Kathrine Kressmann Taylor – So träumten die Frauen

dscn5458Ein kleines Bändchen, wunderschön gebunden in fliederfarbenem Leinen, mit einer Schwarzweißfotografie von Harry Gruyaert – und mir kommt gleich der Gedanke wie schön ein durchgängiges Konzept gewesen wäre mit einem Foto von einer Fotografin, z.B. Vivian Maier – die auch zeitlich besser gepasst hätte. Dazu am Ende mehr.

Kressman Taylor wurde 1903 in Portland/Oregon geboren, was man dem Nachwort Ihres Sohnes zum Buch entnehmen kann. Hier finden wir Informationen zu Ihrem Lebenslauf. Ich liebe diese Anschlußtexte. Denn oft ist man ja nach den Geschichten wirklich neugierig auf die Person die sie geschrieben hat.

1939 wurde Ihr erstes Buch „Adressat unbekannt“ – der Briefverkehr eines Juden in Amerika und seines ehemaligen Freundes, nunmehr in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus, veröffentlicht und schlagartig berühmt. Was Ihr dann ermöglichte ein besseres Leben zu führen und weiter zu schreiben.

„So träumten die Frauen“ ist ein Band mit 5 Kurzgeschichten aus den 50iger Jahren – bis auf eine von 1935, die letzte Geschichte im Band – ein Frühwerk, dessen Thema sich aber auch in einer späteren Geschichte wiederfindet, aber nach der Reihe:

***

Das Mädchen mit dem blauen Kleid, 1958

Eine junge Frau besucht Ihre Familie auf dem Land. Sie selbst wohnt in der Stadt und erlernt dort die damals üblichen Bürotätigkeiten – scheint lange der Beruf gewesen zu sein, für Frauen die mehr vor hatten. Sie verdient Ihr eigenes Geld und spart auf den nächsten Kurs.
Bei Ihrem Besuch trifft Sie – so lese ich es heraus – einen alten Schwarm wieder und überdenkt Ihren aktuellen Lebensentwurf.

Erste Liebe, 1957

Eine Familie mit schicken Haus, eigenem Tennisplatz und eine Party. Junge Menschen die aufeinander treffen. Eine Zeit der Jugend in der Kleinigkeiten große Bedeutungen erlangen können.

Die sterbende Rose, 1953 (das Todesjahr ihres ersten Mannes)

Mit 38 Seiten die längste der Geschichten, und auch die eindringlichste. Das Eigentliche ist das was neben der Haupthandlung einher geht. Sehr schön gemacht finde ich. Vordergründig sucht eine junge Frau ein Ersatzhausmädchen, weil Ihres im Urlaub ist. Die empfohlene Dame ist alt und putzt auf eine sehr eigentümliche Art. Die beiden kommen sich näher. Und Ihre Männer lernen sich auch gleich am ersten Abend kennen. Am Ende gibt es 2 Tote und im Lauf der Geschichte zeigt sich immer mehr das dieses was wir sehen nicht immer die Wahrheit ist und alles eine Geschichte hat. Die wirkliche Hauptperson ist das alte Dienstmädchen, Mrs. Tevis. Man könnte wohl einen ganzen Aufsatz über diese 38 Seiten schreiben, aber ich möchte dem Lesenden hier nichts vorweg nehmen oder gar in eine Richtung lenken.

Todesglocken, 1956

Nicht nur die Überschriften werden dramatischer, sondern auch der Inhalt. Es handelt sich um einen Traum, aus welchem das Erwachen nicht einfacher ist, weil die Realität nicht wirklich schöner scheint. Hier würde sich viel deuten lassen, denn es bleibt viel ungesagt und es handelt sich die ganze Geschichte lang um Andeutungen zwischen denen vielen Raum bleibt für eigene Ideen. Nicht meine Lieblingsgeschichte aber interessant gemacht, wie ich finde.

Nehmen Sie eine Kutsche, Madam, 1935

Zwei Frauen, eine alte, die kaum noch die Treppen hinauf kommt und eine junge Dir Ihr hilft und damit mitten in das Leben der alten Dame stolpert. Eine Schneiderin und Designerin aus dem vorigen Jahrhundert. Die Figur und das ganze Muster der Geschichte erinnern mich sehr an Mrs. Tevis aus „Die sterbende Rose“ bzw. andersrum – das Muster taucht später wieder auf.

***

Die Autorin wurde so bekannt mit Ihren Geschichten das Sie später das Schreibhandwerk am College unterrichtete, mit viel Herzblut und Einsatz (beneidenswert). Für mich ist Sie eine echte Feministin und auch Ihre Geschichten, die von doch recht emanzipierten Frauen sprechen – wenn wir die Jahre des Entstehens im Auge behalten. Und auch Sie selbst und Ihr Leben – Sie zog 3 Kinder sozusagen alleine, in einfachsten Verhältnissen, auf und schrieb nebenher ihren ersten Roman. Und Sie blieb über viele Jahre dabei und schrieb weiter und lehrte. Was Ihr eben dieser erste Roman auch ermöglichte.

Besonders hervorgestochen sind mir diese beiden alten Frauen, die eine eigene Art hatten, die beide einmal jemand besonderes waren… künstlerisch tätig mit Talent. Die eine verarmt, und die andere nicht nur das sondern auch noch fern von sich selbst. Vielleicht 2 Figuren die gerade uns Frauen mahnen auch an uns und die Zukunft zu denken? Das ist ja heute im Grunde genommen immer noch ein Thema vor allem als Alleinstehende oder auch als Mutter.
Ein weiteres mir auffälliges Thema ist der Bezug der Frauen zu den Männern, Ehemännern, Freunden, Geliebten. Aber ich will nicht zu viel erzählen, ihr sollt es ja selber lesen. Wirklich interessante Autorin mit, wie ich finde, ausgefeilter Erzähltechnik und guten Figuren.

Was mich generell noch sehr interessieren würde, vorallem mit Blick auf Ihre andere Bücher, ist wie Sie zum Thema des Nationalsozialismus kam und auch das Thema Glauben/Kirche spielt da eine Rolle. Habe dazu leider nichts gefunden bei meiner kleinen Recherche. – > siehe Kommentare oder das englische Wikipedia.

dscn5457Kathrine Kressmann Taylor

So träumen die Frauen

Erzählungen, 18,00 €

Hoffmann und Campe

***

Zum Fotograf des Titelbildes Harry Gruyaert – ich mußte einfach kurz recherchieren, da mir die Fotografie der beiden jungen Frauen sehr besonders erschien. Harry Gruyaert ist 1941 in Belgien geboren, und war als Fotograf eher in Europa, Indien und Afrika unterwegs. U.a. von daher erscheint mir das Foto nicht wirklich passend weil es einfach anderes erwarten läßt. In den 50iger Jahren waren sicher auch keine Anoraks mit Reißverschlüssen oder Hosen üblich, wie man sie auf dem Foto erkennt. Und es findet sich auch in den Geschichten nichts was den Kreis zum Foto schließt. Schön ist es trotzdem.

Zu Vivian Maier, die in Amerika lebte und dort vorallem auf den Straßen fotografierte (es gibt sehr viele Fotos aus den 50igern) kann ich Euch Ihre Seite empfehlen: vivianmaier.com)

Ps.: Möchte noch einen Querverweis geben. So wie Kathrine Kressmann Taylor gelebt hat, davon erzählt Siri Hustvedt – also dem Thema „Literatur unterrichten“ – in „Der Sommer ohne Männer„. Ich glaube die beiden Bücher passen ganz gut zusammen.

 

 

 

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8 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Trackback: Katherine Kressmann Taylor – So träumen die Frauen – LiteraturReich
  2. literaturreich
    Jul 25, 2017 @ 13:39:02

    Hallo noch mal! Ich habe heute meine Rezension verfasst und möchte die Fotos von Vivian Maier zur Illustration verwenden. Danke für den Hinweis (ich werde dich als Inspirationsquelle natürlich erwähnen 😉 ). Der Artikel wird allerdings erst in einigen Tagen erscheinen. Viele Grüße!

    Antwort

  3. literaturreich
    Jul 24, 2017 @ 15:44:09

    Ich habe das Buch gerade gelesen und ich stimme dir in allem zu. „Die sterbende Rose“ ist tatsächlich ein Glanzstück, sehr berührend. Und das Foto hat mich auch gleich gestört, zu modern, kein Bezug, und auch der Reißverschluss ist mir negativ aufgefallen 😉 Aber ansonsten ein wunderschönes kleines Bändchen. Viele Grüße!

    Antwort

    • madameflamusse
      Jul 24, 2017 @ 15:49:27

      Ach wie wunderbar! Ja wirklich ein sehr gutes Buch und eine wirklich interessante Schriftstellerin. Ich habe jetzt noch den Briefroman hier liegen, den werd ich mir gleich mal zu meinem Leseplätzchen legen 🙂 Danke fürs Vorbeischauen!

      Antwort

  4. gkazakou
    Sep 12, 2016 @ 07:44:37

    Liebe Mme Flamusse, ich habe, angeregt durch deine Besprechung, im englisch-sprachigen Wiki nachgelesen. Da stehen ein paar sehr interessante Informationen zum Buch „Adressat unbekannt“ und seiner Autorin. Die Erzählung geht zurück auf eine tatsächliche Episode: amerikanische Austauschstudenten in Berlin schrieben 1934 an ihre Studienfreunde in den US, was wirklich in Deutschland los war, denn in Amerika glaubte man die Geschichten nicht, die man so hörte. Daraufhin machten sich die Studenten in US einen Scherz damit, ihren Freunden in Deutschland Briefe mit Beschimpfungen Hitlers zu schicken. Die antworteten entsetzt, sie sollten den Quatsch lasse, sie kämen in Lebensgefahr. „Briefe als Mordwaffe“ – die Idee wurde von Kathrin Kressman aufgegriffen. Ihr Mann namens Taylor, meinte, das Manuskript sei zu „stark“ für eine Frau, daher wurde es unter dem Namen Kressman-Taylor, ohne Vornamen, veröffentlicht. Es war in den US erfolgreich, wurde auch in Belgien verlegt (die Auflage wurde später von den deutschen Besatzern beschlagnahmt) und in Moskau, in Deutschland war es verboten.
    Die Autorin war nicht so arm und allein, wie du andeutest. Sie war zweimal verheiratet und zweimal verwitwet, lebte abwechselnd in den Staaten und in Florenz. 1985 im Rahmen der Gedenkfeiern um die Befreiung der KZs wurde ihr Buch wieder entdeckt und in 20 Sprachen übersetzt. Das erlebte sie noch, denn sie wurde sehr alt.
    Dieser Ausflug ins Leben einer mir bis dahin unbekannten Autorin war für mich sehr interessant, ich hoffe, auch für andere Leser. Das Buch „Adressat unbekannt“ hat einen großartigen Plot und ist sicher auch heute noch sehr lesenswert. Ich denke dabei an all die Menschen, die aus Diktaturen geflohen sind und mit den Daheimgebliebenen einen Briefkontakt aufrechterhalten …

    Antwort

    • madameflamusse
      Sep 12, 2016 @ 07:54:46

      Ja, da fragt ich mich warum das nicht im deutschen Wiki steht, könnte man ja gleich mal so übernehmen.
      Am Anfang war Sie schon arm und lebte auf einer Farm, ohne fließen Wasser und kümmerte sich um ihre 3 Kinder, der Mann arbeitete in der Stadt und kam nur am Wochenende nebenbei schaffte Sie es eben Ihr erstes Buch zu schreiben, was in den USA so bekannt wurde das es Ihr von da an besser ging. Und genau es wurde erst viele Jahre später dann auch in anderen Sprache herausgegeben, was ja auf den Inhalt bezogen irgendwie auch logisch ist. 😉 Danke für die Ausführungen und Zusatzinformationen, is doch immer schön den Hintergrund zu kennen.

      Antwort

    • madameflamusse
      Sep 12, 2016 @ 07:59:05

      Ps.: die zweite Ehe kam erst später in den 60iger/70iger Jahren, 7 Jahre – bis der Ehemann starb, und das schlimme Sie hat während dieser ganzen Zeit nichts geschrieben.

      Antwort

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