Ich bin dein Mensch – Film und Geschichte

Wir hören Schritte und Musik. Absatzschuhe. Ein Orchester? Na ja, ein kleines Orchester, oder sagen wir Band. Aber die Atmosphäre ist schon besonders. Wir befinden uns in einem Tanzetablissement, eins von denen, die heute schwer zu finden sind. Alles etwas flauschig, kleine Tanzfläche mit Tischchen drumherum, eine Bar, so ein wenig 40er Jahre Style. Auch die Protagonistin, schlicht aber elegant gekleidet in einer weißen seidigen Bluse, sie wird als Dr. Felser angesprochen, schaut sich interessiert um und trifft nach dem Empfang auf einen Mann, der sie mit „Hallo Alma, ich bin Tom“ begrüßt.
Sie setzen sich und Tom ohne Nachnamen sagt: „Du bist eine wunderschöne Frau Alma“, legt dabei seine Hand auf die Ihre. Beim nächsten Satz zieht Alma ihre Hand weg. Später erfahren wir warum.
Zu diesem Zeitpunkt ist der Film keine 2 Minuten alt und wir mittendrin, so wie Alma später mit Tom. Kein langes Vorgeplänkel.
Dieses erste Treffen erinnert an toxisches Lovebombing, bei dem das Gegenüber mit Komplimenten überhäuft wird und die toxische Person viel Interesse heuchelt, und das bevor man sich überhaupt wirklich kennengelernt hat.
Hier ist das ganze aber anders. Tom ist ein Roboter und passend für Alma programmiert, nach ihren Wünschen und Vorstellungen.
Alma Felser hat eingewilligt für 3 Wochen einen Roboter als Partnerersatz zu testen. Im Film ist sie eine Forscherin, die grade an ihrer wirklich großen Promotion arbeitet, mit eigenen Räumlichkeiten und studentischen Hilfskräften. Überhaupt wirkt alles sehr privilegiert in diesem Film. Alma, ihre Wohnung, ihre Kleidung, ihre Arbeit, das Umfeld und nun auch Tom.

Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Eva Braslavsky, welche im Buch „2029 Geschichten von Morgen“ im Suhrkampverlag erschienen ist. Es gibt eine ganz interessante Einleitung zur Entstehung dieser Kurzgeschichtensammlung, leider mit einem schlimmen Spoiler zu Almas Geschichte, die im Buch eine ganz andere ist als im Film.
Alma wird im Buch als reife erfahrene Frau geschildert, ab wann ist man das? Sie ist Paartherapeutin in der Kurzgeschichte und es ist sehr heikel, dass sie als Verteidigerin der menschlichen Paarbeziehung nun einen Robotermann an ihrer Seite hat. Deswegen findet ihre „Beziehung“ auch erstmal nur zu Hause statt. Was den Roboter mit der Zeit stark irritiert. Er ist programmiert zu lernen, programmiert auf Beziehungsgeflechte des Menschen, er entwickelt sich beständig weiter, passt sich an oder auch nicht. Er „will“ Erfahrungen sammeln.

Es wirkt im Film und auch im Buch so, als könnten Roboter Gefühle entwickeln oder zumindest sehr gut imitieren, was für die Menschen Nähe erzeugt. Gefährlich ist aber wohl die Entwicklung eines Willens oder wurde der schon mitgeliefert? Es sind Geschichten, es sind Thesen. Wir wissen nicht wie das wäre, die Fragen aber durchaus spannend.

Ich mag Geschichten über die Zukunft und Science Fiction. Und wir wissen ja aus der Vergangenheit, dass sich so manches erfüllt. Sollen diese Roboter Menschenrechte bekommen? Darum geht es bei dem Experiment im Film. Im Buch haben sie bereits Rechte und das bringt die Menschen am Ende in Bedrängnis, wie man zwischen den Zeilen herauslesen kann, und wie uns es das Ende leider auch verdeutlicht.

Lange Einstellungsprotokolle musste Alma vor dem Kauf ausfüllen, endlose Fragen beantworten, wie Tom sein soll. Und sie muss zustimmen, dass sie ihn gut behandelt, eine Art Gelöbnis wird ihr abgenommen.
So einfach ist das alles nicht, wenn alles nach Wunsch geliefert wird, das wird schnell klar in der Geschichte, aber auch im Film.
Alma ist noch nicht so ganz über eine Trennung hinweg und sie scheint mir manchmal etwas grummelig, und ich kann das gut nachvollziehen und finde sie sehr sympatisch. Tom ist eine kleine Klette und will irgendwie beschäftigt werden, er will Aufmerksamkeit, und zwar von seinem Menschen Alma. Macht er nicht alles was sie sagt? Könnte man meinen, aber nein tut er nicht. Alma ist skeptisch und wachsam. Testet den Roboter auch aus. Und Tom macht das auf was er programmiert wurde. Wer hier wem zu Diensten ist, das ist manchmal fraglich.


Ja wie wäre das wohl, wenn uns ein Menschroboter, auch Humanoid genannt, an die Seite gestellt werden würde, der ganz nach unseren Wünschen programmiert ist? Also klar ein Roboter, aber so extrem menschlich das man kaum einen Unterschied feststellen kann, was vielleicht auch eins der Grundprobleme überhaupt ist. Oder auch das, was sich so mancher genauso wünscht.
Jemand der ihm sehr ähnlich ist und genau so reagiert wie man möchte. Unterstützt das nicht nur das Ego? Werden Menschen dadurch nicht einfach abhängig von Maschinen, weil diese ihnen eben das erzählen, was sie wollen, und ihnen entgegenkommen, kaum kontrovers agieren? Ich denke, Menschen werden so ersetzbar, dass echte Beziehungen nicht mehr stattfinden, weil sie dann zu reibungsintensiv wären. Da ist so ein Roboter schon bequemer, man weiß auch ungefähr was zu erwarten ist. Vielleicht ist auch das, was die flauschige Atmosphäre des Films transportieren soll. Es ist ein Phantasieleben in welchem wir noch mehr um uns selbst kreisen würden.
Und ich frag mich auch wie das dann eigentlich mit dem Nachwuchs werden soll. Dazu gibts auch Ideen im Buch, in den anderen Geschichte, die weitere Welten der Zukunft erfinden.

In vielen Geschichten mit Humanoiden geht das ganze nicht sehr positiv aus. Dagegen ist der Film „Ich bin dein Mensch“ sehr lieblich, sehr weich und glatt irgendwie, es gibt viele bezaubernde Szenen. Alma ist eine perfekte Frau in meinen Augen, schlau, schlagfertig, selbstständig, mit Power. Sie ist liebevoll und fürsorglich, hat Humor, Geschmack und sie ist kritisch und irgendwie immer gut gekleidet.
Im Film gibt es eine Nebengeschichte. Wir treffen Almas verwirrten Vater, ihre Schwester und ihren Neffen und erfahren, wie sie als Familie miteinander umgehen, was wirklich schön anzusehen ist, fast schon zu idyllisch. Sie zeigt uns Alma wie sie privat ist.

Im Buch erfahren wir nichts über ihre Familie, dafür spielt auch hier der Exfreund eine wichtige Rolle, aber auch ganz anders als im Film. In der Kurzgeschichte spielt ihr Beruf als Paartherapeutin eine Rolle, diese konfrontiert Alma zusätzlich mit den ganzen Beziehungsthemen. Und diese Beziehungsfragen stellt die Geschichte ja auch im Ganzen. Was macht Beziehung eigentlich aus? Was braucht es? Wie ist das so mit den Bedürfnissen und was braucht es für die Liebe? Reicht die Liebe von einer Seite bzw. kann man das, was Tom als Roboter als Liebe zeigt, wirklich als Liebe bezeichnen? Es ist doch eigentlich ein Spiel, da eine Maschine keine Gefühle hat. Was wir beim Menschen verwerflich finden würden, nämlich das Vorspielen von Liebe, ist beim Humanoiden gewollt. Fördert das nicht nur den eh schon starken Narzissmus in der Gesellschaft?

So unterschiedlich die Geschichten im Film und im Buch verlaufen, so unterschiedlich enden sie auch. Total gegensätzlich. Die Originalgeschichte hat nicht diese ruhige Lieblichkeit, wo trotz allen Herausforderungen ein Gefühl von Zärtlichkeit, Freisein und einer guten Welt rüberkommt. In der Geschichte wird viel mehr Stress spürbar, die Fehlbarkeiten von Menschen, Maschinen und ihre Auswirkungen, die am Ende zerstörerisch sind.

Ein süßer Traum von einem selbst geschaffenen auf mich abgestimmten Wesen bleibt vielleicht besser ein Traum.


Der Film „Ich bin dein Mensch“ lief im Kino und findet sich noch bis Ende März in der ARD Mediathek

Über das Buch werde ich nochmal gesondert berichten. Leider gibt es vielmehr Geschichten von Männern als von Frauen. Und auch die Entstehungsgeschichte ist eine Männergeschichte, deswegen kann ich nur für diesen Artikel den #literaturvonfrauen vergeben, aber nicht für das ganze Buch.
Das Projekt „2029“ entstand vor dem Hintergrund das kaum noch Zukunftserzählungen zu sehen seien und zu lesen schon gar nicht. Ich stimme ein Stück weit zu. Allerdings kenne ich einige Serien die sich mit der Zukunft beschäftigen. Literarisch muss ich mehr suchen. Mir ist es eine Freude wieder mal einzutauchen in Geschichten und Utopien und Ideen davon wie es wohl sein könnte. Was ich wieder nicht verstehe, das ist die starke Abweichung von der Originalgeschichte. Eigentlich erzählt der Film etwas anderes als die Kurzgeschichte.
Aber wie auch immer, ich denke wir brauchen den Blick in die Zukunft um das Jetzt weiter zu entwickeln.

Bei uns können wir vielleicht nun auch Emma Braslavsky (1971 geboren in Erfurt) zu den Zukunftserzählerinnen zählen. Sie hat ein ganzes Buch geschrieben zum Humanoidenthema. „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“.

Viele Informationen findet ihr auf ihrer Seite: https://emmabraslavsky.de/
Sie hat inzwischen einige Preise für ihre Arbeiten bekommen. 2021 gewann sie z.B. das Literaturstipendium in Thüringen https://www.boersenblatt.net/news/preise-und-auszeichnungen/12000-euro-fuer-emma-braslavsky-164855
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2019 / Radiobeitrag
https://www.swr.de/swr2/literatur/av-o1144236-100.html
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Emma Braslavsky bei Perlentaucher
https://www.perlentaucher.de/autor/emma-braslavsky.html
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Andere neuere Filme und Serien mit Humanoiden
Real Humans – Echte Menschen (2012 – 2014)
Humans (ab 2015)
Black Mirror (ab 2011)
Westworld (2016)
Almost Human (2013)
Raised by Wolves (2020)
I, Robot (2004)
A.I. – Künstliche Intelligenz (2001)
etc.
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weiteres zum Thema:
https://www.deutschlandfunk.de/roboter-sind-auch-nur-menschen-100.html
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https://www.planet-wissen.de/technik/computer_und_roboter/kuenstliche_intelligenz/pwiekuenstlicheintelligenzundbewusstsein100.html
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2010 / https://www.sueddeutsche.de/digital/kuenstliche-intelligenz-man-kann-mit-robotern-eine-ehe-fuehren-1.342591-0
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2019 / Ethische und soziologische Aspekte der Mensch-Roboter-Interaktion (PDF)
https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/F2369.pdf?__blob=publicationFile&v=5
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2005 / Mensch-Roboter Interaktion – eine sprachwissenschaftliche Analyse
https://www.uni-kassel.de/upress/online/frei/978-3-89958-130-0.volltext.frei.pdf
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2018 / Entgrenzungen zwischen Mensch und Maschine, oder: Können Roboter zu guter Pflege beitragen? https://www.bpb.de/apuz/263682/entgrenzungen-zwischen-mensch-und-maschine-oder-koennen-roboter-zu-guter-pflege-beitragen

Feiertagslesen


Das mit dem weihnachtlichen Lesevorhaben ist nicht so ganz was geworden. Die Tage sind so unglaublich kurz und ich bin sehr müde. Die Kälte ist echt anstrengend. „In Liebe Dein Karl“ habe ich fertig gelesen. Ich war vorallem neugierig auf die Geschichten über die Zeit in China aus Ingrid Nolls Leben. Leider waren es eher kleine Einblicke, die meiner Meinung nach wirklich ausbaubar gewesen wären. Insgesamt fand ich alles etwas arg zusammen gewürfelt, was sich so an Kurzgeschichten in diesem Buch angesammelt hat.
Es startet mit einer Story die wirklich gruselig ist, auf den Punkt erzählt und sehr überraschend, aber diese Qualität zieht sich leider nicht durch. Wenig einprägsames, manches aber durchaus unterhaltsam, manches aber auch zäh und eher langweilig. Es wirkt so insgesamt als würde der rote Faden fehlen und als hätte man alles zusammen gefasst was zu finden war, plus die Krümel zusammen gekehrt. Dabei hätten es 2,3,4 Geschichten weniger auch getan.
Ich finde die Autorin sollte unbedingt mehr über ihr spannendes Leben und die Zeit in China schreiben, wo sie ihre Kindheit verbrachte. Am Ende des Buches gibt es einige Zeilen dazu.

Angelesen habe ich nun den neuen Schlink, bin ja Fan, deshalb eine Ausnahme was die „Literaturvonfrauen angeht. Aber da liegt noch mehr auf dem Stapel. Mal schauen was ich zum Jahreswechsel noch anlesen kann. Ich sehne mich nach einem Pageturner, so nem richtigem Schmöker, und ich denke, da wird sich was finden.
Der Schlink „Die Enkelin“ hat sich recht zäh angelesen – 60 Seiten hab ich bisher geschafft. Ich fand es bis jetzt zu ausgearbeitet, zu langatmig an manchen Stellen. Mal schauen.

Was liest du grade?

Rauhnachtszeit

Bald schon beginnen wieder die Rauhnächte, im Moment befinden wir uns in den dunkelsten Tagen des Jahres. Die 12 Rauhnächte sind die Zeit zwischen den Jahren – die Differenz zwischen Mondjahr und Sonnenjahr. Die erste Rauhnacht ist die Nacht der Wintersonnenwende am 21.12.
Unser Weihnachtsfest, wie es heute gefeiert wird, ist eine merkwürdige Mischung aus alten Traditionen und christlichen Vorgaben. Der beliebte Adventskranz und der Tannebaum sind eindeutige heidnische und uralte Symbole.

Winter ist die Zeit der Wurzelkraft. Wurzeln die tief reichen, durch Jahrhunderte und tief in unzählige Verbindungen und viele Ebenen. Eine Zeit in der Träume und Geschichten eine wichtige Rolle spielen, Erinnerungen und Erzählungen, unser Erbe, weitertragen.
Man traf sich am Feuer in der guten Stube und erzählte sich Geschichten von seinen Erfahrungen und Erlebnissen, aber auch alte Sagen und Märchen. Und so wurden auch die Bräuche von Generation zu Generation getragen.

Essenz ist das Thema der Zeit. Essenz die sich im Rückzug, in der Tiefe und auch in der Stille und Besinnung findet, sowie in dem was du jetzt wirklich von Herzen und ganz aus dir selbst heraus tust.

Mein Tip: Nimm auch du dir die Zeit, dich dir selbst zuzuwenden. Geh bewusst in die dunkelsten Tage und Nächte des Jahres, sammle Kraft und Klarheit, so das du weißt wohin du deine frischen Energien im Frühjahr ausrichten magst.

Ich empfehle über die Zeit ein Tagebuch zu führen, auch in meinem Rauhnachtskurs werden wir dieses spezielle Rauhnachtstagebuch führen, es kann uns später im neuen Jahr begleiten.

Und wir wenden uns den Wurzeln zu und und widmen uns den Rhythmen der Natur. Und wir werden die besondere Energie dieser Zeit nutzen. Wünschen, orakeln, räuchern, backen und basteln. Sich gut verabschieden vom letzten Jahr, sich in der Gegenwart verankern und uns ausrichten für das Kommende.

Rauhnachtskurs heißt zu jeder Rauhnacht bekommst du eine Email mit den Impulsen und kleinen Geschichten zur Zeit. Außerdem gibt es eine Facebookgruppe für alle TeilnehmerInnen zum Austausch.
Das ganze kostet 47,- €

Bis dahin gibt es (kostenfrei) zur Einstimmung einen 3 teiligen Miniworkshop (inklusive einer Geschichte und einer Weihrauchmeditation), dazu bitte hier entlang.
Wer möchte kann auch gern meinen 7 seitigen Rauhnachtsbrief mit einigen Informationen zum selbstausdrucken für 5 € erwerben. Schreib an madameflamusse@googlemail.com

Kinobesuch „Die Schachnovelle“

Ich bin keine geübte Kinogängerin mehr, und ich hab es eine ganze Weile vor mich hergeschoben in diese Neuverfilmung zu gehen, ich hatte eine Karte geschenkt bekommen und habe Stefans Zweig Literatur in guter Erinnerung. Ohne die geschenkte Karte wäre ich nicht hingegangen. Der Film geht über 2h Stunden, dafür muss man ja schon gewappnet sein. Und hoffentlich muss man zwischendurch nicht auf Toilette, denn dann verpasst man auch noch einen Teil. Ich wünsch mir ja generell im Kino gern etwas Licht, so das ich nebenbei stricken kann. Der Pausenknopf fehlt.
Wer die Schachnovelle kennt, und das werden wohl ziemlich viele sein, der weiß das es kein leichter Stoff ist, auch sowas geht nicht jeden Tag. Nun hab ich mich am Sonntagnachmittag dann doch ins Kino um die Ecke begeben.

Ich muss sagen ein fulminanter Film, wenn man auf die Gestaltung blickt! Die Geschichte entspricht leider nicht ganz der Vorlage, (ist aber schon lange her das ich sie gelesen habe) was ich bedauerlich finde, und auch keinen Grund sehe außer, daß man den Zuschauer/die Zuschauerin nicht ganz hoffnungslos aus dem Kino entlassen wollte. Mich stören gewisse Verfälschungen in Verfilmungen schon sehr. Die Novelle wurde von Zweig während seines brasilianischen Exils gesschrieben und 1942 veröffentlicht, 1947 erschien es dann in Deutschland.

Die Bilder, die Stimmung, die Atmosphäre, vorallem durch die Bildsprache erzeugt, inklusive Ausstattung sind einfach nur großartig gemacht und man wird sofort in die Zeit versetzt und fühlt entsetzlich mit. Wenn der Held der Geschichte Stück für Stück in den Wahnsinn treibt, in der Isolationshaft und nur eine Weile aufgehalten vom Schachspiel. Preise für Kamera, Kostüm und die Hauptrolle müssten drin sein.
Beim deutschen Filmpreis gab es allerdings keine Nominierung für die Kamera, aber für Kostümbild (gewonnen) und auch den Hauptdarsteller, der den Preis für die Beste männliche Hauptrolle erhielt.

Obwohl ich Oliver Masucci, der den Josef Bartok (Hauptfigur) spielt in den letzten Jahren wirklich oft auf dem Bildschirm gesehen habe und überlegte ob ich ihn mit der Rolle vereinbaren kann, war dem keineswegs so. Ein unglaublich guter Schauspieler von dem man hier immer wieder neue Gesichter sieht. Sicher ist vieles auch der Kameraarbeit zuzurechnen, aber ich empfand ihn einfach nur genial in dieser Rolle. Und der Film schafft es das der Zuschauer sehr nah ran kommt, was ihn auch schwerer ertragbar macht. Grausamkeiten in der Darstellung sind immer eine Gradwanderung, aber ich glaube nicht das sich Filmschaffende darüber immer so bewusst sind. Von Ergriffenheit bis Abstumpfung bis Dissoziation ist hier alles zu erwarten in der Reaktion auf das „anschauen“ (müssen).

Insgesamt ist es natürlich ein Männerfilm, die Frauen spielen nur am Rand eine Rolle. Und sie ist finster, traurig, entsetzlich, die Geschichte, so wie die Zeit damals, und wie die Grausamkeiten, die auch heute noch täglich stattfinden, über 80 Jahre später – der Film setzt am Ende noch einen Lichtpunkt.

Was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann ist, wie man diesen Film, der wirklich einiges an Grausamkeiten bereithält ab 12 Jahren freigeben kann. Ich wollte eigentlich meine nun 16jährige ExBonustochter mitnehmen, und war verdammt froh das sie nicht mitgekommen ist. Ich hätte mich schuldig gefühlt ihr sowas zuzumuten, vermutlich hätten wir das Kino auch verlassen.
Die ersten 40 Minten gehen, dann kommt Schach ins Spiel und es wird zusehends finsterer und brutaler. Folter und Qual sind keine Unterhaltung.


Ein Nebengedanken:
Isolation ist heftige Folter, mir fallen da die Gesichten aus den DDR Jugenheimen ein, aber auch die Geschichten von Kindern die in Zimmern über Jahre verwahrlosen und nur wenn sie Glück haben gefunden werden, oft leider tot. Isolationshaft wird immer noch in Gefängnissen angewandt. Und viele Menschen die z.b. durch Krankheit am Rand der Gesellschaft stehen wissen wie schmerzhaft schon leichtere Formen der Isolation sind.

Weitere Bücher/Filme zu ähnlichen Themen:

Raum (ebenfalls sehr gut verfilmt)

Der Trafikant

***
Die Schachnovelle
von Stefan Zweig
Regisseur Philipp Stölzl
Drama, 112 min

Es gibt auch eine ältere Verfilmung von 1960, mit Curd Jürgens, Hansjörg Felmy, Claire Bloom und Mario Adorf

Außerdem habe ich die Schachnovelle als Comic entdeckt!

Durch einen Hinweis in den Kommentaren bin ich zu einem sehr interessanten Artikel zur Verfilmung gelangt, und ich bin nun auch nochmal gespannter auf die Lektüre des Originals, welches so viele Jahre zurück liegt, das sie mir nur grob in Erinnerung ist.
Zitat: „Die Zweig’sche Einteilung, hie dumpfe Nazis, da empfindsame Geistesmenschen,…“ war mir gar nicht bewusst. von daher, ja, unbedingt nochmal lesen. Aber tatsächlich habe ich das Werk auch viel milder in Erinnerung als es der Film zeigte.

Interview mit dem Hauptdartseller

Schwester Tod – zur Trauerkultur

Der Vorteil von Blogs gegenüber den Berichten in Zeitungen, die Sachen sind direkter länger verfügbar und wie hier, manchmal werden sie nochmal überarbeitet und rebloggend. Dieses Buch ist aufjedenfall ein wichtiger Evergreen! Der Tod in weiblicher Hand.

reingelesen

*

Im letzten Beitrag sprach ich über das trauern und klagen im Angesicht des Todes und heute möchte ich ein dazu passendes Buch vorstellen.

„Schwester Tod“ – der Tod, das Sterben und alles drumherum, ein Bereich um den sich immer mehr die Frauen gekümmert haben, neudeutsch auch Carearbeit. Ein wirklich umfassendes Buch, wo mir einerseits einiges wieder begegnet und andererseits viel Neues zu finden ist.

Die Autorin hat sich mit Traditionen und Überlieferungen befasst, und gibt sehr viele praktische Hinweise zur Ausgestaltung und Begleitung von Sterben, Tod und Trauerzeit. In unseren Breitengraden sind wir doch recht traditionslos geworden, und in vieles spielen Paragrafen und Gesetze hinein. Der Kontakt zum wesentlichen, wozu eben auch das Sterben gehört, geht verloren. In diesem Buch finden wir einen wunderbaren Zugang zu alten Sitten und Bräuchen und einen liebevollem Umgang mit all den Themen rund um das Sterben. Es nimmt einem die Angst und…

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Weg vom Fenster


Zuerst oder als Letztes?
Kommt drauf an von wo aus du das betrachten willst.
Wer geht vor? Oder was?
Über den Jordan. Hoffentlich denkt jemand an die Münze.
Und kommt jemand nach? Auf die andere Seite.
Und ob ich das dann noch weiß?
Erster, Erster schreit das Kind und klatscht ab.
Wenn ich zuerst sterbe? Der Tod ist doch eh das Letzte.
Eine todernste Sache das Ganze, is klar.
Irgendwann geht das letzte Lichtlein aus.
In der Reihe von vielen mach ich mich vom Acker.
Also zuerst sterb ich schonmal nicht.
Wenn ich ins Gras beiße,
dann schau ich mir die Blümchen von unten an.
Vielleicht spring ich vorher dem Tod auch nochmal von der Schippe
bevor ich von dannen geh.
Über die Klinge, die Grätsche gemacht.
Irgendwann steig ich in die Kiste und hör die Englein singen
Oder geb ich auch den Löffel ab?
Nur welchen, von der langen Liste?
Hab dann wohl mit dem Leben bezahlt und die Kurve gekratzt
Vorher segne ich aber auf jeden Fall das Zeitliche,
in den letzten Zügen.
Hopps gegangen
So oder so
Vor allem sanft entschlafen möcht ich sein.
Und dann komm ich als Geistin zu Besuch,
Buh huuuh

Bild von mir – die Blümchen von unten anschauen und als Geistin zu Besuch kommen

Dies ist mein Beitrag zur November-Blog-Aktion vom Totenhemdblog

Es war mir wie immer eine Freude dabei zu sein.

Thema Löffelliste, was das ist, einfach auf den Link im Text klicken.

Geschichte des Tattoos

Jérôme Pierrat, Chefredakteur eines französischen Tattoomagazins, stellte fest, dass es immer mehr Tätowierer gab, und das interessierte ihn wohl genauer. Von ihm ist der Text in diesem Buch, gezeichnet wurde das Comic von Alfred. Mich haben Tattoos schon immer fasziniert, und mich hat immer interessiert welche Bedeutungen jeweils dahinter steckten.

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Sich ein Tattoo stechen zu lassen ist ziemlich schmerzhaft, aber das hält die Leute nicht davon ab, im Gegenteil oft wird dieser Schmerz als eine Art Initiation wahrgenommen. In einer Zeit und in Kulturen, wie der unseren, wo Traditionen fehlen, vielleicht eine neue Art eines Ritus? In verschiedenen Kulturen gab es schon immer ganz bestimmte Tattoos z.B. für Krieger, Bandenmitglieder aber auch aus ästhetischen Gründen. Sichtbar oder auch absichtlich unsichtbar getragen sind sie für viele Menschen sehr wichtig und oft Statussymbole oder Kennzeichen ihrer Kultur. Die Bedeutung einzelner Bilder erforschte man dann auch, z.B. in Frankreich um Verbrecher zu identifizieren. Aber auch um andere Völker zu verstehen.

In anderen Ländern und auf anderen Kontinenten spielten die Tattoos eine viel traditionellere und auch „heilige“, eng mit der Kultur verbundene, Rolle.

Die Geschichte des Tattoos ist lang, sie sind an gefundenen Skeletten nachgewiesen wurden. Dort wo keine Kleidung vorhanden war blieben die „Zeichnungen“ erhalten. Dazu gibt es eine schöne Einführung im Buch. Verschiedene Völker, Techniken und ihre jeweilige Kunst werden vorgestellt. Erzählt wird die Geschichte im Buch von einem Gefängnisdirektor.

Es gibt wahre Künstler unter den Tätowierern, auch heute. Wo gab es Tatoos früher, wie verbreiteten sich diese und wie kamen sie zu uns bzw. waren sie schon da? Die Seefahrt ist ein wichtiger Aspekt der Geschichte. Das alles erzählt dieser spannende Comic.

Am Ende des 19. Jahrhunderts öffneten die ersten Tattoo Läden in Europa, das Tattoo begann seines Siegeszug bei uns – heute kaum mehr wegzudenken. Damals ließen sich auch die ersten Frauen tätowieren. Bekannt waren z.b. Irene Woodward, Bella Angora oder Djita Salomé. Sie ließen sich mit ihrer Kunst auf den Körpern oft lange Jahre ausstellen, tourten durch die Lande. Und es gibt einiges an Bildmaterial dazu. Es ging tatsächlich um fast komplett tätowierte Körper, auch bei den Frauen.

Einiges an Fotos ist hier zu finden:
https://www.tattooarchive.com/index.php

Alles in allem ein sehr interessantes Buch mit 66 Seiten.
In der Reihe „die Comic-Bibliothek des Wissens“ gibt es noch Themen wie: Das Internet, Bienen, Das Universum usw. alle von jeweils anderen Künstlern und Künstlerinnen und Autoren und Autorinnen.

***
Tattoos (Link mit Leseprobe)
Jérôme Pierrat
und Alfred
aus der Reihe „Die Comic-Bibliothek des Wissens“
erschienen bei Jacoby Stuart
12,- €
***

Herbstgedicht

Kastanien,
ich freu mich jedes Jahr
wenn ich welche finde.

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Und zufällig lief mir dazu auch noch ein Gedicht über den Weg:

Die Kastanie

Ob alt, ob jung, ob groß oder klein,
wir lieben sie doch alle, die Kastanie.

Grün und stachlig hängt sie da
im Baum wie jedes Jahr.
Platzt dann auf die enge Hülle,
sieht man sie in ganzer Fülle,
und schön glänzen tut sie auch.
Wenn sie dann zu Boden fällt,
ist es herbstlich meist bestellt.
Jedes Kind sich danach bückt,
auch Erwachsene sind entzückt,
die Kastanie zu berührenund
sie in der Hand zu spüren.
Gicht und Rheuma hält sie fern,
auch das Rotwild mag sie gern.
Nun steh‘ ich unter einem Baum
und spür‘ den leichten Windzug kaum.
Ich heb‘ eine Kastanie auf,
schon nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Zärtlich reibe ich an ihr
und denk‘ versonnen noch bei mir:
„Kastanien find‘ ich einfach edel,“
da knallt so‘ n Ding mir auf den Schädel!

(Von Josef Festing)

vielleicht habt ihr ja Lust ein eigenes Gedicht zu schreiben, oder ein Haiku oder ein Elfchen oder ein Akrostichon?
Freu mich auf eure Varianten. Kennt ihr alle diese Varianten von Wort- und Poesiespielereien?

Kastanienzeit
Ach, so schön, jedes Jahr
Schau nur, Oktoberzeit
Tada, dort, steht ein Kastanienbaum
Ah da liegen ganz viele und dort auch
Nobel, das glänzende Kastanienbraun, und diese Glätte ihrer Haut
Ich nehm nur ein paar, lass den Rest für die Kinder
Einpaar für die Jackentasche, das die Hand was zum fühlen hat

Lust & Frust

Mutterkonflikt, therapeutisches und Lebensmittel mit ein wenig Religion und viel Liebe – ich dachte genau das erwartet mich beim Roman „Muttermilch“. So zumindest, wurde es mir auf dem Buchrücken angekündigt.


Leider hab ich etwas ganz anderes bekommen und bin, ehrlich gesagt, enttäuscht. Was habe ich gefunden in diesem Buch mit dem wunderbaren Einband, darunter in Knallpink, mit immerhin 326 Seiten und einer Geschichte in 79 Kapiteln?

So war der Anfang, ich zitiere mich mal selbst:
„Muttermilch von Melissa Broder aus dem Claassenverlag und ich mag es sehr 🎉🍀 ich folge Rachel beim Kalorienzählen und genießen ihrer Diätprodukte. Begleite sie in den Yoghurtladen und zur Therapiestunde. Grade macht sie Mutterdetox und hat eine interessante Frau kennengelernt. Alles sehr humorvoll und genießerisch erzählt. Die Gestaltung des Buches passt großartig zum Inhalt.“
und
„Die knallige Covergestaltung gefällt mir und drinnen geht’s genauso munter weiter. Schon am Anfang wird klar, hier haben wir eine wahrhaft leidenschaftliche Menschin und es geht um wesentliches. Nahrung (warum, wie und wo und natürlich was) und Familie („er stellte es so dar, als ob es etwas Gutes wäre“).“

~

Doch irgendwie rutscht das Thema mit der Mutter und der Therapie vollkommen beiseite. Die Familie von Rachel spielt bald kaum noch eine Rolle. In einigen Kapiteln aber kommt die jüdische Familie ihrer Freundin ins Spiel, und diese sind eher streng jüdisch, wie Rachel bei zwei Einladungen erfahren muss. Beim ersten Mal geht noch alles gut, und auch hier genießt sie alles aus vollen Zügen, inklusive der Erinnerung an jüdische Rituale und Gesänge. Beim zweiten Mal schlägt das ganze um…

Bis zum Ende des Buches habe ich kein richtiges Bild von Rachels Aussehen, im Gegensatz zur wichtigsten zweiten Figur, der Frau aus dem Yoghurtladen. Rachel zählt Kalorien und hat einen strengen Essensplan inklusive fester Einheiten im Fitnessstudio, sie ist nebenbei Comedian. Erst kontrolliert sie sich selbst immens, um später sich vollkommen grenzenlos ihren Gelüsten hinzugeben, und das in einer Geschwindigkeit und mit soviel Selbstverständnis, dass ich es kaum glauben kann. Ich hab im Laufe des Lesens auf jeden Fall Hunger bekommen und Lust mal endlich wieder Essen zu gehen.

Alle Themen verschwinden schließlich hinter der Geschichte mit Miriam, der Frau aus dem Yoghurtladen. Sie verkörpert für Rachel die Sinnlichkeit in Perfektion. Statt Mutterdetox, Therapie, Kalorienzählen und Familie geht es nun sehr viel um lesbische Liebe und Sex. Das ging mir dann irgendwann ziemlich auf die Nerven. Ich muss sagen, wenn ich vorher gewusst hätte, dass dies ein so großes Thema des Romans ist, hätte ich ihn gar nicht gelesen, es war mir auch zu viel der expliziten Beschreibungen.

Ich habe das Buch trotzdem zu Ende gelesen, weil ich hoffte, dass die versprochenen Themen doch noch zur Sprache kommen. Aber nein, dem war nicht so. Insofern, ja der knallige Inhalt spiegelt sich im knalligen cover und der Titel, auch dafür finden sich einige Deutungen. Ich will aber nicht zu viel Spoilern, falls ihr das Buch noch lesen wollt.

Was für mich nicht zutrifft ist das Zitat: „Muttermilch feiert die Befreiung des weiblichen Körpers“, es feiert die lesbische Liebe, ok, damit kann ich mitgehen. Aber ich hoffe doch, dass die Körperlichkeit von Frauen sich noch anders befreien und feiern kann.

Was nun eigentlich diese Muttermilch ist, die der Titel nennt ist mir nicht so ganz klar. Brüste spielen aufjedenfall eine Rolle im Buch. Aber vielleicht ist es auch eine Metapher für die fehlende Mutterliebe die durch Frozen Yoghurt und später andere Leckereien ersetzt wird, oder auch die Körpersäfte der Geliebten, oder sie steht für den Anteil des inneren Erwachsenen, der sich schlußendlich, wenn alles gut lief, selber nährt.


***


Melissa Broder
„Muttermilch“
24,00 €

***

Ich danke dem Verlag Claassen für das Rezensionsexemplar

Ein Ausflug nach Brandenburg


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Hier ist die Protagonistin Biologielehrerin und betrachtet wirklich alles mit einem biologistischem Blick, das ist ziemlich herb und selten liebevoll, aber grandios geschrieben. Die Kargheit und Weite des Brandenburgischen trägt die Geschichte mit und auch die Hauptfigur. Ein phantastisches Buch.

„Der Hals der Giraffe“, viele LeserInnen meinen, dass auch hier „nichts“ erzählt wird. Aber ich empfinde dieses Buch viel mehr als eine Verdichtung oder auch meditative Auffächerung 3er Tage der Frau Lohmark. So dicht wie „Der Hals der Giraffe“ erzählt ist, kenne ich nur wenige Bücher, für mich echte Literatur. Natürlich ist es einen Gedanken wert, ob es sich wirklich um einen Roman handelt. Aber das Wort „Bildung“ im Begriff Bildungsroman stimme ich voll zu. Bildung im Sinne von Selbsterforschung bzw. Analyse anhand von „Fakten“.

Gelebter Darwinismus

Inge Lohmark, die Protagonistin des Romans, ist Biologielehrerin an einer Schule in einer Kleinstadt in Vorpommern. Ihr Tage als Lehrerin sind gezählt. Denn es fehlen die Schüler in einem Landstrich, der von Abwanderung geprägt ist. Was durch Judith Schalansky einprägsam beschrieben wird. Darwinismus und dessen Anwendung auf ihre kleine Welt prägen das Denken und Handeln von Frau Lohmark.

Dieser Bildungsroman ist phantastisch. Bildungsroman, das passt in mehrfacher Hinsicht. Und selten habe ich einen Roman gelesen, in welchem der/die Schreibende so hinter der Hauptfigur verschwindet. Aber vielleicht ist das auch nur eine Mutmaßung, denn ich kenne Frau Judith Schalansky ja nicht. Wir werden beim Lesen Zeugen von Frau Lohmarks Gedanken, die so nahtlos in alle geschilderten Gespräche einfließen, dass es oft schwierig ist, beides auseinanderzuhalten. Was dem Roman aber überhaupt nicht abträglich ist, sondern Frau Lohmark und ihre Welt für den Leser nur noch verdichtet.

Fehlende Gefühle

Was man von Inge Lohmark erfährt, sind auch hauptsächlich ihre Gedanken – gefühlskalt wäre eine treffende Bezeichnung für ihre Person. Wenn nicht so überaus klar wäre, dass es nicht die Gefühlskälte ist, die Frau Lohmark beherrscht, sondern eher das Fehlen von Gefühl und einer eigenen Sinneswahrnehmung. Sie erklärt sich alles, aber auch wirklich alles, über Ihre ganz eigenen Ansichten vom Überleben des Stärkeren, im Sinne der sich anpassenden Natur. Eine Anpassung, um in einer sich verändernden Welt zu überleben. Was Sie selbst für sich in keiner Weise schafft.
Erstaunlicherweise stelle ich das erstmal so auch gar nicht in Frage, und frage mich auch nicht warum Frau Lohmark so ist. Heute würde ich sagen, es scheint ein Trauma zu wirken, anders sind die fehlenden Gefühle, also diese Unfähigkeit für mich schwer zu erklären. Aber so normal Trauma in unserer Welt ist, so selbstverständlich ist einfach das Inge Lohmark so ist.

Einprägsam, wunderschön

Schalansky hat so vieles in kurzen Abschnitten, wenigen Sätzen auf den Punkt gebracht. Auf Frau Lohmarks Punkt wohlgemerkt. Ein sehr eigentümliches Buch. Ein sehr eigene Welt und ein sehr einprägsames Buch, wie ich es vorher noch nicht gelesen habe.

Außerdem wunderschön: Der Leineneinband mit Prägedruck.

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„Der Hals der Giraffe“
Judith Schalansky
Suhrkamp

Leineneinband ca. 20,00 €
als Taschenbuch für 10,00 €

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Text und Leseerfahrung von 2012 – überarbeitet 2021 / Habe das Buch für meinen Naturewritingkurs rausgesucht und kann es wirklich nur empfehlen.

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