispielen, und schreibt übrigens auch Kinderbücher. Die Papercuts von ihr finde ich genial. Mal schauen was noch zu bekommen ist, manches ist wohl schon ausverkauft.
Vielleicht kennt ihr auch schon Arbeiten von ihr, da sie auch als Illustratorin z.b. für Die Zeit tätig war.
Ich bin begeistert und möchte euch das Buch ans Herz legen. Für jemanden wie mich, als kinderlose Frau, spinnen sich bei vielen Bilder ganze Gefühlsberge dahinter zusammen. Vielleicht werde ich ein paar Zeichnungen ausmalen oder so… was haltet ihr von der Idee? Und was würde die Künstlerin wohl dazu sagen?
Übrigens hat Anna Sommer sogar eine Wikipedia Seite, leider ganz ohne Bilder. Schaut doch mal vorbei, auch beim Schweizer Verlag editionmoderne.

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Anna Sommer

DAS UNBEKANNTE

Handlettering von Noyau
ISBN 978-3-03731-173-8
96 Seiten, schwarz/weiss, 22 x 30, Hardcover
CHF 35.00/EUR 28.00, inkl. Versand

edition moderne

Erschienen April 2018
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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar

 

 

 

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Der Ursprung der Liebe – Liv Strömquist zum zweiten

Nach dem wunderbaren, einzigartigen und extrem empfehlenswerten Comic „Der Ursprung der Welt“ zur Kulturgeschichte der Vagina legt Liv Strömquist nach! „Der Ursprung der Liebe“ heißt der neue Titel. Hammerharte Lektüre. Mir blieb doch manches Mal die Luft weg beim Lesen, und ich brauchte echt Pausen um den Inhalt stückchenweise zu verarbeiten. Einfach phänomenal, wenn man Dinge liest, die man sich auch schon oft gedacht hat, oder jemand sehr ähnliche Fragen stellt, wo man sich sonst recht allein fühlt mit seinen Ansichten. Aber auch ganz schön heftig wie es zu rattern anfängt bei so mancher Theorie, über die Liebe, das Verhalten in Partnerschaften, also Beziehungen zwischen zwei Menschen, hier vornehmlich Mann und Frau.
Bekannte Paare müssen herhalten, was sehr schlau ist, denn sie geben wunderbare Beispiele ab für alle möglichen „Fehl“tritte, und Liv zeigt uns eine ganze Menge, was so schief laufen kann.
Wie ist das mit der Liebe? Alles Biologie? Oder soziale Konstruktion?
Wir treffen Diana und Charles, Britney Spears und ihren Ehemann, Mr Big und Carrie aus „Sex in the City“ und noch viele viele andere Paare. Bekannt und unbekannt.
Hier merke ich, wie sich meine Auffassung stark unterscheidet – je nachdem ob Bauch oder Kopf grad involviert sind.
Mehr als einmal bleibt einem der Mund offenstehen, denn Liv haut echt so einige krasse Punkte raus, über die sich, glaube ich, so zumindest noch keiner getraut hat zu reden. Wie z.B. die Thematik, daß selbst die furchtbarsten Männer, auch wenn sie Pflegefälle sind, viel jüngere und sehr liebevolle oder zumindest fürsorgliche Frauen bei sich haben. Was im Umkehrschluss kaum vorkommt. Wusstet ihr, daß Nancy Reagan ihren dementen Mann noch bis zum Ende pflegte? Oder auch Hemingway (sehr tragische Familie die Hemingways), der von seiner 4. Ehefrau lange Jahre betreut wurde. Was bringt nur all die Frauen dazu? Der krasseste hier aufgezählte Fall ist Oona Chaplin, viele Jahre (36) jünger als Charles, pflegte ihn über 30 Jahre lang… wow!

Das Buch ist 130 Seiten stark. Viel Inhalt, unterteilt in einige Kapitel, die aber recht fließend ineinander übergehen. Im ersten Kapitel geht es zuerst um Fernsehserien, die allen den gleichen Klischees folgen und so ein Rollenverständnis fabrizieren/wiederholen, was sich eben durch diese Serien und ihre Zuschauer extremst potenziert. Auch dadurch, daß darüber gelacht wird. Wenn man, gerade als Frau da mal genau hinschaut, sag ich nur: Wut ahoi!

Warum landen wir in solchen Arrangements? Sprich Paarbeziehungen und Ehen. Diese sind oft sehr sehr einseitig und immer wieder ähnlich aufgeteilt. In Frauen die Fürsorge geben und Beziehungsarbeit leisten und Männer, die da sind, aber weder das gleiche tun, noch groß etwas eigenes wirklich in die Beziehung einbringen, und nennen das dann Liebe? Ich denke wir werden es alle kennen. Auch wenn es natürlich positive Ausnahmen gibt.

Ich habe mich in den letzten Jahren oft gefragt was eigentlich Liebe wirklich ist. Heute sage ich: Echte Liebe gibt es für mich nur an ganz wenigen Stellen – die Liebe eines Kindes was seine Eltern bedingungslos liebt kann ich z.B. nur noch biologisch betrachten – es ist und bleibt ein hochabhängiges Verhältnis, denn das Kind ist  angewiesen auf die Zuwendung, um zu überleben -, …. denn das was wir gemeinhin Liebe nennen, hat meist viel mehr mit Erwartungen und Bedürfnissen zu tun. Oder, wie Liv eben auch aufzeigt, mit Biologie und Prägung, und nicht mit Freiheit.
Echte Liebe basiert aber auf Freiheit. Wir in unserem Zeitalter, die wir an die Liebesheirat glauben, und viele Menschen viel Energie und Geld investieren in dieses ominöse Liebesding – so von wegen „du bist mein ein und alles“ (Hilfe!), hören sowas natürlich nicht gern. Erst macht dich die Biologie schwach und dann springt deine soziale Konditionierung an. Wie oft geht es z.B. um Macht?
Wo mir das schon immer arg aufgestoßen hat, das ist die Popkultur – diese ganzen Songs und Bücher, in denen sich alles um die eine wahre Liebe dreht, sind für mich nur verstörende Versionen symbiotischer Abhängigkeiten. Und mir ging das schon in meinen 30ern mega auf den Senkel. Drama Drama und alle finden es toll. Auch darauf geht die Autorin ein. Und ja, na klar ist richtiger Liebeskummer total beschissen und schlimm, aber sehr wahrscheinlich gar nicht mal so wegen dieser anderen Person.

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Liv Strömquist erklärt uns das alles, auch warum Mädchen auf Typen stehen, die sich nicht für sie interessieren und Jungs eher kein Interesse haben feste Beziehungen einzugehen. Nur kurz dazu: Drama bauscht schön auf – ich denke auch das kennt fast jede*r. Was das alles mit Sexualität zu tun hat? Auch das wird erklärt. Es geht um das Konstrukt der Ehe durch die verschiedenen Zeitalter, um Selbstbestimmung bzw. eben keine Selbstbestimmung, Eifersucht, Gewohnheitsrechte. Alte Freiheiten und neue Erfindungen. Liv erklärt uns kurz das Patriarchat und was Liebe mit Marktwirtschaft, Macht und Religion zu tun hat, sehr genial! Augenöffnend! Die Dekonstruktion dessen, was gemeinhin als Liebe verstanden wird …und findet dann doch zum Schluß etwas Versöhnliches. Und wünscht uns viel Glück.
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Ja es gibt eine Menge zu bedenken, vieles zu hinterfragen und es heißt den vielleicht schon gespürten Zweifeln wirklich Raum zu geben und sich dann etwas Zeit zu nehmen das alles auch zu verdauen. Dieses Paarkonstrukt ist wirklich eine recht unglückliche Erfindung, vor allem für Frauen. Chuck Spezzano sagte schon so schön: „Wenns wehtut ist es keine Liebe!“ Also Achtung.

Wer weiß, vielleicht gehts ja dann im nächsten Buch um das Scheitern der Idee der Kleinfamilie, auch ein echt wichtiges Thema, das im Untergrund schon länger gärt. Wir werden sehen 😉 Jetzt erstmal ran an den „Ursprung der Liebe“.

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Liv Strömquist
Der Ursprung der Liebe
Avant-Verlag
20,- sehr gut angelegte €

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Liv Strömquist, geboren 1978 in Lund, Schweden, ist eine der einflussreichsten feministischen Comiczeichnerinnen. Die studierte Politikwissenschaftlerin zeichnet regelmäßig für unterschiedliche schwedische Magazine und Zeitungen. Ihre Buchveröffentlichungen befassen sich mit sozialen Fragen.

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Interview:
http://www.deutschlandfunkkultur.de/liv-stroemquist-ueber-geschlechterklischees-ehefrauen-die.2156.de.html?dram:article_id=411687

Artikel:
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/der-ursprung-der-liebe-von-liv-stroemquist-unfassbar-witzig-a-1195140.html

Comic/Grafic Novel Special – Geschenkideen Last Minute Tipp

Vier vollkommen unterschiedliche Grafik Novels, die alle ihre Liebhaber*innen finden werden.
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Oben Links: ein dicker Schmöker über Nick Cave, und er springt einem förmlich leibhaftig entgegen auf den Seiten. Wer die Musik von Ihm kennt wird sie beim lesen hören, zumindest ging es mir so….die Geschichte mit diesen kantigen Strichen und Schwarz/weiß Flächen, und ihrer genauen Art zeichnend zu erzählen, ist so gut erzählt das sie „klingt“. Faszinierend.


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Unten Links: Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei und über die dort lebenden Menschen – ein akribisch gezeichnetes Werk. Auf den meisten Bildern finden Gespräche statt. Zeichnerisch bewundere ich die unmenge an Geduld, die es gebraucht haben muß um alle diese Bilder zu zeichnen. Mein Fall ist es nicht unbedingt. Ich verstehe nicht warum diese Form, der Grafik Novel, gewählt wurde.


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Oben Rechts: Ein neues Buch von Barbara Yelin – ein Gemeinschaftswerk von Ihr und Thomas von Steinaecker. Ich liebe ihren Zeichenstil, krakelig und suchend, und am Ende konturiert durch flächiges und oft auch wildes aquarellieren, ganz bezaubernd und mit Mut zu dunkleren Tönen und Freiräumen, so wie auch die Geschichte.
Wie bei Ihrem Buch „Irmina“ von 2014 geht es um das Leben einer Frau, welches in Rückblenden erzählt wird.
Der Sommer ihres Lebens, eine Geschichte die mich doch recht melancholisch stimmt, auch wenn sie mich am Ende ein wenig versöhnt.
Zur ausführlichen Rezension bitte hier entlang ->


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Unten Rechts: Ein besonderes Thema, bin begeistert. In ganz eigenwilligen Farben (2 farbig) erzählt „Madgermanes“ von Ausländern, speziell Afrikanern, zu DDR Zeiten und ihrem sehr begrenztem Leben im Osten. Ein Kapitel welches, glaube ich, gar nicht so bekannt ist.
Hier kann man einem Interview mit der Künstlerin lauschen: hochinteressant -> http://www.deutschlandfunk.de/birgit-weyhe-ueber-autobiografische-comics-man-muss.1202.de.html?dram%3Aarticle_id=406217

 

Comictag – es gibt Geschenke

Am Samstag, den 13. Mai, ist wieder der GRATIS COMIC TAG – eine der größten Kooperation in der Verlagsbranche, (fast) alle Comicverlage produzieren kostenlose Hefte, die dann am GCT bei mittlerweile über 320 Händlern kostenlos verteilt werden. 2017 werden 400.000 Comics kostenlos verteilt!

Dieses Jahr werden verschenkt: Ehapa Comic Collection feiert den 65sten Geburtstag von Entenhausens genialischen Erfinder „Daniel Düsentrieb“ und beim Carlsen Verlag wird ein weniger brillanter Erfinder 60 Jahre alt – André Franquins Berufschaot „Gaston“. Der Rowohlt-Verlag schickt mit Ralf König einen der meist verdienten deutschen Comickünstler ins Rennen, der seit den 1980ern unter Beweis stellt, wie erfolgreich Comics im Buchhandel sein können. Daneben finden sich Auszüge aus aktuellen Manga-Bestsellern wie „One-Punch Man“, crossmediale Comic-Stories zu TV-Formaten wie „Dr. Who“ und „Sherlock“, traditionelle US-Comichelden wie Superman und Spider-Man und moderne zeitgeistige Heldinnen wie die „Paper Girls“ aus dem Verlag Cross Cult. Dazu intelligente Independent- und freche Pulp-Unterhaltung aus Deutschland, Kindercomics, Krimis und allerlei Phantastisches. Bei vielen Händlern wird es auch dieses Jahr wieder Signierstunden, Lesungen, Feste und weitere Events geben! 

 

http://www.gratiscomictag.de/

Literatur des Nordens 2 von 3

DSCN1550Geschichten? Märchen? Sagen? Aus dem Norden von Isabel Greenberg (hinter dem Link gibt es eine Leseprobe und einen kleinen Film). Am Anfang dachte ich, es handle sich um eine Sammlung von Weltenentstehungsgeschichten, Überlieferungen, neu erzählt und interpretiert. Vielleicht ist es auch so, aber eine Ahnung sagt mir das meiste doch eher eine freie Erfindung ist, was mich persönlich im laufe des Lesens etwas unruhig machte, der Wirkung des Buchs aber keinen Abbruch tut. Vielleicht hat mich auch der Titel „Die Enzyklopädie der Frühen Erde“ denken lassen das es um Volkssagen geht.

Im Zuge meiner Diplomarbeit vor vielen Jahren habe ich mich mal mit Schöpfungsmythen weltweit beschäftigt, und deshalb denke ich auch das hier doch eher erfundenes erzählt wird.

DSCN1551Ich mochte den Zeichenstil von Isabel Greenberg von Anfang an, sehr einfach, aber auf den Punkt. Die Reduktion der Farben verstärkt für mich die Wirkung der Bilder. Das mit dem gelben Hintergrund ist eine Außnahme und ist die Innenseite des Covers.

Am Anfang kann man sehr gut folgen im Laufe der Geschichte wird es etwas wilder, passend zu Eis und Schnee und der markanten nicht unbedingt lebensfreundlichen Umwelt des Nordens.

Das Buch ist voller Fantasie, die aber meiner Meinung nach immer eng an die echten Geschichten anknüpft, vielleicht geht es auch gar nicht anders. Wirklich märchenhaft und spannend all die Geschichten.

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Soviel Phantasie und Erzählfreude macht richtig Spaß. Finde es so wunderbar das dieses Buch einen Verlag gefunden hat.

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Die Enzyklopädie der Frühen Erde

Isabel Greenberg

Suhrkamp Taschenbuch 4561

D: 16,99 €

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Widerstandscomic Grenzfall

DSC05550Ich liebe Comics, auch wenn ich etwas wählersich bin und sicher subjektiv was den Zeichenstil angeht. Aber wer ist das nicht. Grenzfall hab ich gestern Nacht an einem Stück gelesen. Die Geschichte beginnt 1982 und erzählt anhand des Schülers Peter Grimm ein Stück DDR Geschichte. Genauer gesagt die Geschichte der Enstehung des Widerstand der am Ende zum Ende der Deutschen Demokratischen Republik führte. Im Anhang befindet sich ein Glossar mit wichtigen Begriffen und auch Zwischendurch werden DDR Vokabeln geklärt, für die jüngere Generation.

„Grenzfall“ wäre ein gutes Buch für den Geschichtsuntericht, weil hier einfach und in einem Unterhaltsstil wichtige deutsche Geschichte erzählt wird. Greifbar durch den privaten Faden eines jungen Lebens. Peter bekommt erst Probleme in der Schule – im Grunde wegen Nichtigkeiten. Später soll er angeworben werden vom Spitzeldienst, und in der zweiten Hälfte der Geschichte sehen wir Peter, nun mit Frau und Kind, als Bespitzelter und politischen Aktivisten.

Der Zeichenstil, ist schwarz-weiß und schlicht. Schrift sehr gut lesbar. Insgesamt ein guter Comic bzw eine interessante Graphic Novel. Und der Stil kommt der Geschichte sehr entgegen. So wird Geschichte gut greifbar finde ich, vorallem für junge schulmüde Menschen, die mal ein bisschen Unterhaltung brauchen und trotzdem was lernen wollen.

DSC05551

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Erschienen ist das Buch beim Avant Verlag
http://www.avant-verlag.de/comic/grenzfall

14,95 €

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Weitere Comics auf meinem Blog hier:
https://reingelesen.wordpress.com/2016/08/25/wendecomic-treibsand/
https://reingelesen.wordpress.com/2016/04/08/die-andere-seite/

Weitere Comics zum Thema:
http://www.avant-verlag.de/comic/berlin_geteilte_stadt
http://www.christoph-links-verlag.de/index.cfm?view=3&titel_nr=918
http://www.avant-verlag.de/comic/drueben

Michel Kichka – Zweite Generation

Buch-Cover-Michel-Kichka-Zweite-Generation-Was-ich-meinem-Vater-nie-gesagt-habeDer Blog des Autors: http://en.kichka.com/

Und hier beim Verlag findet Ihr eine Leseprobe!

Die zweite Generation berichtet ganz persönliches vom Leben des Autors als Kind eines Überlebenden der Shoa. Man könnte denken ein schlichter Comic, das liest man schnell weg. Tat ich nicht. Ich brauchte inhaltlich 3 Tage dafür. Der Stoff packt einen und das Thema Judenverfolgung und das andauernde Leiden der Überlebenden bohrt sich in einen rein. Aber noch mehr hat mich an dieser Geschichte bewegt wie offen Michel Kichka über seine Familie schreibt. Das er aber immer eines dabei bewahrt -und das ist der Respekt vor dem Leiden, auch wenn er als Nachfolger am Leiden seines Vaters leiden muß bzw.mußte. Es kommen natürlich auch ganz normale Generationskonflikte auf den Tisch und in manchem habe ich mich wiedererkannt, aber was ist das alles schon dagegen das der Vater Auschwitz überlebt hat und bis heute nicht loslassen kann. Ich habe echt Ehrfurcht davor wie er seine Geschichte erzählt – wie mir scheint von allen Seiten betrachtet, mit viel Verständnis aber auch Gefühl für sich selbst – was ich mir vorstelle sicher nicht leicht zu entwickeln war wenn man immer und immer das Thema Auschwitz um sich rum hat. Es geht um seine Kindheit und Jugend in der er und seine Geschwister im Grunde das Leben seines Vaters mitleben sollen, für Ihn ersatzleben sozusagen, es geht um den Selbstmord seines Bruders (vererbtes Trauma?), und darum wie Michel sich auf den Weg machte sein eigenes Leben zu finden, hier und heute.

Am meisten getroffen aber hat mich Seite 84 wo er tiefstes Verständnis für seinen Vater ausrückt, trotz allem. Was kann man jemandem schon ankreiden der soviel Leid erlebt hat, wie kritisch darf man ihm gegenüber sein, wo und wie sich Selbst positionieren. Der Vater klebt an seinem Thema. Das ist mir aus anderen Zusammenhängen auch bekannt das viele Menschen traumatische Themen auf diese Art verarbeiten, was zu einer großen IchWertigkeit führt – viel Nachholbedarf auch des Ichseins, Ich Meinung, Ich Bedürfnisses – sehr logisch. Was vielleicht auch deshalb so zustande gekommen ist weil der Vater eben in der Jugend, was ja mit die prägendste Zeit im Leben ist, dies Schlimme alles erlebt hat. Er ist wohl nie richtig im hier und jetzt angekommen.

Abgesehen von der gut erzählten Geschichte gefällt mir auch sein aussagekräftiger schlichter aber detailgenauer Zeichenstil sehr. Das Buch ist Schwarzweiß gehalten und hat einiges an Text zu bieten.

Wirklich ein gutes Buch zum Thema. Das wäre eine gute Schullektüre, auch weil es als Comic einfach leichter zu fassen ist, bzw man leichter rankommt irgendwie, durch die Art der Präsentation.

Nachtrag 00:50 Uhr

Das Buch ist auch ein Familienbuch. Ein Kind/Eltern Beziehungsbuch, es hat all diese Themen die wir alle kennen. Und es gibt diese Geschichten vor allen möglichen Hintergründen. Ich habe in mir eine peinliche Berührtheit gefühlt als ich diesen Gedanken dachte. Ich merkte wie ich vieles verglich mit meiner Familie und meiner Kindheit, die ich heute auch als teilweise sehr belastend ansehe, allerdings erheblich subtiler als bei Michel Kichka. Es ist schwierig bei solchen Themen zu vergleichen. Ich glaube ein Vergleich passiert vielleicht reflexartig sollte aber dann, wenn er ins Bewußtsein tritt gelassen werden. Ein jeder steht für Sich und auch jede Geschichte steht für sich.

Ich bin keine 2. Generation sondern eine 3. Ich bin kein Kind und kein Enkel von Holocaustüberlebenden. Ich bin ein Enkel von Kriegsüberlebenden. Das Thema Nationalsozialismus hat mich mein ganzes Leben begleitet, ich weiß nicht mehr wann das anfing. Ich weiß das ich Anne Frank gelesen habe und mich auch mit den Schollgeschwistern und der weißen Rose beschäftigt habe, ich lebte ja auch eine Weile in Ihrer Stadt. Aber ich weiß nicht wie das Thema zu mir kam. Klar in der Schule hatten wir das x mal, und es nervte – das hielt mich eher ab von meinem eigenem Weg durch die Zeiten.

Meine Abschlussarbeit in Geschichte damals habe ich trotzdem über die Jugend im Nationalsozialismus geschrieben – also der aktiven Bewegungen. Ich habe, denke ich zumindest, auch so gut wie alles zum Thema gesehen. Mir lag die Geschichte der Juden in Deutschland damals immer besonders am Herzen. Wahrscheinlich weil von Ihnen und Ihrem Leid auch viel erzählt wurde – inzwischen habe ich unzählige Dokumentationen gesehen und viele Interviews, vom jüddischen Leben in Berlin bis New York . Meine Großeltern, unser aller Großeltern wurden ja immer als Täter hingestellt, die gehörten alle zu den Nazis irgendwie – und entsprechend habe ich auch versucht die ältere Verwandschaft auszufragen. Anstatt Sie zu fragen was hast Du erlitten, wie schlimm war das, was ich später sicher auch fragte, war das erste Thema: kanntest Du Juden? Wußtest Du was mit Ihnen passiert, hast Du was mitbekommen? Warum hast Du nichts gemacht? Das hat nicht dazu beigetragen mehr zu erfahren. Von dem was meiner Oma angetan wurde habe ich erst nach Ihrem Tod erfahren. Sie war jung gewesen, genauso wie mein Opa, der wg. einer Behinderung, ein verkrüppeltes Bein, eine schwer Zeit damals hatte – eine Zeit in der die nordische fitte Rasse das Non plus Ultra war (und sein Vater war wohl wirklich ein Nazi), nicht eingezogen wurde – und später immer wieder nach den Angriffen auf Dresden Leichen einsammelte, wie er mir relativ spät, mehr in einem Nebensatz, selbst erzählte. Anscheinend nur mir. Wenn man in einer Stadt wie dieser geboren ist springt die Geschichte einen aus allen Ecken an, die der Jahre damals vor und während des 2. Weltkriegs – ich kannte die Altstadt als Kind noch mit vielen verbrannten schwarzen Trümmern und die Reste der Frauenkirche – das ist heute alles wieder aufgebaut und hübsch gemacht. Und auch die Geschichte der DDR die gerne alte Architektur zerstörte, so wie heute DDR Architektur abgerissen wird. Und wir wissen alle von Verfolgten auch in diesem System.

Als ich klein war, in der 2. Klasse, damals noch in der DDR, bekamen wir, wenn wir lieb waren, von einer Lehrerin Kriegsgeschichten erzählt. Vom brennenden Dresden  – darüber lesen konnte ich erst mit über 30 Jahren wieder. Wir machten damals auch einen Ausflug auf den Soldatenfriedhof – mit 7 Jahren. Das kann ich heute kaum glauben. Ich war immer ein Kind mit blühender Phantasie und malte mir all die Schreckensszenen aus die mir erzählt wurden – ich werde Sie hier nicht wiederholen, ich hab Sie noch sehr genau in meinem Kopf. Hochsensibel eben, mit starker Vorstellungskraft.

Später mit der Klasse, damals vielleicht 14 Jahre alt fuhren wir nach Dachau. Und ich spürte die Energie dieses Platzes ganz genau. Ich stellte mir die Gefangenen vor wie Sie vor Ihren Baracken standen und ein Spalier bildeten, durch das ich ging. Ich konnte an diesem Tag nicht mehr sprechen. Hab nur gefühlt. (und ja auch hierzu habe ich ein paar Filme gesehen). Habe teilweise das Thema richtig aufgesaugt. heute bin ich erheblich vorsichtiger mit dem was ich konsumiere und mir damit ja irgendwie auch einverleibe.

Ich habe nie einen Juden gekannt, war aber immer von der jüdischen Kultur und dem Jiddisch schwer begeistert. Ich mag es das dort so schön gesungen wird. Die Frauen die Religion weitergeben, das es jeden Freitag ein Fest gibt, das vieles auf dem Miteinander sein basiert, und alle irgendwie wohl ein Großfamilie hatten und die älteren Frauen hervorragend kochen und backen. Nunja es erschien mir alles wie ein großes Fest und sehr interessant. Bis auf das mit dem Beschneiden, das finde ich nicht gut. Das mit dem koscherem Essen wiederum finde ich sehr spannend.

Inzwischen weiß ich etwas mehr über die Vererbung von Traumata von Generation zu Generation, habe auch darüber gelesen und spüre die Wahrheit dessen wirklich tief in mir. So wie ich auch an Energien von Plätzen,Gebäuden, Räumen glaube, weil ich es manchmal spüre, hab auch von Geomantie und ähnlichem gehört. Weiß von Kulturellen und Völkertrauma etc. Habe ein Gefühl zu den Fakten entwickelt. Welches sich dann mit dem Wissen irgendwie potenziert und eine Art wissendes intuitives Erleben erschafft.

Die Juden haben eine Kultur über soviel Zeiten der Verfolgung gerettet. Die Deutschen haben in meinen Augen keine Kultur mehr. So wie Lästern, schweißt auch Leiden zusammen. Doch die Deutschen kommen erst in den letzten Jahren auf Ihr Leiden zu sprechen und darauf es zu fühlen. Es ist ein ganz Anderes. Und es ist so wichtig das es jetzt endlich auch nach oben kommt. Man muß durch diese Tiefen der Verarbeitung hindurch bevor man wieder an einen Aufbau, z.B. von eigener Kultur denken kann. Das Leiden, die Schmerzen, die Trauer möchten und müssen gefühlt werden. Die Deutschen sind für mich gesamt betrachtet ein Volk was schweigt, verdrängt, negiert, was sich getrennt hat von seiner Geschichte die der Nationalsozialismus aufs schlimmste beschmutzt hat. Und ich denke wir müssen uns diese Geschichte unserer Ahnen wieder aneignen, denn hier liegt unsere eigene Weisheit verborgen. Auch die Volksweisheit. Und ich denke danach sehnen sich viele Menschen, die, die gute Yoginis werden wollen oder sich heilsversprechenden Kulturgütern fremder Völker zuwenden, weil das eigene fehlt, weil dort eine große Wunde klafft. Auch wenn ich an kulturelle Vererbung glaube muß  auch Eigenes erobert werden, immer wieder neu. Beides ist wichtig. Wurzeln und Flügel. Und davon erzählt Michel Kichka auch.

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