Stille, ein Wegweiser – zum Vorlesetag

Stille, ein Thema was mir sehr nahe ist, weil ich sehr viel Zeit in meinem Leben allein verbracht habe, und auch weil ich als hochsensible Person leise Töne lieber mag, als all den Krach, der uns tagtäglich so umgibt. Das Alleinsein und die Stille sind zwei Themen, mit denen viele Menschen unserer hektischen Gesellschaft aber kaum noch umgehen können, manche haben regelrecht Angst davor und können Ruhe kaum aushalten, oder auch das Alleinsein. Es gelingt wohl selten jemandem auf Anhieb. Es ist eine Übungssache, die viel mit dem inneren Frieden und einer Freundschaft mit sich selbst zu tun hat.
Ich kann es sehr empfehlen, denn man kommt sich sehr nah, und das wird mit der Zeit sehr schön und verändert alles nachhaltig, auf eine positive Art und Weise. Stille bringt uns näher heran an alles und lässt uns gewahr werden, was um uns und in uns stattfindet. Stille klärt, zeigt uns Essenzen, das Wesentliche wird hör- und sichtbarer. Stille lässt uns Wertigkeiten neu sortieren.
Über die Stille möchte ich gern einmal schreiben, darum tue ich mir auch so schwer mit diesem wundervollen Buch. In vielem spricht mir der Autor aus dem Herzen, aber dann gibt es immer wieder so kleine Feinheiten, die ich ein bisschen anders sehe. Und ich möchte meinen Text doch aus mir heraus schreiben, ohne zu sehr beeinflusst zu sein. Diesen kleinen Ausschnitt zum Vorlesetag habe ich gewählt, weil Kagge hier über das Staunen erzählt, was mir selbst eine wichtige Sache ist, als ganz grundsätzliche Einstellung zum Leben.
Erling Kagge ist ein Abenteurer und hat z.b. lange Zeiten die Antarktis bereist. Er kennt die Stille der großen Weite und der Kälte, die Stille fernab jeglicher Zivilisation. Eine Stille also, die wir nie erfahren werden.
Meine Stille dagegen fand ich inmitten der Orte an denen ich lebte und aus ganz anderen Zusammenhängen heraus. Aber die Stille die mit dem eigenen Kern eine Resonanz eingeht ist dieselbe, ob hier im Park, in der Stadt, oder dort draußen im ewigen Eis, denke ich.
Zum Vorlesetag 2018 habe ich euch hier einen kleinen Textausschnitt aufgenommen. Viel Freude dabei!
Wie hältst du es mit der Stille? Was ist Stille für dich?

Das Buch ist sehr schön gestaltet, außen ganz weiß und unter dem Schutzumschlag zeigt sich die Stadt in einem lauten, buntem Bild.. unter der Stille des Weiß. Die stille über dem Lärm des Alltags.
Auch innen wunderbar, mit einem dieser angenehm glatten kühlen Papiere, zwischen den Texten einzelne Fotos und Malereien. Ein Quellennachweis im Anhang – so wie ich das mag.
Erling Kagge widmet sich in „Stille“ in 33 Kapiteln seinen Antworten darauf, was Stille eigentlich ist. Er spricht mit verschiedenen Menschen darüber und befasst sich mit der Philosophie. Stille ist auch ihm ein Bedürfnis. Und er versucht sie uns nahe zu bringen. Was ihm gelingt. Ein guter Erzähler.

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Erling Kagge
Stille / Ein Wegweiser
Aus dem Norwegischen übersetzt von Ulrich Sonnenberg
In Deutschland 2017 erschienen
Insel Verlag
144 Seiten, 14,- €

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Der Vorleser – Bernhard Schlink

Vor kurzem habe ich mir zufällig den Film „Der Vorleser“ angeschaut. Ich hatte das Buch vor vielen vielen Jahren gelesen, mein erster Schlink damals.Der Film war phantastisch. Einer der Besten wie ich finde, die ich gesehen habe und ich habe viele Filme gesehen. Er schafft es trotz der schwierigen Themen einen zu packen. Ich bin darin versunken und war ganz gefesselt. Eine unglaubliche Tiefe die einen da trifft. Sehr gut gespielt von Kate Winslet als Hanna Schmitz und  Ralph Fiennes/David Kross als Michael Berg. Es geht um den jungen Michael Berg und seine erste Liebe, zu einer sehr viel älteren Frau. Später in seinem Rechtsstudium trifft er Sie bei einem Gerichtsprozess um Kz Aufseherinnen wieder. Und pflegt danach noch, als sehr viel älterer Mann, einen besonderen Kontakt zu seiner ersten Liebe.

Ich habe mich gefragt warum das ein amerikanischer Film ist (er wird allerdings als deutsch-amerikanische Produktion bezeichnet, siehe Wikipedia, da vor allem das Geld für die Produktion aus Deutschland kam ).

Ich denke der Abstand hat dem Thema gut getan, das es eben keine deutschen Schauspieler (meistens die immer gleichen) sind. Ralph Fiennes war ja mit dem Thema sicher schon seit „Schindlers Liste“ vertraut. Und Kate Winslet ist perfekt für die Rolle der Hanna Schmitz – ich kann mir niemand anderen darin so gut vorstellen. Sie spielt phantastisch. Erst wollte Sie die Rolle wg Terminschwierigkeiten nicht annehmen, aber da sich das gesamte Filmprojekt ziemlich hinzog, stand Sie dann doch zur Verfügung. Kate Winslet bekam später den Oscar für die Rolle von Hanna Schmitz, verdientermaßen wie ich finde.

Bruno Ganz hat eine kleine Nebenrolle als Rechtsprofessor, die so im Buch nicht zu finden ist. Aber diese kleine Rolle verdeutlicht für mich sehr stark die Verbindung von Recht und Philosophie –  wirklich wunderbar gezeigt in diesen kurzen Passagen und dem Habitus von Bruno Ganz eben – die bei Schlinks Geschichten für mich oft durchschimmern und die rechtliche Seite für mich wieder interessant gemacht hat. Denn Recht haben, heißt ja nicht Recht bekommen. Und Recht ist auch nicht immer einfach Schwarz oder Weiß, auch wenn am Ende so entschieden wird. Grade auch bei diesem Fall der für Michael Berg ja noch eine ganz andere Dimension hat, als für die anderen Prozessteilnehmer.

Von jüdischer Seite wurde der Film nicht für so gut befunden und auch kritisiert. Aber ich denke wirklich das dies ein Missverständnis ist, eine Interpretation die Schlink so, meiner Meinung nach nicht gemeint hat. Das könnt Ihr bei Wikipedia nachlesen, wenn es Euch interessiert.

Die erste große Liebe später wieder zu treffen um zu erfahren das Sie eine Kz Aufseherin war und für den Tod hunderter Frauen mitverantwortlich. Die erste große Liebe wieder zu treffen, von weitem zu sehen, Sie gealtert, man selbst erwachsener. Die Beziehung endete damals damit das Hanna verschwand, ohne Abschied. Ich weiß wie sehr so etwas das eigene Leben beeinflussen kann, und hoffe Michael hat es besser überstanden weil er noch so jung war und das Leben in seiner Gänze nun in Friedenszeiten ja vor Ihm lag, er Freunde hatte…aber es ist wohl nicht so, wie mir scheint hat er es nicht wirklich verdauen können. Wie sehr prägen einen auch die Menschen die einem nahe stehen. Wie sehr verändert man sich im Umgang miteinander, und vor allem auch mit den Körperlichkeiten die man miteinander teilt, und die so eben immer nur mit diesem einen Menschen so sein werden. Und vorallem der erste Mensch dem man so nahe kommt, mit dem man so intim ist, wie dieser Mensch Spuren in einem hinterläßt.

Die Liebe zu Hanna wird auch in Frage gestellt weil Sie so viel älter war, und Sie war keine einfühlsame Person, eher herrisch und bestimmend – mir scheint Sie verstört, weder für sich selbst noch andere wirklich zugänglich. Praktisch veranlagt, sehr sauber, wie oft hat Sie Michael gebadet, zu jedem Liebesakt gehörte das waschen dazu. Ich glaube Sie hielt sich an eine Ordnung und ein funktionieren, und ich weiß nicht ob dies nicht vor dem Krieg auch schon so wahr. Sie scheint mir traumatisiert. Vor allem auch eine sehr „einfache“ Person, abgesehen von Gefühlsdingen. Vielleicht fand auch Sie in dieser kurzen Liebe mit dem sehr jungen Michael (15 war er grade) etwas leichtes, weiches, poetisches, unschuldiges, was sonst nicht in Ihrem Leben stattfand? Ich kann mir durchaus vorstellen das Sie vor dem Jungen etwas leben konnte, was Sie mit einem gleichaltrigen Mann nicht finden kann, weil Sie dort wahrscheinlich nicht so die Kontrolle hätte halten können, nicht so bestimmend hätte agieren können, wie es gegenüber dem unerfahrenen Michael möglich war. Ganz abgesehen davon wieviel Männer gab es noch nach dem Krieg und wieviel davon waren offen für eine Liebelei?

Am Ende des Films klingt ein Missbrauch an. War es das? War es eine Abhängigkeit? Oder war es doch auch so etwas wie eine unschuldige Liebe? So wie das ist mit der Liebe, die für kurze Zeit eben wie einen Raum in einer Seifenblase bietet, wo alles andere nicht interessiert und nicht wichtig ist und man voll und ganz mit und bei dem Anderen zusammen die Zeit still stehen läßt? Ich möchte das ganze nicht verurteilen denn ich denke beide haben darin etwas gefunden was wichtig für Sie war.

Die Grausamkeit Hannas schimmert aber durch, .. dieser Blick oft. Die Art und Weise wie Sie Michael manchmal angeht und bestimmt. Aber ich glaube nicht das Sie von Herzen eine grausame Person war, eher jemand dem grausames widerfahren ist und der keinen Weg fand damit umzugehen. Sie wirkt auch Naiv und eben sehr einfach gestrickt. Die fehlende Bildung?  Nichts von alledem rechtfertigt natürlich Ihre Taten als KZ Aufseherin. Vielleicht sieht man grade an Ihr den willfährigen Soldaten, der der Obrigkeit blind folgt und macht was gesagt wird was zu machen sei, ohne es zu hinterfragen oder gar anzuweifeln. Ein Kind der schwarzen Pädagogik? Ein Kind der Zeit?

Mich tröstet es ungemein das Michael Berg später eine Tochter hat, und dieser seine Geschichte erzählen kann. Und das ist auch etwas was diese Geschichte zeigt, das es gut ist über die Dinge zu sprechen, zu berichten, Zeugnis abzulegen.

DSCN2006Ich hab mir nach dem Film das Buch besorgt, das mußte sein. Es ist anders als der Film und ich weiß nicht ob ich im Film Stimmungen falsch deutete und auch interpretierte was das Buch so nicht zuläßt, oder ob die Differenz einfach daraus entsteht wie man eben Filme von der Dramaturgie aufbaut. Ich habe noch keine Antwort, ich muß es nochmal lesen. Alles in allem ist es aber nah beieinander.

Die Literatur spielt übrigens eine große Rolle, wie so oft, meistens die Odyssee, bei Schlink. Werd mal eine Bücherliste machen. Damals gab es wohl noch diese Bildung in den Schulen (Schlink ist Jg. 44, ein Kriegskind) – das gab es zu meiner Zeit nicht mehr und ich habe fast keines der genannten Bücher gelesen. Die Literatur gibt einen sehr poetischen Rahmen der auch im Film gut umgesetzt ist. Unterstrichen durch viele stille Momente und eine gute arrangierte Filmmusik.  Allein das Vorlesen ist ja schon eine sehr besondere Sache … und Sie wäre so vollkommen poetisch wenn das Vorlesen nicht auch unter den grausigen Umständen des Lagers stattgefunden hätte, wo Hanna sich von Mädchen vorlesen lies, die Sie nachher in den Tod schickte. Zumindest geht es mir so das die Dinge geschmälert werden durch die Vorgeschichte die sich dann über die Zeit von Hanna und Michael legt.

Ich kann nur unvollständig über die Geschichte schreiben, vielleicht später genaueres, was ich hier dann ergänzen werde. Aufjedenfall möchte ich Film und Buch sehr empfehlen.

Das Buch wird wohl auch in den Schulen gelesen, was ich wirklich gut finde, und ich habe ganz zufällig eine Schülerseite zum Buch entdeckt, sehr ausführlich http://der-vorleser.com/ das nenne ich mal ein gelungenes Schulprojekt.

Ergänzt am 14.02. 18.00 Uhr

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