Kinobesuch „Die Schachnovelle“

Ich bin keine geübte Kinogängerin mehr, und ich hab es eine ganze Weile vor mich hergeschoben in diese Neuverfilmung zu gehen, ich hatte eine Karte geschenkt bekommen und habe Stefans Zweig Literatur in guter Erinnerung. Ohne die geschenkte Karte wäre ich nicht hingegangen. Der Film geht über 2h Stunden, dafür muss man ja schon gewappnet sein. Und hoffentlich muss man zwischendurch nicht auf Toilette, denn dann verpasst man auch noch einen Teil. Ich wünsch mir ja generell im Kino gern etwas Licht, so das ich nebenbei stricken kann. Der Pausenknopf fehlt.
Wer die Schachnovelle kennt, und das werden wohl ziemlich viele sein, der weiß das es kein leichter Stoff ist, auch sowas geht nicht jeden Tag. Nun hab ich mich am Sonntagnachmittag dann doch ins Kino um die Ecke begeben.

Ich muss sagen ein fulminanter Film, wenn man auf die Gestaltung blickt! Die Geschichte entspricht leider nicht ganz der Vorlage, (ist aber schon lange her das ich sie gelesen habe) was ich bedauerlich finde, und auch keinen Grund sehe außer, daß man den Zuschauer/die Zuschauerin nicht ganz hoffnungslos aus dem Kino entlassen wollte. Mich stören gewisse Verfälschungen in Verfilmungen schon sehr. Die Novelle wurde von Zweig während seines brasilianischen Exils gesschrieben und 1942 veröffentlicht, 1947 erschien es dann in Deutschland.

Die Bilder, die Stimmung, die Atmosphäre, vorallem durch die Bildsprache erzeugt, inklusive Ausstattung sind einfach nur großartig gemacht und man wird sofort in die Zeit versetzt und fühlt entsetzlich mit. Wenn der Held der Geschichte Stück für Stück in den Wahnsinn treibt, in der Isolationshaft und nur eine Weile aufgehalten vom Schachspiel. Preise für Kamera, Kostüm und die Hauptrolle müssten drin sein.
Beim deutschen Filmpreis gab es allerdings keine Nominierung für die Kamera, aber für Kostümbild (gewonnen) und auch den Hauptdarsteller, der den Preis für die Beste männliche Hauptrolle erhielt.

Obwohl ich Oliver Masucci, der den Josef Bartok (Hauptfigur) spielt in den letzten Jahren wirklich oft auf dem Bildschirm gesehen habe und überlegte ob ich ihn mit der Rolle vereinbaren kann, war dem keineswegs so. Ein unglaublich guter Schauspieler von dem man hier immer wieder neue Gesichter sieht. Sicher ist vieles auch der Kameraarbeit zuzurechnen, aber ich empfand ihn einfach nur genial in dieser Rolle. Und der Film schafft es das der Zuschauer sehr nah ran kommt, was ihn auch schwerer ertragbar macht. Grausamkeiten in der Darstellung sind immer eine Gradwanderung, aber ich glaube nicht das sich Filmschaffende darüber immer so bewusst sind. Von Ergriffenheit bis Abstumpfung bis Dissoziation ist hier alles zu erwarten in der Reaktion auf das „anschauen“ (müssen).

Insgesamt ist es natürlich ein Männerfilm, die Frauen spielen nur am Rand eine Rolle. Und sie ist finster, traurig, entsetzlich, die Geschichte, so wie die Zeit damals, und wie die Grausamkeiten, die auch heute noch täglich stattfinden, über 80 Jahre später – der Film setzt am Ende noch einen Lichtpunkt.

Was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann ist, wie man diesen Film, der wirklich einiges an Grausamkeiten bereithält ab 12 Jahren freigeben kann. Ich wollte eigentlich meine nun 16jährige ExBonustochter mitnehmen, und war verdammt froh das sie nicht mitgekommen ist. Ich hätte mich schuldig gefühlt ihr sowas zuzumuten, vermutlich hätten wir das Kino auch verlassen.
Die ersten 40 Minten gehen, dann kommt Schach ins Spiel und es wird zusehends finsterer und brutaler. Folter und Qual sind keine Unterhaltung.


Ein Nebengedanken:
Isolation ist heftige Folter, mir fallen da die Gesichten aus den DDR Jugenheimen ein, aber auch die Geschichten von Kindern die in Zimmern über Jahre verwahrlosen und nur wenn sie Glück haben gefunden werden, oft leider tot. Isolationshaft wird immer noch in Gefängnissen angewandt. Und viele Menschen die z.b. durch Krankheit am Rand der Gesellschaft stehen wissen wie schmerzhaft schon leichtere Formen der Isolation sind.

Weitere Bücher/Filme zu ähnlichen Themen:

Raum (ebenfalls sehr gut verfilmt)

Der Trafikant

***
Die Schachnovelle
von Stefan Zweig
Regisseur Philipp Stölzl
Drama, 112 min

Es gibt auch eine ältere Verfilmung von 1960, mit Curd Jürgens, Hansjörg Felmy, Claire Bloom und Mario Adorf

Außerdem habe ich die Schachnovelle als Comic entdeckt!

Durch einen Hinweis in den Kommentaren bin ich zu einem sehr interessanten Artikel zur Verfilmung gelangt, und ich bin nun auch nochmal gespannter auf die Lektüre des Originals, welches so viele Jahre zurück liegt, das sie mir nur grob in Erinnerung ist.
Zitat: „Die Zweig’sche Einteilung, hie dumpfe Nazis, da empfindsame Geistesmenschen,…“ war mir gar nicht bewusst. von daher, ja, unbedingt nochmal lesen. Aber tatsächlich habe ich das Werk auch viel milder in Erinnerung als es der Film zeigte.

Interview mit dem Hauptdartseller

Schwester Tod – zur Trauerkultur

Der Vorteil von blogs gegenüber den Berichten in Zeitungen, die Sachen sind direkter länger verfügbar und wie hier, manchmal werden sie nochmal überarbeitet und rebloggend. Dieses buch aufjedenfall ein wichtiger Evergreen! Der Tod in weiblicher Hand.

reingelesen

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Im letzten Beitrag sprach ich über das trauern und klagen im Angesicht des Todes und heute möchte ich ein dazu passendes Buch vorstellen.

„Schwester Tod“ – der Tod, das Sterben und alles drumherum, ein Bereich um den sich immer mehr die Frauen gekümmert haben, neudeutsch auch Carearbeit. Ein wirklich umfassendes Buch, wo mir einerseits einiges wieder begegnet und andererseits viel Neues zu finden ist.

Die Autorin hat sich mit Traditionen und Überlieferungen befasst, und gibt sehr viele praktische Hinweise zur Ausgestaltung und Begleitung von Sterben, Tod und Trauerzeit. In unseren Breitengraden sind wir doch recht traditionslos geworden, und in vieles spielen Paragrafen und Gesetze hinein. Der Kontakt zum wesentlichen, wozu eben auch das Sterben gehört, geht verloren. In diesem Buch finden wir einen wunderbaren Zugang zu alten Sitten und Bräuchen und einen liebevollem Umgang mit all den Themen rund um das Sterben. Es nimmt einem die Angst und…

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Weg vom Fenster


Zuerst oder als Letztes?
Kommt drauf an von wo aus du das betrachten willst.
Wer geht vor? Oder was?
Über den Jordan. Hoffentlich denkt jemand an die Münze.
Und kommt jemand nach? Auf die andere Seite.
Und ob ich das dann noch weiß?
Erster, Erster schreit das Kind und klatscht ab.
Wenn ich zuerst sterbe? Der Tod ist doch eh das Letzte.
Eine todernste Sache das Ganze, is klar.
Irgendwann geht das letzte Lichtlein aus.
In der Reihe von vielen mach ich mich vom Acker.
Also zuerst sterb ich schonmal nicht.
Wenn ich ins Gras beiße,
dann schau ich mir die Blümchen von unten an.
Vielleicht spring ich vorher dem Tod auch nochmal von der Schippe
bevor ich von dannen geh.
Über die Klinge, die Grätsche gemacht.
Irgendwann steig ich in die Kiste und hör die Englein singen
Oder geb ich auch den Löffel ab?
Nur welchen, von der langen Liste?
Hab dann wohl mit dem Leben bezahlt und die Kurve gekratzt
Vorher segne ich aber auf jeden Fall das Zeitliche,
in den letzten Zügen.
Hopps gegangen
So oder so
Vor allem sanft entschlafen möcht ich sein.
Und dann komm ich als Geistin zu Besuch,
Buh huuuh

Bild von mir – die Blümchen von unten anschauen und als Geistin zu Besuch kommen

Dies ist mein Beitrag zur November-Blog-Aktion vom Totenhemdblog

Es war mir wie immer eine Freude dabei zu sein.

Thema Löffelliste, was das ist, einfach auf den Link im Text klicken.

Geschichte des Tattoos

Jérôme Pierrat, Chefredakteur eines französischen Tattoomagazins, stellte fest, dass es immer mehr Tätowierer gab, und das interessierte ihn wohl genauer. Von ihm ist der Text in diesem Buch, gezeichnet wurde das Comic von Alfred. Mich haben Tattoos schon immer fasziniert, und mich hat immer interessiert welche Bedeutungen jeweils dahinter steckten.

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Sich ein Tattoo stechen zu lassen ist ziemlich schmerzhaft, aber das hält die Leute nicht davon ab, im Gegenteil oft wird dieser Schmerz als eine Art Initiation wahrgenommen. In einer Zeit und in Kulturen, wie der unseren, wo Traditionen fehlen, vielleicht eine neue Art eines Ritus? In verschiedenen Kulturen gab es schon immer ganz bestimmte Tattoos z.B. für Krieger, Bandenmitglieder aber auch aus ästhetischen Gründen. Sichtbar oder auch absichtlich unsichtbar getragen sind sie für viele Menschen sehr wichtig und oft Statussymbole oder Kennzeichen ihrer Kultur. Die Bedeutung einzelner Bilder erforschte man dann auch, z.B. in Frankreich um Verbrecher zu identifizieren. Aber auch um andere Völker zu verstehen.

In anderen Ländern und auf anderen Kontinenten spielten die Tattoos eine viel traditionellere und auch „heilige“, eng mit der Kultur verbundene, Rolle.

Die Geschichte des Tattoos ist lang, sie sind an gefundenen Skeletten nachgewiesen wurden. Dort wo keine Kleidung vorhanden war blieben die „Zeichnungen“ erhalten. Dazu gibt es eine schöne Einführung im Buch. Verschiedene Völker, Techniken und ihre jeweilige Kunst werden vorgestellt. Erzählt wird die Geschichte im Buch von einem Gefängnisdirektor.

Es gibt wahre Künstler unter den Tätowierern, auch heute. Wo gab es Tatoos früher, wie verbreiteten sich diese und wie kamen sie zu uns bzw. waren sie schon da? Die Seefahrt ist ein wichtiger Aspekt der Geschichte. Das alles erzählt dieser spannende Comic.

Am Ende des 19. Jahrhunderts öffneten die ersten Tattoo Läden in Europa, das Tattoo begann seines Siegeszug bei uns – heute kaum mehr wegzudenken. Damals ließen sich auch die ersten Frauen tätowieren. Bekannt waren z.b. Irene Woodward, Bella Angora oder Djita Salomé. Sie ließen sich mit ihrer Kunst auf den Körpern oft lange Jahre ausstellen, tourten durch die Lande. Und es gibt einiges an Bildmaterial dazu. Es ging tatsächlich um fast komplett tätowierte Körper, auch bei den Frauen.

Einiges an Fotos ist hier zu finden:
https://www.tattooarchive.com/index.php

Alles in allem ein sehr interessantes Buch mit 66 Seiten.
In der Reihe „die Comic-Bibliothek des Wissens“ gibt es noch Themen wie: Das Internet, Bienen, Das Universum usw. alle von jeweils anderen Künstlern und Künstlerinnen und Autoren und Autorinnen.

***
Tattoos (Link mit Leseprobe)
Jérôme Pierrat
und Alfred
aus der Reihe „Die Comic-Bibliothek des Wissens“
erschienen bei Jacoby Stuart
12,- €
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Herbstgedicht

Kastanien,
ich freu mich jedes Jahr
wenn ich welche finde.

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Und zufällig lief mir dazu auch noch ein Gedicht über den Weg:

Die Kastanie

Ob alt, ob jung, ob groß oder klein,
wir lieben sie doch alle, die Kastanie.

Grün und stachlig hängt sie da
im Baum wie jedes Jahr.
Platzt dann auf die enge Hülle,
sieht man sie in ganzer Fülle,
und schön glänzen tut sie auch.
Wenn sie dann zu Boden fällt,
ist es herbstlich meist bestellt.
Jedes Kind sich danach bückt,
auch Erwachsene sind entzückt,
die Kastanie zu berührenund
sie in der Hand zu spüren.
Gicht und Rheuma hält sie fern,
auch das Rotwild mag sie gern.
Nun steh‘ ich unter einem Baum
und spür‘ den leichten Windzug kaum.
Ich heb‘ eine Kastanie auf,
schon nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Zärtlich reibe ich an ihr
und denk‘ versonnen noch bei mir:
„Kastanien find‘ ich einfach edel,“
da knallt so‘ n Ding mir auf den Schädel!

(Von Josef Festing)

vielleicht habt ihr ja Lust ein eigenes Gedicht zu schreiben, oder ein Haiku oder ein Elfchen oder ein Akrostichon?
Freu mich auf eure Varianten. Kennt ihr alle diese Varianten von Wort- und Poesiespielereien?

Kastanienzeit
Ach, so schön, jedes Jahr
Schau nur, Oktoberzeit
Tada, dort, steht ein Kastanienbaum
Ah da liegen ganz viele und dort auch
Nobel, das glänzende Kastanienbraun, und diese Glätte ihrer Haut
Ich nehm nur ein paar, lass den Rest für die Kinder
Einpaar für die Jackentasche, das die Hand was zum fühlen hat

Lust & Frust

Mutterkonflikt, therapeutisches und Lebensmittel mit ein wenig Religion und viel Liebe – ich dachte genau das erwartet mich beim Roman „Muttermilch“. So zumindest, wurde es mir auf dem Buchrücken angekündigt.


Leider hab ich etwas ganz anderes bekommen und bin, ehrlich gesagt, enttäuscht. Was habe ich gefunden in diesem Buch mit dem wunderbaren Einband, darunter in Knallpink, mit immerhin 326 Seiten und einer Geschichte in 79 Kapiteln?

So war der Anfang, ich zitiere mich mal selbst:
„Muttermilch von Melissa Broder aus dem Claassenverlag und ich mag es sehr 🎉🍀 ich folge Rachel beim Kalorienzählen und genießen ihrer Diätprodukte. Begleite sie in den Yoghurtladen und zur Therapiestunde. Grade macht sie Mutterdetox und hat eine interessante Frau kennengelernt. Alles sehr humorvoll und genießerisch erzählt. Die Gestaltung des Buches passt großartig zum Inhalt.“
und
„Die knallige Covergestaltung gefällt mir und drinnen geht’s genauso munter weiter. Schon am Anfang wird klar, hier haben wir eine wahrhaft leidenschaftliche Menschin und es geht um wesentliches. Nahrung (warum, wie und wo und natürlich was) und Familie („er stellte es so dar, als ob es etwas Gutes wäre“).“

~

Doch irgendwie rutscht das Thema mit der Mutter und der Therapie vollkommen beiseite. Die Familie von Rachel spielt bald kaum noch eine Rolle. In einigen Kapiteln aber kommt die jüdische Familie ihrer Freundin ins Spiel, und diese sind eher streng jüdisch, wie Rachel bei zwei Einladungen erfahren muss. Beim ersten Mal geht noch alles gut, und auch hier genießt sie alles aus vollen Zügen, inklusive der Erinnerung an jüdische Rituale und Gesänge. Beim zweiten Mal schlägt das ganze um…

Bis zum Ende des Buches habe ich kein richtiges Bild von Rachels Aussehen, im Gegensatz zur wichtigsten zweiten Figur, der Frau aus dem Yoghurtladen. Rachel zählt Kalorien und hat einen strengen Essensplan inklusive fester Einheiten im Fitnessstudio, sie ist nebenbei Comedian. Erst kontrolliert sie sich selbst immens, um später sich vollkommen grenzenlos ihren Gelüsten hinzugeben, und das in einer Geschwindigkeit und mit soviel Selbstverständnis, dass ich es kaum glauben kann. Ich hab im Laufe des Lesens auf jeden Fall Hunger bekommen und Lust mal endlich wieder Essen zu gehen.

Alle Themen verschwinden schließlich hinter der Geschichte mit Miriam, der Frau aus dem Yoghurtladen. Sie verkörpert für Rachel die Sinnlichkeit in Perfektion. Statt Mutterdetox, Therapie, Kalorienzählen und Familie geht es nun sehr viel um lesbische Liebe und Sex. Das ging mir dann irgendwann ziemlich auf die Nerven. Ich muss sagen, wenn ich vorher gewusst hätte, dass dies ein so großes Thema des Romans ist, hätte ich ihn gar nicht gelesen, es war mir auch zu viel der expliziten Beschreibungen.

Ich habe das Buch trotzdem zu Ende gelesen, weil ich hoffte, dass die versprochenen Themen doch noch zur Sprache kommen. Aber nein, dem war nicht so. Insofern, ja der knallige Inhalt spiegelt sich im knalligen cover und der Titel, auch dafür finden sich einige Deutungen. Ich will aber nicht zu viel Spoilern, falls ihr das Buch noch lesen wollt.

Was für mich nicht zutrifft ist das Zitat: „Muttermilch feiert die Befreiung des weiblichen Körpers“, es feiert die lesbische Liebe, ok, damit kann ich mitgehen. Aber ich hoffe doch, dass die Körperlichkeit von Frauen sich noch anders befreien und feiern kann.

Was nun eigentlich diese Muttermilch ist, die der Titel nennt ist mir nicht so ganz klar. Brüste spielen aufjedenfall eine Rolle im Buch. Aber vielleicht ist es auch eine Metapher für die fehlende Mutterliebe die durch Frozen Yoghurt und später andere Leckereien ersetzt wird, oder auch die Körpersäfte der Geliebten, oder sie steht für den Anteil des inneren Erwachsenen, der sich schlußendlich, wenn alles gut lief, selber nährt.


***


Melissa Broder
„Muttermilch“
24,00 €

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Ich danke dem Verlag Claassen für das Rezensionsexemplar

Ein Ausflug nach Brandenburg


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Hier ist die Protagonistin Biologielehrerin und betrachtet wirklich alles mit einem biologistischem Blick, das ist ziemlich herb und selten liebevoll, aber grandios geschrieben. Die Kargheit und Weite des Brandenburgischen trägt die Geschichte mit und auch die Hauptfigur. Ein phantastisches Buch.

„Der Hals der Giraffe“, viele LeserInnen meinen, dass auch hier „nichts“ erzählt wird. Aber ich empfinde dieses Buch viel mehr als eine Verdichtung oder auch meditative Auffächerung 3er Tage der Frau Lohmark. So dicht wie „Der Hals der Giraffe“ erzählt ist, kenne ich nur wenige Bücher, für mich echte Literatur. Natürlich ist es einen Gedanken wert, ob es sich wirklich um einen Roman handelt. Aber das Wort „Bildung“ im Begriff Bildungsroman stimme ich voll zu. Bildung im Sinne von Selbsterforschung bzw. Analyse anhand von „Fakten“.

Gelebter Darwinismus

Inge Lohmark, die Protagonistin des Romans, ist Biologielehrerin an einer Schule in einer Kleinstadt in Vorpommern. Ihr Tage als Lehrerin sind gezählt. Denn es fehlen die Schüler in einem Landstrich, der von Abwanderung geprägt ist. Was durch Judith Schalansky einprägsam beschrieben wird. Darwinismus und dessen Anwendung auf ihre kleine Welt prägen das Denken und Handeln von Frau Lohmark.

Dieser Bildungsroman ist phantastisch. Bildungsroman, das passt in mehrfacher Hinsicht. Und selten habe ich einen Roman gelesen, in welchem der/die Schreibende so hinter der Hauptfigur verschwindet. Aber vielleicht ist das auch nur eine Mutmaßung, denn ich kenne Frau Judith Schalansky ja nicht. Wir werden beim Lesen Zeugen von Frau Lohmarks Gedanken, die so nahtlos in alle geschilderten Gespräche einfließen, dass es oft schwierig ist, beides auseinanderzuhalten. Was dem Roman aber überhaupt nicht abträglich ist, sondern Frau Lohmark und ihre Welt für den Leser nur noch verdichtet.

Fehlende Gefühle

Was man von Inge Lohmark erfährt, sind auch hauptsächlich ihre Gedanken – gefühlskalt wäre eine treffende Bezeichnung für ihre Person. Wenn nicht so überaus klar wäre, dass es nicht die Gefühlskälte ist, die Frau Lohmark beherrscht, sondern eher das Fehlen von Gefühl und einer eigenen Sinneswahrnehmung. Sie erklärt sich alles, aber auch wirklich alles, über Ihre ganz eigenen Ansichten vom Überleben des Stärkeren, im Sinne der sich anpassenden Natur. Eine Anpassung, um in einer sich verändernden Welt zu überleben. Was Sie selbst für sich in keiner Weise schafft.
Erstaunlicherweise stelle ich das erstmal so auch gar nicht in Frage, und frage mich auch nicht warum Frau Lohmark so ist. Heute würde ich sagen, es scheint ein Trauma zu wirken, anders sind die fehlenden Gefühle, also diese Unfähigkeit für mich schwer zu erklären. Aber so normal Trauma in unserer Welt ist, so selbstverständlich ist einfach das Inge Lohmark so ist.

Einprägsam, wunderschön

Schalansky hat so vieles in kurzen Abschnitten, wenigen Sätzen auf den Punkt gebracht. Auf Frau Lohmarks Punkt wohlgemerkt. Ein sehr eigentümliches Buch. Ein sehr eigene Welt und ein sehr einprägsames Buch, wie ich es vorher noch nicht gelesen habe.

Außerdem wunderschön: Der Leineneinband mit Prägedruck.

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„Der Hals der Giraffe“
Judith Schalansky
Suhrkamp

Leineneinband ca. 20,00 €
als Taschenbuch für 10,00 €

***
Text und Leseerfahrung von 2012 – überarbeitet 2021 / Habe das Buch für meinen Naturewritingkurs rausgesucht und kann es wirklich nur empfehlen.

Naturewriting – Schreibkurs

Ich möchte es euch nicht vorenthalten, am Mittwoch startet der erste Online Schreibkurs dieses Jahr. Diesmal, ganz Neu, zum Thema Naturewriting.
Es geht aber nicht nur um das Schreiben, sondern auch um Achtsamkeit, Erdung, Entspannung und Verbindung. Naturewriting ist eine wunderbare Methode um wieder mehr Kontakt zum Wesentlichen zu bekommen und deine aufmerksamkeit zu schulen.

Es gibt über den Oktober kleine Schreibimpulse per Email. Wer mag kann gern in die Facebookgruppe zum Austausch kommen oder mit mir direkt Kontakt aufnehmen. So wie es für dich passt und angenehm ist. Ich werde hier und da auch kleine Textausschnitte vorstellen zur Inspiration.

Naturewriting bringt uns näher zu uns selbst! Hast du Lust mal wieder zu schreiben? Oder suchst du einen Einstieg? Ich denke der Oktober ist der perfekte Monat für das Thema.
Wenn du fragen hast schreib mir: info@karolinkaden.de

Die Kosten des Kurses belaufen sich auf 47,- € / Start 6.10.
Es sind keine Vorkenntnisse erforderlich. Meine Kurse eignen sich für jedes Level.

Sprachlosigkeit – Ausstellung – Teil 1

So ganz sicher waren sich die Kuratoren wohl nicht um welches Thema sich diese Ausstellung dreht, hier steht Sprachlosigkeit, dort steht Lautlos, woanders Trauma und Heilung. Wer weiß vielleicht haben sie selbst den passenden Ausdruck gesucht. Es klang vorallem sehr sehr Interessant für mich, die sich mit Sprache, Erinnerung, mit Trauma und Geschichte befasst. Leider habe ich sehr spät von der Ausstellung erfahren, was mich immer noch irritiert, und konnte nur die zwei letzten Tage nutzen. Am allerletzten Tag war sehr viel los, inklusive Veranstaltungsprogramm, aber zum Glück war ich den Tag vorher schon ausgiebig durch die Räume geschlendert. Von bunten Ecken und Tafeln wurde man zum Start geleitet:

Es gab eine Warnung, verständlicher Weise, denn es wurde viel Gewalt thematisiert. Ich glaube das habe ich bisher noch in keiner Ausstellung so erlebt. Ich seh das Thema des Traumas überall aufploppen, und vieles was ich jetzt gleich sehen würde kommt durchaus in aktuellen Diskursen vor. Das kann ich nur begrüßen. Aber Trauma im Museum? Schon eigenartig.

So startete ich neugierig und frisch desinfiziert zu meinem Rundgang. Die Besucher verteilten sich gut, so daß man Räume auch allein erleben konnte. Dadurch das einige Räume ein richtiges 3 dimensionales Raumkonzept hatten war das grandios. Hier im linken Bild habe ich ein Panorambild aufgenommen. Man konnte sich in eine Art rote Box setzen, sobald man hineintrat kam auch Ton dazu, und von dort aus überblickte man den roten Boden mit seinen starken Worten. Also so ganz sprachlos war es an dieser Stelle noch nicht oder vielleicht auch nicht mehr. Der Mensch sucht nach Ausdruck, auch für das „Nicht-Aussprechbare“. Worte nehmen hier immer einen ganz besonderen Stellenwert ein, wenn es um Traumata geht. Sie haben Gewicht.

Schon dieser erste Raum zeigt auf, dass Trauma eine körperliche Sache ist. Ich bin erfreut das Poesie hier eine Rolle spielt, nutz ich diese doch auch gern selbst und habe in meinem Kriegsenkelkontext immer wieder dazu angeregt spielerisch mit dem zu arbeiten was da auftaucht. Die Worte die sich finden lassen aufzuschreiben und zu bewegen. Auch schwere Themen lassen sich mit einfachen Mitteln angehen. Manchmal ist das Einfache gar die beste Möglichkeit.

Celan – Sprachgitter
Und jede Menge Deutungen; ein Netzwerke entsteht und eine ganze große Welt eröffnet sich in einem kurzem Text.
Auch wenn niemand unsere Texte jemals so ernsthaft untersuchen würde, können wir uns dieser Idee durchaus auch umgekehrt annehmen, vielleicht passiert das auch schon automatisch. Denn Metaphern sind doch immer hilfreich in der Poesie und unsere eigenen Themen werden wir so oder so mit hineinweben.
Es gab auch einige Workshops zur Ausstellung, die hab ich natürlich auch verpasst, dadurch das ich es erst so spät mitbekommen habe.

An diesem Punkt der Ausstellung war mir noch nicht klar wo ich gelandet war, aber im nächsten Raum eröffneten sich dann auch schon ganz andere Welten. Das Thema Kolonialismus – welches immer noch besprochen werden muss – findet hier einen Raum, der großartig mit einer Installation genutzt wird, aufklärende Zeittafeln daneben. Zwischen Kunst und Reflektion und Fakten. Die ja gar nicht so geläufig sind, wenn man sich mit dem Thema nicht befasst hat. Ich weiß gar nicht ob das heute wenigstens in den Schulen dran kommt. Die Filmindustrie hat sich dem Kolonialismus und der Unterdrückung und Quälerei über Generationen schon länger angenommen, und dort bin ich in meiner Jugend auch erst auf das Thema gestoßen, ich fand die Zahlen zum Thema hier sehr wichtig, um überhaupt eine annähernde Vorstellung zu bekommen.

Das Thema würde aufjedenfall eine eigene Ausstellung verdienen, soviel gäbe es zu berichten, vielleicht kommt das ja noch. Ab hier verschwimmen dann gefühlt Realitäten und Kunst und genaue Blicke sind vonnöten um festzustellen das manches was nun folgt ein modernes Kunstwerk ist, eine Art Sammlung zur Darstellung – Objekte, ergänzt mit Zeichnungen und Schriften, magische kleine Teile, Figuren, Fläschen, Karten, Krüge… Genaueres lest ihr auf dem Schild:

Und dann mitten im Raum, eine Heilungsdecke, mein Lieblingsstück:

Wie verrückt im Museum eine selbst erfahrene und entdeckte Weisheit zu finden, die eigentlich uralt ist, von einem mir ganz unbekanntem Volk aus Marokko. Das zeigt wieder die universellen Themen gibt es in jeder Kultur und unsere Lösungen und Hilfen sind sehr ähnlich, unterschiedlich aber in der Haltung, Wertschätzung, Lebendigkeit und Achtsamkeit. Rituale und rituelle Gegenstände als Weg der Heilung; unterstützend, schützend, begleitend, bei uns kaum noch zu finden, aber wie ich denke stark aufgeladen und enorm hilfreich.
Ich denke an mein Projekt Heildecke, was viele Frauen mit mir zusammen für 2 kranke Menschen durchgeführt haben. Magie und Kraft „eingewebt“ in eine Decke, genau wie hier.

Fortsetzung folgt in Teil 2 ….

Kleine Feuer … – Die Serie


Kleine Feuer überall

Nachdem ich mit Genuß das Buch gelesen habe war ich sehr gespannt auf die Verfilmung, kann diese aber eben auch nur aus der Perspektive der Originalgeschichte bewerten.

Ich muß sagen die Geschichte ist absolut hochwertig verfilmt wurden, aber es wurde einiges verdreht und hinzugefügt. Das ärgerte mich enorm, denn die Buchvorlage ist sehr sehr gut. Gern hätte ich verstanden warum es Änderungen gab.

Die Hauptrollen spielen 2 Familien, einmal eine alleinstehende Künstlerin mit Tochter, die von Ort zu Ort ziehen und dann eine Familie mit Mutter, Vater und 3 Kindern die schon seit Generationen am selben Ort wohnen, und eher der klassischen Aufteilung folgen. Dies ist eine Besprechung mit Spoilern.
Diese beiden Familientreffen aufeinander als die Künstlerin mit ihrer Tochter in die Stadt kommt: Mia. Mia mietet eine Wohnung bei Elena, und hilft ihr später auch im Haushalt. Die Kinder freunden sich an – Pearl hat mit jedem von Elenas Kindern eine besondere Beziehung. Und so wie Mia, die Künstlerin das schwarze Schaf in ihrer Familie ist, so ist es auch die jüngste Tochter von Elena, die eine wichtige Rolle in der ganzen Geschichte spielt.
Eine der größten Stärken der Erzählung sind die Darstellungen der feinen Dynamiken die sich in Beziehungen so abspielen, grade in Familie. Und wie sich Vieles über die Jahre sammelt und dann auch entzündet.

Die Geschichte ist phantastisch, es werden sehr viele Themen angesprochen und die Frauen haben hier aufjedenfall die Oberhand – sprich sie haben die Hauptrollen. Wobei die Männer im Buch noch viel mehr im Hintergrund stehn und in der Verfilmung der Vater der Familie plötzlich sehr viel zugeschrieben bekommt und eine starke Meinungsmache betreibt, fand ich schade. Im Buch ist er eher unsichtbar, immer auf Arbeit.

Was mir als Hinzufügung bei der Verfilmung unglaublich gut gefallen hat war die Darstellung von Mutterschaft – das wird leider im Buch nur knapp thematisiert. In der Serie bekommt das einen großen Raum und man sieht die Schwierigkeiten, die Nerven die am Ende sind, die Liebe zu den eigenen Kindern aber auch die Ablehnung die man gegenüber ihnen empfinden kann… wirklich grandios dargestellt von Reese Witherspoon, die in der Serie die weiße priviligierte (Ehe) Frau spielt.
Kerry Washington in der Rolle der afro amerikanischen Frau und Künstlerin fand ich manchmal etwas befremdlich in ihrer Gestik und Mimik, was sicher auch mit dem Buch zusammenhängt, man hat da sein eigenes Bild im Kopf, und in der Verfilmung sind alle Personen etwas anders. Leider gehen auch die Beschreibungen der künstlerischen Tätigkeit von Mia in der Verfilmung etwas unter und werden verfälscht, was ich grade am Ende sehr sehr schade finde und ich verstehe nicht warum es diese Veränderung in der Verfilmung gebraucht hat. Im Buch beschäftigt sie sich u.a. schon jahrelang mit Fotografie bevor sie studieren geht und bekommt auch ein Stipendium, das geht in der Verfilmung vollkommen unter. Auch das ihr in der Serie eine lesbische Beziehung angedichtet wird, so als könnten sich die Filmemacher nicht vorstellen das es auch eine Liebe neben der sexuellen 2erBeziehung gibt, fand ich nicht gut.

Auch die (sexuelle) Beziehung zwischen Mias Tochter Pearl und Elenas Sohn hat grade am Anfang so einen komischen Beigeschmack in der Serie die es so im Buch nicht gibt.

Es geht immer wieder um „Rasse“ bzw. Ethnie und die Rolle der Mia zeigt auch immer wieder die Prägung die sie explizit als afroamerikanische Frau erfahren hat, sehr gut gemacht … ich bin bei der Buchrezension etwas mehr drauf eingegangen, wollte aber auch nicht zu sehr spoilern. In der Rolle der Mia ziegt es sich am deutlichsten das es etwas ausmacht welche Hautfarbe du hast und wie deshalb mit dir umgegangen wird und die Rolle zeigt das ganz deutlich auf an vielen Details. Bei den Richardson und besonders Elena ist das alles sehr viel subtiler dargestellt – auch weil die Figur sich selbst für offen und gütig und nicht rassistisch hält und ein guter Mensch sein möchte. Es gibt auch noch eine illegale Einwanderin, eine Chinesin und ihr Baby – auch hier werden Rassismusthemen aufgezeigt.

Es ist mir unverständlich warum in der Serie sovieles hinzugefügt wird was es nicht braucht oder warum Dinge und Personen anders dargestellt werden wie in der Originalgeschichte (auch die Story mit der Musiklehrerin geht vollkommen unter dafür werden andere Dinge lang und breit erzählt die so nicht im Buch stehen) – das hätte es einfach nicht gebraucht. Die Filmemacher hätten gut daran getan sich enger an die Originalgeschichte zu halten. Die SchauspielerInnen sind super besetzt, keine Frage und auch die Kameraarbeit/Ausstattung, die kleinen Andeutungen zur Zeit… ist alles super. Die einzige positive Hinzufügung ist das Kapitel zur Mutterschaft. Ach und die Diskussion zum Leseclub und den „Vaginamonologen“ ist auch ganz witzig, die gibt es so im Buch nicht.


Im Buch baut sich alles sehr langsam auf, schwelende Feuer sozusagen. In der Serie dagegen gibt es immer wieder Andeutungen auf eine mehr oder minder brachiale Art und es wird im erzählen Druck gemacht den die Story aber nicht braucht. Die Feinheiten gehen leider verloren. Und trotzdem ist es eine sehr gute Serie, weil einfach die Geschichte gut ist, und ich würde sagen Preisverdächtig in ihrer Art.

Hier zum Artikel über das Buch

Trailer

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