Comic: Das Marsupilami in „Das Humboldttier“

Das Marsupilami ist eine Figur meiner Kindheit. Nach dem wir nach Westdeutschland ausgewandert sind war ich Stammgast in der Bücherei und hab die Comicecke für mich entdeckt. Und das Comicregal war für mich Westen pur. Es gab 2 herausragende Lieblinge „Yoko Tsuno“ und „Das Marsupilami“. Beides Glücksache und immer eine große Freude wenn man ein Buch erwischte. Eine Ewigkeit lang hatte ich immer einen kleinen Marsupilami Figurpin an meinem Mäppchen.
Und jetzt ist ein ganz neues Marsupilami Buch rausgekommen beim Carlsen Verlag. Und ich sage euch es ist verdammt großartig.

„Das der berühmte Naturforscher Alexander von Humboldt im Jahr 1801 den südamerikanischen Dschungel bereist hat, ist hinlänglich bekannt. Dass er dabei jedoch als Erster das Marsupilami entdeckt hat, wusste bisher niemand…“ So steht es auf dem Buchrücken.

Herrn Humboldt treffen wir auch gleich zu Anfang des Buches, aber wen man tatsächlich sehen will, das ist natürlich das Marsupilam, und es lässt auch nicht lang auf sich warten.
Gezeichnet wurde das neue Buch von FLIX, einem sehr erfahrenem deutschen Comiczeichner. Der Erfinder des Marsupilamis ist André Franquin, durch ihn erblickte das gelbe Tier mit den Punkten im Jahr 1952 das Licht der Welt. Ursprünglich tauchte es in der Reihe Spirou und Fantasio auf und bekam später sein eigenes „Spin-Off“. Es ist einfach zu sympatisch!

„Das Marsupilami ist eines der tollsten Tiere des palumbianischen Dschungels! Es ist super intelligent, super stark und es kann super wütend werden, wenn jemand seiner Familie oder dem Dschungel etwas Böses will. Dann macht es aus seinem acht Meter langen Schwanz eine Keule und verteilt Beulen für die Bösewichte!

Ja, so ist das! Und wir finden jede Menge Beweise in der neuen Geschichte „Das Humboldttier“. Die Zeichnungen sind großartig, besonders die Dschungelbilder sind sehr gelungen. Von dort aus geht es in die Stadt Berlin und in das Jahr 1931. Mit viel Liebe zu den Details können wir das Marsupilami voll in Action erleben. Die Geschichte ist so zauberhaft und weckt jede Menge Gefühle. Spannendes, erschreckendes, grusliges, fröhliches, wildes und jede Menge Schabernack ist zu finden. Denn das Marsupilami hat einen großen Gerechtigkeitssinn und nutzt seine Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit und seinen laaaaangen Schwanz, um dem Ausdruck zu verleihen. Als LeserIn fiebert man mit und freut sich über die Ideen und die abwechslungsreiche Story.
Wie man sich denken kann, war 1931 kein einfaches Jahr, aber das Marsupilami hat Glück und landet bei einem netten Mädchen, was sich seiner annimmt. Schnell werden sie dicke Freunde und unterstützen sich gegenseitig.

Das Marsupilami hat nämlich ein großes und sehr wichtiges Ziel, nein eigentlich zwei, und dafür braucht es Hilfe.

Der Carlsen Verlag hat eine extra Seite für das neue Marsupilami Buch eingerichtet. Auch FLIX wird vorgestellt, und die Tourdaten zum Buch findet ihr auch! „Sein Marsupilami Comic ist voller Zitate und Easter-Eggs – auf Wim Wenders, Erich Kästner, Marlene Dietrich, eo plauen“ heißt es, da muss ich nochmal genauer schauen. Vielleicht gibts dazu ja auch was in der Sonderausgabe, die demnächst erscheint.

Einfach genial wenn eine Figur zu ihrem 70gsten Geburstag so ein wundervolles Buch bekommt. Es zaubert einem einfach ein Lächeln ins Gesicht und wer hätte nicht gern so ein Marsupilami zum Freund!




Das Humboldttier
Ein Marsupilami Abenteuer
von FLIX
für den Carlsen Verlag
16,- €

Die Bagage

Maria, Maria und Josef und 7 Kinder, das ist die Bagage, von der uns Monika Helfer erzählt. Und zwar so, dass es schwerfällt, das Buch aus der Hand zu legen. Die Bagage ist ihre eigene Familie. Sie ist die Enkelin von Maria, die sie selbst nie kennengelernt hat.
Der Begriff Bagage klingt schön, ist aber ein abfälliger Ausdruck und bedeutet soviel wie Gesindel. Eine andere Bedeutung für Bagage ist Gepäck, Pack, die ganze Verwandtschaft usw.
Familie, ja da hat ja jeder so sein Packerl zu tragen bzw. ist die Familie an sich doch oft auch eine Last, oder zumindest einzelne Personen. Und vielleicht ist damit auch das Verhältnis zum Dorf gemeint. Und ich glaube, der Begriff kann durchaus auch liebevoll verwendet werden. Wenn man um all die Eigenheiten seiner Familienmitglieder weiß, auch der unguten und verrückten, und sie trotzdem liebt.

Einfach ist diese Familie keinesfalls, das erzählen hier Enkelin (die Autorin) und Tochter (Tante Kathe) von Maria und zwischendurch noch eine Stimme aus dem Off, von der ich nicht weiß, wem sie gehört. Vieles was sie erzählen ist nur vielleicht wahr, weil es aus Vermutungen und bekannten Erzählungen zusammen gefügt ist. Aber diese Vermutungen und Vorstellungen scheinen flüssig aus den Mündern geflossen zu sein, denn dort ist der Text schnell und fließend. An anderen Stellen, grade am Anfang bis zur Mitte, findet sich dagegen hier und dort eine abgehackte Sprache, die manchmal ganze Satzteile verschluckt, oder sich wiederholt. Das ist weder anstrengend noch störend, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern sehr schön, so aus dem inneren heraus, ganz fühlend erzählt. Auch das macht den Zauber dieses Textes aus. Kein bügelndes Lektorat. Sehr schön.

Der andere Zauber besteht vielleicht darin, dass es die Bagage sehr schwer hatte, und diese Erzählung trotzdem nicht die Mitte einnimmt. Dort steht etwas anderes. Die liebevolle Beschreibung der schönen und wundervollen Maria. So schön, dass viele neidisch waren. Die Bagage ist zugezogen und wohnt auf dem Berg am Rand des Dorfes. Sie gehören nie ganz dazu bzw. nur in dieser Position der Außenseiter.
Das Leben für die Familie ist hart, sehr hart, ganz besonders als Josef in den Krieg muss und es hinten und vorne an allem fehlt. Aber Maria und ihre Kinder halten zusammen, alle in ihrer Eigenheit.

Das traurige ist, dass wenn Menschen dem anderen was neiden gern Gerüchte über diesen verbreitet werden. Und Maria war so schön und so reinlich, der Josef ein guter Geschäftsmann, allesamt klug und mit besonderen Talenten ausgestattet. Das gehörte sich doch nicht für eine Bagage, so gegen die Vorstellung der Dorfbewohner zu verstoßen. Der Bürgermeister weiß den Geschäftssinn von Josef für sich zu nutzen und hilft Maria und den Kindern auch am Anfang des Krieges, bis er dann doch recht schnell seine Begehrlichkeiten nicht mehr so ganz beherrscht. Schlau werde ich aus ihm nicht.

Aber man fühlt sich als Frau Maria nah, die ja eigentlich nicht so schön sein dürfte, und von der man sich fragt, ob diese Schönheit ein Gottesgeschenk ist oder nicht doch eins vom Teufel. Maria tut, was von ihr erwartet wird. Sie macht den Haushalt und bekommt Kinder, und muss schauen wie umgehen mit den Ansprüchen, die die Männer stellen. Ihr Mann ist schon nicht einfach, aber als er weg ist erst …

Das kleine Buch mit seinen 159 Seiten ist ein Pageturner, keine Frage. Und neben den Menschen beschreibt es auch die Zeit um den 1. Weltkrieg auf dem Land sehr gut, nicht ausführlich, aber soviel das man sich direkt dort auf dem Berg befindet, im Haus, dem Stall, auf der Jagd und im tiefen Schnee.
Hier erscheint der Krieg vorallem in Form von Hunger und dem allein sein. Da haben die Tiere mehr zu fressen als die Menschen.
Zum Abschluß erfahren wir noch ein wenig, was aus den Kindern wurde, einfacher wurde es nicht. Sie alle verlassen den Hof, gehen ihre eigenen Wege. Eine besondere Rolle, neben Maria, spielt in der Geschichte von Maria ihre Tochter, das fünfte Kind, die Mutter der Autorin, Grete. Aber das lies selber nach!

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„Diese Geschichte beginnt nämlich, als meine Mutter noch nicht geboren war…“
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Die Bagage
von Monika Helfer
Erschienen im Hanser Verlag
19,- € / Erschienen 2020


Was ich mir wünschte wäre ein anderes Cover, auch wenn ich Gerhard Richter mag, das Bild empfinde ich als sehr unpassend.

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Im Hanserverlag finden sich weitere Bücher von Monika Helfer zur „Bagage“ und auch früher erschienene Geschichten. Und es gibt grade zum besprochenen Titel einige Zusatzinfos – siehe oben über den Link
Titel: Löwenherz, ein Buch über ihren Bruder, zu dem sie früh den Kontakt verloren hatte
Titel: Vati, über ihren Vater und ihre eigene Kindheit

Monika Helfer, geboren 1947 in Au/Bregenzerwald, lebt als Schriftstellerin mit ihrer Familie in Vorarlberg.

Textprojekt Körper: Meine Hülle

Es müssen nicht einmal so unerhörte Dinge sein, wie „nimm Dir doch bitte nen Strick“. Es reicht schon, wenn mir gesagt wird „Dein Popo hängt.“, „Du hast aber viele Haare an den Beinen.“, „Du hast Waden wie ein Elefant.“, „Du gehst aber komisch.“, „Deine Haare sind zu kurz.“, „Schön bist Du ja nicht…“

Mag ja sein. Muss ich mich deswegen falsch fühlen? Nein.

Tu ich‘s trotzdem? Ja. Zumal mir vieles schon als Kind gesagt wurde.

Hat ne Menge Arbeit gekostet und tut es hin und wieder immernoch. Mittlerweile zieh ich wieder kurze Hosen an. Ich hatte kurze Haare, egal was die anderen denken. Wobei auch die nie so richtig egal waren. Traurig machte es mich hin und wieder trotzdem, wenn mir als erstes gesagt wird „oh mein gott, Deine Haare…“, anstatt „Wie gehts Dir?“

Ja, mag ja sein, dass es krass aussah und einen zunächst an Krankheit oder sowas denken lässt. Aber bitte, das ist etwas Erlerntes, kein eisernes Gesetz. Kurze Haare zu haben ist toll!

Es braucht sooooo viel Positives um solche „mal“ gehörten Sätze wieder auszugleichen. Es ist soooo schwierig, zu lernen, dass man ok ist.

Selbst wenn nahestehende Menschen einem nette Dinge sagen, bleibt ein: Ja, ist ja schön, dass Du das so siehst, aber all die andern finden mich hässlich.

Deswegen kann man es gar nicht oft genug sagen. Ich bin mehr als meine Hülle. Und meine Hülle ist klasse. So.

© Miri Glowinski


Miri hat nicht nur tolle Frisuren und viel Humor sondern auch noch einen riesigen Hund mit Langhaarmähne.
https://glowinsky.jimdo.com/office
Ich kenn diese Sprüche auch, ich hab eine zeitlang nur ein paar Milimeter kurze Haare gehabt. Mein Opa fand es cool. Und ich hab gern drübergestreichelt, über den Igelschnitt.
Wer was kritisieren will findet immer was. Aber wie wäre es denn einfach mal mit einem Kompliment?


Magst auch du eine Geschichte/ein Thema beisteuern? Ich fände es toll. Noch bis Ende August kannst du etwas einreichen. Im Hintergrund entstehen noch einige Texte. Ich freu mich schon drauf.
Schreib einfach an madameflamusse@googlemail.com, gern können wir auch über deinen Text und dein Thema sprechen wenn du magst.

Textprojekt Körper: In den Körper wachsen

Wenn ich zu meiner Körpergeschichte befragt werde, fallen mir verschiedene Schwerpunkte ein, die mich in meinem Leben besonders beschäftigt haben:

Meine Größe

Meine Hüftdysplasie

Meine frühere Schönheit

Ich könnte sie als einzelne Geschichten erzählen, aber irgendwo gehören sie auch zusammen, denn was sie als Klammer zusammenfasst ist, dass sie immer eine gewisse Distanz zu anderen erzeugt haben und dass es lange dauerte bis ich in meinen Körper hineingewachsen war.

Ich fange mit meiner früheren Schönheit an, denn das ist ja ein Punkt, den eine Frau eigentlich nicht sagen darf: Ich war ein schönes Mädchen. Allerdings hat mir das selbst überhaupt nicht gefallen, denn ich hatte das Gefühl, dass ich meiner mir von außen erklärten Schönheit nicht entsprechen konnte. Innerlich fühlte ich mich ungenügend, dunkel, zweiflerisch, depressiv. Es war, als hätte ich diesen Körper nicht verdient und könnte ihm nicht gerecht werden. Was nach außen wirkte, entsprach überhaupt nicht meiner Innenwelt. Ich selbst hatte kein Empfinden für meine Schönheit. Ich wunderte mich, wenn ich merkte, wie Menschen mich sahen. Ich kam mir vor wie eine Betrügerin. Tatsächlich wäre ich gern unscheinbarer und hässlicher gewesen – so, wie ich mich innerlich empfand.

Meine Größe war in dieses Empfinden verschränkt. Ich war und bin auch heute noch außergewöhnlich groß für ein Mädchen und eine Frau. Groß zu sein bedeutet als Mädchen: Du kannst Dich nicht verstecken. Du fällst sofort auf. Du musst Dich ständig erklären: „Du bist aber groß!“ „Wie groß bist Du genau?“ „Du spielst doch bestimmt Basketball!“ „Wie ist die Luft da oben?“ Jungen sind eigentlich immer kleiner als Du. Andere große Mädchen sagen: „Endlich ist eine größer als ich“. Ich war meist die Größte.

Jungen gehen mit großen Mädchen anders um, als mit kleinen: Es gibt keine Hilfe, es wird weniger geflirtet und es wird auch nicht so ausgelassen herum gespaßt. Mich hat nie ein Junge ins Schwimmbecken geworfen. Heute fände ich das sowieso blöd, aber damals hätte ich mir das gewünscht. Allerdings wurde ich weniger belästigt.

Da ich ein schüchternes Mädchen war, war es mir sehr unangenehm durch meine Größe aufzufallen. Wie oft hätte ich mich gern in der Masse der Menschen verstecken wollen… Aber das war nicht möglich. Ich war sofort sichtbar und wurde gesehen. Ich konnte nichts unbemerkt tun. Zu allem Überfluss war ich auch noch tollpatschig, was einfach an den Ausmaßen meines Körpers lag. Mein Kopf kam da nicht nach.

Als ich älter wurde, lernte ich, meine Größe ganz langsam auszufüllen. Ich kann mich gut erinnern, wie meine Professorin im Studium zu mir sagte: „Du hast eine unglaubliche Wirkung, wenn Du in einen Raum kommst. Du bist sofort präsent. Du kannst das nutzen.“ Allein: Auch in dieser Zeit war ich noch sehr schüchtern und es war mir unangenehm aufzufallen.

Neben den seelischen Aspekten, war die Größe aus lebenspraktischer Sicht eine Herausforderung. Es gab kaum passende Kleidung, erst recht keine Schuhe in den 80er und 90er Jahren. Ich trug Männerschuhe und meine Hosen und Ärmel waren in der Regel zu kurz. Ich hatte nur ein oder zwei Paar Schuhe, im Gegensatz zu meinen Freundinnen, meiner Schwester und meiner Mutter. Als es Ende der 90er endlich Frauenschuhe in meiner Größe gab, war ich glücklich. Sie waren allerdings viel teurer als die Schuhe meiner Freundinnen und es gab nur wenig Auswahl. Wie oft habe ich mir außerdem überall den Kopf angeschlagen? Ich hatte fortwährend eine Beule.

Es kam erst mit ca. 30, dass ich wirklich in meinem Körper ankam und dass ich sowohl meine Attraktivität, als auch meine Größe als etwas Positives erkannte. Plötzlich fand ich es super, dass ich in Konzerten oder menschengefüllten Räumen immer den Überblick hatte. Ich lernte, mit meiner Größe zu spielen. Es wurde mir egal, dass ich auffiel. Ich lernte: Es ist nicht mein Problem, was andere in mir sehen. Ich entwickelte außerdem sehr viel Spaß darin, noch größer zu werden. Es gab plötzlich Schuhe mit Absätzen in meiner Größe und Stiefel. Also probierte ich Absätze aus, was sehr ungewohnt für mich war. Ich spielte mit meinen Eindruck auf andere und lernte, dass gerade große Männer nicht gut mit einer größeren Frau zurecht kommen. Unter meinen Freundinnen war ich die Größte. Ich habe sehr lustige Erinnerungen daran, dass meine Freundinnen alle klein waren. Auf Partys unterhielten sie sich ein Stockwerk tiefer und ich bekam nichts mit. Auch wenn kleinere Männer mit meiner Größe erstaunlicherweise selten Probleme hatten und mich gern als Freundin haben wollten, fand ich das merkwürdig. Meine Partner waren meist fast gleich groß wie ich.

Großen Frauen wird mehr abverlangt, aber auch mehr zugetraut. Teilweise dachte ich: Sie sehen zu viel in mir. Ich kann das gar nicht ausfüllen. Auch hier also wieder das Gefühl, nur einen Teil des Körpers auszufüllen. Es hat aber auch den gegenteiligen Effekt: Weil von mir erwartet wurde, nicht nur äußerlich sondern auch innerlich groß zu sein, lernte ich dem zu entsprechen.

Heute empfinde ich meine Größe als Privileg. Es macht mir Spaß aufzufallen. Es macht mir Spaß, dass ich meine Größe gegen übergriffige Männer einsetzen kann. Ich fülle meinen Körper jetzt voll aus, was auch bedeutet, dass ich mir der Wirkung meiner Größe bewusst bin. Ich übe, nicht auszuweichen. Interessanterweise haben mich früher Menschen gern fast umgerannt, die viel kleiner als ich waren. Ich war scheinbar – trotz meiner Größe – für sie nicht sichtbar. Ich denke nicht, dass mir das heute noch passieren würde. Für mich ist das auch als feministisches Beispiel wichtig: Dass ich meinen Platz einnehme und behaupte. Dass ich nicht bereit bin, aus Nettigkeit oder Bequemlichkeit meinen Platz zu räumen. Dass mit mir zu rechnen ist. Dass ich Aufmerksamkeit einfordere. Ich mache jetzt bewusst Dinge, die ich mich früher kaum getraut hätte: Ich setze mich der Öffentlichkeit aus. Ich halte Reden. Ich riskiere, mich lächerlich zu machen. Die Unabhängigkeit, Freiheit und den Mut, den ich heute habe, hätte ich mir früher gewünscht.

Da ich nun so viel zu meiner Größe geschrieben habe, bleibt nur noch wenig Raum für meine Hüftdysplasie, die mich seit meiner Geburt begleitet. Sie führte dazu, dass ich mehrfach – seit einem Alter von 2 Jahren – schwere und komplexe Operationen und chronische Schmerzen durchstehen musste und als Kind lange wegen einer Schiene nicht richtig laufen konnte. Ja, genau – von wegen Basketball! Ich könnte noch viel dazu sagen, was aber wieder ein eigenes Thema ist. Zwei Aspekte davon habe ich auf meinem Blog beschrieben. Hier https://phoenix-frauen.de/der-begleiter/ und hier https://phoenix-frauen.de/das-hast-du-dein-leben-gezogen/

Es macht mich traurig, dass es so lange dauert, bis wir als Frauen die Definition von außen und vor allem die Definition durch den männlichen Blick auf uns hinter uns lassen können. Manche können das nie. Dass es mir egal geworden ist, wie Männer mich sehen, kam erst mit etwa 50 Jahren und ich kann gar nicht genug betonen, wie befreiend und verändernd das ist. Ich denke heute, dass Frauen meines Alters bewusst in die Unsichtbarkeit gedrängt werden. Wenn mehr jüngere Frauen sich mit älteren Frauen austauschen würden und ältere Frauen jüngere Frauen unterstützen würden, hätten wir ein starkes Bündnis gegen die Gängelungen des Patriarchats. Frauen ab 50 sind oft sehr stark, interessant und auch attraktiv durch ihre Erfahrenheit. Männer sind dagegen regelrecht langweilig. Das darf sich selbstverständlich keinesfalls herumsprechen, denn es würde die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft in Frage stellen.

Ich würde mir wünschen, dass mehr Frauen wüssten, dass dieses Alter die beste Zeit unseres Lebens sein kann. Ich würde mir auch wünschen, dass Mädchen von älteren Frauen lernen, dass das Unwohlsein und das Fremdheitsgefühl im eigenen Körper vorbei geht.

© Rona Duwe


Rona Duwe könnt ihr regelmäßig lesen, sie schreibt einen Substack zu feministischen Themen. Man kann diesen abonnieren und bekommt dann Post per Mail, wenn wieder ein neuer Text online geht. Ich kann es nur empfehlen.
https://ronaduwe.substack.com/
Außerdem hat sie über ein sehr wichtiges und noch wenig beleuchtetes Thema ein Buch geschrieben:
https://mutterwut-muttermut.de/
Fundamente und Anstoß für die Revolte der Mütter
Wenn wir verstehen, warum wir geschwächt werden, verändern wir die Welt!


Textprojekt Körper: Haarig

Als ich im Jahr 2004 begann, mir die Beine und Achseln zu rasieren, war das unter Mädchen bereits ein ungeschriebenes Gesetz. Es war einfach so. Es gehörte dazu. Niemand dachte wirklich darüber nach warum es so ist, man tat es einfach. Das ist jetzt fast zwanzig Jahre her. Sexuell aktiv wurde ich erst später, mit 19 Jahren, und damit begannen die Enthaarungsprobleme. Ich wusste, dass von Frauen erwartet wurde, komplett haarfrei zu sein. Das war schon damals die verbreitete Botschaft der Medien und der Werbeindustrie. Die Frauen im Schwimmbad, in der Öffentlichkeit, genauso wie im Fernsehen waren allesamt haarfrei. Die einzige Körperstelle an der Haare erwünscht waren, war der Kopf. Diese „Normalität“ hatte ich, obwohl noch ganz unerfahren, bereits verinnerlicht. Also rasierte ich mir zum ersten Mal den Intimbereich. Nicht, weil mich die Haare wirklich störten, sondern weil ich alles richtig machen wollte. Gefallen wollte. Sexy sein wollte. Dass die anderen Frauen es genauso machten, bestätigte mich in dem Glauben, es müsste so sein, es würde zum Frausein dazu gehören. Man hätte keine Wahl.
Damit nahm der Kampf gegen Hautirritationen, Juckreiz und die netten kleinen Entzündungen, die durch das Rasieren oder Ausreiẞen der Haare entstehen, seinen Lauf.

Meine Teenagerzeit liegt schon ein paar Tage zurück und ich musste tatsächlich erst die magische 30 überschreiten, um mich dafür zu entscheiden, meine Körperhaare nicht mehr ständig (fast täglich) zu rasieren. Es ist ein Thema, das bis heute vor allem jugendliche Mädchen und junge erwachsene Frauen beschäftigt und nur selten hinterfragt wird. Die wenigen, die sich dem Enthaarungszwang verweigern, werden mindestens (vor allem im Sommer) mit schiefen Blicken belästigt, wenn nicht sogar mit Anfeindungen und Beleidigungen. Selbst von Frau zu Frau findet die gegenseitige Bewertung und Abwertung statt. Die meisten Mädchen und Frauen haben diesen Hass von Männern übernommen und hinterfragen ihn lange Zeit nicht, manche auch niemals.

Das Internet war schon früher voller Tipps und Tricks, die angeblich gegen Probleme bei der Enthaarung helfen sollten. Der Tipp, die Haare einfach nicht zu entfernen, sondern z. B. nur zu stutzen, tauchte nirgendwo auf. In meinen längeren Beziehungen (zu anderen Frauen) stellte sich dann zum Glück irgendwann eine Art Rasier-Bequemlichkeit ein, weil beide insgeheim genervt von den ständigen Enthaarungen waren. Das hätte aber weder ich noch die jeweils andere je zugegeben. Haarstoppeln zu akzeptieren kam einem wie etwas Verbotenes vor oder zumindest etwas, was sich nicht gehört, weil es gesellschaftlich nicht akzeptiert war. Fast entschuldigend und rechtfertigend fielen verschämte Sätze wie „Tut mir leid, ich bin nicht frisch rasiert.“ … ironischerweise war die ernst gemeinte Antwort dann meist „Das macht doch nichts, ist mir egal. Ich auch nicht.“ Spätestens hier hätte der Groschen fallen können. Es ist egal! Aber die Manipulation über Jahre hatte ganze Arbeit geleistet. Ein Gefühl des Unwohlseins stellte sich ein, wenn man sich nicht glatt rasiert zeigte. Manche Frauen entwickeln dadurch sogar einen richtigen Ekel vor sich selbst, vor den eigenen Haaren. Empfinden sie als unhygienisch. Einfach mit dem Enthaaren aufzuhören, scheint gar keine Option zu sein. 
Irgendwann stellte ich fest, wie ich es in Singlezeiten (und Zeiten ohne Dating) genoss, mich einfach gar nicht zu rasieren oder eben nur bei Gelegenheit, alle paar Wochen oder alle paar Monate. Kein Jucken, kein unerträgliches Stechen beim Nachwachsen der Haare, wenn man eine enge Jeans trägt, im Büro sitzt und sich kaum auf die Arbeit konzentrieren kann, weil man sich vorgestern babyglatt rasiert hat und jetzt die Quittung bekommt. 

Warum ist die Komplettrasur für Frauen in der westlichen Welt überhaupt zu einem solchen Zwang geworden? Die Ursache liegt der Pornografie und damit meine ich nicht nur unsere heutige, überall verfügbare Pornografie, sondern bereits die Anfänge in weit zurück liegenden Jahrhunderten, kulturübergreifend. Erwachsene Frauen, die das Zeichen ihres Erwachsenseins, nämlich die Körperhaare, entfernen sollen, um kindlicher und damit hilfloser für Männer auszusehen. 

Inzwischen habe ich das Selbstbewusstsein, mich nur noch selten und im Intimbereich gar nicht mehr komplett zu rasieren, doch um an diesen Punkt zu gelangen war über ein Jahrzehnt der Quälerei und der Schmerzen nötig. Bis heute ist das Thema auch für mich leider präsent. Beim Dating, einem neuen Kennenlernen, weiẞ man nie, wie das Gegenüber zu dem Thema steht. Risiko. Mich verunsichert das heute nicht mehr so wie früher, weil ich inzwischen denke „akzeptiere meinen Körper wie er ist oder verschwinde wieder“ … aber an diesen Punkt zu kommen war ein langer Prozess. Doch es ist möglich und es bedeutet Freiheit und (mehr) Gesundheit. Darum möchte ich jedes Mädchen und jede Frau ermutigen, sich selbst und das eigene Verhalten zu hinterfragen. Warum rasiert man sich den ganzen Körper? Weil man sich selbst damit wohl fühlt? Weil man die Nebenwirkungen in Form von Juckreiz und Schmerz als notwendig hinnimmt? Nicht vielleicht doch eher, weil es erwartet wird, weil andere es wollen oder der Partner es gar voraussetzt? Selbstakzeptanz kann man genauso lernen wie die perfekte Rasur … und es ist im Gegensatz zu Rasierern, Schaum und Enthaarungswachs sogar gratis. Es muss sich nicht jede Frau vollständig gegen Enthaarung entscheiden, aber es ist wichtig, ein Bewusstsein zu entwickeln, warum man etwas macht und es bleiben zu lassen, wenn es einem schadet.

© Selena Broens


Selena hat schon zwei Bücher geschrieben, aktuell ist „Radfem“ erschienen, ein Buch zur Frauenbewegung und dem Feminismus in den aktuellen Debatten. Shaut mal vorbei:
https://www.selena-broens.de/


Haare, Haare, Haare, wer von uns hatte dieses Thema noch nicht. Fühlst du dich gezwungen zur Rasur? Oder nimmst du dir die Freiheit raus auch mit Haaren durchs Leben zu gehen? 😉

Hast du auch ein Thema mit deinem Körper welches dich beschäftigt? Einen Rat für Andere? Etwas auf was du gern aufmerksam machen würdest oder was dich beschäftigt? Dann mach doch mit und reiche auch einen Text ein.

Textprojekt Körper: Bikinifigur

Von der Bikinifigur* bin ich weit entfernt. Darum kaufe ich mir keine Bikinis und ziehe auch keine mehr an. Ich fahre mit dem Rad zum See, in den FKK-Bereich und schwimme nackt. Das spart auch die Frage, ob ich nach dem Schwimmen den nassen Bikini ausziehe und einen trockenen an. In der Badetasche ist auf diese Weise mehr Platz für ein Buch.

Wenn ich an anderen Seen die jungen Frauen in ihren Bikinifiguren, mit der feuchten Badebekleidung und dem Handtuch, dass sie um sich geschlungen haben, um ihren Körper vor den Blicken anderer zu verstecken, ringen sehe, denke ich: „Da haben sie nun den begehrten, angestrebten, jugendlich, elastisch, schlanken Körper und ziehen sich doch so schamvoll um, damit ihn niemand sieht. Dann breite ich mein Laken aus, lasse ein Teil nach dem anderen darauf fallen, allen, die mich dabei beobachten, mute ich meinen Körperanblick zu: Schaut, so sieht ein Körper auch aus! Und so sieht deiner, ihrer, seiner, so der einer 80-Jährigen da drüben, so unterschiedlich! Und alle Körper schwimmen in dem See.

Ich denke an eine Freundin, die als Jugendliche im Schwimmkader war, immer gut und gerne geschwommen ist. Sie wohnt in der Nachbarschaft eines wunderschönen Badesees und geht seit Jahren nicht schwimmen, weil sie ihr Kleid nicht ausziehen mag. Sie schämt sich ihrer gedellten und vernarbten Oberschenkeln. – Einer Spur ihrer Geschichte. Eine Folge eines Motorradunfalls vor vielen Jahren. Spuren von gelebten Leben. Wie auch an meinem Körper: die Narben der Entbindung meiner Kinder. Sie haben Gewebe unter der Haut wuchern lassen und damit Faltungen und Ausstülpungen unterm Bauch über dem Venushügel gebildet. Die ließen sich unter Kleidung verstecken. Aber ich gehe mit ihnen schwimmen, ob sie nun jemand sieht oder nicht sieht. Ich sehe sie ja täglich vor dem Spiegel, werde sie immer sehen und spüren. Warum soll ich der Welt vorenthalten, dass ich verletzt wurde, dass ich Narben habe? Mein Körper zeigt sie. Während meine Seele sie versteckt. Heilen können beide nur durch Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit vom mir und von anderen.
©Schreibwolf


* Bikinifigur und Strandkörper sind Bezeichnungen für Schönheitsideale, die vorwiegend in Lifestyle- und Fitness-Magazinen,    Frauenzeitschriften und Boulevardzeitungen in Artikeln über Fitnesstraining und Diäten zur Gewichtsreduktion verwendet wird. (wikipaedia.org)

*** Bikinifigur = Ein Körper mit einem Bikini bekleidet. (meine Definition)

von: Der Schreibwolf: https://derschreibwolf.wordpress.com


Ich muss sagen, ich finde mich echt in jedem Text irgendwo wieder, und das ist so großartig. Wie geht es dir damit?

Es besteht die Möglichkeit mit deinem eigenen Text dabei zu sein. Meld dich gern bei Interesse.
Es geht darum Erfahrungen und Befinden von Frauen zu sammeln. Deine Stimme ist gefragt, sie wird gebraucht! Texte von Frauen für Frauen. Mehr Infos hier ->

Textprojekt Körper: Öffentliches Eigentum

In den letzten Wochen hat mich eine Frage sehr beschäftigt, eine sehr wichtige Frage, deren Antwort eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte: Wem gehört mein Körper? Mir selbst? Ich bin mir da nicht so sicher.

Ich fühle mich nicht frei in meinem Körper. Dabei sind wir doch heute angeblich so frei, zumindest in Industrieländern. Hier kann ich meinen Körper immerhin zur Uni bewegen, oder überhaupt alleine nach draußen. Aber soll es das wirklich schon gewesen sein? Wissen wir überhaupt, was Freiheit ist? Die Antwort auf diese Frage ist lang und kompliziert. Jede und jeder muss seinen eigenen Weg zur Wahrheit finden. Das hier ist ein kleiner Ausschnitt meines Wegs zur Wahrheit.

Ich bin ein Lebewesen, das theoretisch Kontrolle über seinen Körper hat. Ich bin in der Lage, Arme, Beine, Hände und Zehen zu bewegen – wenn ich aber etwas Falsches damit anstelle, muss ich mit Konsequenzen rechnen. Diese können ganz unterschiedlicher Natur sein. Wenn ich von einem Gebäude springe, werde ich je nach Höhe ziemlich sicher sterben oder mir „nur“ sämtliche Knochen brechen. Es gibt aber auch Konsequenzen anderer Art. Sie sind viel subtiler. Wenn du nicht das Pech hast, tatsächlich angegriffen zu werden, merkst du vielleicht nicht einmal, dass du zerbrichst, denn es passiert langsam in deinem Inneren. Ich spreche von deiner Seele.

Wenn ich an meine Kindheit denke, fallen mir viele Sachen ein. Es gibt aber wenig, das mich so nachhaltig geprägt hat, wie die ständige Dauerbeschallung mit konservativen Werten und den Erwartungen, wie man als Mädchen oder Frau in einer bayerischen Kleinstadt eben zu sein hat. Ich bin mit sehr viel Slut-shaming aufgewachsen. Es ist wahrscheinlich wirklich die eine Sache aus meiner Kindheit, die mir am lebhaftesten in Erinnerung geblieben ist. Trotzdem habe ich Jahre gebraucht, um zu verstehen, wie traumatisch diese Erfahrungen tatsächlich waren und wie sich mich als Person beeinflusst haben. Zum Beispiel bin ich früher gern abends spazieren gegangen. Ich hab es geliebt und noch lange gemacht, nachdem ich ausgezogen bin. Der einzige Grund, aus dem ich aufgehört hab, ist, dass ich in eine Gegend ziehen musste, in der ich mich nicht mehr so sicher fühle – aus verschiedenen Gründen. Jedenfalls begann ich damit als Jugendliche. Ich fand die Dunkelheit sehr beruhigend und friedlich. Sie half mir damals, den „Explosionen“ (so nannte ich seine Ausbrüche damals) meines toxischen Vaters zu entkommen.

Apropos toxische Väter, meiner begann schon sehr bald damit, mir vorzuwerfen, ich würde „es darauf anlegen“, was so viel hieß wie, dass ich angegriffen werden wollte, denn mir hätte ja im Dunkeln jemand folgen können. Er ging sogar so weit, dass er anderen Leuten davon erzählt hat, auch wie dumm ich sei, dass ich es „darauf anlegte“, was meines Erachtens noch viel gefährlicher ist als ein Spaziergang nach 19 Uhr. Sein Verhalten hat mich wirklich verletzt, aber ihn zu konfrontieren, hat alles nur schlimmer gemacht. Er war absolut überzeugt davon, dass ich verzweifelt vergewaltigt werden will.

Dies war aber nicht das einzige, das ihn dazu bewegt hat, so etwas zu sagen. Die Art, wie ich mich kleidete – oder Frauen generell – konnte ihn sehr, sehr wütend machen. Ich war nie die Sorte Teenager, die viel Haut gezeigt hätte, aber als ich mein kurzes schwarzes Kleid zur Geburtstagsparty meiner Schwester trug – holy shit! Der Rock war ihm etwas zu kurz, also hab ich es OFFENSICHTLICH wieder darauf angelegt – die einzig mögliche Erklärung, wieso eine Frau ein Kleid tragen würde, das über den Knien endet.

Jetzt denkst du vielleicht, er war ja nur ein besorgter Vater, der nicht wusste, wie er seine Sorgen anders ausdrücken soll? Nein, einfach nein, und zwar deshalb:

  1. Die meisten Opfer von Missbrauch kannten ihre Täter vorher. Die „Verrückten“, die hinter Bäumen und Büschen lauern, gibt es zwar auch, aber sie sind viel seltener, als die meisten Leute denken. Das heißt, er hätte sich von vornherein gar nicht so viele Sorgen machen müssen.1

Er hätte sich mal mehr Sorgen über seinen komischen Kumpel machen sollen, der meine Mutter belästigt hat, als ich ein Kind war (den er immer noch eingeladen hat, obwohl er wusste, was passiert war – witzig, oder?).

  1. Wenn mir irgendwas passiert wäre, hätte ich nicht die Person sein sollen, die dafür verantwortlich gemacht wird. Ich wäre ein Opfer gewesen. Es sollte nicht von Bedeutung sein, was jemand getragen oder nicht getragen hat. Nein heißt Nein!
  2. Anderen Leuten zu erzählen, dass die eigene Tochter missbraucht werden will, gehört wahrscheinlich zu den unverantwortlichsten Dingen, die man als Eltern tun könnte. Was zum Fick!? Vor allem, wenn man bedenkt, dass mein Vater mit jemandem befreundet war, der bereits auffällig geworden war und somit offensichtlich keine Selbstkontrolle hatte.

Wenn ich darüber nachdenke, werde ich traurig. Es ist verletzend genug, als dumm abgestempelt zu werden (eine weitere Sache, mit der Frauen ständig zu tun haben), aber noch viel verletzender, solche Vorwürfe an den Kopf geworfen zu bekommen, und noch dazu zu wissen, dass man sich niemals an die eigenen Eltern wenden könnte, sollte es einem tatsächlich mal passieren. Denn man kann sich eben nicht schützen. Ich verstehe nicht, wie man so sein kann. Die einzige logische Erklärung, die mir einfällt, ist, dass mein Vater Frauen als sexuelle Objekte sieht, die keine Kontrolle über ihre eigenen Körper haben sollten. Das klingt vielleicht erstmal extrem, aber warum sollte jemand so denken, außer er sexualisiert Frauen selbst permanent? Es ist ja nicht so, als gäbe es gesellschaftliche Bestrebungen, davon wegzukommen. Im Gegenteil, das ständige Sexualisieren von Frauenkörpern wird noch bestärkt, siehe zum Beispiel in der Werbung.

Diese Erfahrungen hatten definitiv Einfluss darauf, wie ich mich in Bezug auf meinen Körper fühle – und Männer. Ich habe das viele Jahre nicht gemerkt. Ich wusste, dass ich ein Problem hatte, aber konnte nicht sehen, wo die Wurzeln lagen und welcher Natur das Problem war. Ich habe Männer als Kind schon als Autoritätspersonen gesehen. Ich habe sie als stark und kalt wahrgenommen, während Frauen nett und weich waren. Männer waren diejenigen, die geurteilt haben, vielleicht sogar bestraft – Frauen waren diejenigen, die einem noch eine zweite Tafel Schokolade gekauft haben, wenn der Mann gerade nicht hinsah.

Trotzdem habe ich nie verstanden, wie das als Erwachsene einen Einfluss auf mein Sexleben haben könnte. Es ist ja nichts passiert, oder? Niemand hat mich vergewaltigt.

Es wäre allerdings naiv anzunehmen, dass es nicht schädlich sei, solche Dinge immer und immer wieder zu hören, während man aufwächst. In meinem Fall führte es zu einer ständigen, unbewussten Angst vor Männern. Ich habe keine Angst vor Männern im Allgemeinen, ich kann mit ihnen befreundet sein, mich unterhalten und zusammenarbeiten. Wenn ich aber kurz davor bin, mit einer neuen Person Sex zu haben, kann ich mich einfach nicht entspannen. Irgendein Teil von mir ist absolut davon überzeugt, dass mir der Typ vor mir wehtun wird, auch wenn er eigentlich ziemlich nett ist. Ich kann es nicht einmal richtig erklären. Es ist eine tief verwurzelte, existenzielle Angst, fast als wäre ich kurz davor, mit einem wilden Tier zu schlafen. Nackte Männer machen mir eine scheiß Angst! Das macht mich sehr traurig, denn ich liebe Sex! Es sollte definitiv etwas sein, das ich genießen kann.

Unglücklicherweise hat mich meine Angst noch nie davon abgehalten, mit jemandem zu schlafen – egal wie oft die Männer mich gefragt haben, ob es wirklich okay ist, nachdem ich vor ihnen geheult hatte. Viele Frauen werden emotional, wenn sie mit jemandem intim werden. Das muss nicht zwangsläufig heißen, dass sie irgendein Trauma haben, man lässt immerhin jemanden sehr nah an sich ran, was im Alltag eher selten passiert. In meinem Fall war das allerdings definitiv ein Warnsignal. Immer.

Ich ignorierte meine Angst und machte weiter. Ich wusste nicht, wie man Nein sagt. Theoretisch wusste ich, dass niemand etwas tun sollte, das er oder sie nicht will, aber das machte es mir nicht einfacher, Grenzen zu setzen. Ein Teil von mir hatte das Gefühl, den Männern das, was sie wollten, schuldig zu sein. Manchmal fühlte ich mich danach furchtbar und benutzt, in den meisten Fällen fühlte ich mich aber gut – nicht weil ich Spaß gehabt hätte, sondern weil ich Bestätigung bekommen habe. Ein Mann findet mich gut! Jackpot!

Ich weiß nicht, wie Sex mit jemand neuem heute für mich wäre, denn ich bin inzwischen schon eine ganze Weile in einer monogamen Beziehung. Ich weiß nur, dass es einer Menge Frauen so geht, mehr als wir gerne denken, und die einzig logische Erklärung, die mir dazu einfällt, ist, dass weibliche Körper so eine Art öffentliches Eigentum sind. Natürlich gibt es Gesetze, die besagen, dass Vergewaltigung verboten ist, und trotzdem gibt es eine Menge Männer, die nie verurteilt wurden und Frauen, denen entweder nicht geglaubt oder die Schuld gegeben wird für das, was ihnen passiert ist. Manchmal ist es fast, als wären wir nur so etwas wie Wächterinnen über unsere Körper, bis jemandem danach ist, einen zu benutzen, und wir in den Hintergrund treten.
Ich sage nicht, dass jeder einzelne Mann auf der Welt so denkt, aber sehr viele Frauen denken so, unbewusst, denn Frauen haben keine Kontrolle über ihre Körper. Wenn sie sich entscheiden, etwas zu tun, dass die Männer (oder auch konservativen Frauen) um sie herum nicht gut finden, hat das Konsequenzen. Wenn sie sich weigern, etwas zu tun, na ja, hat das manchmal auch Konsequenzen. Die ganze Situation ist absurd und nur noch erbärmlich.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir im Laufe unserer Erziehung alle zu einem gewissen Grad gebrochen werden. Ich werde abhängig gemacht. Zwar haben wir in Deutschland heute nicht mehr das Problem, keinen Zugang zu Bildung zu haben (vorausgesetzt die soziale Herkunft stimmt, aber das ist ein anderes Thema), aber wir sind abhängig von den Meinungen der Gesellschaft, insbesondere der Männer. Wenn wir aus der Reihe tanzen, haben wir es unter Umständen mit Benachteiligung, Mobbing, Slut-shaming, Ausschluss aus der Familie, Belästigung, im schlimmsten Fall Femizid zu tun. Die Liste ist lang. Das heißt aber nicht, dass das so bleiben muss!
Wenn wir uns das Problem bewusst machen, können wir etwas tun – zumindest zu einem gewissen Grad. Überlegt euch immer sehr gut, wen ihr wählt, unterschreibt Petitionen, teilt Artikel zum Thema… Manchmal bringen auch kleine Veränderungen schon viel. Tatsächlich trage ich in diesem Moment eine Vulva-Kette als Akt der Rebellion. Ich liebe meine Vulva genauso wie ein Mann seinen Penis. Durch sie fühle ich mich gut und das reicht. Ich bin noch nicht vollständig geheilt von meinem Trauma, ich habe immer noch eine Menge Probleme, aber kleine Dinge wie meine Kette sind unglaublich hilfreich, denn sie sagt mir jeden Tag: „Dein Körper gehört eigentlich dir, und du hast eine großartige Pussy!“
Kleiner Nachtrag: Als ich diesen letzten Satz geschrieben habe, war er mir zunächst peinlich, er erschien mir fast absurd. Aber seht euch mal um: In Bezug auf Männer geht es ständig darum, wer den besten oder größten Cock hat, und sei es auch nur als Scherz gemeint. Wenn eine Frau etwas Ähnliches über ihre Vulva sagt, wird es als „weird“ empfunden. Tja, mir egal.

©Xenia


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Textprojekt Körper: Sara

[Dieser Text enthält Beschreibungen von Selbstverletzung und Suizidgedanken]

In der falschen Gesellschaft geboren

Ich stehe vorm Spiegel und ziehe mein T-Shirt aus. Der Anblick löst so viel Hass in mir aus, dass ich mir am liebsten wehtun möchte. Das ist nicht mein Körper. Nur Frauen haben so einen Körper und das will ich ganz bestimmt nicht. Ich hasse es eine Frau zu sein und ich hasse Frauen überhaupt.

Ich binde mir die Brust mit einem Verband ab, so wie man es eigentlich nicht tun sollte, und ziehe mein Shirt wieder drüber. Viel besser. Ich betrachte mich im Spiegel von allen Seiten. So sollte das eigentlich aussehen. Wie schön wäre das, so einen flachen Oberkörper zu haben. Am liebsten würde ich nur noch so herumlaufen. Allerdings bekomme ich so auch kaum noch Luft. Ich würde einen Binder tragen, wenn ich könnte, doch niemand weiß davon, dass ich eigentlich kein Mädchen bin. Ich ziehe mich frustriert wieder um und verstecke den Verband in meinem Zimmer.

Ich stehe vorm Spiegel und ziehe mein T-Shirt aus. Der Anblick löst so viel Hass in mir aus, dass ich mir wehtun muss. Ich starre mein Spiegelbild an, das Taschenmesser fest von meiner Hand umklammert. Was ist schon dabei? Ich mache das doch nur dieses eine Mal. Es geht nicht anders. Ich atme tief durch und ziehe mir das Messer über die Brust. Wieder und wieder. Bis überall rote Tränen auf meiner Haut schimmern. Ich fühle mich frei.

„Du möchtest also kein Mädchen sein?“, fragt mich die Psychiaterin. Mein Körper ist übersät von tiefen Narben. Ich blicke zu Boden. „Ich hätte lieber einen männlichen Körper“, antworte ich leise. „Hast du denn schon mal darüber nachgedacht, eine Geschlechtsangleichung machen zu lassen?“, fragt sie weiter. „Ja, das habe ich. Aber ich werde doch immer eine Frau sein, egal was ich an meinem Körper verändern lasse.“ Der Gedanke daran macht mich noch verzweifelter. Ich will das alles nicht. Wieso konnte ich nicht als Mann geboren werden? Es ist schrecklich, diesen Körper ertragen zu müssen und noch schrecklicher, daran zu denken, dass man niemals die Person sein wird, die man eigentlich sein sollte.

Ich lasse mir die Haare kurz schneiden, kaufe neue Kleidung in der Männerabteilung und versuche so gut wie möglich meinen weiblichen Körper dahinter zu verstecken. Obwohl ich das Gefühl auf meiner Haut hasse, trage ich unter meinen Shirts enge Oberteile, damit meine Brust möglichst flach wirkt. Von nun an halten mich die meisten fremden Leute für einen Mann. Irgendwie fühlt sich das gut an, so wie eine Bestätigung. Die Bestätigung darin, dass ich eigentlich gar keine Frau, sondern ein Mann sein sollte und auch als solcher wahrgenommen werde.

Gleichzeitig fühlt es sich einfach falsch an. Ich spiele mir selbst etwas vor. Der Hass auf meinen Körper bleibt. Mein Aussehen ist nur eine Art Illusion für mich selbst, dass ich nicht nur als männlich wahrgenommen werde, sondern tatsächlich ein Mann bin. Doch eigentlich ist es nichts anderes als eine Lüge, die spätestens dann auffliegt, wenn ich mich abends umziehe und so angewidert auf meinen vernarbten Frauenkörper blicke, dass ich mir wünsche ich würde einfach aufhören zu existieren. Ich mag mich kaum noch ansehen.

Das Gefühl, auf ewig in diesem Körper gefangen zu sein, scheint unerträglich. Mein psychischer Zustand verschlechtert sich immer weiter. Die Selbstverletzungen nehmen kein Ende, ich werde immer hoffnungsloser und verzweifelter. Immer wieder werde ich von PsychiaterInnen darauf angesprochen, ob ich denn nicht mein Geschlecht ändern möchte – das scheint wohl die einfachste Lösung zu sein. Bei einem Klinikaufenthalt wurde mir einfach so „transgender(?)“ in meinem Diskurs notiert, ohne dass ich das Thema dort je angesprochen hatte – allein aufgrund meines Aussehens. Ein anderer Psychiater ist wegen meines Erscheinungsbildes so überzeugt davon, dass ich trans sein muss, dass er mich gar nicht richtig ernst nimmt, als ich versuche ihm zu erklären, dass ich daran zweifle, ob das überhaupt richtig ist.

Diesen Zweifeln habe ich es zu verdanken, dass ich jetzt hier sitze und diesen Text schreibe, als Frau, die ihren Körper zwar mit Narben auf der Haut, aber dennoch unversehrt durch diese schwere Zeit gebracht hat. Im Nachhinein bin ich unendlich froh darüber, auf mein Bauchgefühl gehört zu haben. Darüber, mich keinen Operationen und Hormonbehandlungen unterzogen zu haben. Das Gefühl, im falschen Körper zu stecken, wäre so zur Realität geworden.

An meinem Aussehen hat sich seither nicht viel geändert. Ich trage weiterhin kurze Haare und Kleidung aus der Männerabteilung, schminke mich nicht, rasiere mich nicht, habe immer kurze Nägel und trage keine BHs. Ich konnte mit all den Dingen, die als feminin gelten und angeblich zum Frau-Sein dazugehören, nie etwas anfangen. Und jetzt weiß ich auch, dass das völlig in Ordnung ist und ich genauso eine Frau bin, wie alle anderen.

Mich halten weiterhin einige Leute für einen Mann, doch ich gehe damit ganz anders um. Ich weiß jetzt, wer ich bin. Mir geht es nicht länger darum, unbedingt als Mann wahrgenommen zu werden, weil ich mein Frau-Sein so sehr ablehne. Es passiert eben manchmal, aber es löst keine Emotionen mehr in mir aus und ich komme mir auch nicht länger seltsam dabei vor, jemanden zu korrigieren und zu sagen, dass ich eine Frau bin. Ich möchte eben so aussehen, wie ich aussehe. Ich fühle mich nicht mehr fremd in meinem Körper und ich bin stolz darauf, genauso zu sein, wie ich bin.

©Sara / dragonfly.bbx


Dies ist der zweite Text zur neuen Runde des feministischen Textprojektes „Mein Körper und ich“
Es besteht die Möglichkeit mit deinem eigenem Text dabei zu sein. Meld dich gern bei Interesse.
Es geht darum Erfahrungen und Befinden von Frauen zu sammeln. Deine Stimme ist gefragt! Texte von Frauen für Frauen. Mehr Infos hier ->

Textprojekt Körper: Körpermeer

Körpermeer

Ich sehe Deine schweren Brüste,
ahne das Gewicht Deines Bauches.
Was verraten mir die roten Flecken
auf Deiner delligen, welligen Haut?
Von der Seite betrachtet erinnerst Du an ein träges altes Nilpferd
—es ruht…es genießt…
Körperfleisch.
Fleischberge.
Geborgene Körper.
Weiße Streifen zeichnen Trailheads auf Deinen Körper.
Wo gelange ich hin, wenn ich ihnen folge?
Ich verbiete mir die Frage nach der Kilomasse.
Und dennoch schätze ich ab.
Keine Geringschätzung; eine multiplizierte komplexe Schatzsuche.
Im Sitzen werden aus 3 Faltungen 4.
Eine widerspenstige Oberarmfalte hat sich ins Bild geschoben.
Deine Rückenansicht eine Mogelpackung.
Schmal verbirgt sie das Füllige.
Schläge in den Nacken nicht möglich.
Die Schutzschickt XXL ist gut abgepolstert.
Oder??!
Deine Möse nicht rasiert.
Schamlose Scham.
Nein, eine Bauchfalte klappt sich verlegen über Deinen Schoß.
Diese Bauchfalte gleicht einer Handtasche. Die Klitoris ihr verborgener Schatz darin.
Wo das Runde sich festigt und in abfallenden Linien Ego manifestiert.
Bodylandschaft.
Mutterschoß.
Körpermeer. Körpermehr.
Körperkissen. Ruhe sanft.
KÖRPERSPEICHER – endlose Frauengeschichte(n) sorgsam archiviert.

© Sabine Küster


Dieser Text entstand anlässlich einer Live Drawing/Performing Session der Künstlerin Cameryn
Moore auf dem Performing Arts Festival Berlin und spiegelt den Blick der Autorin sowohl auf den
Körper der Künstlerin wie auf ihren eigenen wider.
Eine Auseinandersetzung um Körperempfinden, Body-Shaming und Lust.
Sabine Küster, Autorin und Künstlerin,
Gestalterin der ‚MUSENLAND Akademie für Biografisches & Kunst,
http://www.musenland.de


Auch Sabine Küster hat momentan ein Textprojekt mit dem Thema „Spuren“ – Schau mal auf ihrem Blog vorbei. http://www.musenland.de


Dies ist nun der erste Text zur neuen Runde des feministischen Textprojektes „Mein Körper und ich“
Es besteht die Möglichkeit mit deinem Text dabei zu sein. Meld dich gern bei Interesse.
Es geht darum Erfahrungen und Befinden von Frauen zu sammeln. Deine Stimme ist gefragt!

Die Tochter

… so heißt das Buch mit dem schönen Cover von Lori Metha, geschrieben von Kim Hye-Jin, erschienen dieses Jahr bei Hanser Berlin, übersetzt von Ki-Hyang Lee.

Am Anfang aber steht die Mutterfigur dieser Konstellation und sie bleibt auch die Haupterzählerin. Sie berichtet uns von ihrem Alltag und ein wenig auch von ihrer Geschichte, wir werden teilhaben an ihrem oft festgefahrenem Blick auf ihre Tochter und deren Freundin. Und wir sind dabei, wenn sie sich um ihren Pflegling kümmert, eine einstmals bekannte Dame, die weit gereist ist und nun dement als Pflegefall ihre Tage in einem Altenheim verbringt. Ihr letztes Stück Leben scheint klein und belanglos und bewegt trotzdem soviel in dieser Geschichte.

Diese Mutter, mit ihr beginnt die Geschichte. Sie, ihre Sicht und ihre Worte und Gedanken. Mehrfach hat mich das irritiert und ins Stocken gebracht. Es war ungewohnt, diese Sicht.
Die Mutter trifft sich mit ihrer erwachsenen Tochter. Sie selbst ist Witwe, lebt allein in ihrem alten Haus und arbeitet als Altenpflegerin, um ihre Rente aufzubessern. Ein Gedanke der sie sehr beschäftigt:

„Warum macht sie mich so unglücklich? Warum ist meine Tochter so grausam zu mir?“

Die Mutter schämt sich für ihre Tochter, zutiefst.
Und das ist eine Sache, die einen an dieser Geschichte am Anfang stolpern lässt. Es passt nicht so ganz in das allgemeine Bild einer „guten“ Mutter. Diese vielen Urteile über die eigene Tochter. Die Scham und die Wut, dass das Kind nicht „richtig“ geworden ist. Und auch noch das falsche Geschlecht liebt und merkwürdigen Aktivitäten nachgeht.
Und schlussendlich aber wieder, ganz das übliche Frausein: die Suche nach der eigenen Schuld, den eigenen Fehlern. In diesem langen ersten innerem Dialog.

~

Ich denke, viele Töchter kennen diese Haltung der Mutter wiederum sehr gut. Es gibt soviel was falsch ist, so viel Ungeratenes, soviel was nicht den Erwartungen entspricht und einen lang ins eigene Leben hinein verfolgen kann. Das Gefühl falsch zu sein, weil die Mutter genau das einen immer wieder spüren ließ. Selten aber so in Worten ausgedrückt, wie dieser Text es hier tut.
Die Tochter hat in den Augen der Mutter viele Fehler, und trotzdem kommt es so, dass sie wieder zu Hause einzieht und ihre Freundin mitbringt. Gegen den Willen der Mutter. Es gibt keine andere Lösung.

Nachdem ersten stolpern und stocken wird die Geschichte langsam flüssiger. Wir erfahren Stück für Stück mehr zu den Protagonistinnen. Ein vollkommen weibliches Buch. Einfach wundervoll und viel zu selten. Wie gut das tut, über weibliche Befindlichkeiten und weibliches Leben zu lesen. In diesem ganz und gar weiblichem Rahmen.
Eine Autorin: Kim Hye-Jin, die 3 Frauen: Mutter, Tochter, Freundin, eine lesbische Liebe, und schlussendlich noch die sehr wichtige Person: Die alte Dame, die die Mutter im Altenheim pflegt.

„Was können Sie schon für diese Menschen tun, die sowieso am Ende ihres Lebens stehen? Es ist traurig, aber sie wissen es doch wie es ist. Das ist der Lauf der Dinge.“

3 Generationen treffen in diesem Buch aufeinander. In einem Metaraum, den Gedanken der Mutter, am Ende dann tatsächlich ganz materiell und wesentlich.
Zwischen Ruhe vorm Sturm, einem gereiztem Elefanten im Raum, bis zur Stille, Müdigkeit, weiter zum Streit, sich aus dem Weg gehen bis hin zum Miteinander das sich finden muss, Gemeinschaft und einer unglaublichen Horizonterweiterung sind in diesem Stück Geschichte vielen Stimmungen und Bindungen zu finden.

„Das Kind, das ich zur Welt gebracht habe, ist mir so fremd, wie einem jemand nur fremd sein kann.“

Es braucht einen Sturm bzw. zwei für die Verwandlung der Raupe zum Schmetterling; einen lauten, großen, gewaltigen und einen leisen, kaum zu ahnenden und tiefgehenden. Diese Stürme und ihr aufeinandertreffen werden aber nicht bei der Tochter, sondern bei der Mutter stattfinden. Und sie werden eine wichtige Tür aufstoßen, was das Leben und vorallem die Sicht der Mutter wesentlich ändern werden.
Wir finden wunderbar geschriebene Streitdialoge und stille Beobachtungen. Eine dynamische Geschichte voller aufbrechender Krusten und Veränderung.

„Ohne Erwartungen, ohne Hintergedanken, ohne Furcht möchte ich Fragen stellen und auf die Antwort warten.“

So langsam wie die Geschichte Fahrt aufnahm, soviel Weisheiten stapeln sich förmlich am Ende, hier konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Es ist zwar eine Geschichte aus Korea, aber vieles könnte genauso hier spielen. Die alten Muster, Traditionen und Meinungen. Das vermeintliche Wissen wie etwas zu sein hat und werden soll, bis hin zu unseren Nächsten, und der Ansicht der Anderen, vor denen man sich fürchtet. Der Streit mit der Realität – diesen können wir nicht gewinnen. Nichts ist stärker als das, was ist. Die Realität schert es nicht, was wir möchten oder was wir von ihr halten.
Was wir können, ist sie uns genau anzuschauen, ihr zuzuhören und Wege zu finden, damit umzugehen. Das ist oft schwer, hart und beängstigend, aber am Ende findet sich Authentizität und Offenheit, und das ist ein wunderbares Gefühl. Ein Raum voller Liebe und Wertschätzung, und einem Handeln welches weiß was zu tun ist und es tut.

Die Autorin zeigt uns mit dieser Geschichte, dass unser veränderter Blick alles verändern kann. Und die Geschichte, die zu dieser Einsicht führt, ist klug gewoben, vielschichtig und tief. Eine wirklich gute Lektüre.



Die Tochter
von Kim Hye-Jin
Übersetzung Ki-Hyang Lee
Hanser Berlin 20,- €

Bewertung: 5 von 5.

Kim Hye-jin, geboren 1983 in Daegu, ist eine koreanische Schriftstellerin. Für ihre Romane wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2020 mit dem Daesan Literaturpreis, dem wichtigsten seiner Art in Südkorea. Mit Die Tochter erscheint erstmals ein Roman von Kim Hye-jin auf Deutsch.


Coverbild von der Künstlerin Lori Metha https://www.lorimehtaart.com/

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