Textprojekt Körper: Bikinifigur

Von der Bikinifigur* bin ich weit entfernt. Darum kaufe ich mir keine Bikinis und ziehe auch keine mehr an. Ich fahre mit dem Rad zum See, in den FKK-Bereich und schwimme nackt. Das spart auch die Frage, ob ich nach dem Schwimmen den nassen Bikini ausziehe und einen trockenen an. In der Badetasche ist auf diese Weise mehr Platz für ein Buch.

Wenn ich an anderen Seen die jungen Frauen in ihren Bikinifiguren, mit der feuchten Badebekleidung und dem Handtuch, dass sie um sich geschlungen haben, um ihren Körper vor den Blicken anderer zu verstecken, ringen sehe, denke ich: „Da haben sie nun den begehrten, angestrebten, jugendlich, elastisch, schlanken Körper und ziehen sich doch so schamvoll um, damit ihn niemand sieht. Dann breite ich mein Laken aus, lasse ein Teil nach dem anderen darauf fallen, allen, die mich dabei beobachten, mute ich meinen Körperanblick zu: Schaut, so sieht ein Körper auch aus! Und so sieht deiner, ihrer, seiner, so der einer 80-Jährigen da drüben, so unterschiedlich! Und alle Körper schwimmen in dem See.

Ich denke an eine Freundin, die als Jugendliche im Schwimmkader war, immer gut und gerne geschwommen ist. Sie wohnt in der Nachbarschaft eines wunderschönen Badesees und geht seit Jahren nicht schwimmen, weil sie ihr Kleid nicht ausziehen mag. Sie schämt sich ihrer gedellten und vernarbten Oberschenkeln. – Einer Spur ihrer Geschichte. Eine Folge eines Motorradunfalls vor vielen Jahren. Spuren von gelebten Leben. Wie auch an meinem Körper: die Narben der Entbindung meiner Kinder. Sie haben Gewebe unter der Haut wuchern lassen und damit Faltungen und Ausstülpungen unterm Bauch über dem Venushügel gebildet. Die ließen sich unter Kleidung verstecken. Aber ich gehe mit ihnen schwimmen, ob sie nun jemand sieht oder nicht sieht. Ich sehe sie ja täglich vor dem Spiegel, werde sie immer sehen und spüren. Warum soll ich der Welt vorenthalten, dass ich verletzt wurde, dass ich Narben habe? Mein Körper zeigt sie. Während meine Seele sie versteckt. Heilen können beide nur durch Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit vom mir und von anderen.
©Schreibwolf


* Bikinifigur und Strandkörper sind Bezeichnungen für Schönheitsideale, die vorwiegend in Lifestyle- und Fitness-Magazinen,    Frauenzeitschriften und Boulevardzeitungen in Artikeln über Fitnesstraining und Diäten zur Gewichtsreduktion verwendet wird. (wikipaedia.org)

*** Bikinifigur = Ein Körper mit einem Bikini bekleidet. (meine Definition)

von: Der Schreibwolf: https://derschreibwolf.wordpress.com


Ich muss sagen, ich finde mich echt in jedem Text irgendwo wieder, und das ist so großartig. Wie geht es dir damit?

Es besteht die Möglichkeit mit deinem eigenen Text dabei zu sein. Meld dich gern bei Interesse.
Es geht darum Erfahrungen und Befinden von Frauen zu sammeln. Deine Stimme ist gefragt, sie wird gebraucht! Texte von Frauen für Frauen. Mehr Infos hier ->

Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. Der Schreibwolf
    Jun 30, 2022 @ 15:41:32

    Hat dies auf Der Schreibwolf rebloggt und kommentierte:
    Madame Flamusse hat meinen Beitrag zur Blog-Parade auf ihrem Blog „Reingelesen“ veröffentlicht.

    Antworten

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