Der Trafikant

DSC04360Charmant ist das Wort was für mich dieses Büchlein nach dem ersten Lesen, am besten beschreibt. Bis ca. 3/5 des Buches ist es recht leichte und nette Lektüre, trotz der Zeit in welcher die Geschichte spielt. Umso härter kommt es dann.

Das Buch hat mir das ein und andere Lächeln ins Gesicht gezaubert. Doch dann wendet sich das Leben hier schlag auf schlag – von der Ahnung war schon vorher die Sprache. Als Einschlaflektüre gedacht fesselte es mich so sehr das da nix mehr mit schlafen war und ich nur schwer aufhören konnte. Allerdings wird es leider nicht leichter, was da erzählt wird.

Ich hatte irgendwie ein bisschen was anderes erwartet anhand des Umschlagtextes. Aber so ist es ja oft. Aufjedenfall kann ich es sehr empfehlen auch wenn es kein fröhliches Buch ist. Herr Seethaler hat eine sehr schöne Erzählsprache und schafft es ganz wunderbar atmosphärisch den Leser/die Leserin hineinzuziehen so das fast eine eigene Sinneswahrnehmung stattfindet. Wirklich schön und so lesenswert. Also der Autor interessiert mich jetzt sehr. Ich frage mich ob er auch Hochsensibel ist oder einfach die richtigen Wörter an die richtigen Stellen gesetzt hat. Aber ich denke so eine Sprache muß man im Gefühl haben die läßt sich nicht wirklich bauen und lernen, sondern das hat man und kann man, oder nicht.

Ich möchte das Buch gerne weitergeben und verlose es zum Nikolaus. Wenn Du es gern haben möchtest schreibe bitte einen Kommentar. Die Auslosung findet am 6.12. statt. 🙂

Beste Grüße für einen schönen 1. Advent morgen.

Ps.: lustigerweise kam justamente gestern im Radio ein Bericht über den Pilgerort in London – wo Freud damals hingeflüchtet war, über sein Haus im Stadtteil Hampstead, wo heute seine Couch zu bewundern ist. Viele Fans kommen von weither gereist und manch einer hat wohl heftige Gefühlsausbrüche wenn er davor steht. Hat sich wahrscheinlich die Energie abgespreichert, in diesem Möbelstück.

Freud wählt nicht lange nach seiner Flucht den Freitod – er litt viele viele Jahre an Gaumenkrebs und konnte am Ende kaum noch sprechen. Wie natürlich das früher möglich war. Das wünsche ich mir auch für heute.

Nachtrag:
Was mich im Nachgang stört am Buch ist der extrem positive Blick auf Herrn Freud, der für die psychische Gesundheit von Frauen leider nicht sehr förderlich war. Er prägte den Begriff der Hysterie neu, der bis in die 50 Jahre hinein pathologisch verstanden wurde. Als Diagnose wurde es später ersetzt, anders benannt.
Freud hatte viele Klientinnen, und viele waren von Missbrauch betroffen, auch damals tief verankert in der Gesellschaft, die damals ja noch von Männern beherrscht wurde. Dieser Missbrauch wurde als Phantasie umgedeutet von Freud, weil er damit besser ankam bei seinen Kollegen. Aufschlussreiches lässt sich bei Liv Strömquist und Sandra Konrad dazu nachlesen.
Bis heute prägt dieser Begriff die Gesundheitsfürsorge für Frauen, immer noch werden sie schnell als hysterisch bezeichnet anstatt das man genauer schaut was Sache ist. Hysterie ist ein abwertender Begriff gegenüber des Lebensausdrucks von Frauen – in Hinblick auf das Frauenleben im Lauf der Geschichte fatal.

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