Wenn Männer mir die Welt erklären

dscn7106Ja, das kenne ich leider auch, dieses männliche Welterklärungsdingens… und es scheint so normal zu sein das es gar nicht richtig auffällt. Nach dem Buch ändert sich das vielleicht. Die meisten Frauen die man befragt zum Thema Gleichberechtigung merken auch nicht das sich da viel zu wenig getan hat in den letzten Jahren, merken teilweise nicht mal wie sie nicht gleichberechtigt sind. Man kennts halt nicht anders – erzogen, konditioniert, und das ist wiederrum echt erschreckend.

Schon lange wollte ich das Buch vorstellen, es ist schon ein paar Wochen her das ich es gelesen habe. Ein gutes Buch und ein echt heftiges Buch. Schwer drüber zu schreiben. Empfinde es als sehr wichtig und möchte eine große Leseempfehlung aussprechen.

Wenn man grad sehr dünn besaitet ist vielleicht den Anfang weglassen wo es sehr viel um körperliche Gewalt gegenüber Frauen und Vergewaltigung geht, inklusive Zahlen/Statistik – so das einem mehrfach fast das Herz stehen bleibt.

„Gewalt ist eine Methode Leute zum Schweigen zu bringen, ihre Stimme und Ihre Glaubwürdigkeit zu negieren“   Wo fängt Gewalt an? In Amerika, woher die Autorin kommt, ist die häufigste Todesursache von Schwangeren die Tötung durch Expartner oder Ehemann.

„Wenn Männer mir die Welt erklären“ beginnt mit der Geschichte die zum Buch führte. Das nächste, recht lange, Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema „Der längste Krieg“ – Machtmisbbrauch in all seinen Facetten – erschreckend und Augen öffnend.

Gewalt hat keine Rasse, keine Klasse, keine Religion und keine Nationalität, aber Sie hat ein Geschlecht“ …

und das führt Rebecca Solnit hier klar vor Augen. Sie regt damit an, endlich eine dringend nötige Debatte zu führen, und zeigt auf, welche tiefgreifenden Veränderungen es gesellschaftlich braucht. Wie sehr es nötig ist über Rollenbilder, Männlichkeit, Vorurteile und das Patriarchat zu reden. Es werden zu oft falsche Gründe genannt für Gewalt, und es wird nicht gesehen wie sehr Gewalttätigkeit geschlechtsbezogen stattfindet.

Nach dem Rundblick auf das Machtgefälle zwischen Frau und Mann geht Solnit zu einer beispielhaften Geschichte über und stellt die Frage nach dem „Recht“ zu töten und nach der Kluft zwischen weiblicher und männlicher Welt. Immer wieder folgen Beispiele zu den Aussagen, viele Beispiele. Danach ein Kapitel zur globalen Ungerechtigkeit. Sicher erinnern sich noch viele an die Nachrichten aus Indien, den Gruppenvergewaltigungen, der Brutalität und der Frage nach dem Hintergrund solcher Taten.

Ab Seite 83 geht es dann um die Ehe, und über die Unsichtbarkeit, die Frauen in dieser Institution überfällt. Hier geht es natürlich um Geschichte, aber weltweit betrachtet trifft es leider immer noch viel zu häufig zu, das der Eintritt in eine Ehe die Frauen ihrer Eigenständigkeit und Rechte beraubt bzw. sie gar nicht erst erringen läßt.

Diese Unsichtbarkeit der Frauen, bzw eben die Tilgung ihrer Anwesenheit ist an so vielen Stellen zu finden, Namen die abgegeben werden, Stammbäume die nur die männlichen Nachfahren aufzählen, Erbrecht, die Arbeit die so selbstverständlich ist, heute CareArbeit genannt – auch dahinter verschwinden die Frauen – ohne ihre Arbeit wäre soviel gar nicht erst möglich, sie ist grundlegend, aber auch zu selbstverständlich. Kleidung – wie eben die Vollbedeckung und Verschleierung, auch hier verschwinden die Frauen. Im Leben dann oft festgehalten im Haushalt und bei der Kindererziehung, fern der Öffentlichkeit. So wie Frauen auch bei uns das vorsichtig-sein angeraten wird, bestimmte Ecken sind zu meiden, eben weil dort Gefahr droht usw. Doch es sind auch die Frauen die ihre Stimmen gegen das Verschwindenlassen erheben, wie z.b. die Mütter der verschwundenen Argentinier, die während der Militärjunta entführt wurden.

Es folgt ein Kapitel über Virgina Woolf, der sich Solnit sehr verbunden fühlt in ihrem schreiben. DIe innere und die äußere Dunkelheit der Dinge.

„Es ist die Aufgabe von SchriftstellerInnen und ForscherInnen , mehr zu sehen, möglichst frei von vorgefassten Meinungen zu sein, mit offenen Augen in die Dunkelheit zu gehen“

dscn7101Ein sehr mäanderndes Kapitel, in welchem es um viele Verbindungen geht. Verbindung in den Themen als schreibende Frau, über eben die Dunkelheit aber auch die Hoffnung, um andere Texte. Es hat mich soweit inspiriert das ich mir nun doch mal Virginia Woolfs Buch „Ein Zimmer für sich allein“ gekauft habe – bin aber noch nicht so weit gekommen.. es ist ähnlich ausufernd bis jetzt. Solnit wendet sich dann noch Susen Sontag zu, was auch sehr spannend ist, allerdings geht es mir zu weit, streckt sich zuweit aus an dieser Stelle, wäre, denke ich, ein anderes Buch gewesen. Trotzdem klingen hier wichtige Themen an – die Selbstständigkeit als Frau und die Möglichkeiten die es oft nicht gibt durch fehlende Unabhängigkeit, vor allem finanzieller Art. Die Autorin geht hier richtig auf im Schreiben über Woolf und Sontag, was einerseits schön ist, aber auch die Grenzen sprengt. Sie erwähnt immer wieder das fließende und die Grenzenlosigkeit in diesem Zusammenhang, das kommt auch sehr gut rüber in diesem Kapitel, ist aber nicht so meins. Für mich die Schwachstelle an diesem Buch.

Nun also nach dem Ausflug in die Geschichte schreibender Frauen, schließt sich der Kreis aber wieder mit einem Kapitel über das Heute, den Feminismus und den Verlauf von Zeit und Entwicklung, sowie das Recht am eigenen Körper. Es macht das Buch rund. Das Fazit der Autorin: ist die Büchse der Pandora einmal geöffnet, und das ist sie in ihren Augen, gibt es kein Zurück mehr. Ideen haben Macht. Wenn sie reif sind werden Veränderungen folgen. Vom denken und fühlen hinein ins konkrete Leben bis hin zu Recht und Gesetz. Ein gesellschaftlicher Diskurs ist nötig für beide Seiten, für alle Menschen. Gewalt gegen Frauen ist kein individuelles Thema, sondern ein kulturelles.

Marie Sheer – was bedeutet Feminismus (1986): „die radikale Vorstellung, das Frauen Menschen sind

Die FAZ bezeichnet das Buch als vernichtend und komisch zugleich, dem kann ich mich nicht wirklich anschließen. Und es geht auch nicht einfach darum was zwischen Männern und Frauen schief läuft… diese Beschreibung ist schon wieder negierend und fast absurd auf dem Buchrücken. Es geht um viel viel mehr, um ein radikales Aufzeigen und eine kämpferische, revolutionäre Haltung für eine neue Form von Gesellschaft in welcher Gewalt nicht mehr als selbstverständlich oder als Ausrutscher hingenommen wird. Wo nicht durch körperliche Machtausübung einer über jemand anderen bestimmt. Diese Buch ist ein Plädoyer für Freiheit und Rechte für alle, und eine friedliche Zukunft.

Was ich sehr schön finde ist das  Hoffman und Campe dem Buch eine so schöne Form gegeben haben, perfekt der weiße Leineneinband mit der geprägten Schrift, diese Erhabenheit hat dieses Buch verdient. Es zeigt schon in seiner ästhetischen Erscheinung seine Wichtigkeit, ein Statement was mir sehr zusagt.

dscn7098***

Rebecca Solnit

Wenn Männer mir die Welt erklären

Hoffman und Campe 16,00 €

***

weiteres

http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/nachtstudio/rebecca-solnit-maenner-welt-erklaeren-gleichberechtigung-gewalt-100.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rebecca-solnit-men-explain-things-to-me-13533126-p2.html

eine weitere Besprechung: http://lobedentag.blogspot.de/2016/03/buch-der-woche-rebecca-solnit-wenn.html

 

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16 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. zimtkuchen
    Feb 19, 2017 @ 13:30:08

    Klingt nach einem sehr wichtigen Buch! Hast du schon mal von „Living Dolls gehört? Ich hab gerade vergessen, wie der ganze Titel auf Deutsch hieß, weil ich es nur auf Englisch gelesen habe… es behandelt im Grunde die derzeitig weitverbreitete Auffassung von Feminismus und sexualler Befreiung in Form von Tinder, Lap-Dance-Clubs und Pornographie – solange frau sich selbst dafür entscheidet, ist das jetzt ja alles ein Ausdruck von Freiheit und Selbstbewusstsein. Sehr empfehlenswert!

    Liebe Grüße,
    zimtkuchen

    Antwort

    • madameflamusse
      Feb 19, 2017 @ 13:33:31

      Hey, ja ein echt wichtiges Buch und Livin dolls empfehle ich auch andauernd. Sehr gutes Buch und einfach so wichtig dafür zu sensibilisieren. Es ist erstaunlich wieviel Scheuklappen die Menschheit trägt, und Frauen/Mädchen so konditioniert sind das sie den ganzen sexistischen Kram für Freiheit und Individualität halten. wobei die Grenzen auch oft verschwimmen.
      Dann hatte ich noch ein comic vorgestellt zur Geschichte des Feminismus, auch sehr toll! – willkommen auf meinem Blog schön das du vorbeigeschaut hast. 🙂

      Antwort

  2. Bücherphilosophin
    Jan 16, 2017 @ 15:19:38

    Ich hab gerade den Essay „Der längste Krieg“ gelesen und mir ist übel vor Wut und Verzweiflung. Es scheint manchmal so aussichtslos, dass es körperlich erschöpfend ist und ich nachvollziehen kann, warum es so viele Frauen gibt die nach dem Prinzip leben: „passiert mir nicht, interessiert mich nicht“. Aber Wegschauen ist als langfristige Strategie für mich keine Lösung, da macht mein Gewissen nicht mit…

    Antwort

    • madameflamusse
      Jan 16, 2017 @ 16:55:14

      Ja, kann ich sehr gut nachvollziehen, das ist so so heftig, und so so wahr – ich hab auch nicht die Kraft überall hinzuschauen und mich drum zu kümmern, aber das ist ein so sehr grundsätzliches thema, so Gesellschaftsrelevant, so ausschlaggebend für die Zukunft … wir müssen es benennen! Aufzeigen, aufschreiben, darüber berichten, sensibilisieren… weg von der männlichen Konditionierung unserer Welt. Und es bewegt sich auch was…die Veränderung ist im Gang und das ist wichtig!

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  3. gkazakou
    Jan 06, 2017 @ 15:18:31

    Ich habe deine Rezension sehr gern gelesen, habe aber mit der Themenstellung Probleme. Die ersten,die uns die Welt erklären, sind unsere Mütter. Sie erklären auch den Jungs die Welt. Wenn man so tut, als ginge alles Übel von den Männern aus, tut man so, als wären wir Frauen keine Menschen. Wir sind Menschen – daran ist überhaupt nicht zu zweifeln. Und Mensch zu sein, bedeutet nicht nur Gutes und Erhabenes, sondern auch Egoismus, Feindseligkeit, Engstirnigkeit, Bosheit, Gewalttätigkeit gegenüber Schwächeren und ich weiß nicht was noch.
    Die Gewalttätigkeit der Männer gegen die Ehefrauen hat Parallelen in der Gewalttätigkeit der Eltern gegen ihre Kinder, der Lehrer gegen ihre Schüler, der Priester gegen die ihnen Anvertrauten, der Folterer gegen ihre Opfer. Gewalt findet überall dort statt, wo Macht ausgeübt wird, sei es aufgrund größerer Körperkräfte, sei es aufgrund der gesellschaftlichen Position und Rolle. Wenn Frauen in solchen Positionen sind, werden sie nicht seltener gewalttätig als Männer. Nur die Form der Gewalttätigkeit ist meist weniger körperbezogen.
    Liebe Grüße dir! Gerda

    Antwort

    • madameflamusse
      Jan 06, 2017 @ 16:39:32

      wir sind ja alle konditioniert, patriarchalisch, und es gibt auch viele Frauen die sich da anpassen… die Rolle der Mütter finde ich auch sehr wichtig – hatte da kürzlich auch mit einer Freundin und Mutter drüber gesprochen. Selbst wenn sie ihre Kinder gewaltfrei begleiten will geht das gar nicht so einfach aufgrund unserer Prägung. Und ja es ist nicht so einfach sich aus einer Konditionierung der Gewalt zu lösen, schrieb ich auch grad woanders. Die Mächtigen und die Gewinner schreiben die Geschichte und bestimmen wie es läuft, und das hat in unserer Geschichte eben sehr sehr viel mit einer körperlichen Macht zu tun gehabt. Die Frauen die ich dann in Machtpositionen erlebe haben sich den männlichem Habitus angeeignet, oft eben auch um soweit zu kommen.
      Aber es ist sicher ein vielschichtiges Thema und ich wills jetzt auch gar nicht so auf Schwarz-weiß reduzieren aber es zeigen sich wenig Schattierungen wenn man das alles mal zusammen fasst, was nicht heißt das es nicht auch andere Männer gibt.
      Woher kommt Egoismus und Feindseligkeit? woher Machtgefälle und Bosheit?
      Auch von hier viele Grüße, Karolin

      Antwort

    • Scherbensammlerin
      Jan 07, 2017 @ 14:25:16

      Liebe Gerda, so wie ich das Buch und den Ansatz verstehe, geht es ja nicht um die wirkliche Erklärung der Welt, sondern um das Dozieren von einem Wissenden/die Wissenshochheit habenden herunter zu einer diese männliche Weisheit Reziepierenden. In den USA hat sich das Wort Mansplaining gebildet. Ich glaube sogar, aufgrund der Arbeit von Rebecca Solnit. Oder bist du einem solchen Exemplar von Mann noch nicht begegnet, das groß ausholt, um dir kleinem Dummchen mal zu sagen, wie es wirklich ist mit den Themen dieser Welt?
      Und es stimmt auch, es gibt auch Gewalt, die von Müttern/von Frauen ausgeht. Aber die Verteilung ist ca. 80 zu 20. Und oft haben Frauen, die Gewalt weitergeben, selbst Gewalt erfahren – oft von Männern. Ich will jetzt nicht vereinfachen, aber ich finde also den Ansatz von Solnit durchaus wichtig und richtig. Die Matrix dahinter zu sehen, die Verbindung von Machtposition und Wissen haben. Und eben auch Gewalt auszuüben. Sie sagt ja nicht, dass es ausschließlich Männer sind. Sondern, dass es ein männliches Phänomen ist. Und ich glaube ihr.

      Antwort

      • madameflamusse
        Jan 07, 2017 @ 14:48:08

        Sie belegt es ja durch aus auch und bringt viele Beispiele. Das mit dem Mansplaining erklärt sie auch nochmal, das wort kommt nicht von Ihr aber durch ihre Arbeit, zustande.
        Und – das hab ich vielleicht vergessen zu erwähnen – Sie differenziert durchaus.

  4. fragenwagen
    Jan 05, 2017 @ 22:18:41

    Danke für die tolle Rezension, packe ich auf jeden Fall auf meine Leseliste! Ist ja auch in Deutschland ein Thema, welches in der Öffentlichkeit kaum Beachtung findet.

    Antwort

  5. marinabuettner
    Jan 05, 2017 @ 18:04:12

    Ich habe auch überlegt es zu lesen. Nachdem du die Vielfältigkeit des Buches schilderst, spricht es mich noch mehr an. Danke!

    Antwort

  6. wolkenbeobachterin
    Jan 05, 2017 @ 17:58:20

    klingt nach einem wichtigen buch. danke für die rezension. liebe grüße!

    Antwort

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